Sonntag, 2. Oktober 2016

Samstagsausflug zum Icla-Canyon

Vergangenen Samstag war der 'dia internacional del turismo' (internationaler Tourismus-Tag) und deshalb wurde von einer Reiseagentur in Sucre ein Ausflug organisiert zum Icla-Tal in der Provincia Zudañez, wo die gleichamige Ortschaft Icla liegt und wo man verschiedene Aktivitäten wie Wandern, Klettern, Wildwasserrafting etc. machen kann. Wegen des „Feiertages“ des Tourismus war dieser Ausflug, bis auf das Busticket, kostenlos und deshalb haben wir sofort zugeschlagen und uns angemeldet.
Nebenbei: scheinbar werden hier in Bolivien ständig alle möglichen verschiedenen nationalen und internationalen Tage zu Ehren von allem Ehrdenklichen (vom Tag des Arztes über den Gründungstag des Departments Chuquisaca, vom Tag der offenen Museen bis zum Frauentag) wahrgenommen, was bedeutet, dass das Datum nicht einfach nur farbig im Kalender markiert ist, sondern, dass es meistens eine Aktivität oder eine Festlichkeit gibt, die mit diesem Feiertag in Zusammenhang steht. Und in den allermeisten Fällen bedeutet das auch, dass einfach überall getanzt wird oder es auf den Straßen Musik gibt, was mir sehr gefällt.
Jedenfalls an diesem internationalen Tag des Tourismus mussten wir morgens im Dunkeln um 5.30 Uhr mit Wanderschuhen, Schwimmsachen und schweren Augenlidern los, um den Bus zu bekommen, der zu einer solch unchristlich frühen Morgenstunde die Stadt verlassen würde, denn Icla liegt eine ca. dreistündige Busfahrt entfernt von Sucre. Leider gewitterte es an diesem Morgen furchtbar, inklusive monsunartiger Regengüsse, weshalb wir uns wasserdicht einpackten und frösteln zur Bushaltestelle losstiefelten, hoffend, dass der Regen aufhören würde.
Ganz gemäß der „Hora Boliviana“ (ein Ausdruck, der das etwas andere Zeitgefühl hier zum Ausdruck bringt, was bedeutet, dass eigentlich nie irgendeine Veranstaltung in unserem europäischen Pünktlichkeitsempfinden stattfindet) fuhr der Bus dann aber doch nicht so furchtbar zeitig ab, sondern alles verschob sich gut zwei Stunden nach hinten. Dafür lichtete sich aber die dicke Wolkendecke und unsere Hoffnung auf einen warmen sonnigen Tag flammte wieder auf.
Die Fahrt war ziemlich abenteuerlich, denn als wir die letzte richtige Stadt Tarabuco hinter uns gelassen hatten, führte nur noch eine anderthalb Autos breite staubige und huckelige Sandpiste in mäanderähnlichen Serpentinen mit 18 Grad Kurven an den Felshängen entlang und wir schlängelten uns eng an den Bergen scheinbar in die Wildnis hinein. Ab und zu gab es eine handvoll Häuser oder uns kam ein ebenso klappriger Minibus entgegen, wie der, in dem wir durchgeschüttelt wurden. Irgendwann am Vormittag erreichten wir dann die kleine Ortschaft Icla, die sogar einen kleinen Marktplatz und eine Markthalle hatte. Dort kletterten wir aus dem Bus und wurden von ein paar Guides empfangen, die für die Tourismusagentur des Icla-Parques arbeiten.
Normalerweise mag ich solche organisierten Touren nicht besonders, aber diese Aktion stellte sich als wirklich abenteuerlich heraus und außerdem waren wir 5 Freiwilligen aus England, Österreich und Deutschland scheinbar die einzigen „Nicht-Bolivianer“ - hauptsächlich Menschen aus dem eigenen Land wollten sich diesen Canyon in Icla anschauen.
Wir stiefelten los, raus aus dem Kreis der Häuser und mitten hinein in ein weitgehend ausgetrocknetes Flussbett. Ich dachte erst, der Guide hätte nur gescherzt, als er uns gesagt hatte, dass wir bitte alle Wertsachen im Bus lassen sollten, weil wir bis zur Brust ins Wasser müssten, aber weit gefehlt – wir kletterten durch das Flussbett und nach und nach kam mehr Wasser dazu. Wir wateten hindurch, sprangen von Stein zu Stein, doch an einigen Stellen war es schlichtweg nicht möglich trocken zu bleiben. Doch als meine Wanderschuhe und meine Shorts einmal vollkommen durchnässt waren, machte mir das Wasser auch nichts mehr aus.
Es gab kleinere und größere Stufen/Miniwasserfälle des Rio Icla, an denen wir teilweise in ein Becken mit eineinhalb Meter tiefen Wasser springen mussten, teilweise auf dem Po eine Art natürliche Wasserrutsche hinuntersausten. Teilweise war das eine ganz schöne Überwindung! Aber die Guides aus Icla griffen den Ängstlicheren immer unter die Arme und sogar ein kleines Mädchen von vielleicht 10 Jahren, das nach ihrer Mutter rief, traute sich, durch eine besonderns tiefe, kälte Stelle zu schwimmen. Wir kletterten die Felsen entlang und ich freute mich wie ein kleines Kind an Weihnachten, andere Wege über die Steine zu finden, die manchmal nur eine Armlänge breiten Steingassen entlangzukraxeln, es war wie ein riesiger Abenteuerspielplatz!

Der Canyon, den wir entlanggewandert, durchwatet und -geschwommen sind - allerdings nicht oben,
wo die wasserscheuen Menschen im Bild langlaufen, sondern ein paar Meter tiefer, unten im Wasser!
Auch die Gruppe, mit der wir unterwegs waren, hatte total Spaß und auch erwachsenen Leute ließen sich jauchzend von den Steinvorsprüngen ins Wasser platschen, wir hatten wirklich Spaß.
Leider waren meine globigen Wanderschuhe so mit Wasser vollgesogen, dass es sich anfühlte, wie mit Betonschuhen zu laufen und zu waten, aber als die Sonne sich endlich durch die vielen Wolken gekämpft hatte, war es wirklich warm und das Laufen viel gleich leichter.
Nach knapp zwei Stunden Fußmarsch und Gekletter wurde der Flusslauf hinter eine besonders engen Biegung wieder breiter und wir kletterten über trockene Felsen zurück eine Böschung hinauf, hinter der wir wieder die Ortschaft erreichten.

Nach einer ausgedehnten Mittagspause, in der wir uns noch mit Lollis und Keksen für die Rückfahrt versorgten, fuhren wir ein kleines Stückchen außerhalb von Icla zu einem anderen Fluss, der aber richtig mit Wasser gefüllt war. Dieser Fluss lag mitten in einer Ebene, die von kilometerhohen Felswänden und Berghängen umgeben war und um den Fluss herum gab es relativ viele saftig grüne Bäume und einen unglaublichen Blick auf die Natur herum im warmen Licht der Nachtmittagssonne.
Wir schleppten große schwarze aufblasbare Reifen zum Fluss (dieselben, die man von den Wasserrutschen im Hallenbad kennt) und dann konnten wir uns auf den Reifen im Fluss treiben lassen, die kleinen Ministromschnellen ließen meinen Reifen hüpfen und ich kreiselte flussabwärts mit nur begrenzter Kontrolle über die Richtung – das Ganze nennt sich Tubing. Da der Fluss aber nicht besondern aggressive und aufwühlende Stromschnelle aufwies, war das eher ein entspanntes Vor-sich-hin-treiben, wobei man die Umgebung genießen konnte.

Das bin ich, in einem Reifen auf dem Flüsschen kreiselnd


Zusammen mit Stephanie, Oscar, Bernadette, Jelena und Josh (v.l.n.r.) - unsere aktive Freiwilligengruppe durchnässt und ein bisschen bibbernd an einem Nebenfluss des Flusssystems Rio de la Plata
Als die Sonne weg war, wurde es auch schnell kalt, und dadurch, dass unsere Schuhe immer noch vor Wasser trieften, waren wir froh, als wir uns im Bus unsere (halbwegs) trockenen Wechselklamotten überziehen konnten und dann die Rückreise antraten.

Anmerkung zur Busfahrt: wenn man einen schwachen Magen hat und schon in Deutschland längere Überlandbusfahrten nur mit einer Familienpackung Reisetabletten übersteht, für den wären diese Busfahrten durchs bolivianische Land vermutlich die Hölle. Es holpert und vibriert die ganze Zeit, man wird hin- und hergeschüttelt, halb auf den Schoß seines Nebenmannes geworfen und von Dämpfung haben diese Busse auch noch nie etwas gehört. Für all die Schlaglöcher und ruckartigen Bremsungen entschädigt aber fast immer die Landschaft, durch die man fährt. Atemberaubende Gebirgszüge, oftmals senkrecht abfallende Hänge direkt neben der „Straße“, Schafherden oder wilde Kühe, die den Bus anmuhen oder quer über die Straße rennen. Nur nach den hier so verbreiteten Alpakas habe ich bis jetzt vergebens Ausschau gehalten...

Als Josh und ich abends ziemlich durchgefroren und müde zuhause ankamen, zog es uns direkt unter die heiße Dusche und danach zwängte uns unsere Gastmutter noch einen heißen Zitronentee auf, weil sie uns vor der nächsten Erkältung bewahren wollte.

Insgesamt war es leider eine ziemlich lange Busfahrt, dafür, dass wir gar nicht so viel Zeit in Icla verbracht haben, aber für diese Canyon-Schwimm-und-Kletter-Wanderung in dieser verlassenen Felslandschaft hat sich die abenteuerliche Fahrt wirklich gelohnt.