Mittwoch, 30. August 2017

DIe letzten Tage in Bolivien und Rückkehr nachhause

Am Mittwoch, bevor unser Flieger ging, wurde es für uns nun wirklich ernst – der Abschied von unserer Gastfamilie, von Sucre, von unseren Freunden dort und von der vertrauten Umgebung, ein Ort, der für uns während dieser Zeit hier zu einer Art zweiten Heimat geworden ist. Ich möchte gar nicht so ausführlich berichten, wie uns unsere Gastfamilie zum Busterminal gebracht hat und wie wir uns alle in den Armen lagen, denn Abschiede sind immer doof. Aber dieses „Chao“ war definitiv kein „Tschüss für immer“ sondern ein „Auf Wiedersehen, hoffentlich sehr bald!“.
 
In La Paz haben wir drei Mädels aus Deutschland, wie wir denselben Flug hatten, noch einen letzten Tag gemeinsam mit Josh und Emma (meinem britischen Gastbruder und seiner Freundin verbracht) – wir waren im Harry-Potter-Cafe 'Avada Kedavra – Cafe Tenebroso' und haben bei Felix felicis, Butterbier und „pastel oscuroso“ (=seeehr dunklen Hogwarts-Schokoladenkuchen) ziemlich lange gequatscht und die letzten Stunden miteinander genossen. Es war ein sehr entspannter und schöner Tag und wir hoffen alle, dass wir uns recht bald gegenseitig besuchen können, denn einige Dinge wie zum Beispiel ein echtes English Breakfast bei den beiden zuhause in Liverpool steht für uns noch aus.

Am nächsten Morgen ziemlich früh brachen Jelena, Sophia und ich zu einer, wie wir es genannt haben, „Fahrradtour“ auf. Wir hatten uns für einen Trip angemeldet mit dem Mountainbike die sogenannte Death Road entlang, die Todesstraße, La ruta de la muerte. Das ist eine der bekanntesten Dinge, die man als Tourist in Bolivien machen kann, und wir haben gedacht, ganz zum Schluss können wir auch nochmal etwas touristisches erleben, denn die Death Road ist mehr oder weniger ein Muss, wenn man schonmal in La Paz ist. Auf jeden Fall galt sie lange als gefährlichste Straße der Welt, denn früher, als es noch starken LKW-Verkehr in beide Richtungen gab, sind recht regelmäßig Lastwagen und andere Fahrzeuge in den Abgrund gestürzt, denn oftmals ist der Schotter- und Steinweg nur drei Meter breit und an der tiefsten Stelle geht es 400 Meter senkrecht in die Tiefe. Heutzutage gibt es allerdings eine neugebaute und viel sicherere Umfahrung für den normalen Verkehr und die eigentliche Death Road fahren nur noch Leute auf Fahrrädern sowie die Begleitminibusse mit dem Gepäck.

Wir drei hatten schon ziemlichen Respekt vor der Aktion, weil eben doch ab und zu auch Unfälle mit Fahrradfahrern passieren und man an einigen Stellen wohl wirklich aufpassen muss, nicht zu nah an die Kante zu fahren.
Morgens gegen 9 klettern wir also nach einem guten Frühstück in den Minibus und fuhren ca. eine Stunde hinauf auf den Cumbre-Pass, den Startpunkt der Route auf ca. 4700 m, wo ein eiskalter Wind weht und der Schnee auf den umliegenden Berge zum Greifen nahe scheint.
Dort auf diesem weiten Hochplateau bekommen wir unsere Ausrüstung, Mountainbikes und natürlich Schutzkleidung mit Protektoren, Helm, Hose, Jacke, Handschuhe und eine Warnweste. Kurzes Üben, danach geht es auch schon los. Hier oben beginnt noch nicht wirklich die Death Road, sondern wir fahren ersteinmal ca. eine halbe Stunde eine gut asphaltierte Straße hinunter, wahrscheinlich zum Üben und um sich mit dem Rad vertraut zu machen.









Danach ein kurzes Stück im Bus bis zum eigentlichen Startpunkt der Death Road – Schotterpiste und ein bisschen wärmer ist es auch schon, saftig-grüner Wald zur rechten Seite der Route, steiler, viele Meter tiefer Abgrund linken Seite.

Vor allem am Anfang ist der Weg noch total gut befahrbar, man muss natürlich aufpassen, aber es fährt sich wirklich gut. Je weiter wir hinunter kommen, desto wärmer wird es. Alle 10-15 Minuten ändert sich die Vegetation um uns herum, es ist wirklich faszinierend. Die sogenannte Palme des Hochlandes wird abgelöst von der tropischen Palme und wir merken stark die Klimazonenunterschiede – Schicht um Schicht entledigen wir uns der dicken Klamotten von den Minusgraden oben auf dem Cumbre-Pass.









Zum Glück sind wir in der Trockenzeit hier, denke ich bei einer besonders kurvigen Abfahrt, wo von rechts ein kleiner Fluss kommt, den wir mit dem Fahrrad durchqueren müssen, und wo ab und zu Wasser in dünnen fädigen Vorhängen von oben herabtröpfelt. Wie mag dieser Weg wohl in den Regenmonaten aussehen? Vollkommen überschwemmt? Außerdem haben wir auch großes Glück, den das Wetter hier in den Yungas kann sehr schnell umschlagen, offenbar hatte es am Morgen noch geregnet, denn alles war voller Pfützen, doch wir kommen glücklicherweise trocken (zumindest vom Regen verschont) unten am Zielpunkt Yolosa an, auf nur 1200 Metern und bei tropisch-feuchter Hitze. Nach einer allerletzten, supersteilen breiteren Abfahrt, die man so richtig mit Vollgas hinuntersausen konnte, sind wir angekommen, wohlhalten und unfallfrei am Ziel - Geschafft!









Von Yolosa aus nehmen wir einen Minibus ins benachbarte Städtchen Coroico, ein bisschen weiter oben im Hang gelegen. Dort verbringen wir drei die Nacht und den nächsten Tag, gehen spazieren, gucken einen Tanzumzug an, weil schon wieder irgendetwas gefeiert wird (typisch Bolivianer :) ) und hängen mehr oder weniger die meiste Zeit über einfach rum. Die Luft ist so ein bisschen raus jetzt während der letzten Tage. Wir können alles nochmal sehr intensiv genießen, aber seltsamerweise sind wir überhaupt nicht mehr so verrückt danach, jeden Winkel an einem neuen Ort zu erkunden und bis zum Anschlag um die Häuser zu ziehen. Vielleicht ist dieser entspannte, allmähliche Ausklang aber auch ganz gut um sich schonmal langsam mit dem Gedanken anzufreunden, dass es jetzt wirklich erstmal wieder nachhause geht.






Zurück in La Paz haben wir noch eine richtige Nacht im Hostel, verbringen dann den Sonntag weitgehend mit Fertigpacken des Aufgabegepäcks für den Flug, Herumlaufen, Eis essen und ganz viel Teleferico fahren (dieses riesige Seilbahnliniensystem, das verschiedene Stadtteile miteinander verbindet) - nochmal diese beeindruckende Stadt mitten in den Anden aus der Vogelperspektive aus betrachten.

Letzte Blicke auf den Illimani



Von Sonntag zu Montag bleiben wir am Flughafen, doch Schlaf findet niemand von uns und schließlich ist es eine Erlösung, um halb vier Uhr morgens das große Gepäck einzuchecken.
Nach diesen letzten Tagen in La Paz haben wir uns wirklich in Ruhe von Bolivien verabschieden können und der Abflug ist überhaupt nicht schlimm. Viel bewegender und schwieriger war es, aus Sucre fortzugehen, denn das ist unser zweites Zuhause geworden. Hier in La Paz haben wir uns schon wie in einer Art Zwischenebene gefühlt, noch nicht richtig weg aus Bolivien, aber irgendwie auch nicht mehr so richtig da. Sogesehen war der "Vorlauf", die vier "Gewöhnungstage" auf die Abreise hin wirklich gut.

Nun bin ich schon eine reichliche Woche wieder zuhause, es hat sich viel getan und ich habe quasi 24/7 den Kopf voll. Viel Zeit zum langsamen Ankommen blieb da nicht, es war eher sehr abrupt, doch dazu schreibe ich noch einen kleinen Blogeintrag in ein paar Tagen, wenn ein bisschen mehr Zeit ist und wir vielleicht etwas mehr zur Ruhe gekommen sind. Sozusagen ein Cliffhanger.

Bis dahin, liebe Grüße von Patricia

Montag, 14. August 2017

Meine persönliche Zielgerade hier in Sucre - Der Abschied rückt näher

Klar gibt es eine Unmenge Weisheiten und Redewendungen bezüglich Abschied, wie zum Beispiel „Man soll nicht weinen, weil etwas zuende geht, sondern lachen, weil etwas Neues beginnt.“. Doch diese Dinge helfen herzlich wenig, finde ich, wenn es wirklich nach so langer Zeit heißt, Auf Wiedersehen fürs erste. 
Obwohl 'eine lange Zeit' auch relativ zu betrachten ist, denn ein Jahr ist zwar scheinbar lang, doch geht es am Ende doch so viel schneller vorbei als man vorher gedacht hat. Ein Jahr, in dem ich mir hier ein komplett neues kleines Leben aufgebaut habt, die enge Bindung mit der Gastfamilie, meinen Mitfreiwilligen aus Sucre, die definitiv alle zu sehr engen Freunden geworden sind, sowie die vielen anderen engen und weiteren Bekanntschaften aus Sucre, Bolivien, Südamerika und der Welt. Letztes Jahr um diese Zeit hätte ich nie gedacht, dass ich hier wirklich eine Art zweites Zuhause finde, aber genau das ist es geworden, was ich vor allem an den lieben Menschen hier merke, die mir so schnell so fest ans Herz gewachsen sind, aber auch die Stadt selbst, wenn ich die Straßen entlang laufe, die ich gefühlt schon eine Million mal abgelaufen bin, scheinbar jede Ecke im Schlaf kenne und trotzdem jeden Tag ein neues kleines Detail entdecke, ein neues Straßenschild, die blühende Kletterpflanze an der Kirchenwand, ein besonders abenteuerlich jonglierender Straßenkünstler, ein alter saxophonspielender Mann auf dem Fußweg, einfach eine Gasse, die ich bisher noch nie in die andere Richtung genommen habe oder eine neue Pralinenkreation der Schokoladenmarke ParaTi. Mein Sucre, ich werde dich so vermissen.

Dies wird höchstwahrscheinlich der letzte Blogeintrag, den ich von bolivianischem Boden aus schreibe. Heute morgen ist mir schlagartig klar geworden, wie unglaublich wenig Zeit uns eigentlich noch bleibt. Eine Woche, nicht mehr und nicht weniger, hier in Bolivien. Drei Tage in Sucre. Übermorgen, am Mittwochabend fahren wir (mein Gastbruder Josh und seine Freundin Emma sowie Sophia, Jelena und ich) nach La Paz, von wo aus der Flug nachhause geht. Wie seltsam sich das anfühlt, jetzt wirklich fürs Erste endgültig Sucre zu verlassen.

Während der letzten Wochen waren wir schon ziemlich beschäftigt mit Abschiedsaktivitäten im Projekt und in der Gastfamilie. Jelena und ich haben insgesamt über fünf Stunden lang Schokoladenkekse gebacken für die Kinder im Barrio Bolivia und in der Villa Margerita, am Mittwoch dann gab es eine Despedida (also eine Abschiedsfeierlichkeit) im Barrio mit den älteren Kindern, die für uns getanzt und sich sehr über die Kekse gefreut haben. Sie hatten kleine Karten selbstgebastelt, die sie uns als Andenken überreicht haben, das war unglaublich süß und da sind mir zum ersten Mal die Tränen gekommen – ich werde sie so vermissen.

Den Tag darauf waren wir im Kindergarten in der Villa Margerita, wo der Vormittag normal mit den Kindern verlief, bis darauf, dass es draußen auf der Straße eine Kirmes gab, so nennt man es hier, wenn sich Menschen oder gleich ganze Familien über den Tag draußen treffen und bei Musik und ganz vielen Gesprächen selbstgekochtes Essen sehr günstig aus in dicke Tücher eingewickelten Töpfen verkauft. Dort waren wir mit den Kindern und haben einige ihrer Mamas besucht, danach gab es Mittagessen im Kindergarten und – Überraschung – sie haben extra für uns Mädels vegetarisch gekocht, eine Gemüsecremesuppe mit Pommes Frites und ein Segundo aus ganz viel buntem Salat und einer Reispfanne mit Sojafleisch, wow!
Im Anschluss an das Mittagessen wurden den Kleinen hübsche Sachen angezogen, den Jungs sogar ein Hemd und eine Minikrawatte, und einige ältere Kinder aus dem Comedor ein Stockwerk tiefer zogen sich hübsche weite Kleider an und zeigten uns einen vorher einstudierten Tanz. Danach kamen unsere kleinen Schützlinge an die Reihe und tanzten mehr oder weniger nach der Musik und ganz bald mit uns zusammen im Kreis und in einer Bolognese. Es war wirklich total niedlich und wir drei haben uns sehr darüber gefreut.
Zum Abschluss haben uns die Erzieherinnen zusammen mit den Kleinen noch ein Abschiedsgeschenk überreicht – eine Dankeskarte mit farbigen Mini-Fingerabdrücken von unseren Kindergartenkindern, welche eine Blume formen, sowie ein selbstgebastelter Tausendfüßler aus Papier, jedes runde Körperteil mit einem aufgeklebten Foto jeden Kindes und dem Namen darunter. Eine wirklich extrem schöne Erinnerung.












Am Freitag, dem Tag darauf, sind Jelena und ich nocheinmal normal ins Barrio Bolivia gegangen, haben uns von einigen Kindern verabschiedet, die wir bisher noch nicht gesehen hatten. Am Abend dann gab es ein Abschiedsabendessen im Büro vom Sayari Warmi im Zentrum, mit den Frauen, die dort im Büro arbeiten, den beiden Direktorinnen, die wir schon seit Anfang an kennen und auch mit zwei Nonnen aus dem Konvent von nebenan, die ebenfalls viel mit den Kindern zusammen machen. Sie haben vegetarisch gekocht für uns und wir waren eine sehr (ver)traute Runde, schwatzend, lachend, Erinnerungen teilend. Zum Schluss wurden uns noch unsere Abschlusszertifikate übergeben, was sich so wirklich wie ein Abschluss angefühlt hat.

Am Samstag ging das Programm gleich weiter, denn am Samstagabend haben wir uns mit meiner Gastfamilie, den verbliebenen drei anderen Freiwilligen und Oscar bei uns getroffen und ein großes Lagerfeuer gemacht. Josh und ich hatte das Abschlussgeschenk für die Familie gebastelt – viele viele Fotos von uns allen zusammen, von gemeinsamen Aktivitäten und auch vom Haus, das sich im letzten Jahr und auch durch unsere tatkräftige Mithilfe so sehr verändert hat. All diese Fotos hatten wir mit Wäscheklammern an einem Seil befestigt und wunderschön an einem Draht (in sicherer Entfernung) neben dem Feuer befestigt, sodass sich jeder beim warmen Lagerfeuerlicht die Fotos näher anschauen konnte. Dann haben wir bis nach Mitternacht bei Tee und Kuchen, Stockbrot, Nudelsalat und einem Gläschen Wein am Feuer gesessen, erzählt und Gastmutter Vicenta wollte, dass jeder ein paar Worte sagt, was sehr lustig, aber vor allem sehr schön war.






Den Sonntag habe ich mehr oder weniger damit verbracht, den letzten Tag der Leichtathletik Weltmeisterschaft auf London zu livetickern und abends waren wir dann zu einem Abendessen bei der Gastfamilie von Sophia eingeladen. Auch sehr nett, nur in einer wirklich großen Runde, sodass wir uns, nachdem die papas rellenas und die Pasta aufgegessen waren, bei einem Gläschen Rotwein nur noch mit einigen wenigen Leuten auf die Dachterrasse verkrümelt haben – einmal noch von dort oben die blinkenden Lichter der Stadt betrachten.

Nun sind die „offiziellen Abschiedsveranstaltungen“ abgeschlossen, doch natürlich treffen wir uns noch bis Mittwoch mit den verschiedensten Menschen, was zeitlich gesehen ungeahnte Ausmaße einnimmt. Dann müssen noch einige Dinge organisiert werden, Klamotten gewaschen und zum Spenden zusammengepackt werden, allerletzte Mitbringsel besorgt und Flugtickets ausgedruckt und natürlich vor allem auch die Rucksäcke gepackt werden – letzteres wird sicherlich die wenigsten Zeit in Anspruch nehmen in Anbetracht des vollgestopften Programms.
Denn theoretisch ist das natürlich alles zu schaffen, aber ich möchte mich auch emotional sacht auf das „Auf Wiedersehen“ Sagen einstimmen und irgendwo noch ein bisschen Zeit für mich und auch für die Gastfamilie haben, was im Moment wirklich schwer fällt.

Manchmal überfällt es mich einfach so und ich denke, dass dies gerade wahrscheinlich das letzte Mal für eine ganze Weile sein wird, dass ich diese Straßenecke sehe oder von diesem Hügel herunterschaue. Das macht die letzten Tag in Sucre natürlich nicht unbedingt einfacher.
Aber ich glaube, wir werden es trotzdem schaffen, uns in Ruhe und einem weinenden, aber dafür mit einem umso größeren glücklich-strahlenden Auge aus Sucre und Bolivien verabschieden.
Denn dieser Abschied ist definitiv kein „Lebewohl“, sondern ein lautes und enthusiastisches „Auf Wiedersehen“!

Der nächste Blogeintrag, sozusagen der Epilog, wird sicherlich von deutschem Boden aus gesendet, unter anderem mit einem Nachtrag zu unseren letzten Tagen in La Paz, wo Sophia, Jelena und ich unter anderem noch die 'Death Road' mit dem Fahrrad bis nach Coroico fahren wollen und das Harry Potter Cafe 'Avada Kedavra – Cafe Tenebroso' besuchen werden, bevor es dann wirklich losgeht mit dem Flieger über Santa Cruz, Miami, London bis zum Ziel Berlin.

Bleibt also dran – und wir sehen uns ganz bald zurück in Deutschland!


Bolivia, te voy a extrañar muchisimo pero volveremos a vernos prontisimo!

Donnerstag, 10. August 2017

El ultimo viaje parte II

El ultimo viaje parte II

Nach fünf Tagen am bzw. im Lago Titicaca kehre ich dem See den Rücken und mache mich auf den Weg nach Arequipa, die „ciudad blanca“ von Peru, also die „Weiße Stadt“; ähnlich wie Sucre.
Morgens früh, es wird gerade erst hell, laufe ich in der Innenstadt von Arequipa herum und versuche ein Hostel zu finden. An mehreren Türen, an die ich klopfe, stellt sich aber heraus, dass es das Hostel gar nicht mehr gibt – mein bestimmt zehn Jahre alter Reiseführer macht es mir ein bisschen schwierig, denn die Informationen darin sind manchmal natürlich nicht mehr ganz aktuell...
Aber letztendlich finde ich ein sehr günstiges Hostel mit wunderschöner Dachterrasse und, laut dem Betreiber, „ab mittags warmem Wasser“ (was sich später als mehr oder weniger laukalt herausstellt, aber da es über den Tag sehr warm wird und die Sonne herunterbrennt, ist eine kalte Dusche auch in Ordnung).
Meinen ersten Tag in Arequipa verbringe ich größtenteils mit Herumlaufen und die Stadt erkunden. Ich finde Chaqchao – einen Schokoladenladen mit Cafe & Bar ganz in der Nähe, in dessen Manufaktur ausschließlich Schokolade aus organisch angebautem peruanischem Fairtrade-Kakao hergestellt wird. In dieser kleinen Schoko-Company kann man an einem Schokoladenworkshop teilnehmen, was ich direkt an diesem Vormittag mache. (Schaut unbedingt mal auf die Website : https://chaqchao.wordpress.com/ )

Tee aus den Schalen, die nach dem Rösten der Kakaobohnen anfallen,
sowie die weiße duftende Kakaobutter

Getrocknete Kakaobohnen, fertig zum Auslesen und Rösten



Fertig geröstet


Rein in die kleinen Pralinenförmchen mit den verschiedensten Füllungen....

....zum Beispiel Chili, Coca, Salz, Kaffeebohnen und Bananenchips.

Adrian, unser „Schokoladenprofessor“, erklärt uns auf sehr humorvolle, energetische Art und Weise ganz viele superinteressante Dinge über den Kakao und den Unterschied zwischen „richtiger“ und „Fake-Schokolade“. Hier nur einige wenige Eindrücke, die auch für mich neu waren:

  • Richtige Schokolade hat nur drei Zutaten: die Kakaobutter (das weiße Fett, was aus den Kakaobohnen gewonnen wird und unglaublich nach diesem Schokoladenaroma duftet), die Kakaomasse (eine dunkelbraune Masse, der zweite Inhaltsstoff der Kakaobohne) und Zucker. Dazu kommt noch Milchpulver, wenn man eine Milchschokolade möchte, aber letztendlich sind es nur diese drei Zutaten.
    Das bedeutet, dass in den superbilligen Schokoladen aus dem Supermarkt, deren Zutatenliste ellenlang ist und wo vor allem auch nicht angegeben ist, wie viel Prozent der Kakaomasse enthalten ist, sind meistens gepanscht, enthalten Vanillearoma oder andere Geschmacksverstärker, um zu verdecken, dass viel zu wenig Kakaomasse enthalten ist.
  • Weniger als 25 Prozent Kakaomasse ist in den allermeisten Fällen eine „Fake-Schoki“. (Ausnahme: weiße Schokolade, denn die enthält nur Kakaobutter, Zucker und Milchpulver)
    In den Schokoladen, wo die Inhaltsstoffe prozentetechnisch nicht klar ersichtlich sind, wurde meist die teure und hochwertige Kakaobutter, die das echte Kakaoarome bringt, durch billigeres Buttereinfett oder auch Palmöl ersetzt, wodurch natürlich kein richtiges Kakaoaroma zustande kommt und man Vanille oder andere Geschmacksverstärker zusetzen muss.
  • Zu Zeiten der Azteken war die Kakaobohne so wertvoll, dass sie als Zahlungsmittel kursierte. Gleichzeitig wurde ein Getränk aus Kakao erfunden, sozusagen die erste heiße Schokolade überhaupt, und es nannte sich Xocolatl. Zutaten: heißes Wasser mit gemahlenem Kakao, Chili und Honig oder einem anderen Süßungsmittel.

Nach dieser kleinen und sehr informativen Präsentation machen wir uns an die Arbeit: Kakaobohnen aussortieren und rösten. Kakaobohnen kosten – der Geschmack ist erst bitter, doch dann kommt das Säuerliche, was die fertige Schokolade (wenn sie ausreichend Kakao enthält) auch ein wenig säuerlich riechen lässt, das Aroma erinnert an Kirschen, was ich wirklich merke, als wir dann verschiedene Schokoladen verkosten und zuvor den Geruchstest machen, denn die Schokolade, die nur süß riecht, aber nicht nach Kakao, enthält meist auch kaum Kakao, sondern ausschließlich Zucker und Milchpulver.
Danach gehen wir ein Stockwerk tiefer in die kleine Schokoladenwerkstatt und dürfen unsere eigenen Schokoladenpralinen kreieren, mit den unterschiedlichsten Zutaten. (Quinoa, Coca, Chili, Kaffebohnen, Meersalz, Nüssen, Trockenfrüchten, Amaranth etc.) Die kleinen Schokoladchen kommen dann in den Kühlschrank, bis sie fest sind und wir sie mitnehmen dürfen.

Die fertigen Pralinen mit unterschiedlichen Füllungen





Mit all diesen neuen Infos im Hinterkopf werde ich sicher von jetzt an noch genauer meine Schokolade auswählen, obwohl ich sowieso fast ausschließlich dunkle Schokolade kaufe, wo der Kakaoanteil draufsteht, aber vor allem auch angesichts der Bedingungen auf den Kakaoplantagen ist es wirklich der eine Euro mehr wert, den man für eine Faitrade-Schokolade ausgibt, die zertifiziert organisch angebaut wurde.

Beim Schokoladenworkshop treffe ich zwei Schweizer und zusammen mit den beiden gehen wir im Anschluss auf den Markt, denn wir wollen unbedingt die berühmte süße Spezialität aus Arequipa kosten – queso helado (zu deutsch: gefrorener Käse). Dabei handelt es sich aber nicht wirklich um Käse, sondern um ein Eis aus Milch und Sahne, mit ganz viel Zucker und Zimt, die ultimative Bauchschmerzenbombe, aber wirklich sehr lecker, nur natürlich supersüß.
Am Nachmittag gehe ich knapp drei Stunden zu einer Free Walking Tour durch die Innenstadt und am Schluss am letzten Stopp, einer alten, traditionsreichen Bar, gibt es für alle einen Pisco Sour, DAS typisch peruanische Getränk. Es besteht zuallererst natürlich aus Pisco, dem klaren Nationalschnaps aus Peru (wobei es zwischen Chile und Peru den ständigen Streit gibt, wem denn nun der Pisco „gehört“), Zitronensaft, Zucker und Eiweiß. Klingt nach einer seltsamen Kombination, schmeckt aber erstaunlich lecker.

Den nächsten Tag verbringe ich größtenteils mit einem Besuch im Museum des Konventes Santa Catalina, ein riesiges altes Kloster, wie eine Stadt in der Stadt, in welchem die Nonnen früher, wenn sie einmal in das Konvent eingetreten waren, nie mehr herausgekommen sind. (Wenn ihr Lust habt, googelt das mal, es ist wirklich eine superinteressante Geschichte und viel zu viel Information, um es hier wiederzugeben!), außerdem mit Salteñas essen, zu einem Aussichtspunkt schlendern auf der anderen Seite des Flusses Chili, der die Stadt teilt, und dann bleibe ich noch eine ganze Weile auf dem zentralen Marktplatz hängen, denn aufgrund des morgigen Unabhängigkeitstages finden schon kleine Konzerte draußen statt und alles ist mit den rot-weißen Peruflaggen und Rosetten geschmückt.
Dann gehe ich aber zeitig wieder zurück ins Hostel, denn morgen früh zu einer unglaublich unchristlichen Zeit werde ich abgeholt zu einer Dreitageswanderung im Colcacanyon.

Morgens (oder nachts) um drei klingelt es an der Hosteltür und ich wanke schlaftrunken hinaus, hinein in den Bus, der uns erstmal ca. dreieinhalb Stunden ins Tal Colca bringt. Es ist superkalt draußen, und auch in dem kleinen Bus nicht viel wärmer, ein blutroter wunderschöner Sonnenaufgang draußen und gegen sechs am Morgen fahren wir über einen Pass auf 4970 m über dem Meeresspiegel, wo die Pfützen draußen mit einer dünnen, aber vollständig deckenden Eisschicht überzogen sind und das Gras gefroren ist.
Gegen 7 Uhr kommen wir in dem Ort Chivay im Colca-Tal an, zusammen mit 20 anderen Leuten gibt es Frühstück, doch Guide James und ich haben ein seperates Frühstück, denn die anderen aus dem Bus haben alle nur eine Ein- oder Zweitagestour. Brötli, wunderbar heißer Tee, frischgepresster Saft, Rührei und sogar ein Obstsalat! Ich bin begeistert. Dann eröffnet mir James, dass die anderen vier Teilnehmer unserer Wanderung aufgrund von Straßensperrungen (Erdbeben und Lehrerstreiks) nicht rechtzeitig nach Arequipa kommen konnten und wir deshalb nur zu zweit sein werden: James, als mein Guide, und ich. Na das kann ja etwas werden, drei Tage lang. Doch James ist auch erst 23, sehr redseelig und macht einen wirklich lieben, lustigen Eindruck.
Einen halbe Stunde weiter bis zum Aussichtspunkt „Cruz del Condor“, wo unglaublich viele Touristen an der Kante zum Canyon lauern, mit ihren Kameras im Anschlag und Selfies machen mit kreiselnden Condoren im Hintergrund. Sogesehen bin ich wirklich froh, dass James und ich gleich allein losziehen und auch noch eine Route nehmen, die kaum andere Gruppen wandern, was bedeutete, dass wir beinahe vollkommen diesem ziemlichen Massentourismus entfliehen.







Vom dem kleinen Dorf Cabanaconde geht es dann los. Wir folgen einem kleinen flachen Trampelpfad, viele viele Kakteen wachsen hier und es ist sehr trocken, so wie man sich immer Texas vorstellt, wo gleich eine Horde Cowboys durch den Staub geritten kommt.
Dann steigen wir hinunter in den Canyon, immer tiefer und tiefer die Böschung hinunter, zwischenzeitlich ist es wirklich sehr abschüssig mit dem Geröll. Wir sehen recht viele Condore unter uns kreisen und James erzählt mir, dass die Leute hier glauben, dass ein Condorpärchen, das sein Leben lang zusammenbleibt, auch zusammen in den Tod geht, denn wenn ein Partner stirbt, so die Geschichte, begehe der andere Partner Suizid und stürze sich hinunter in den Canyon.
Schließlich nach ca. 4 Stunden kommen wir ganz unten im Canyon an am Fluss Colca, den wir überqueren, noch ein Stückchen hinauflaufen und dann an unserem Ziel für den heutigen Tag ankommen – die Llahua-Lodge mit Bambushütten zum Schlafen und einer kleinen Terrasse, ebenfalls mit Bambusdach, mit Blick auf den Fluss hinunter.
Mittagessen: Quinoasuppe und Omlette mit Reis, ich entdecke sogar ein Happy-Hour-Schild, hier mitten im Nirgendwo in dem Canyon.
Am Nachmittag gehen wir einen steilen Schotterweg hinunter zu kleinen Schwimmbecken direkt neben dem eigentlichen Fluss, doch die Schwimmbecken werden durch Thermalquellen gespeist und sind total heiß – eine Wohltat für die doch recht angespannten Muskeln durch das lange Bergab-Gekletter.
Ich treffe zwei Mädchen aus den USA, die in Cusco studieren, und eine Familie aus Polen, die beide denselben Weg nehmen wie James und ich, nur ohne Wanderführer. In einer Gruppe mag das okay sein, aber ganz allein hätte ich es mich doch nicht getraut, denn oft weicht James vom eigentlichen Weg ab und wir nehmen einen noch unscheinbareren abkürzenden Trampelpfad, den ich allein und vor allem ohne existierenden Wanderkarte nie gefunden hätte.
Abendessen aus Reis und einem frittierten Gemüseteilchen und Quinoa mit Käse gekocht. Danach sitzen wir noch auf der Terrasse, quatschen, lesen, nutzen die Happy Hour aus. Dann geht es recht zeitig ins Bett, ich liege in meinem Bambushüttchen herum und höre den Wind, Mosquitogesumme und das laute Rauschen des Flusses unter uns, das Klima hier unten im Canyon ist fast tropisch, denn es ist ziemlich frisch geworden jetzt in der Nacht.










Am nächsten Morgen gibt es um halb sieben Frühstück auf der Terrasse mit frischlichem Blick runter auf den Colcafluss. Pancakes, Marmelade, Tee und Instantkaffee. Es ist wirklich erstaunlich kalt im Gegensatz zu der Mittagshitze gestern, denn die Sonne ist noch lange nicht hinter den Bergen aufgetaucht, hier unten im Canyon ist es noch feuchtfrisch.
In Stirnband und Schal eingepackt machen wir uns auf den Weg. Heute wandern wir wieder ein beachtliches Stück aus dem Canyon heraus, ca. eineinhalb Stunden einen supersteilen rutschigen Serpentinenpfad hinauf, durch die unterschiedlichsten Arten von Vegetation, James erklärt mir beinahe ununterbrochen die verschiedensten Pflanzen. Zum Beispiel:
  • drei verschiedene Arten von Kakteen hier in der Umgebung: penqua de tuna, die ich bereits kenne, denn die Frucht Tuna gab es im Sommer vor allem in La Paz, aber auch in Sucre, massenweise auf der Straße zu kaufen, sehr süß und lecker. Dann gibt es die Kaktusfrucht Sancayo, die eher sauer schmeckt, ein bisschen wie Kiwi, und die Frucht Muchqui, die ebenfalls sauer schmeckt
  • aloe vera, die hier auch saliva genannt wird und die die Leute zum Beispiel in großen Stücken ins Feuer legen, bis sie heiß wird und anschwillt, dann aufschneiden und heiß zum Beispiel auf einen verstauchten Knöchel oder ein Knie legen, was den Schmerz herausziehen soll
  • die Pflanze molle, deren Pflanzensaft als natürliches Mückenschutzmittel wirkt und deren Tee gegen Bauchschmerzen und die Höhenkrankheit hilft
  • Pacay, ein Baum, deren Früchte von der Form her sehr an die länglichen Churros erinnern (die frittierten Teigteilchen, die in Spanien oft auf der Straße verkauft werden) und wie eine sehr süße Banane schmeckt


Früchte des Pacay, leider noch unreif, aber im Sommer wohl so süß wie Bananen

Molle, das natürliche Mückeschutzmittel

Unser vierbeiniger zäher Begleiter während des gesamten Wandertages

Und das sind nur einige wenige Pflanzen, über die James scheinbar alles weiß. So vergehen die Stunden der Wanderung beinahe wie im Flug. Als wir weiter oben auf einer staubigen Straße herauskommen geht es erstmal etwas flacher weiter, doch in kontinuierlichem seichten Anstieg bis zum Dorf Malata, das wir nach weiteren zwei Stunden erreichen. Von dort aus kann man wunderschön in den Canyon hinuntergucken, auf Apfel-, Pfirsich- und Avocadobäume, und auf die gegenüberliegenden steilen Wände mit den halsbrecherisch steilen Serpentinenwegen, die wir gestern genommen haben. Von dem Dörfchen aus ist es noch eine weitere reichliche Stunde Abstieg bis zur Oasis, einer wirklichen kleinen Oase mitten am Grund des Canyons, wo es wieder kleine Holzhütten zum Schlafen gibt, Palmen, Holzmöbeln, einer Feuerstelle und Schwimmbecken mit kaltem Wasser direkt aus dem Fluss. In der brennenden Mittagssonne hat es ein fast karibisches Flair hier unten.
Es scheinen auch kaum Gringos bis hier runter geschafft zu haben, gefühlt ist alles voller Südamerikaner, was mir nocheinmal besser gefällt.
Mittagessen mit Kartoffelbrei, scharfer Soße und ein bisschen Tomatensalat. Danach eine kleine Siesta im Schatten der großen Avocadobäume, dann machen wir uns auf den Weg, zusammen mit den beiden US-Amerikanerinnen, die wir nachmittags wieder hier getroffen haben, zum Wasserfall, an einem kleinen gemauerten Kanal entlang, ohne Weg, nur auf dem glitschigen Rand zwischen Schlingpflanzen hindurch, sehr abenteuerlich, aber mit wunderschönem Blick auf die beinahe tropische Vegetation um uns herum und den glasklaren Wasserfall.
Im Anschluss laufen wir noch hinunter zum Fluss, riesige Findlinge im Wasser, die zum drauf herumhüpfen einladen, wir springen von Stein zu Stein, sind einfach da und genießen die Ruhe und das Wasserrauschen.
Abends gibt es eine sehr leckere Griessuppe und wieder Omlette mir Reis und Salat (sonderlich kreativ sind die Menschen hier ja nie, was vegetarisches Essen angeht). Danach einen Mate de Citronella und wir machen ein Lagerfeuer, trocknen die Handtücher am Feuer und gucken Sterne, denn da es hier unten beinahe kein Licht gibt, ist der Sternenhimmel atemberaubend, man sieht sogar die Milchstraße!
Noch ein bisschen die Beine dehnen, denn langsam merke ich das ständige Bergauf- und Bergablaufen in den Muskeln, doch dann falle ich bald ins Bett.

So ein Hakuna Matata am Wegesrand, das gibt schon zusätzliche Motivation

Ein Avocadobaum, riesengroß und sogar schon mit Früchten,
nur jetzt im Winter leider noch quietschgrün und knochenhart

Die Oasis in der Tiefe des Canyons Colca





Am nächsten Morgen klingelt um vier der Wecker, es ist superkalt und gibt keine Elektrizität, denn diese kommt von einer Turbine, doch nachts wurde das Wasser abgestellt. Also schnell mit Taschenlampe alles zusammensuchen und dann machen wir uns an den Aufstieg raus aus dem Canyon. Mit Headlamp geht es im Stockdunklen unter einem traumhaften Sternenhimmel los, den rutschigen, kurvigen und oft superabschüssigen Geröll- und Sandpfad steil bergauf. Die erste halbe Stunde sind wir noch ganz allein, doch dann treffen wir auf viele viele andere Touristen und der Weg ist total voll. James und ich legen einen Zahn zu im Tempo und überholen die meisten Leute, damit wir wieder unsere Ruhe haben. Dann kommen uns plötzlich in der Dunkelheit fünf oder sechs Eseln entgegen, begleitet von einem älteren Mann beim Abstieg. Wir müssen ausweichen um nicht von den Eseln umgerannt zu werden.
Je höher wir kommen, desto kälter wird es, aber langsam setzt auch die Dämmerung ein. Ich schaue zurück und die lange Schlange Leute mit ihren Stirnlampen und Rucksäcken unter uns erinnert ein wenig an Minenarbeiter.
Der Aufstieg ist wirklich superanstrengend, definitiv das bisher Forderndste während des gesamten Treks und ich komme beinahe an meine Leistungsgrenze. Als es endlich hell wird, die Sonne ist zwar noch hinter den hohen Bergen, aber es ist doch hell genug, um den Weg gut ohne Stirnlampe zu sehen, geht es auch motivationstechnisch wahnsinnig leichter. Wir scheinen sehr schnell höher und höher zu kommen, die Oasis ist so weit unter uns, doch gleichzeitig kommt scheinbar der Gipfel kaum näher. Oben ist ein Gipfelkreuz, das wir die letzte halbe Stunde sehen können, was nochmal zusätzlich motiviert und nach zwei Stunden und zehn Minuten haben wir endlich den Gipfel erreicht, gerade rechtzeitig, als die ersten Sonnenstrahlen das Plateau oben erreichen und in ein goldenes Morgensonnenlicht tauchen. Von 2100 m auf 3250 m über Null, nur ca. 5 km, aber dafür ultrasteile Serpentinen, und das in 130 Minuten, da können wir stolz drauf sein und das sagt auch James, der meint, das er es mit Touristen normalerweise nicht unter drei Stunden schafft.

Gipfelfotos in der Morgensonne



Total erschöpft, superglücklich und vor Kälte zitternd, denn oben weht ein eisiger Morgenwind und noch ist es wirklich kalt, machen wir schnell ein Gipfelfoto und dann geht es noch ca. 20 Minuten zwischen Mais- und Kartoffelfeldern und noch mehr Eseln und Maultieren entlang, zum Glück relativ flach, bis ins Dorf Cabanaconde, von wo aus wir zwei Tage zuvor aufgebrochen sind.
Dort erwartet uns unser wohlverdientes Frühstück, Kaffee & Tee, Brot und Avocado, Marmelade und leckeren Papayasaft. Im Garten können wir in der langsam stärker wärmenden Sonne entspannen und die müden Beine lang machen, nach und nach trudeln ein paar mehr Leute ein, die den Aufstieg hinter sich haben.
Danach werden wir beide von einem Kleinbus abgeholt, zusammen mit knapp 20 anderen Leuten und wir fahren los zu verschiedenen Aussichtspunkten, Inkaterrassen und den schneebedeckten Vulkan Mismi angucken und zu weiteren heißen Quellen, die es aufgrund der starken Vulkanaktivitäten hier gibt wie Sand am Meer. Über den Tag wird es richtig heiß und an einem kleinen Straßenstand verkauft eine ältere Frau das Getränk Colca Sour, wie der typische Pisco Sour, nur statt Zitrone mit der Kaktusfrucht des Sancayo, sehr lecker und erfrischend.
In Chivay essen wir zu Mittag – ein supergutes Buffet mit unglaublich frischer Salatauswahl, viel vegetarischen und einem traumhaften Nachtischangebot – dann noch ein letzter Stopp auf einer weiten Hocheben auf knapp 5000 m, wo mehrere Herden Lamas und Alpakas grasen, und dann geht es mit dem Bus zurück nach Arequipa.

Früchte der Tuna (links, kleiner und rot)
und des Sancayo (groß, grün und säuerlich) für den Drink "Colca Sour"

Stopp am Fluss bei den heißen Thermalquellen

...und gar nicht so weit entfernt der kontinuierlich Qualm und Asche spuckende Vulkan Sabancaya

Am Mirador de las Llamas




Es war überraschend entspannend, nur zu zweit mit James unterwegs zu sein, denn so konnten wir unser eigenes Tempo frei wählen und mussten uns nicht nach einer Gruppe richten. Außerdem war es so viel individueller und da wir über den Tag fast nie einen anderen Menschen getroffen haben, nur abends an den Orten, wo auch andere Leute übernachtet haben, hat es sich überhaupt nicht nach Tourismus angefühlt, sondern eher wie ein Ausflug mitten ins Nirgendwo, vollkommen in der Natur . Nur während der Busfahrt wurde es ein bisschen touristischer, da wir ja mit einer etwas größeren Gruppe unterwegs waren, aber das hat mich kaum gestört, da wir ja während zweieinhalb Tagen komplett unsere Ruhe hatten.
Die Wanderung im Colca-Canyon, gerade wenn man die Route nimmt, die wir genommen haben, welche kaum frequentiert ist, kann ich definitiv total empfehlen. Landschaftlich wunderschön und abwechslungsreich, körperlich schon eine Herausforderung und gerade das Aufstehen in aller Herrgottsfrühe hat sich total gelohnt, um der gleißenden Mittagssonne zu entgehen.

Meine letzten Tage in Arequipa verbringe ich größtenteils mit Herumschlendern, Museen besuchen, den guten Kaffee aus der arequipeñischen Kaffeerösterei Valenzuela trinken und einen Tag fahre ich ans Meer, nach Mejia, einem kleinen Dorf mit Strandhäusern, was jetzt im Winter außerhalb der Badesaison aber völlig verwaist ist. Von dort aus laufe ich ca. 15 km am Strand entlang bis ins Dorf Mollendo. Ich treffe kaum einen Menschen, nur ab und zu einen älteren Mann beim Fischen, dafür sehe ganz ganz viele rote Krabben, die vor allem dort, wo gar niemand am Strand ist, aus ihren Sandlöchern gekrochen kommen, und Schwärme von Möwen.
In Mollendo ist ebenfalls beinahe alles verschlossen, ich bleibe noch etwas am Strand, genieße die Wellen und die Ruhe, und fahre dann mit dem Bus die ca. zwei Stunden zurück nach Arequipa.

Hier noch einige Eindrücke aus dem schönen Arequipa, der "Ciudad blanca":











Und vom Strand der peruanischen Pazifikküste:

Alles wie ausgestorben in Mejia


Natürlich habe ich mir vor Betreten des Strandes gründlich dieses
sehr informative Evakuationsschild im Falle eines Tsunamis angesehen.








Krebse auf der Flucht vor meinen herannahenden Schritten









Über La Paz geht es dann am nächsten Abend zurück, wir überqueren die peruanisch-bolivianische Grenze morgens um sechs am Lago Titicaca, also auf ca. 4000 m und es ist superfrostigkalt, was das Anstehen bei der Migrationsstelle nicht gerade zu einem Vergnügen macht.
In La Paz vertreibe ich mir den Tag mit Paradegucken, denn anlässlich des Unabhängigkeitstages am 6. August gibt es jetzt schon einen riesigen Umzug von allen Schulen aus La Paz mit Blaskapellen, Spielmannszügen, Fahnen und in Uniformen.
Danach geht es zurück nach Sucre und nach einer weiteren Nachtbusfahrt komme ich wieder in meinem zweiten Zuhause in Chuquisaca an.

Diese Reise hat mir auf alle Fälle gezeigt, dass ich sehr gut allein klarkomme und dass man, wenn man allein reist, nie wirklich „allein“ oder einsam ist, denn man trifft ständig Menschen, mit denen man einen Kaffee oder ein Bier trinken gehen kann.
Es war traumhaft, all diese wunderbaren Erlebnisse machen zu dürfen, die Inseln in Lago, die superschöne Wanderung im Colca und den Pazifik nochmal sehen zu können. Einmal mehr wurde meine Reiselust geweckt und angefeuert und hoffentlich bieten sich in Zukunft auch genug Möglichkeiten, dieser nachzukommen.