Montag, 7. August 2017

Eine Wochenendwanderung II - Tarija & Das Tal der Condore

Wanderbericht aus Tarija/Valle de los Condores

Von meinen Mitfreiwilligen habe ich die Telefonnummer von Vicente bekommen, einem sehr netten Mittvierziger aus Belgien, der aber schon seit mehr als 20 Jahren im Dörfchen Rosillas im Valle de los Condores (Tal der Condore) bei Tarija lebt, zusammen mit seiner Frau Julia. Ich rufe ganz spontan an und wir machen aus, dass ich am kommenden Wochenende bei einem Zwei-Tages-Trek auf einen nahen Berg mitmache, mit Zelten, Kochen über dem Feuer und hoffentlich mit Condore-Beobachten.

Morgens um halb 6 komme ich in Tarija am Busterminal an und suche mir direkt ein Taxitrufi (eine Art großräumiges Taxi, wo man eingequetscht mit vielen anderen Passagieren etwas unbequem, aber schnell ans Ziel kommt), das mich ca. 50 km südwestlich von Tarija in das Dorf Padcaya bringt, von wo aus es nur noch ein Katzensprung bis nach Rosillas ist. Auf der Fahrt verrenke ich mir beinahe den Hals, um den wunderschönen blutorangeroten Sonnenaufgang hinter den Bergketten zu beobachten, mit blassrosa Wolken vor hellzartem Himmel.
In Rosillas erwarten mich schon Vicente und Julia auf dem Innenhof ihres kleinen Gehöftes. Es gibt einen herzlichen Empfang mit einem wunderbar erfrischenden und natürlichen Frühstück, frisches Brot und kleine Kekse aus dem Nachbardorf und sowohl Müsli, Milch & frisch gepresster Orangensaft als auch Joghurt und Honig sind hausgemacht, denn zu ihrem Gehöft gehören auch eine Hand voll Kühe, und die Bienen finden im Sommer hier im Tal reichlich Blumen und Blüten.
Tontassen und -Schüsseln sowie Holzlöffel lassen das ganze Ambiente noch uriger und gemütlicher wirken.
Beim Frühstück lerne ich meine Mitwanderer kennen – vier Medizinstudenten aus den USA, die hier in Tarija eine Art zweimonatiges Praktikum machen, als Part des Studiums. Eine angeregte Unterhaltung mit ihnen und den beiden bolivianischen Guides, dann werden die Rucksäcke fertig gepackt mit reichlich Wasser und Verpflegung, Isomatte und Schlafsack draußen drangebaumelt, Wanderschuhe geschnürt und auf geht’s.





Zu erst folgen wir einige Minuten der sandigen Dorfstraße, dann geht es über eine Begrenzung drüber und ab ins Gestrüpp. Ein kleiner Trampelpfad führt uns erst sanft, dann immer steiler ansteigend hinauf in die Berge, meist in Serpentinenschleifen, voller Geröll und oft sehr staubig, trockene Grasbüschel mit Flechten überzogene Felsbrocken und oft so abschüssig, dass ich mich kaum traue, den Blick von meinen Schuhen abzuwenden und in die Gegend zu gucken, aus Angst abzurutschen – gut, dass wir oft ein kurzes Verschnaufpäuschen machen, um die sagenhaften, etwas wolkenverhangenen Silhouetten der Berghänge zu betrachten, die sich rum um das Tal auftürmen.
Während des ca. dreistündigen steilen Aufstiegs merke ich einmal mehr, welche super Investition mein großer Wanderrucksack war, denn trotz seine schweren Gewichts ist es ein sehr komfortables Wandern.
Um die Mittagszeit kommen wir auf einer Art büscheligen Hochplateau auf ca. 3000 m an, von einer lockeren Steinmauer begrenzt, mit super Blick über das Tal und einer kleinen Feuerstelle in der Mitte. Zwischen den Steinen versteckt holen die Guides drei kleine Zelte hervor sowie Kochgeschirr und eine Metallteekanne. Wir haben ein kleines Lunch aus Tomaten mit Paprika und gekochten Bohnen, Kartoffel, Käse, hartgekochten Eiern und Brot. Wir bauen die Zelte auf und machen uns auf den Weg zur Gipfelbesteigung bei optimalem Wanderwetter – sonnig mit zartverschleiertem Himmel, nicht zu heiß und trotzdem mit sehr klarer Sicht – diesmal aber ohne die schweren Rucksäcke, nur mit Wasserflasche und Kamera. Hinter unserem Lagerplatz ragt eine riesige Felswand in die Höhe, die gefühlt senkrecht und felsig gezackt nach oben geht. Erst denke ich, ich habe mich verhört, als Guide Carlos sagt, wir klettern da hinauf.




Doch einfacher als gedacht geht es in Serpentinen höher und höher, ein gerölliger Trampelpfad mit Kakteen, stacheligen ausgedörrten Gewächsen, Moose, aloeavera-ähnliche Pflanzen und ab und zu auch kleine zarte gelbe Blümchen, laut Carlos Arnika. Das ein oder andere Mal wird mir sehr flau im Magen, weil wir doch sehr steil im Hang hängen und ich muss mich sehr konzentrieren nicht abzurutschen. Doch schließlich kommen wir oben auf der weiten Bergkuppe an, auf ca. 3300 m, und direkt unter uns geht eine ca. 1 km tiefe Schlucht senkrecht hinunter. Ich lege mich auf den Boden und robbe auf dem Bauch bis zur Kante, linse mit der Nasenspitze darüber, der Blick nach unten lässt mich schwindeln. Doch da unter uns tauchen plötzlich zwei Condore auf, gar nicht weit weg, einer klassisch mit dem schneeweißen Rücken und dem Kamm auf dem Kopf und ein etwas kleinerer mit einigen grauen Federn auf dem Rücken – ein Männchen und ein Jungtier, die scheinbar schwerelos und ohne je mit den Flügeln zu schlagen über der Schlucht kreisen.





Wir klettern ein kleines Stückchen eine Felskante hinunter, aber ehrlich gesagt ist mir wohler im Bauch, wenn ich ein bisschen Abstand zur Kante halte.
Die Berge am Horizont sehen episch nebelverschleiert aus im gedämpften Licht der Spätnachmittagssonne, dazwischen taucht ein langsam näher kommender blütenweißer Wolkenteppich auf. Diese Aussicht ist so wunderschön, ich könnte ewig auf den warmen Steinen am Abgrund liegen und in die Ferne gucken.






Dann wagen wir den Abstieg, der trotz des wackeligen Heraufkletterns gar nicht so schlimm ist, obwohl mir doch ganz schön die Knie weh tun als wir wieder am Lagerplatz ankommen.
Einer der Guides geht Wasser zum Kochen vom nahen Fluss holen und währenddessen sammeln wir Holz und trockene Zweige für das Feuer zusammen. Sobald die Sonne hinter den Bergen versunken ist, wird es sehr frischlich und ich hole die dicken Wollsocken, die gestrickte Mütze und meine Alpakahandschuhe heraus. Schnell knistert das Lagerfeuer und wir kuscheln uns alle Wärme suchend herum. Ein Topf wird in die Glut gestellt, Nudelwasser erhitzt – es gibt Spaghetti, für uns Vegetarier mit Käse und etwas Brot. Klingt unspektakulär und spartanisch, aber nach einem ganzen Tag auf den Beinen und am Berg schmeckt irgendwie alles doppelt so gut.
Danach hocken wir noch eine ganze Weile mit unseren bunten Plastiktassen voll gutem Rotwein aus Tarija zusammen, die beiden Bolivianer erzählen uns von sich und fragen uns nach unserer Heimat, wir reden bis wir vor Müdigkeit fröstelnd in die Zelte krabbeln.

Am nächsten Morgen klingelt um 6 der Wecker, denn wir wollen den Sonnenaufgang sehen. Bei einem kurzen Blick aus dem Zelteingang wird allerdings festgestellt – total bewölkt, es lohnt nicht aufzustehen, also zurück in den noch warmen Schlafsack. Trotzdem stehen wir bald danach auf, denn die feuchte Morgenkälte zieht in die Zelte und in meine Kuschelsocken hinein.
Im wiederentfachten Feuer steht ein kleiner Teekessel und pfeift bald. Frühstück bei kühler, leicht vernebelter Morgenstimmung mit heißem Instantkaffee, im Feuer gerösteten Brot mit selbstgemachtem Honig aus Rosillas, Marmelade, Käse. Zähne geputzt, Zelte verpackt und wieder zwischen den Felsen verstaut, Feuer gelöscht und auf geht es zum Abstieg. Wieder geht es einen sandigen gerölligen Trampelpfad den Hang hinunter, bis wir nach ca. einer Stunde eine verdammt steile Schlucht erreichen, superabschüssig und geradezu einladend zum Abrutschen. Ich muss mich sehr konzentrieren, um nicht an der ein oder anderen Stelle das Gleichgewicht zu verlieren. Immer weiter geht es hinunter, wir lassen die hohen Gipfel hinter uns und nach einer weiteren Stunde erreichen wir endlich den Grund der Schlucht, ein steiniges Flussbett, wo jetzt in der Trockenzeit allerdings nur ein schmales ruhiges Flüsschen plätschert. Wir stehen vor einer riesig hohen Felswand voller Kakteen und Oleander, von der ein dünnes Rinnsal von Wasserfall hinunterfließt, in einer nahezu perfekt ausgeschliffenen Rinne, es sieht beínahe aus wie von Menschenhand geformt. Carlos erklärt, dass hier während der Regenzeit alles unter Wasser steht und ein richtiger tosender Wasserfall hinabstürzt. So haben wir es etwas ruhiger, die Sonne steht auch so niedrig wegen des Winters, dass ihre Strahlen den Grund der Schlucht gar nicht treffen, weshalb es sehr feuchtkalt am Wasserfällchen ist. Zum Herumklettern auf den rutschigen Steinen ist der niedrige Wasserstand allerdings perfekt.






Nach der Verschnaufpause am Wasserfall geht es am Flussbett entlang, manchmal von Stein zu Stein hüpfend immer weiter hinunter Richtung Tal, zum Schluss noch ein Stück über trockene Wiesen mit steinharten sonnengebruzelten Kuhfladen, über ein paar kleine Steinmauern geklettert und dann sind wir wieder in der Zivilisation des Dorfes angekommen.



Auf dem Hof von Vicente und Julia erwartet uns bereits ein vorzügliches Mittagessen draußen im Halbschatten: ein Barbeceau mit gegrillten Auberginen und Paprika, Ofenkartoffeln, hausgemachter Reis mit Käse, viel frisches Gemüse, eingelegte Auberginenscheiben und das obligatorische Brot sowie Chuflay (ein typisch bolivianischer Longdrink aus Sprite & Singani) und noch mehr guter Wein aus Tarija. Über drei Stunden sitzen wir einfach draußen und schwatzen, danach bringt die gute Julia noch ein Käffchen und ein paar Kekse heraus und wir genießen einfach die entspannte Sonntagnachmittagathmosphäre.
Am frühen Abend muss ich mich dann von den Amerikanern verabschieden, denn sie müssen wieder zurück in die Stadt und ich fahre zusammen mit Julia nach Tarija, denn ich möchte noch eine Nacht dort verbringen, um ein bisschen die Stadt anzugucken und natürlich die umliegenden Weingüter, für die Tarija ja so berühmt ist. Julia führt mich in ihr Büro, wo es ein Bett, ein kleines Bad und draußen sogar eine Gaskochplatte gibt und sie läd mich direkt ein, dort zu übernachten. Überrascht und sehr erfreut nehme ich dankend das Angebot an. Was für liebe Leute man manchmal durch Zufall trifft, ist wirklich wunderschön.

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