Mittwoch, 31. August 2016

Bienvenidos en Sucre - Ankunft bei der Gastfamilie Mendieta


Der Nachtbus ist unglaublich komfortable! Selbst in Deutschland habe ich so etwas noch nie gesehen und dementsprechend war man eher auf die Art Reisebus eingestellt, die man von zuhause kennt. Aber in diesem Doppeldecker waren die Sitze superbreit mit bequemen Armstützen und einer extra-weichen Rückenlehne, die man fast bis in die Waagerechte zurückstellen konnte. Außerdem eine breite Fußstütze, die direkt an den Sessel anschloss – was will man also mehr?
Beim Herausfahren aus dem Parktplatz schrammte der Bus nach den ersten Metern plötzlich lautstark an der Ecke eines anderen Busses vorbei. Ich fuhr total erschrocken zusammen, aber offensichtlich war das kein großes Problem, es schien sich niemand um den kleinen Crash zu kümmern.
Die Fahrt aus La Paz heraus war bei Einbruch der Dunkelheit ein echter Traum: wieder ein Meer aus Lichtern soweit das Auge reichte, diesmal vom Boden aus betrachtet, was beinahe noch eindrucksvoller war als aus der Vogelperspektive.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die zwölf Stunden im Bus zu nutzen und endlich ein bisschen zu lesen. Aber die Tatsache, dass man bei der Dunkelheit draußen die holprige und kurvige Straße nicht sehen konnte, gefiel meinem ohnehin ziemlich angeschlagenen Magen offenbar weniger gut. Deshalb versuchte ich verzweifelt, die Übelkeit mit Schlaf zu bekämpfen, denn ich wollte meinen Mitfreiwilligen nicht den gesamten Vorrat an Reisetabletten wegfuttern. Es wurde ein Kampf, aber endlich konnte ich wirklich einschlafen, was den Purzelbäumen in meinem Bauch ein wenig Einhalt gebot.
Ein Stopp um halb eins nachts irgendwo bei einer kleinen Raststätte – viele Straßenhunde auf dem Busparkplatz, ein Waschbecken im Innenhof und fünf Grad über null. Im Bus war es schon ziemlich kalt, doch als wir aus dem Bus stolperten, war die Kälte wie ein Schlag ins Gesicht. Bloß schnell wieder hinein in den Bus, in den noch warmen Schlafsack gekuschelt und weitergeschlafen.

Als wir im Morgengrauen nach Sucre einrollen, fallen zuerst die vielen vielen unfertigen Häuser im Randbereich ins Auge: Berge von Sand und Geröll, Straßenhunde, Baugruben, halb fertige Ziegelsteinbauten, wieder Straßenhunde... es wirkt wie eine riesige Baustelle, von den berühmten weißen Gebäuden ist noch nicht viel zu sehen.
Am der Busstation warten schon unsere Gastmamas auf uns und wir werden herzlich in die Arme genommen. Mein Gastbruder Josh und ich klettern zu Mama Vicenta in ein Taxi und schon geht es los zum Haus der Familie Mendieta.
Es befindet sich ca. 10 Minuten Autofahrt entfernt von Sucre City, im Bezirk Rumi Rumi. Rundherum sind die meisten Häuser erst angefangen, überall sieht man halbhohe, unverputzte Wände und offene Fensterlöcher. Auch das Haus der Mendietas ist noch im Bau. Wir werden von der ältesten Tochter Angela herzlich empfangen – Küsschen links, Küsschen rechts, ¿Como estas?. Von der Eingangstür aus gelangt man direkt in Mama Vicentas Nähwerkstatt, welche gleichzeitig eine Arte kleines Wohnzimmer mit Couch und Tischchen darstellt. Von dort aus gelangt man auch in einen Minikiosk, einem Tienda, den die Familie nebenbei noch betreibt.
Etwas seltsam erscheint uns das Innere des Hauses: es fehlt quasi eine Rückwand und ein halbes Stockwerk, und auch die offenbar geplante Terrasse auf dem Dach ist noch eine einzige Baugrube. Mein Zimmer geht zu einer Art Innenhof raus, der aber durch keine Fenster von draußen abgegrenzt ist, was bedeutet, dass der Wind ziemlich kalt durchzieht. Frisch verputze kahle Wände, staubige Fliesen und die Tatsache, dass mein Zimmer außer einem Bett und zwei Stühlen nichts enthält (weder eine kleine Ablage noch einen Kleiderhaken), lässt das ganze etwas spartanisch wirken. Im ersten Stock befindet sich ein großes Wohn- und Esszimmer, Schlafzimmer der Gastgeschwister, ein weiteres kleines Bad und Joshs Zimmer, was zwar ein wenig größer ist und ein Fenster richtig ins Freie hat, aber trotzdem auch nur das Nötigste enthält. Zuerst bin ich ein bisschen schockiert, da dieses Zimmer definitiv etwas von Gefängniszellenathmosphäre besitzt, aber von Vicenta und von Oscar erfahren wir später, dass demnächst ein kleiner Kleiderschrank und noch ein Tischchen für die Zimmer gebracht werden, worüber ich mich sehr freue, denn ein Jahr lang aus dem Koffer zu leben, wären nicht die allerbesten Aussichten.

Im Gegensatz zu der spärlichen Einrichtung und der Kälte, die sich aufgrund der fehlenden Fensterscheiben im ganzen Haus verbreitet, sind die Gasteltern und auch die beiden Töchter Angela und Evangelina sowie unser Gastbruder Carlos sehr liebenswert und extrem freundlich und geduldig darum bemüht, dass wir doch eine Konversation zustande bekommen, trotz der großen sprachlichen Hindernisse unsererseits. Ich glaube, sie werden uns sehr liebevoll in die Familie aufnehmen und vor allem Vicenta und der Gastvater Oswaldo reden beinahe ununterbrochen auf uns ein, erklären das Leben im Haus, die Umgebung, fragen uns Dinge von Zuhause.... leider hapert es mit unseren Kommunikationsfähigkeiten noch etwas, aber irgendwie schaffen wir es uns mit Händen, Füßen und Wörterbuch zu verständigen.

Nach dem Frühstück aus schwarzem Tee, pan blanco (pita-ähnlichem Weißbrot) und Marmelade gehen Josh und ich auf eine kleine Erkundungstour um das Haus und die Straße herum. Ein Stück die kleine Straße hinauf kommen wir zu eine größeren Straße, die direkt ins Centrum von Sucre hineinführt. An der Ecke des Mercado Evo Morales gibt es mehrere kleine Kioske und Mini-Einkaufslädchen, unter anderem ein Internetcafe mit Computern, die aussehen wie aus dem vergangenen Jahrzehnt. Die Internetnutzung ist zwar sehr preiswert, allerdings ist das Internet auch extrem langsam und skypen funktioniert leider nicht. Jedoch genügt es fürs erste um den Zuhausegebliebenen ein Lebenszeichen zu senden.

Nach unserem kleinen Spaziergang plaudern wir ein bisschen mit dem dreizehnjährigen Carlos, knuddeln die Hündin der Familie Chiera (ein italienischer Name, den ich vermutlich total falsch schreibe) und die Gastmama serviert ein wirklich restauranttaugliches Mittagessen aus Pasta mit Salat und selbstgemacht Sojabällchen mit Kräutern und Tomaten-Paprika-Letschosoße. Superlecker!

Am Nachmittag kommt Oscar vorbei und spricht gemeinsam mit uns und Vicenta über einige organisatorische Dinge und dolmetscht die wichtigsten Sachen. Dann fahren Josh und ich gemeinsam mit Oscar mit einem Micro (einem der kleinen Busse) in die City und treffen uns mit den anderen Freiwilligen. Wir besuchen zwei der Mädchen in dem Apartment, wo sie untergebracht sind und gehen anschließend zusammen etwas essen, und zwar in ein wirklich gutes vegetarisches Restaurant, das „Condor“. Offenbar ist es ziemlich beliebt bei Backpackern, es werden sogar verschieden Treckingtouren in die umliegenden Berge angeboten, was ziemlich verlockend klingt. Allerdings meint Oscar, wir sollten lieber die Preise vergleichen, denn das „Condor“ sei recht touristisch ausgelegt.
Ausgehungert fallen wir über die Speisekarte her und bestellen soviel, dass der Kellner einen achten Stuhl dazustellt, auf dem er den Teller platziert, der auf dem Tisch keinen Platz mehr fand. Am Ende müssen wir sowieso fast alles teilen, denn jeder möchte mal die verschiedenen Empanadas con queso o con huevo, die zopa del dia und die gebackenen papas (Kartoffeln) kosten. Danach rollen wir zufrieden und pappsatt aus dem „Condor“ und Josh und ich treffen unsere Gastschwester Evangelina an der Bushaltestelle. Gemeinsam fahren wir zu den Mendietas zurück, leider klappt das mit dem Gespräch noch nicht so reibungslos, aber wir bemühen uns sehr, ihre Fragen zu verstehen und auch antworten zu können.

Morgen heißt es: Visaprozess starten, also müssen wir früh das Haus verlassen und zur Bank, zum Fotographen und zum Doktor gehen, um den ganzen Papierkram für den Migrationsantrag zu erhalten.

Ganz schön müde von dem Tag kuschele ich mich nach einer lauwarmen Dusche in meinen Schlafsack unter drei dicke Wolldecken und hoffe, in dieser Nacht nicht zu erfrieren.

Impressionenflut - Die erste Woche in Bolivien

Seit einer knappen Woche sind wir jetzt schon in Bolivien und es kommt mir vor, als wäre erst gestern das Flugzeug gelandet.

Bis gestern waren im Arrivalcamp in Huagchilla, was ca. eine Stunde Busfahrt von La Paz entfernt ist. Nach La Paz ging auch unser Flug und schon der Landeanflug war extrem beeindruckend. Morgens um halb fünf, das Land unter uns im Stockfinsteren nur zu erahnen, und plötzlich tauchte dort unten ein riesiges Lichtermeer auf, das sich scheinbar unendlich bis zum Horizont erstreckte.
Nach der Landung kam dann der erste Schock für mich – die ca. 4000 m über dem Meeresspiegel wollte mein Körper nicht akzeptieren, er klappte einfach zusammen. Ich bekam keine Luft und meine Schläfen zogen sich zusammen, als würde unendlicher Druck auf meinen Kopf wirken. Halb im Delirium taumelte ich durch die Passkontrolle und musste mich dann erstmal setzen.
Zum Glück ließ diese erste Attacke nach ein paar Minuten etwas nach, damit ich mich auf den nächsten Schock konzentrieren konnte: meine Kraxe befand sich nicht auf dem Gepäckband, nur meine Reisetasche. Die nette Mitarbeiterin an dem kleinen Schalter fand heraus, dass mein geliebter Wanderrucksack mit den allermeisten meiner Klamotten, dem Schweizer Taschenmesser, Schlafsack und meinem Kulturbeutel wohl noch in London sei. Großartig.

Ein kleiner Minibus wartete direkt vor dem Flughafen auf uns, zusammen mit einem bolivianischen Mitarbeiter des ICYE Bolivia, dem Partnerkommitee des ICJA (unserer Entsendeorganisation), der uns in Empfang nahm. Das Gepäck wurde nach Tetrisprinzip auf dem Dach gestapelt und recht vertrauenerweckend verschnürt, während wir, also unsere Freiwilligengruppe aus Deutschland bestehend aus 9 Leuten, in den Minibus kletterten. Dort quetschten wir uns neben drei Freiwillige aus Großbritannien, die auch mit ins Arrivalcamp fuhren.
Die Straße führte in Serpentinen aus der Stadt heraus und als wir über eine Bergkante fahren, geht ein staunendes „Ohhh“ durch den Bus. Ein atemberaubender Anblick auf die felsigen, von der aufgehenden Sonne beschienenen Bergketten am Horizont! Ganz weit entfernt sieht man sogar einen riesige schneebedeckte Bergkuppe leuchten.

Im Camp angekommen sind wir positiv überrascht von dem Gelände, das mit großem Garten mit bemalten Tonkrügen, Blumentöpfen und geplasterten Wegen wunderschön verträumt ist, im Gegensatz zu den meisten unfertigen, halb gebauten Häusern in der Nähe. Es war anscheinend früher eine Art Minikloster, weshalb überall katholische Slogans angemalt sind. Auch eine der Frauen, die sich kulinarisch um uns kümmern, hat stets ein hellblaues Nonnengewand an.
Die Zimmer und die Duschen sind sehr einfach, aber ausreichend. Leider weiß man nie, ob man glücklicherweise lauwarmes Wasser erwischt, oder ob man sich unter Eiswasser stellt. Das ist vor allem morgens eine ziemliche Überwindung, da die Temperaturen in der Nacht extrem absacken und man sich bibbernd in den Schlafsack kuschelt.
Apropros Schlafsack – am nächsten Morgen wurde zum Glück meine Kraxe mit allen wichtigen Sachen direkt ins Camp gebracht, Aufatmen! (Soweit das möglich war bei der dünnen Luft hier oben ;) )

Nach und trudeln im Camp noch insgesamt noch 6 Freiwillige aus Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Japan und aus Frankreich ein. Kennenlernenspiele und hauptsächlich entspanntes Quatschen und im Garten in der Sonne rumhängen, das sind unsere Hauptbeschäftigungen während der ersten beiden Tage.

Leider macht sich die extreme Höhenlage immer wieder bemerkbar, obwohl wir im Camp „nur“auf 3000 m über dem Meeresspiegel sind. Flaues Gefühl im Magen, manchmal starke Übelkeit und Presslufthammer-Kopfschmerzen sind bei fast allen Freiwilligen an der Tagesordnung. Wir helfen uns gegenseitig aus mit Buscopan, Kräuterschnaps und aufmunternden Ratschlägen. Und natürlich mit Koka-Tee, die Wunderwaffe gegen die Höhenkrankheit. Den Geruch der Kokablätter finde ich zwar nicht so berauschend und auch der Aufguss ist nicht wirklich schmackhaft, aber wenn man sich den Tee reinzwängt, dann beruhigt sich wirklich der Magen.

Im Camp sind wir ziemlich schnell zusammengewachsen und man versteht sich mit allen Co-Freiwilligen wirklich gut. Es macht Spaß, sich über seine Herkunftsländer auszutauschen, über unsere Erwartungen an das Jahr in Bolivien und miteinander die wenigen Brocken Spanisch zu teilen, die wir uns schon angeeignet haben. Denn viele der anderen Freiwilligen sprechen auch erst wenig bis gar kein Spanisch – zum Glück, denn bin ich nicht die einzige (noch) Unwissende.

Die Tage bis Sonntag verfliegen sehr schnell. Mitarbeiter des ICYE Bolivia erzählen uns verschiedenste Dinge über die Geschichte und Geographie des Landes, wir haben eine Sicherheitseinheit, wo besprochen wird, in welchen dunklen Gassen man sicher nachts besser nicht aufhält und wie man seine Habseligkeiten vor den Fängen von dreisten Kleinkriminellen bewahrt. Insgesamt war das Arrivalcamp - keine Frage – sehr informativ, und durch die viele Freizeit und die ständigen Pausen wegen verschiedenster Mahlzeiten (Desayuno, Refrigerio, Almuerzo, Refrigerio, Cena) war man nicht wirklich überfordert oder gar im Stress. Obwohl das wahrscheinlich auch nicht schlecht war, denn so konnten wir uns erstmal an das neue Klima, die Höhe und die neuen Menschen gewöhnen. Und außerdem haben wir so direkt am Anfang das bolivianische Zeitgefühl und den Tagesrhythmus kennenlernen dürfen – wenn 17.30 Uhr gesagt wird, dann bloß nicht unruhig werden, wenn es dreiviertel sechs noch nicht losgeht, für eine kleine Runde Volleyball wird ja noch Zeit sein. Unsere bolivianischen Betreuer erklären uns das zum Glück von Anfang an und nehmen es auch selbst mit Humor.
Besonders schön fand ich den letzten Abend, an dem die Mitarbeiter des ICYE Bolivia uns mit einer kleinen Zeremonie offiziell willkommen geheißen haben - traditionelle Tänze und Gebete zur Pacha Mama (der Mutter Erde) im Schneidersitz auf einem kunterbunt gewebtem Tuch, Kokablätter und bolivianischer Traubenschnaps, flackernde Windlichter und ein sehr spezielle Art von Spiritualität, das alles machte mich sehr nachdenklich und ein bisschen andächtig. Es fühlte sich sehr besonders an, auf diese nahe und echte Art willkommen geheißen zu werden, so als wären wir nun Teil einer Familie.

Eine wichtige Erkenntnis des Arrivalcamps: „In Bolivia nothing is sure, but everything is possible.“ Außerdem eines der wichtigsten Wörter, wenn man sich noch nicht in ganzen Sätzen verständigen kann: papel higienico – Toilettenpapier.

Am Sonntagmorgen hocken wir uns abschließend in unseren Regionalgruppen zusammen, also alle Freiwilligen, die in dieselbe Stadt gehen. Da das bei mir Sucre sein wird, erfahren wir am Vormittag eine ganze Menge über die sogenannte Ciudad Blanca (die Weiße Stadt) und über unsere Gastfamilien. Ich werde zusammen mit Josh aus der UK in der Familie Mendieta untergebracht sein und mit Jelena aus Deutschland zusammen im Projekt Sayari Warmi arbeiten. Insgesamt sind wir 6 Freiwillige, die nach Sucre gehen und das Schöne ist, dass wir irgendwie alle über die Projekte oder die Wohnsituationen vernetzt sind. Da die Stadt sowieso nicht extrem groß ist, wird es also hoffentlich nicht schwer sein, sich ab und zu mal zu treffen. Das meinte auch unser Regionalreferent Oscar, der selbst in Sucre lebt und alle Freiwilligen dort betreut und mit ihnen in Kontakt steht. Eine Monsteraufgabe, wenn man bedenkt, dass er allein für uns alle, die Gastfamilien und die Projekte zuständig ist! Dafür macht er einen extrem entspannten Eindruck.

Nach dem Zusammenpacken gibt es noch ein Abschiedsgruppenbild und dann klettern wir in einen Bus, der uns holpernd in Richtung La Paz bringt. Zwei- oder dreimal machen wir einen kurzen Stopp und „werfen“ die Freiwilligen raus, die in La Paz bleiben und bereits von ihren Gastfamilien erwartet werden. Ich hatte gedacht, wir hätten ein paar Minütchen länger um uns zu verabschieden, aber so wurde das ganz kurz und schmerzlos abgewickelt - „Wir sehen uns im November!“ (wahrscheinlich zu einem freiwilligen Extra-Zwischencamp)

Für uns verbliebene Sucre-Freiwilligen war dann Endstation im Buszentrum in La Paz. Wir schleppten unsere Rucksäcke und Koffer in eine riesige Wartehalle, wo vorn viele viele Kartenhäuschen, scheinbar von Busunternehmen, hintereinander standen und davor Menschen, die im Marktschreier-Stil die verschiedenen Busverbindungen durch die Gegend riefen, um Kunden anzuwerben. Außerdem war mitten in der Wartehalle eine große Leinwand angebracht, vor der Bankreihen standen und auf der tonlos eine Art bolivianische Pannenshow lief – als Unterhaltung für die dort Wartenden. Schräge Idee, aber die Bänke waren nie vollständig leer und zugegebenermaßen war es schon recht witzig anzusehen.

So schlugen wir die Wartezeit tot, schlenderten an Minikiosken und Dulcerias vorbei, bis es an der Zeit war, in den Nachtbus nach Sucre zu steigen.


Montag, 22. August 2016

Countdown 9 Stunden

Der große Backpacking-Rucksack ist verschnürt, das Handgepäck vollgestopft mit Büchern, dickem Pulli & Mütze, Notfallschokolädchen und jeder Menge 'Gute-Reise-Postkarten' von meinen liebsten Menschen.
Da es keine offizielle große Abschiedsparty gab, habe ich mich in den letzten Tagen einzeln und nach und nach von allen Lieben verabschiedet, was jedes Mal ziemlich intensiv war. Keine kurzen Wortwechsel zwischen Tür und Angel, sondern persönliche Gespräche, was sehr schön war, aber den Abschied eben auch nicht einfacher gemacht hat.
Es fühlt sich seltsam an, meine große Familie und die engsten Freunde wirklich für ein Jahr zu verlassen, nicht in den Arm nehmen zu können. So richtig begriffen habe ich es im Moment noch nicht... wahrscheinlich kann ich es erst morgen früh so richtig realisieren, wenn meine Mutter mich am Flughafen zum letzten Mal umarmt hat und ich wirklich im Flugzeug nach London sitze.

Da wir (meine Mutter und ich) schon heute Abend nach Berlin gefahren sind, habe ich gestern meine letzte Nacht zuhause verbracht, in unserem Heimatdörfchen, im eigenen Bett. Ein letztes Mal am Feuer sitzen und den Zabeltitzer Sternhimmel anschauen, bevor die nächsten Sterne für mich am Himmel der Südhalbkugel zu sehen sein werden.

Viele Abschiede sind ziemlich tränenreich verlaufen, obwohl ich sonst nicht so nah am Wasser gebaut bin. Aber im Moment hat die vorfreudige Aufregung die Oberhand über der Abschiedsmelancholie, ganz eindeutig. In manchen Augenblicken zerrt die Anspannung beinahe zum Zerreißen an mir. Und gleichzeitig kommen natürlich ständig Gedanken an Heimweh, an das Gefühl der Einsamkeit in einer fremden Stadt mit (am Anfang) ganz fremden Menschen, an die Angst, dass ich all dem vielleicht nicht gewachsen bin...

Morgen um 7:05 Uhr deutscher Zeit geht es los, dann hebt der Flieger ab und die Reise, dieses große Abenteuer beginnt endlich richtig. An viel Schlaf wird in der kommenden Nacht kaum zu denken sein, bei dem Gedankenkarussell, das in meinem Kopf schon seit Tagen kaum Ruhe geben will. Doch auf dem 18 Stunden langen Flug über London und Miami mit insgesamt 9 Stunden Aufenthalt wird ganz viel Zeit sein um sich mit den Mitfreiwilligen auzutauschen, Abschiedsbriefe zu lesen, vielleicht das ein oder andere Tränchen zu vergießen und sich gedanklich auf die Ankunft vorzubereiten.

Bis bald, liebes Zuhause! Der nächste Blogeintrag wird von einer ganz anderen Zeitzone aus geschrieben - La Paz, wir kommen!

Sonntag, 14. August 2016

Countdown 9 Tage

Morgen bricht die letzte volle Woche an, die ich dieses Jahr in Deutschland verbringen werde - die Zielgerade, an deren Ende das Flugzeug auf mich wartet.

Im Moment fühle ich mich wie ein kleines Kind am Abend vor seinem Geburtstag: ich bin voller Vorfreude, voller hibbeliger Aufregung, und kann es gar nicht erwarten, dass es endlich losgeht.
Den Ausschlag dafür gab vor allem das zehntägige Vorbereitungsseminar des ICJA, von dem ich vor ein paar Tagen wiedergekommen bin. Bei diesem Camp haben wir uns intensiv auf unser Jahr als Freiwillige vorbereiten können und durften unter Leitung von ICJA-Teamern, die meist selbst schon als Freiwillige im Ausland gewesen waren, mit den verschiedensten Themen auseinandersetzen, die für unseren Freiwilligendienst Relevanz haben werden, zum Beispiel Stereotypen und Vorurteile, Gesundheit, Gender, Versicherungsfragen, Privilegien als Europäer, Werte und Normen, faires Berichten, Spenden, Leben und Arbeiten im Gastland .... In oftmals heftigen Diskussionen und in sehr intensiven Gesprächen haben wir uns mit den unterschiedlichsten Aspekten eines Freiwilligendienstes beschäftigt und haben uns "Bald-Freiwilligen" eine riesige Menge Stoff zum Nachdenken gegeben.

Wie gehe ich damit um, in Bolivien auf der Straße angestarrt, "Gringa" gerufen und wahrscheinlich auch mal belästigt zu werden?
Wie verhalte ich mich, wenn mein Projektleiter von seinen Freiwilligen erwartet, dass wir das Projekt durch finanzielle Spenden unterstützen, weil wir aus einem sehr reichen Land kommen?
Was ist die beste Art, mit dem Privileg "weiß sein" umzugehen, und die sich dadurch ergebenen Vorteile nicht auszunutzen?
Und wie zum Teufel schreibe ich hier einen politisch vollkommen korrekten Blogeintrag, der die Realität beschreibt, Stereotypen außen vor lässt, allen Beteiligten gerecht wird, und trotzdem noch unterhaltsam ist?

Diese Fragen und noch viele viele weitere schwirren mir durch den Kopf, seit ich (bis oben hin vollgestopft mit Input) vom Vorbereitungsseminar wiedergekommen bin. Aber gleichzeitig fühle ich mich ein ganzes Stück vorbereiteter als noch vor ein paar Wochen.
Nun hat sich unsere "Gruppe Bolivien" endlich live und in Farbe kennenlernen dürfen, das heißt, wir sind zehn liebe Menschen, die alle gemeinsam vom ICJA nach Bolivien gesendet werden. Wir haben natürlich die Möglichkeit genutzt und uns zusammengehockt, um uns über praktische Dinge wie Packlisten, Gastgeschenke, Reiseapotheke, Währungstausch usw. auszutauschen, was auf jeden Fall geholfen hat! Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass Haribo-Gummibärchen und Schweizer Schokolade als Geschenk für die Gastfamilien ziemlich beliebt ist und wahrscheinlich gut ankommt. Außerdem kann kaum einer von uns schon richtig Spanisch sprechen, was mich etwas beruhigt - mit zwei Wochen Volkshochschule bin ich recht durchschnittlich vorbereitet.

Das Allerwichtigste aber, was wir beim Vorbereitungsseminar erfahren haben, sind unsere Projekte und Gastfamilien! Alle waren total aus dem Häusschen, als wir endlich, endlich (!!!) die lang ersehnten Briefe erhalten haben. Ich werde also das kommende Jahr in Sucre arbeiten, der konstitutionellen Hauptstadt Boliviens, der 'ciudad blanca', bei der Institution Sayariy Warmi, die verschiedene Programme zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Frauen, die Opfer von jeglicher Art von Gewalt sind und aus sozial benachteiligten Verhältnissen kommen. Eine direkte Stellenbeschreibung gibt es für uns Freiwillige nicht, da wir vor Ort im Projekt entscheiden werden, in welchen Bereichen wir am besten unterstützend wirken können. Es wird von uns viel Eigeninitiative gefordert, was ich super finde, da es so hoffentlich Möglichkeiten geben wird, mit den Kindern sportlich oder künstlerisch aktiv werden zu können.
Meine Gastfamilie habe ich nun auch erfahren - Familie Mendieta, die mit zwei erwachsenen Töchtern und einem kleineren Sohn in Sucre City wohnt und schon Erfahrung mit ICYE-Freiwilligen hat. Ihre Beschreibung klingt sehr symphatisch, weshalb ich mich wahnsinnig darauf freue, die Mendietas kennenzulernen.
Außer mir sind aus Deutschland noch Sophia und Jelena in Sucre platziert worden. Wir verstehen uns sehr gut und ich hoffe, dass wir nicht zu weit voneinander entfernt wohnen und uns öfter besuchen können. Nicht ganz allein in eine fremde Stadt gesendet zu werden, macht auf jeden Fall Mut!

Nun muss ich in der kommenden Woche noch die letzten fehlenden Dinge erledigen (Passfotos abholen, Apothekeneinkauf, Gastgeschenke besorgen, Abschiedsparty feiern), bevor es ans große Packen geht. Sicher wird der Abschied alles andere als leicht, denn mir wird im Moment besonders bewusst, wie viele liebe Menschen ich immer um mich habe, die ich nun für 12 Monate verlasse und extrem vermissen werde... Momentan überwiegt noch die Vorfreude, aber wer weiß, wie es dann am Flughafen aussehen wird. Trotzdem zähle ich die Tage und kann es kaum abwarten bis es endlich losgeht. Der Countdown läuft!