Im Moment fühle ich mich wie ein kleines Kind am Abend vor seinem Geburtstag: ich bin voller Vorfreude, voller hibbeliger Aufregung, und kann es gar nicht erwarten, dass es endlich losgeht.
Den Ausschlag dafür gab vor allem das zehntägige Vorbereitungsseminar des ICJA, von dem ich vor ein paar Tagen wiedergekommen bin. Bei diesem Camp haben wir uns intensiv auf unser Jahr als Freiwillige vorbereiten können und durften unter Leitung von ICJA-Teamern, die meist selbst schon als Freiwillige im Ausland gewesen waren, mit den verschiedensten Themen auseinandersetzen, die für unseren Freiwilligendienst Relevanz haben werden, zum Beispiel Stereotypen und Vorurteile, Gesundheit, Gender, Versicherungsfragen, Privilegien als Europäer, Werte und Normen, faires Berichten, Spenden, Leben und Arbeiten im Gastland .... In oftmals heftigen Diskussionen und in sehr intensiven Gesprächen haben wir uns mit den unterschiedlichsten Aspekten eines Freiwilligendienstes beschäftigt und haben uns "Bald-Freiwilligen" eine riesige Menge Stoff zum Nachdenken gegeben.
Wie gehe ich damit um, in Bolivien auf der Straße angestarrt, "Gringa" gerufen und wahrscheinlich auch mal belästigt zu werden?
Wie verhalte ich mich, wenn mein Projektleiter von seinen Freiwilligen erwartet, dass wir das Projekt durch finanzielle Spenden unterstützen, weil wir aus einem sehr reichen Land kommen?
Was ist die beste Art, mit dem Privileg "weiß sein" umzugehen, und die sich dadurch ergebenen Vorteile nicht auszunutzen?
Und wie zum Teufel schreibe ich hier einen politisch vollkommen korrekten Blogeintrag, der die Realität beschreibt, Stereotypen außen vor lässt, allen Beteiligten gerecht wird, und trotzdem noch unterhaltsam ist?
Diese Fragen und noch viele viele weitere schwirren mir durch den Kopf, seit ich (bis oben hin vollgestopft mit Input) vom Vorbereitungsseminar wiedergekommen bin. Aber gleichzeitig fühle ich mich ein ganzes Stück vorbereiteter als noch vor ein paar Wochen.
Nun hat sich unsere "Gruppe Bolivien" endlich live und in Farbe kennenlernen dürfen, das heißt, wir sind zehn liebe Menschen, die alle gemeinsam vom ICJA nach Bolivien gesendet werden. Wir haben natürlich die Möglichkeit genutzt und uns zusammengehockt, um uns über praktische Dinge wie Packlisten, Gastgeschenke, Reiseapotheke, Währungstausch usw. auszutauschen, was auf jeden Fall geholfen hat! Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass Haribo-Gummibärchen und Schweizer Schokolade als Geschenk für die Gastfamilien ziemlich beliebt ist und wahrscheinlich gut ankommt. Außerdem kann kaum einer von uns schon richtig Spanisch sprechen, was mich etwas beruhigt - mit zwei Wochen Volkshochschule bin ich recht durchschnittlich vorbereitet.
Das Allerwichtigste aber, was wir beim Vorbereitungsseminar erfahren haben, sind unsere Projekte und Gastfamilien! Alle waren total aus dem Häusschen, als wir endlich, endlich (!!!) die lang ersehnten Briefe erhalten haben. Ich werde also das kommende Jahr in Sucre arbeiten, der konstitutionellen Hauptstadt Boliviens, der 'ciudad blanca', bei der Institution Sayariy Warmi, die verschiedene Programme zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Frauen, die Opfer von jeglicher Art von Gewalt sind und aus sozial benachteiligten Verhältnissen kommen. Eine direkte Stellenbeschreibung gibt es für uns Freiwillige nicht, da wir vor Ort im Projekt entscheiden werden, in welchen Bereichen wir am besten unterstützend wirken können. Es wird von uns viel Eigeninitiative gefordert, was ich super finde, da es so hoffentlich Möglichkeiten geben wird, mit den Kindern sportlich oder künstlerisch aktiv werden zu können.
Meine Gastfamilie habe ich nun auch erfahren - Familie Mendieta, die mit zwei erwachsenen Töchtern und einem kleineren Sohn in Sucre City wohnt und schon Erfahrung mit ICYE-Freiwilligen hat. Ihre Beschreibung klingt sehr symphatisch, weshalb ich mich wahnsinnig darauf freue, die Mendietas kennenzulernen.
Außer mir sind aus Deutschland noch Sophia und Jelena in Sucre platziert worden. Wir verstehen uns sehr gut und ich hoffe, dass wir nicht zu weit voneinander entfernt wohnen und uns öfter besuchen können. Nicht ganz allein in eine fremde Stadt gesendet zu werden, macht auf jeden Fall Mut!
Nun muss ich in der kommenden Woche noch die letzten fehlenden Dinge erledigen (Passfotos abholen, Apothekeneinkauf, Gastgeschenke besorgen, Abschiedsparty feiern), bevor es ans große Packen geht. Sicher wird der Abschied alles andere als leicht, denn mir wird im Moment besonders bewusst, wie viele liebe Menschen ich immer um mich habe, die ich nun für 12 Monate verlasse und extrem vermissen werde... Momentan überwiegt noch die Vorfreude, aber wer weiß, wie es dann am Flughafen aussehen wird. Trotzdem zähle ich die Tage und kann es kaum abwarten bis es endlich losgeht. Der Countdown läuft!
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