Mittwoch, 31. August 2016

Bienvenidos en Sucre - Ankunft bei der Gastfamilie Mendieta


Der Nachtbus ist unglaublich komfortable! Selbst in Deutschland habe ich so etwas noch nie gesehen und dementsprechend war man eher auf die Art Reisebus eingestellt, die man von zuhause kennt. Aber in diesem Doppeldecker waren die Sitze superbreit mit bequemen Armstützen und einer extra-weichen Rückenlehne, die man fast bis in die Waagerechte zurückstellen konnte. Außerdem eine breite Fußstütze, die direkt an den Sessel anschloss – was will man also mehr?
Beim Herausfahren aus dem Parktplatz schrammte der Bus nach den ersten Metern plötzlich lautstark an der Ecke eines anderen Busses vorbei. Ich fuhr total erschrocken zusammen, aber offensichtlich war das kein großes Problem, es schien sich niemand um den kleinen Crash zu kümmern.
Die Fahrt aus La Paz heraus war bei Einbruch der Dunkelheit ein echter Traum: wieder ein Meer aus Lichtern soweit das Auge reichte, diesmal vom Boden aus betrachtet, was beinahe noch eindrucksvoller war als aus der Vogelperspektive.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die zwölf Stunden im Bus zu nutzen und endlich ein bisschen zu lesen. Aber die Tatsache, dass man bei der Dunkelheit draußen die holprige und kurvige Straße nicht sehen konnte, gefiel meinem ohnehin ziemlich angeschlagenen Magen offenbar weniger gut. Deshalb versuchte ich verzweifelt, die Übelkeit mit Schlaf zu bekämpfen, denn ich wollte meinen Mitfreiwilligen nicht den gesamten Vorrat an Reisetabletten wegfuttern. Es wurde ein Kampf, aber endlich konnte ich wirklich einschlafen, was den Purzelbäumen in meinem Bauch ein wenig Einhalt gebot.
Ein Stopp um halb eins nachts irgendwo bei einer kleinen Raststätte – viele Straßenhunde auf dem Busparkplatz, ein Waschbecken im Innenhof und fünf Grad über null. Im Bus war es schon ziemlich kalt, doch als wir aus dem Bus stolperten, war die Kälte wie ein Schlag ins Gesicht. Bloß schnell wieder hinein in den Bus, in den noch warmen Schlafsack gekuschelt und weitergeschlafen.

Als wir im Morgengrauen nach Sucre einrollen, fallen zuerst die vielen vielen unfertigen Häuser im Randbereich ins Auge: Berge von Sand und Geröll, Straßenhunde, Baugruben, halb fertige Ziegelsteinbauten, wieder Straßenhunde... es wirkt wie eine riesige Baustelle, von den berühmten weißen Gebäuden ist noch nicht viel zu sehen.
Am der Busstation warten schon unsere Gastmamas auf uns und wir werden herzlich in die Arme genommen. Mein Gastbruder Josh und ich klettern zu Mama Vicenta in ein Taxi und schon geht es los zum Haus der Familie Mendieta.
Es befindet sich ca. 10 Minuten Autofahrt entfernt von Sucre City, im Bezirk Rumi Rumi. Rundherum sind die meisten Häuser erst angefangen, überall sieht man halbhohe, unverputzte Wände und offene Fensterlöcher. Auch das Haus der Mendietas ist noch im Bau. Wir werden von der ältesten Tochter Angela herzlich empfangen – Küsschen links, Küsschen rechts, ¿Como estas?. Von der Eingangstür aus gelangt man direkt in Mama Vicentas Nähwerkstatt, welche gleichzeitig eine Arte kleines Wohnzimmer mit Couch und Tischchen darstellt. Von dort aus gelangt man auch in einen Minikiosk, einem Tienda, den die Familie nebenbei noch betreibt.
Etwas seltsam erscheint uns das Innere des Hauses: es fehlt quasi eine Rückwand und ein halbes Stockwerk, und auch die offenbar geplante Terrasse auf dem Dach ist noch eine einzige Baugrube. Mein Zimmer geht zu einer Art Innenhof raus, der aber durch keine Fenster von draußen abgegrenzt ist, was bedeutet, dass der Wind ziemlich kalt durchzieht. Frisch verputze kahle Wände, staubige Fliesen und die Tatsache, dass mein Zimmer außer einem Bett und zwei Stühlen nichts enthält (weder eine kleine Ablage noch einen Kleiderhaken), lässt das ganze etwas spartanisch wirken. Im ersten Stock befindet sich ein großes Wohn- und Esszimmer, Schlafzimmer der Gastgeschwister, ein weiteres kleines Bad und Joshs Zimmer, was zwar ein wenig größer ist und ein Fenster richtig ins Freie hat, aber trotzdem auch nur das Nötigste enthält. Zuerst bin ich ein bisschen schockiert, da dieses Zimmer definitiv etwas von Gefängniszellenathmosphäre besitzt, aber von Vicenta und von Oscar erfahren wir später, dass demnächst ein kleiner Kleiderschrank und noch ein Tischchen für die Zimmer gebracht werden, worüber ich mich sehr freue, denn ein Jahr lang aus dem Koffer zu leben, wären nicht die allerbesten Aussichten.

Im Gegensatz zu der spärlichen Einrichtung und der Kälte, die sich aufgrund der fehlenden Fensterscheiben im ganzen Haus verbreitet, sind die Gasteltern und auch die beiden Töchter Angela und Evangelina sowie unser Gastbruder Carlos sehr liebenswert und extrem freundlich und geduldig darum bemüht, dass wir doch eine Konversation zustande bekommen, trotz der großen sprachlichen Hindernisse unsererseits. Ich glaube, sie werden uns sehr liebevoll in die Familie aufnehmen und vor allem Vicenta und der Gastvater Oswaldo reden beinahe ununterbrochen auf uns ein, erklären das Leben im Haus, die Umgebung, fragen uns Dinge von Zuhause.... leider hapert es mit unseren Kommunikationsfähigkeiten noch etwas, aber irgendwie schaffen wir es uns mit Händen, Füßen und Wörterbuch zu verständigen.

Nach dem Frühstück aus schwarzem Tee, pan blanco (pita-ähnlichem Weißbrot) und Marmelade gehen Josh und ich auf eine kleine Erkundungstour um das Haus und die Straße herum. Ein Stück die kleine Straße hinauf kommen wir zu eine größeren Straße, die direkt ins Centrum von Sucre hineinführt. An der Ecke des Mercado Evo Morales gibt es mehrere kleine Kioske und Mini-Einkaufslädchen, unter anderem ein Internetcafe mit Computern, die aussehen wie aus dem vergangenen Jahrzehnt. Die Internetnutzung ist zwar sehr preiswert, allerdings ist das Internet auch extrem langsam und skypen funktioniert leider nicht. Jedoch genügt es fürs erste um den Zuhausegebliebenen ein Lebenszeichen zu senden.

Nach unserem kleinen Spaziergang plaudern wir ein bisschen mit dem dreizehnjährigen Carlos, knuddeln die Hündin der Familie Chiera (ein italienischer Name, den ich vermutlich total falsch schreibe) und die Gastmama serviert ein wirklich restauranttaugliches Mittagessen aus Pasta mit Salat und selbstgemacht Sojabällchen mit Kräutern und Tomaten-Paprika-Letschosoße. Superlecker!

Am Nachmittag kommt Oscar vorbei und spricht gemeinsam mit uns und Vicenta über einige organisatorische Dinge und dolmetscht die wichtigsten Sachen. Dann fahren Josh und ich gemeinsam mit Oscar mit einem Micro (einem der kleinen Busse) in die City und treffen uns mit den anderen Freiwilligen. Wir besuchen zwei der Mädchen in dem Apartment, wo sie untergebracht sind und gehen anschließend zusammen etwas essen, und zwar in ein wirklich gutes vegetarisches Restaurant, das „Condor“. Offenbar ist es ziemlich beliebt bei Backpackern, es werden sogar verschieden Treckingtouren in die umliegenden Berge angeboten, was ziemlich verlockend klingt. Allerdings meint Oscar, wir sollten lieber die Preise vergleichen, denn das „Condor“ sei recht touristisch ausgelegt.
Ausgehungert fallen wir über die Speisekarte her und bestellen soviel, dass der Kellner einen achten Stuhl dazustellt, auf dem er den Teller platziert, der auf dem Tisch keinen Platz mehr fand. Am Ende müssen wir sowieso fast alles teilen, denn jeder möchte mal die verschiedenen Empanadas con queso o con huevo, die zopa del dia und die gebackenen papas (Kartoffeln) kosten. Danach rollen wir zufrieden und pappsatt aus dem „Condor“ und Josh und ich treffen unsere Gastschwester Evangelina an der Bushaltestelle. Gemeinsam fahren wir zu den Mendietas zurück, leider klappt das mit dem Gespräch noch nicht so reibungslos, aber wir bemühen uns sehr, ihre Fragen zu verstehen und auch antworten zu können.

Morgen heißt es: Visaprozess starten, also müssen wir früh das Haus verlassen und zur Bank, zum Fotographen und zum Doktor gehen, um den ganzen Papierkram für den Migrationsantrag zu erhalten.

Ganz schön müde von dem Tag kuschele ich mich nach einer lauwarmen Dusche in meinen Schlafsack unter drei dicke Wolldecken und hoffe, in dieser Nacht nicht zu erfrieren.

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