Der Nachtbus ist unglaublich
komfortable! Selbst in Deutschland habe ich so etwas noch nie gesehen
und dementsprechend war man eher auf die Art Reisebus eingestellt,
die man von zuhause kennt. Aber in diesem Doppeldecker waren die
Sitze superbreit mit bequemen Armstützen und einer extra-weichen
Rückenlehne, die man fast bis in die Waagerechte zurückstellen
konnte. Außerdem eine breite Fußstütze, die direkt an den Sessel
anschloss – was will man also mehr?
Beim Herausfahren aus dem Parktplatz
schrammte der Bus nach den ersten Metern plötzlich lautstark an der
Ecke eines anderen Busses vorbei. Ich fuhr total erschrocken
zusammen, aber offensichtlich war das kein großes Problem, es schien
sich niemand um den kleinen Crash zu kümmern.
Die Fahrt aus La Paz heraus war bei
Einbruch der Dunkelheit ein echter Traum: wieder ein Meer aus
Lichtern soweit das Auge reichte, diesmal vom Boden aus betrachtet,
was beinahe noch eindrucksvoller war als aus der Vogelperspektive.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen,
die zwölf Stunden im Bus zu nutzen und endlich ein bisschen zu
lesen. Aber die Tatsache, dass man bei der Dunkelheit draußen die
holprige und kurvige Straße nicht sehen konnte, gefiel meinem
ohnehin ziemlich angeschlagenen Magen offenbar weniger gut. Deshalb
versuchte ich verzweifelt, die Übelkeit mit Schlaf zu bekämpfen,
denn ich wollte meinen Mitfreiwilligen nicht den gesamten Vorrat an
Reisetabletten wegfuttern. Es wurde ein Kampf, aber endlich konnte
ich wirklich einschlafen, was den Purzelbäumen in meinem Bauch ein
wenig Einhalt gebot.
Ein Stopp um halb eins nachts irgendwo
bei einer kleinen Raststätte – viele Straßenhunde auf dem
Busparkplatz, ein Waschbecken im Innenhof und fünf Grad über null.
Im Bus war es schon ziemlich kalt, doch als wir aus dem Bus
stolperten, war die Kälte wie ein Schlag ins Gesicht. Bloß schnell
wieder hinein in den Bus, in den noch warmen Schlafsack gekuschelt
und weitergeschlafen.
Als wir im Morgengrauen nach Sucre
einrollen, fallen zuerst die vielen vielen unfertigen Häuser im
Randbereich ins Auge: Berge von Sand und Geröll, Straßenhunde,
Baugruben, halb fertige Ziegelsteinbauten, wieder Straßenhunde... es
wirkt wie eine riesige Baustelle, von den berühmten weißen Gebäuden
ist noch nicht viel zu sehen.
Am der Busstation warten schon unsere
Gastmamas auf uns und wir werden herzlich in die Arme genommen. Mein
Gastbruder Josh und ich klettern zu Mama Vicenta in ein Taxi und
schon geht es los zum Haus der Familie Mendieta.
Es befindet sich ca. 10 Minuten
Autofahrt entfernt von Sucre City, im Bezirk Rumi Rumi. Rundherum
sind die meisten Häuser erst angefangen, überall sieht man
halbhohe, unverputzte Wände und offene Fensterlöcher. Auch das Haus
der Mendietas ist noch im Bau. Wir werden von der ältesten Tochter
Angela herzlich empfangen – Küsschen links, Küsschen rechts,
¿Como
estas?. Von der Eingangstür aus gelangt man direkt in Mama
Vicentas Nähwerkstatt, welche gleichzeitig eine Arte kleines
Wohnzimmer mit Couch und Tischchen darstellt. Von dort aus gelangt
man auch in einen Minikiosk, einem Tienda, den die Familie nebenbei
noch betreibt.
Etwas seltsam erscheint uns das Innere
des Hauses: es fehlt quasi eine Rückwand und ein halbes Stockwerk,
und auch die offenbar geplante Terrasse auf dem Dach ist noch eine
einzige Baugrube. Mein Zimmer geht zu einer Art Innenhof raus, der
aber durch keine Fenster von draußen abgegrenzt ist, was bedeutet,
dass der Wind ziemlich kalt durchzieht. Frisch verputze kahle Wände,
staubige Fliesen und die Tatsache, dass mein Zimmer außer einem Bett
und zwei Stühlen nichts enthält (weder eine kleine Ablage noch
einen Kleiderhaken), lässt das ganze etwas spartanisch wirken. Im
ersten Stock befindet sich ein großes Wohn- und Esszimmer,
Schlafzimmer der Gastgeschwister, ein weiteres kleines Bad und Joshs
Zimmer, was zwar ein wenig größer ist und ein Fenster richtig ins
Freie hat, aber trotzdem auch nur das Nötigste enthält. Zuerst bin
ich ein bisschen schockiert, da dieses Zimmer definitiv etwas von
Gefängniszellenathmosphäre besitzt, aber von Vicenta und von Oscar
erfahren wir später, dass demnächst ein kleiner Kleiderschrank und
noch ein Tischchen für die Zimmer gebracht werden, worüber ich mich
sehr freue, denn ein Jahr lang aus dem Koffer zu leben, wären nicht
die allerbesten Aussichten.
Im Gegensatz zu der spärlichen
Einrichtung und der Kälte, die sich aufgrund der fehlenden
Fensterscheiben im ganzen Haus verbreitet, sind die Gasteltern und
auch die beiden Töchter Angela und Evangelina sowie unser Gastbruder
Carlos sehr liebenswert und extrem freundlich und geduldig darum
bemüht, dass wir doch eine Konversation zustande bekommen, trotz der
großen sprachlichen Hindernisse unsererseits. Ich glaube, sie werden
uns sehr liebevoll in die Familie aufnehmen und vor allem Vicenta und
der Gastvater Oswaldo reden beinahe ununterbrochen auf uns ein,
erklären das Leben im Haus, die Umgebung, fragen uns Dinge von
Zuhause.... leider hapert es mit unseren Kommunikationsfähigkeiten
noch etwas, aber irgendwie schaffen wir es uns mit Händen, Füßen
und Wörterbuch zu verständigen.
Nach dem Frühstück aus schwarzem Tee,
pan blanco (pita-ähnlichem Weißbrot) und Marmelade gehen Josh und
ich auf eine kleine Erkundungstour um das Haus und die Straße herum.
Ein Stück die kleine Straße hinauf kommen wir zu eine größeren
Straße, die direkt ins Centrum von Sucre hineinführt. An der Ecke
des Mercado Evo Morales gibt es mehrere kleine Kioske und
Mini-Einkaufslädchen, unter anderem ein Internetcafe mit Computern,
die aussehen wie aus dem vergangenen Jahrzehnt. Die Internetnutzung
ist zwar sehr preiswert, allerdings ist das Internet auch extrem
langsam und skypen funktioniert leider nicht. Jedoch genügt es fürs
erste um den Zuhausegebliebenen ein Lebenszeichen zu senden.
Nach unserem kleinen Spaziergang
plaudern wir ein bisschen mit dem dreizehnjährigen Carlos, knuddeln
die Hündin der Familie Chiera (ein italienischer Name, den ich
vermutlich total falsch schreibe) und die Gastmama serviert ein
wirklich restauranttaugliches Mittagessen aus Pasta mit Salat und
selbstgemacht Sojabällchen mit Kräutern und
Tomaten-Paprika-Letschosoße. Superlecker!
Am Nachmittag kommt Oscar vorbei und
spricht gemeinsam mit uns und Vicenta über einige organisatorische
Dinge und dolmetscht die wichtigsten Sachen. Dann fahren Josh und ich
gemeinsam mit Oscar mit einem Micro (einem der kleinen Busse) in die
City und treffen uns mit den anderen Freiwilligen. Wir besuchen zwei
der Mädchen in dem Apartment, wo sie untergebracht sind und gehen
anschließend zusammen etwas essen, und zwar in ein wirklich gutes
vegetarisches Restaurant, das „Condor“. Offenbar ist es ziemlich
beliebt bei Backpackern, es werden sogar verschieden Treckingtouren
in die umliegenden Berge angeboten, was ziemlich verlockend klingt.
Allerdings meint Oscar, wir sollten lieber die Preise vergleichen,
denn das „Condor“ sei recht touristisch ausgelegt.
Ausgehungert fallen wir über die
Speisekarte her und bestellen soviel, dass der Kellner einen achten
Stuhl dazustellt, auf dem er den Teller platziert, der auf dem Tisch
keinen Platz mehr fand. Am Ende müssen wir sowieso fast alles
teilen, denn jeder möchte mal die verschiedenen Empanadas con queso
o con huevo, die zopa del dia und die gebackenen papas (Kartoffeln)
kosten. Danach rollen wir zufrieden und pappsatt aus dem „Condor“
und Josh und ich treffen unsere Gastschwester Evangelina an der
Bushaltestelle. Gemeinsam fahren wir zu den Mendietas zurück, leider
klappt das mit dem Gespräch noch nicht so reibungslos, aber wir
bemühen uns sehr, ihre Fragen zu verstehen und auch antworten zu
können.
Morgen heißt es: Visaprozess starten,
also müssen wir früh das Haus verlassen und zur Bank, zum
Fotographen und zum Doktor gehen, um den ganzen Papierkram für den
Migrationsantrag zu erhalten.
Ganz schön müde von dem Tag kuschele
ich mich nach einer lauwarmen Dusche in meinen Schlafsack unter drei
dicke Wolldecken und hoffe, in dieser Nacht nicht zu erfrieren.
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