Seit einer knappen Woche sind wir jetzt
schon in Bolivien und es kommt mir vor, als wäre erst gestern das
Flugzeug gelandet.
Bis gestern waren im Arrivalcamp in Huagchilla, was ca. eine Stunde Busfahrt von La Paz entfernt ist. Nach La Paz ging auch unser Flug und schon der Landeanflug war extrem beeindruckend. Morgens um halb fünf, das Land unter uns im Stockfinsteren nur zu erahnen, und plötzlich tauchte dort unten ein riesiges Lichtermeer auf, das sich scheinbar unendlich bis zum Horizont erstreckte.
Nach der Landung kam dann der erste
Schock für mich – die ca. 4000 m über dem Meeresspiegel wollte
mein Körper nicht akzeptieren, er klappte einfach zusammen. Ich
bekam keine Luft und meine Schläfen zogen sich zusammen, als würde
unendlicher Druck auf meinen Kopf wirken. Halb im Delirium taumelte
ich durch die Passkontrolle und musste mich dann erstmal setzen.
Zum Glück ließ diese erste Attacke nach ein paar Minuten etwas nach, damit ich mich auf den nächsten Schock konzentrieren konnte: meine Kraxe befand sich nicht auf dem Gepäckband, nur meine Reisetasche. Die nette Mitarbeiterin an dem kleinen Schalter fand heraus, dass mein geliebter Wanderrucksack mit den allermeisten meiner Klamotten, dem Schweizer Taschenmesser, Schlafsack und meinem Kulturbeutel wohl noch in London sei. Großartig.
Zum Glück ließ diese erste Attacke nach ein paar Minuten etwas nach, damit ich mich auf den nächsten Schock konzentrieren konnte: meine Kraxe befand sich nicht auf dem Gepäckband, nur meine Reisetasche. Die nette Mitarbeiterin an dem kleinen Schalter fand heraus, dass mein geliebter Wanderrucksack mit den allermeisten meiner Klamotten, dem Schweizer Taschenmesser, Schlafsack und meinem Kulturbeutel wohl noch in London sei. Großartig.
Ein kleiner Minibus wartete direkt vor
dem Flughafen auf uns, zusammen mit einem bolivianischen Mitarbeiter
des ICYE Bolivia, dem Partnerkommitee des ICJA (unserer
Entsendeorganisation), der uns in Empfang nahm. Das Gepäck wurde
nach Tetrisprinzip auf dem Dach gestapelt und recht
vertrauenerweckend verschnürt, während wir, also unsere
Freiwilligengruppe aus Deutschland bestehend aus 9 Leuten, in den
Minibus kletterten. Dort quetschten wir uns neben drei Freiwillige
aus Großbritannien, die auch mit ins Arrivalcamp fuhren.
Die Straße führte in Serpentinen aus
der Stadt heraus und als wir über eine Bergkante fahren, geht ein
staunendes „Ohhh“ durch den Bus. Ein atemberaubender Anblick auf
die felsigen, von der aufgehenden Sonne beschienenen Bergketten am
Horizont! Ganz weit entfernt sieht man sogar einen riesige
schneebedeckte Bergkuppe leuchten.
Im Camp angekommen sind wir positiv
überrascht von dem Gelände, das mit großem Garten mit bemalten
Tonkrügen, Blumentöpfen und geplasterten Wegen wunderschön
verträumt ist, im Gegensatz zu den meisten unfertigen, halb gebauten
Häusern in der Nähe. Es war anscheinend früher eine Art
Minikloster, weshalb überall katholische Slogans angemalt sind. Auch
eine der Frauen, die sich kulinarisch um uns kümmern, hat stets ein
hellblaues Nonnengewand an.
Die Zimmer und die Duschen sind sehr
einfach, aber ausreichend. Leider weiß man nie, ob man
glücklicherweise lauwarmes Wasser erwischt, oder ob man sich unter
Eiswasser stellt. Das ist vor allem morgens eine ziemliche
Überwindung, da die Temperaturen in der Nacht extrem absacken und
man sich bibbernd in den Schlafsack kuschelt.
Apropros Schlafsack – am nächsten
Morgen wurde zum Glück meine Kraxe mit allen wichtigen Sachen direkt
ins Camp gebracht, Aufatmen! (Soweit das möglich war bei der dünnen
Luft hier oben ;) )
Nach und trudeln im Camp noch insgesamt
noch 6 Freiwillige aus Österreich, der Schweiz, Großbritannien,
Japan und aus Frankreich ein. Kennenlernenspiele und hauptsächlich
entspanntes Quatschen und im Garten in der Sonne rumhängen, das sind
unsere Hauptbeschäftigungen während der ersten beiden Tage.
Leider macht sich die extreme Höhenlage
immer wieder bemerkbar, obwohl wir im Camp „nur“auf 3000 m über
dem Meeresspiegel sind. Flaues Gefühl im Magen, manchmal starke
Übelkeit und Presslufthammer-Kopfschmerzen sind bei fast allen
Freiwilligen an der Tagesordnung. Wir helfen uns gegenseitig aus mit
Buscopan, Kräuterschnaps und aufmunternden Ratschlägen. Und
natürlich mit Koka-Tee, die Wunderwaffe gegen die Höhenkrankheit.
Den Geruch der Kokablätter finde ich zwar nicht so berauschend und
auch der Aufguss ist nicht wirklich schmackhaft, aber wenn man sich
den Tee reinzwängt, dann beruhigt sich wirklich der Magen.
Im Camp sind wir ziemlich schnell
zusammengewachsen und man versteht sich mit allen Co-Freiwilligen
wirklich gut. Es macht Spaß, sich über seine Herkunftsländer
auszutauschen, über unsere Erwartungen an das Jahr in Bolivien und
miteinander die wenigen Brocken Spanisch zu teilen, die wir uns schon
angeeignet haben. Denn viele der anderen Freiwilligen sprechen auch
erst wenig bis gar kein Spanisch – zum Glück, denn bin ich nicht
die einzige (noch) Unwissende.
Die Tage bis Sonntag verfliegen sehr
schnell. Mitarbeiter des ICYE Bolivia erzählen uns verschiedenste
Dinge über die Geschichte und Geographie des Landes, wir haben eine
Sicherheitseinheit, wo besprochen wird, in welchen dunklen Gassen man
sicher nachts besser nicht aufhält und wie man seine Habseligkeiten
vor den Fängen von dreisten Kleinkriminellen bewahrt. Insgesamt war
das Arrivalcamp - keine Frage – sehr informativ, und durch die
viele Freizeit und die ständigen Pausen wegen verschiedenster
Mahlzeiten (Desayuno, Refrigerio, Almuerzo, Refrigerio, Cena) war man
nicht wirklich überfordert oder gar im Stress. Obwohl das
wahrscheinlich auch nicht schlecht war, denn so konnten wir uns
erstmal an das neue Klima, die Höhe und die neuen Menschen gewöhnen.
Und außerdem haben wir so direkt am Anfang das bolivianische
Zeitgefühl und den Tagesrhythmus kennenlernen dürfen – wenn 17.30
Uhr gesagt wird, dann bloß nicht unruhig werden, wenn es dreiviertel
sechs noch nicht losgeht, für eine kleine Runde Volleyball wird ja
noch Zeit sein. Unsere bolivianischen Betreuer erklären uns das zum
Glück von Anfang an und nehmen es auch selbst mit Humor.
Besonders schön fand ich den letzten
Abend, an dem die Mitarbeiter des ICYE Bolivia uns mit einer kleinen
Zeremonie offiziell willkommen geheißen haben - traditionelle Tänze
und Gebete zur Pacha Mama (der Mutter Erde) im Schneidersitz auf
einem kunterbunt gewebtem Tuch, Kokablätter und bolivianischer
Traubenschnaps, flackernde Windlichter und ein sehr spezielle Art von
Spiritualität, das alles machte mich sehr nachdenklich und ein
bisschen andächtig. Es fühlte sich sehr besonders an, auf diese
nahe und echte Art willkommen geheißen zu werden, so als wären wir
nun Teil einer Familie.
Eine wichtige Erkenntnis des
Arrivalcamps: „In Bolivia nothing is sure, but everything is
possible.“ Außerdem eines der wichtigsten Wörter, wenn man sich
noch nicht in ganzen Sätzen verständigen kann: papel higienico –
Toilettenpapier.
Am Sonntagmorgen hocken wir uns
abschließend in unseren Regionalgruppen zusammen, also alle
Freiwilligen, die in dieselbe Stadt gehen. Da das bei mir Sucre sein
wird, erfahren wir am Vormittag eine ganze Menge über die sogenannte
Ciudad Blanca (die Weiße Stadt) und über unsere Gastfamilien. Ich
werde zusammen mit Josh aus der UK in der Familie Mendieta
untergebracht sein und mit Jelena aus Deutschland zusammen im Projekt
Sayari Warmi arbeiten. Insgesamt sind wir 6 Freiwillige, die nach
Sucre gehen und das Schöne ist, dass wir irgendwie alle über die
Projekte oder die Wohnsituationen vernetzt sind. Da die Stadt sowieso
nicht extrem groß ist, wird es also hoffentlich nicht schwer sein,
sich ab und zu mal zu treffen. Das meinte auch unser Regionalreferent
Oscar, der selbst in Sucre lebt und alle Freiwilligen dort betreut
und mit ihnen in Kontakt steht. Eine Monsteraufgabe, wenn man
bedenkt, dass er allein für uns alle, die Gastfamilien und die
Projekte zuständig ist! Dafür macht er einen extrem entspannten
Eindruck.
Nach dem Zusammenpacken gibt es noch
ein Abschiedsgruppenbild und dann klettern wir in einen Bus, der uns
holpernd in Richtung La Paz bringt. Zwei- oder dreimal machen wir
einen kurzen Stopp und „werfen“ die Freiwilligen raus, die in La
Paz bleiben und bereits von ihren Gastfamilien erwartet werden. Ich
hatte gedacht, wir hätten ein paar Minütchen länger um uns zu
verabschieden, aber so wurde das ganz kurz und schmerzlos abgewickelt
- „Wir sehen uns im November!“ (wahrscheinlich zu einem
freiwilligen Extra-Zwischencamp)
Für uns verbliebene Sucre-Freiwilligen
war dann Endstation im Buszentrum in La Paz. Wir schleppten unsere
Rucksäcke und Koffer in eine riesige Wartehalle, wo vorn viele viele
Kartenhäuschen, scheinbar von Busunternehmen, hintereinander standen
und davor Menschen, die im Marktschreier-Stil die verschiedenen
Busverbindungen durch die Gegend riefen, um Kunden anzuwerben.
Außerdem war mitten in der Wartehalle eine große Leinwand
angebracht, vor der Bankreihen standen und auf der tonlos eine Art
bolivianische Pannenshow lief – als Unterhaltung für die dort
Wartenden. Schräge Idee, aber die Bänke waren nie vollständig leer
und zugegebenermaßen war es schon recht witzig anzusehen.
So schlugen wir die Wartezeit tot,
schlenderten an Minikiosken und Dulcerias vorbei, bis es an der Zeit
war, in den Nachtbus nach Sucre zu steigen.
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