Mittwoch, 31. August 2016

Impressionenflut - Die erste Woche in Bolivien

Seit einer knappen Woche sind wir jetzt schon in Bolivien und es kommt mir vor, als wäre erst gestern das Flugzeug gelandet.

Bis gestern waren im Arrivalcamp in Huagchilla, was ca. eine Stunde Busfahrt von La Paz entfernt ist. Nach La Paz ging auch unser Flug und schon der Landeanflug war extrem beeindruckend. Morgens um halb fünf, das Land unter uns im Stockfinsteren nur zu erahnen, und plötzlich tauchte dort unten ein riesiges Lichtermeer auf, das sich scheinbar unendlich bis zum Horizont erstreckte.
Nach der Landung kam dann der erste Schock für mich – die ca. 4000 m über dem Meeresspiegel wollte mein Körper nicht akzeptieren, er klappte einfach zusammen. Ich bekam keine Luft und meine Schläfen zogen sich zusammen, als würde unendlicher Druck auf meinen Kopf wirken. Halb im Delirium taumelte ich durch die Passkontrolle und musste mich dann erstmal setzen.
Zum Glück ließ diese erste Attacke nach ein paar Minuten etwas nach, damit ich mich auf den nächsten Schock konzentrieren konnte: meine Kraxe befand sich nicht auf dem Gepäckband, nur meine Reisetasche. Die nette Mitarbeiterin an dem kleinen Schalter fand heraus, dass mein geliebter Wanderrucksack mit den allermeisten meiner Klamotten, dem Schweizer Taschenmesser, Schlafsack und meinem Kulturbeutel wohl noch in London sei. Großartig.

Ein kleiner Minibus wartete direkt vor dem Flughafen auf uns, zusammen mit einem bolivianischen Mitarbeiter des ICYE Bolivia, dem Partnerkommitee des ICJA (unserer Entsendeorganisation), der uns in Empfang nahm. Das Gepäck wurde nach Tetrisprinzip auf dem Dach gestapelt und recht vertrauenerweckend verschnürt, während wir, also unsere Freiwilligengruppe aus Deutschland bestehend aus 9 Leuten, in den Minibus kletterten. Dort quetschten wir uns neben drei Freiwillige aus Großbritannien, die auch mit ins Arrivalcamp fuhren.
Die Straße führte in Serpentinen aus der Stadt heraus und als wir über eine Bergkante fahren, geht ein staunendes „Ohhh“ durch den Bus. Ein atemberaubender Anblick auf die felsigen, von der aufgehenden Sonne beschienenen Bergketten am Horizont! Ganz weit entfernt sieht man sogar einen riesige schneebedeckte Bergkuppe leuchten.

Im Camp angekommen sind wir positiv überrascht von dem Gelände, das mit großem Garten mit bemalten Tonkrügen, Blumentöpfen und geplasterten Wegen wunderschön verträumt ist, im Gegensatz zu den meisten unfertigen, halb gebauten Häusern in der Nähe. Es war anscheinend früher eine Art Minikloster, weshalb überall katholische Slogans angemalt sind. Auch eine der Frauen, die sich kulinarisch um uns kümmern, hat stets ein hellblaues Nonnengewand an.
Die Zimmer und die Duschen sind sehr einfach, aber ausreichend. Leider weiß man nie, ob man glücklicherweise lauwarmes Wasser erwischt, oder ob man sich unter Eiswasser stellt. Das ist vor allem morgens eine ziemliche Überwindung, da die Temperaturen in der Nacht extrem absacken und man sich bibbernd in den Schlafsack kuschelt.
Apropros Schlafsack – am nächsten Morgen wurde zum Glück meine Kraxe mit allen wichtigen Sachen direkt ins Camp gebracht, Aufatmen! (Soweit das möglich war bei der dünnen Luft hier oben ;) )

Nach und trudeln im Camp noch insgesamt noch 6 Freiwillige aus Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Japan und aus Frankreich ein. Kennenlernenspiele und hauptsächlich entspanntes Quatschen und im Garten in der Sonne rumhängen, das sind unsere Hauptbeschäftigungen während der ersten beiden Tage.

Leider macht sich die extreme Höhenlage immer wieder bemerkbar, obwohl wir im Camp „nur“auf 3000 m über dem Meeresspiegel sind. Flaues Gefühl im Magen, manchmal starke Übelkeit und Presslufthammer-Kopfschmerzen sind bei fast allen Freiwilligen an der Tagesordnung. Wir helfen uns gegenseitig aus mit Buscopan, Kräuterschnaps und aufmunternden Ratschlägen. Und natürlich mit Koka-Tee, die Wunderwaffe gegen die Höhenkrankheit. Den Geruch der Kokablätter finde ich zwar nicht so berauschend und auch der Aufguss ist nicht wirklich schmackhaft, aber wenn man sich den Tee reinzwängt, dann beruhigt sich wirklich der Magen.

Im Camp sind wir ziemlich schnell zusammengewachsen und man versteht sich mit allen Co-Freiwilligen wirklich gut. Es macht Spaß, sich über seine Herkunftsländer auszutauschen, über unsere Erwartungen an das Jahr in Bolivien und miteinander die wenigen Brocken Spanisch zu teilen, die wir uns schon angeeignet haben. Denn viele der anderen Freiwilligen sprechen auch erst wenig bis gar kein Spanisch – zum Glück, denn bin ich nicht die einzige (noch) Unwissende.

Die Tage bis Sonntag verfliegen sehr schnell. Mitarbeiter des ICYE Bolivia erzählen uns verschiedenste Dinge über die Geschichte und Geographie des Landes, wir haben eine Sicherheitseinheit, wo besprochen wird, in welchen dunklen Gassen man sicher nachts besser nicht aufhält und wie man seine Habseligkeiten vor den Fängen von dreisten Kleinkriminellen bewahrt. Insgesamt war das Arrivalcamp - keine Frage – sehr informativ, und durch die viele Freizeit und die ständigen Pausen wegen verschiedenster Mahlzeiten (Desayuno, Refrigerio, Almuerzo, Refrigerio, Cena) war man nicht wirklich überfordert oder gar im Stress. Obwohl das wahrscheinlich auch nicht schlecht war, denn so konnten wir uns erstmal an das neue Klima, die Höhe und die neuen Menschen gewöhnen. Und außerdem haben wir so direkt am Anfang das bolivianische Zeitgefühl und den Tagesrhythmus kennenlernen dürfen – wenn 17.30 Uhr gesagt wird, dann bloß nicht unruhig werden, wenn es dreiviertel sechs noch nicht losgeht, für eine kleine Runde Volleyball wird ja noch Zeit sein. Unsere bolivianischen Betreuer erklären uns das zum Glück von Anfang an und nehmen es auch selbst mit Humor.
Besonders schön fand ich den letzten Abend, an dem die Mitarbeiter des ICYE Bolivia uns mit einer kleinen Zeremonie offiziell willkommen geheißen haben - traditionelle Tänze und Gebete zur Pacha Mama (der Mutter Erde) im Schneidersitz auf einem kunterbunt gewebtem Tuch, Kokablätter und bolivianischer Traubenschnaps, flackernde Windlichter und ein sehr spezielle Art von Spiritualität, das alles machte mich sehr nachdenklich und ein bisschen andächtig. Es fühlte sich sehr besonders an, auf diese nahe und echte Art willkommen geheißen zu werden, so als wären wir nun Teil einer Familie.

Eine wichtige Erkenntnis des Arrivalcamps: „In Bolivia nothing is sure, but everything is possible.“ Außerdem eines der wichtigsten Wörter, wenn man sich noch nicht in ganzen Sätzen verständigen kann: papel higienico – Toilettenpapier.

Am Sonntagmorgen hocken wir uns abschließend in unseren Regionalgruppen zusammen, also alle Freiwilligen, die in dieselbe Stadt gehen. Da das bei mir Sucre sein wird, erfahren wir am Vormittag eine ganze Menge über die sogenannte Ciudad Blanca (die Weiße Stadt) und über unsere Gastfamilien. Ich werde zusammen mit Josh aus der UK in der Familie Mendieta untergebracht sein und mit Jelena aus Deutschland zusammen im Projekt Sayari Warmi arbeiten. Insgesamt sind wir 6 Freiwillige, die nach Sucre gehen und das Schöne ist, dass wir irgendwie alle über die Projekte oder die Wohnsituationen vernetzt sind. Da die Stadt sowieso nicht extrem groß ist, wird es also hoffentlich nicht schwer sein, sich ab und zu mal zu treffen. Das meinte auch unser Regionalreferent Oscar, der selbst in Sucre lebt und alle Freiwilligen dort betreut und mit ihnen in Kontakt steht. Eine Monsteraufgabe, wenn man bedenkt, dass er allein für uns alle, die Gastfamilien und die Projekte zuständig ist! Dafür macht er einen extrem entspannten Eindruck.

Nach dem Zusammenpacken gibt es noch ein Abschiedsgruppenbild und dann klettern wir in einen Bus, der uns holpernd in Richtung La Paz bringt. Zwei- oder dreimal machen wir einen kurzen Stopp und „werfen“ die Freiwilligen raus, die in La Paz bleiben und bereits von ihren Gastfamilien erwartet werden. Ich hatte gedacht, wir hätten ein paar Minütchen länger um uns zu verabschieden, aber so wurde das ganz kurz und schmerzlos abgewickelt - „Wir sehen uns im November!“ (wahrscheinlich zu einem freiwilligen Extra-Zwischencamp)

Für uns verbliebene Sucre-Freiwilligen war dann Endstation im Buszentrum in La Paz. Wir schleppten unsere Rucksäcke und Koffer in eine riesige Wartehalle, wo vorn viele viele Kartenhäuschen, scheinbar von Busunternehmen, hintereinander standen und davor Menschen, die im Marktschreier-Stil die verschiedenen Busverbindungen durch die Gegend riefen, um Kunden anzuwerben. Außerdem war mitten in der Wartehalle eine große Leinwand angebracht, vor der Bankreihen standen und auf der tonlos eine Art bolivianische Pannenshow lief – als Unterhaltung für die dort Wartenden. Schräge Idee, aber die Bänke waren nie vollständig leer und zugegebenermaßen war es schon recht witzig anzusehen.

So schlugen wir die Wartezeit tot, schlenderten an Minikiosken und Dulcerias vorbei, bis es an der Zeit war, in den Nachtbus nach Sucre zu steigen.


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