Mittwoch, 12. Juli 2017

Caminata a Maragua – Eine Wochenendwanderung zum Krater Maragua

Dieses Wochenende haben wir es endlich geschafft, mein Geburtstagsgeschenk zu realisieren – eine zweitägige Wanderung zum Meteoritenkrater Maragua westlich von Sucre im Department Chuquisaca. 
Maragua ist hier in Sucre allbekannt, denn viele Reiseagenturen bieten Ausflüge zum Krater an. Da wir Freiwilligen aber sowieso viele Wanderungen und Aktivitäten mit unserem Lokalkoordinator Oscar unternehmen, der in Sucre und Umgebung quasi jeden Stein und jeden Grashalm kennt, konnten wir einfach gemeinsam mit ihm losziehen und mussten uns nicht einer dieser geführten Touren anschließen, bei denen meistens kaum ein Tourist Spanisch spricht und alle paar Minuten für ein Gruppenfoto angehalten werden muss, was ich immer sehr wertschätze, denn auf diese Art lernt man auch die Umgebung und vor allem die Menschen, auf die man beim Wandern trifft, auf eine viel nähere und ehrlichere Art kennen als mit einer Gruppe Blitzlichtgewitter-Gringos.

Am Samstagmorgen treffen wir uns also mit Bernadette, Jelena und Oscar, unseren weiteren Mitfreiwilligen, die mir die Tour mit geschenkt hatten, sind leider auf Reisen, weshalb wir nur zu viert losgezogen sind. Mein Rucksack ist gepackt mit Äpfeln, Brot, Erdnussbutter, viel Wasser und natürlich mehreren dicken Pullis, meiner Strickmütze, Wollsocken und den kuscheligen Alpakahandschuhen, denn auf mehr als 3000 m Höhe wird es im bolivianischen Winter nachts meist sehr kalt, wie wir es seit den letzten Wochen schon in Sucre zu spüren bekommen.

Wir suchen uns ein Taxitrufi (eine Art großes Taxi mit drei oder vier Sitzreihen, auf die man sich gemeinsam mit möglichst vielen Leuten quetscht) und müssen aber noch eine ganze Weile warten, denn die Taxitrufis fahren erst los, wenn sich genug Menschen gefunden haben, bis das Trufi voll besetzt ist. Um die Zeit zu überbrücken, lassen wir uns Papas Rellenas schmecken, eine äußert leckere lokale Spezialität, quasi eine gekochte mit Käse gefüllte Kartoffel. Dann geht es endlich los und wir fahren ca. eineinhalb Stunden vorbei am Dorf Chataquila bis nach Chaunaca, von wo aus unsere Wanderung startet.
Wir laufen die meiste Zeit eine sandig-holprige Piste entlang, die auch die wenigen Transportmittel, meist Mopeds oder Minibusse, nehmen, um ins Dorf Maragua zu gelangen, aber es ist in den reichlich dreieinhalb oder vier Stunden so gut wie gar kein Verkehr. Zwei oder dreimal weichen wir auf einen gerölligen, sich sehr steil im Berg hinaufschlängelnden Trampelpfad aus, um ein oder zwei Serpentinenkurven der Fahrstraße abzukürzen. Ab und zu steht eine Kuh auf dem Weg oder wir laufen an einer kleinen Herde ausgemerkelter Ziegen vorbei. 




Der Weg geht hinauf und hinunter und hinauf, bis wir schließlich, nach langen Blicken auf hoch aufragende ausgedörrte Felsen und wunderschön verschiedenstfarbige Gesteinsschichten, um die letzte Wegbiegung kommen und endlich auf den ca. 8 km breiten Krater namens Maragua blicken, in welchem das gleichnamige Dörfchen liegt. Die Kraterwänder, die diese kleine Hochebene einschließen, bestehen aus den verschiedensten Farben von tiefmagenta über senfiges sandgelb und indigoblau bis zu strahlendem türkisgrün und diese verschiedenen Materialschichten sind in einer Art Eierhalbschalenmuster angeordnet, sodass es fast aussieht, als sei der Krater von unten Schicht für Schicht an den Rändern halbkreisförmig nach oben gewachsen. Im warmen orangeroten Abendsonnenlicht wirkt die Szenerie noch beeindruckender.







Wir schlendern die Straße hinunter dem kleinen Dorf entgegen und treffen am ersten Haus noch auf ein Pärchen aus Sachsen, die sich in Chile eine Art Jeep mit hinten aufgesetztem Wohncontainer gekauft haben, jetzt damit durch Bolivien fahren und die es auch hierher ins Nirgendwo verschlagen hat. Denn dort sind wir scheinbar angekommen, im Nirgendwo hier in Maragua, denn außer einem kleinen Centro de la Salud, einem Mini-Hostel mit Holztür ohne Türklinke oder Klingel, einer Art langem Mehrzweckgebäude (höchstwahrscheinlich eine Grundschule), keine erkennbare Tienda oder Einkaufsmöglichkeit und einer Handvoll einfacher einstöckiger Häuser, teilweise mit Lehmwänden und Strohdach, gibt es hier wirklich nicht viel, das Dörfchen wirkt fast wie ausgestorben, nur ein alter Mann sitzt vor seinem Hauseingang, eine Herde Schafe ist in der Ferne zu sehen und ein Schwarm grüner Loros fliegt über uns davon. Ein bisschen wie ausgestorben. Ich hatte eigentlich gedacht, es gäbe hier Spuren von Tourismus, da diese Touren ja in Sucre so hoch gelobt werden, doch scheinbar bringen die Reiseagenturen ihr komplettes Equipment mit, denn hier im Dorf gibt es quasi keine existierende Versorgungs- oder Tourismusinfrastruktur. 




Lange klopfen wir an die Holzpforte des Hostels und werden schließlich von zwei Kindern in das kleine Hostel gelassen, es ist nicht sehr sauber, aber wir haben natürlich unsere Schlafsäcke dabei und ein kleine Küche zum Tee kochen gibt es auch.
Womit wir leider bei einem echten Problem wären – momentan gibt es kein Wasser in Maragua, niemand hat fließend Wasser und auch Vorräte in Regenwassertanks gibt es nicht viele. Niemand kann uns so wirklich sagen, ob und wann das Wasser wiederkommt, die Kühe, Schafe, Ziegen und Esel aus dem Dorf trinken aus dem dreckigen, vermüllten Rinnsal, das in der Regenzeit sicher ein stattlicher Fluss wird, nur momentan ist er quasi vollkommen trocken bis auf ein paar brackige Pfützen.
Nach einer Weile machen wir ein Haus ausfindig, das offenbar einen kleinen Kiosk im Hinterraum hat. Draußen sitzt die Familie beim Feuer und schmort ein Tier und als wir uns nähern, um nach Wasser zu fragen, kommt prompt die Antwort von einem vielleicht 12 oder 13jährigen Mädchen: „Die Mama ist betrunken, kein Verkauf heute.“, als sei dies das Selbstverständlichste auf der Welt. Schließlich können wir sie aber zum Glück überzeugen, uns Trinkwasser in großen Flaschen zu verkaufen, denn unser Wasser ist beträchtlich zur Neige gegangen.
Hier auf dem Land haben die Menschen sicherlich kein leichtes Leben, auch wenn es mal Wasser gibt. Ich bin geschockt, aber auch tief beeindruckt, wie diese Menschen hier leben mit nur dem Allernötigsten, wie sie versuchen, aus ihrem dörren Boden etwas Mais und Kartoffeln herauszuholen und die Tiere quasi ihre Lebensversicherung sind und eigentlich keinerlei Kontakt zur Stadt haben, keine Zeitung geschweigedenn Fernsehen, höchstens vielleicht ein kleines Radio, falls es mal Empfang gibt. Nachrichten werden es wohl eher schwer haben, bis hier her durchzudringen, aber Oscar sagt, dass die Menschen hier sowieso mit ihren eigenen Existenzproblemen zu kämpfen haben.

Ganz schnell wird es dunkel und mit dem Verschwinden der Sonne zieht auch eine ziemliche Kälte an. An einem wackeligen groben Holztisch im Hostel machen wir es uns gemütlich und schwatzen lange bei heißem Tee, Brot, Salz, Tomaten, Möhren und Erdnüssen. Der kalte, glatte Steinboden schreit geradezu danach, eine Tanzfläche zu sein, weshalb Jelena und ich uns nach dem Abendbrot noch ein bisschen warm tanzen. Dann gehen wir nocheinmal raus, um den wunderschönen Sternenhimmel und vor allem den unglaublich strahlend hellen Vollmond anzuschauen, der die Kraterwände in grelles, kaltes Licht taucht. Es ist vollkommen still, nur aus der Ferne hört man heiseres Hundegebäll.
Wenig später kuscheln wir uns in die Betten und einmal mehr bin ich überglücklich über meinen wunderbaren warmen Daunenschlafsack, in dem ich die Nacht ohne großes Frieren verbringe.

Am nächsten Morgen ist es immer noch sehr frisch draußen, aber trotzdem frühstücken wir im Freien mit Blick auf die morgensonnenbeschienenen Felder, eingemummelt in Jacke und Mütze.
Dann packen wir fix die Rucksäcke zusammen, verabschieden uns von den beiden Kindern, die uns ins Hostel gelassen haben (scheinbar sind ihre Eltern nicht da, nur eine ältere Frau steht still etwas abseits und beobachtet uns) und wir stapfen los in Richtung „Garganta del diablo“ („Der Hals/Die Kehle des Teufels“), was eine Art kleines Tal ist, von dem aus wir auf eine lange Anhöhe auf der einen Seite des Kraters klettern, über trockenes Geröll und zwischen stacheligen Büschen entlang, bis wir von oben einen wunderschönen Blick über den gesamten Krater haben und einmal mehr das Farbenspiel der verschieden Erdschichten bewundern können. Weiter unten rasten wir an einem Wasserfall, der ca. 40 Meter in die Tiefe geht, aber momentan in der Trockenzeit nur ein kleines Bächlein ist, das sich nach unten stürzt.









Wir machen uns gegen Mittag auf den Rückweg, die Sandpiste hinauf hinaus aus dem Krater, aber nach einiger Zeit in der nun wieder brennenden Sonne merken wir, dass uns langsam das Trinkwasser knapp wird.... weiter unter uns liegt ein kleines Fußballfeld bevölkert mit Menschen, die sich ein sonntagnachmittägliches Spiel ansehen oder selbst mitspielen. Es gibt eine ganze Reihe Minibusse, doch laut eines Señors, den wir auf dem Weg treffen, fahren diese Busse erst wieder zurück Richtung Sucre, wenn das Spiel vorbei ist. Nachmittags um fünf. Wir haben also keine Chance, als durstig weiter dem staubigen Weg zu folgen. An einem kleinen Haus am Wegesrand treffen wir auf eine sehr nette ältere Señora, die uns zwei Tassen Wasser aus ihrem eigenen kläglichen Vorrat abgibt, was für eine unglaubliche Freundlichkeit. Wenig später erspähen wir dann zum Glück (!!!) eine richtige Tienda, wo wir Wasser kaufen können. Ich bin sehr erleichtert, denn schon beim Gedanken daran, weitere drei Stunden ohne Wasser in der brennenden Sonne laufen zu müssen, wurde mit schummerig vor den Augen. So wird mir einmal mehr mit Nachdruck bewusst, wie elementar und unglaublich wichtig doch Wasser ist. Was würden wir nur tun, wenn wir immer in so ungewissen Situationen leben würden, mal gibt es Wasser, mal gibt es keins. Ich bewundere die Menschen, die so leben, für ihre Stärke und ihr Durchhaltevermögen und bin doch gleichzeitig wirklich sehr froh, nicht in einem solch abgeschnittenen Fleckchen Erde zu leben, in einer solchen Unsicherheit und Abgeschiedenheit.



Mit neuer Energie wandern wir weiter und nach einer Weile überholt uns tatsächlich schon ein kleiner Bus, der noch Platz hat und wir steigen dankbar ein.
Bis zur Straße nach Sucre ist es eine reichliche Stunde, zwischendurch halten wir an einem kleinen Bächlein an und beinahe alle Passagiere klettern heraus, um kurz durchzuatmen und das Gesicht im eiskalten Bachwasser abzukühlen.
Vom Dorf Chataquila an der großen asphaltierten Straße aus heißt es dann wieder einmal Trampen, und prompt nimmt uns auch ein kleines Multicar hinten auf der Ladefläche mit. Diese Fahrten habe ich am liebsten, wenn man hinten auf einem Jeep oder Minilaster mitfahren kann, der kalten Wind von vorn ins Gesicht peitscht und die Haare wild herumfliegen und von hinten die Sonne auf den Rücken brennt.


Wieder zurück in Sucre bin ich froh über das Wasser aus dem Wasserhahn, aber gleichzeitig aus sehr froh, diese Wanderung gemacht zu haben, denn landschaftlich ist der Krater Maragua eine wirkliche Perle, mit jeder Stunde, die verändertes Sonnenlicht bringt, scheinen die Gesteins- und Sandfarben anders. Aber auch die Möglichkeit, dass kleine Dorf inmitten des Kraters zu besuchen, ohne jegliche Spur von Tourismus, sondern vollkommen pur, hat mir wieder einmal gezeigt, wie wenig man in Wirklichkeit zum Leben braucht und wir sehr wir doch manchmal vergessen, die Dinge, die wir haben, wertzuschätzen, vor allem aber die Verfügbarkeit von trinkbarem Wasser.

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