Montag, 10. Juli 2017

Endlich zurück im Projekt

Seit ungefähr vier Wochen bin ich jetzt zurück im Projekt und habe festgestellt, dass viele Dinge gleich geblieben sind, aber sich doch einiges verändert hat.

Eine große Konstante, die mir auch den Wiedeereinstieg enorm erleichtert hat, sind schlicht und einfach die Kinder, die zum Essen in den Comedor und zur Hausaufgaben- und Freizeitbetreuung kommen. Als ich den ersten Morgen wieder im Barrio Bolivia ankam, kamen sie mir schon entgegengelaufen, denn viele von ihnen wohnen direkt in diesem Stadtteil, wo auch unser Comedor ist, und haben mich total strahlend begrüßt und mich regelrecht bestürmt. Das war ein sehr schönes Gefühl, zu wissen, dass sie mich nicht vergessen haben und wir haben direkt eine Runde Fußball gespielt und uns dann über ihre Hausaufgaben hergemacht. Jedoch gab es zum Ende des Schuljahres eher weniger in der Schule auf, weshalb wir auch mit den Kindern weniger ernsthafte Arbeit hatten als vielmehr Freiraum für z.B. Mini-Englischunterricht, (Lern-)Lieder einstudieren („Head, shoulders, knees and toes“) oder einfach zum Herumtoben draußen und Fußball spielen.

Eine große Veränderung ist aber auf jeden Fall das „Freiwilligenpersonal“, denn wir sind jetzt nicht mehr nur zu zweit im Projekt (Jelena und ich hatten ja gemeinsam im Sayari Warmi – Levantate Mujer gearbeitet), sondern wir sind nun quasi dreieinhalb Mädchen, denn Sophia, die zusammen mit uns im August aus Deutschland kam, ist für zwei bis drei Tage pro Woche dazugestoßen und auch eine „neue“ Freiwillige, Olivia aus Großbritannien, arbeitet nun auch mit uns zusammen.

Wahrscheinlich auch aus diesem Grund, da wir jetzt wesentlich mehr Leute sind, gehen wir auch wieder für jeweils zwei Tage die Woche in den Kindergarten in den Stadtteil Villa Margerita, wo Jelena und ich bereits letztes Jahr für eine Weile hingingen, aber dann darum gebeten hatten, lieber nur mit den größeren Kindern arbeiten zu können, denn zu ihnen wäre außer uns niemand gegangen, eine regelmäßige Betreuung (die nicht die Freiwilligen betrifft) gibt es für die älteren Kinder im Barrio Bolivia bis heute nicht. Wir hatten uns damals im September/Oktober auch nicht wohl gefühlt im Kindergarten, weil es sehr schwierig war, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen, mit den Kindern zu arbeiten und vor allem auch die Erzieherinnen zu verstehen.
Doch jetzt fühlen wir uns sehr willkommen in dem Kindergarten und haben einen wirklich guten Draht zu den Educadoras gefunden. Die Kinder sind zwar immer noch oft sehr anstrengend und nach einem Tag in der Guarderia ist man quasi „knülle“, denn sie machen weder Mittagsschlaf noch eine kleine Mittagsruhe, was sie vor allem am Nachmittag entweder sehr aufgedreht werden lässt, oder sie schlafen beim Essen oder auf dem Stuhl beim Malen ein. Trotzdem gefällt es mir gut dort, denn sie machen jeden Tag verschiedene Vorschulaktivitäten, lernen bestimmte Formen zeichnen und erkennen, Schuhe binden, zählen, die Wochentage und vieles mehr.
Im Moment führen wir gerade eine Evaluation mit jedem Kind einzeln durch, das bedeutet, dass sich die Kinder einer Art kleinen Prüfung unterziehen müssen um ihren Leistungsstand zu testen. Dies geschieht jedes Semester im Kindergarten und wird für jedes Kind in einer Mappe dokumentiert. Sie müssen zum Beispiel bestimmte Figuren möglichst akkurat ausschneiden, ihre Eltern zeichnen, auf einem Bein eine Linie entlanghüpfen, einen Ball prellen, puzzeln, einen Schuh mit Schleife zubinden, mit Messer und Gabel ein Brot zerschneiden und viele andere Dinge.
Diese Idee, zu testen, wie sich die Kinder jedes halbe Jahr weiterentwickeln, finde ich sehr gut, denn man sieht meistens doch Fortschritte und auch den Kindern wird das gezeigt. Allerdings wird mir so einmal mehr klar, auf welch unterschiedlichen Leistungsniveaus sich die Kinder eigentlich befinden. Einige Vier- oder sogar Fünfjährige können weder ein Gesicht mit Augen, Nase & Mund zeichen, noch wissen, wo sie wohnen oder wie alt sie sind. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch ein oder zwei dreijährige Kinder, die schon total fit mit einer Schere umgehen können und im Handumdrehen mehrere Knoten mit Schleife hintereinander binden.
Die Educatoras sagen, dass die Kinder einfach oft aus sehr schwierigen Familienverhältnissen kommen und das spürt man in dem Kindergarten wirklich sehr. Mit einigen Kindern wird zuhause einfach nicht viel gesprochen, sie haben sehr viele Geschwister die auch Aufmerksamkeit brauchen oder die Eltern können weder Lesen noch Schreiben, was in diesem Stadtteil Villa Margerita quasi die Regel ist. Das macht mir einmal mehr deutlich, dass es absolut nicht selbstverständlich ist, dass man mit 6 Jahren schon bereit ist, um in die Schule zu gehen, denn oftmals stellen schon einfachste Dinge wie Farben erkennen ein Problem dar. Wieder einmal wird mir klar, was für ein Glück wir doch hatten, in unseren wohlbehüteten mitteleuropäischen Akademikerfamilien mit einer umfassenden frühkindlichen Allgemeinbildung aufzuwachsen, die ich bis dahin auch nie so wertgeschätzt habe wie jetzt, wo wir sehen, dass es eben nicht selbstverständlich ist, so groß gezogen zu werden.

Generell macht mir auch die Arbeit im Kindergarten Spaß, denn auch mit den kleinsten Kindern kann man Fortschritte sehen, wenn auch nur im Kleinen, denn es braucht unglaublich viel Geduld, einem dreijährigen Mädchen beizubringen, eine Schleife zu binden, wenn es partout die zwei Fäden nicht voneinander unterscheiden kann und viel lieber dem Nebenmann einen Bauklotz an den Kopf knallt. In diesen letzten Wochen habe ich sehr stark gemerkt, dass die Arbeit mit Kindergartenkindern für mich persönlich sehr anstrengend ist und weniger erfüllend, als mit den älteren Kindern zu arbeiten, denn solange sie noch nicht richtig essen können, keinen geschlossenen Kreis malen können und eigentlich Hilfe bei allem brauchen, ist es für mich einfach eine sehr kräfte- und nervenzehrende Angelegenheit. Viel lieber bin ich mit den älteren Schulkindern zusammen, die eben bereits die Basics beherrschen und es somit die Möglichkeit gibt, auf einer ganz anderen intellektuellen Ebene Zeit miteinander zu verbringen, ihnen bei Mathe- oder Englischaufgaben zu helfen, ohne sie füttern oder auf die Toilette begleiten zu müssen.
Das mag hart klingen, aber ich glaube, dass es sehr wichtig ist, für sich selbst herauszufinden, mit welcher Altersgruppe man am besten zurechtkommt und ob soziale Arbeit überhaupt etwas für einen ist. Am Anfang dachte ich immer, ich käme am besten mit den Kindergartenkindern klar, denn ich hatte die Kleinen in Deutschland in einer Sportgruppe, aber wenn man jeden Tag sieben bis acht Stunden in einem Kindergarten verbringt, merkt man ersteinmal am eigenen Leib, wie kräfteraubend dies sein kann. Jetzt weiß ich einfach aus Erfahrung, dass mir die Arbeit mit Älteren weit mehr Freude bereitet und ich dahinein auch mehr Energie und Enthusiasmus stecken kann, und dies ist, glaube ich, eine sehr wichtige Erkenntnis.


Nichtsdestotrotz bin ich sehr froh, diese Arbeit ebenfalls auszuprobieren und jeden Tag passieren ja trotzdem schöne Dinge in dem Kindergarten der Villa Margerita, wie zum Beispiel, wenn wir mit den Kindern gemeinsam „Und ich flieg, flieg, flieg wie ein Flieger“ tanzen, plötzlich die ganze Gruppe auf mich hört, wenn ich sage, dass wir uns alle in einer Reihe zum Hände waschen anstellen oder wenn der kleine Jaime einen ganzen Vormittag lang nicht weint. Kleine Erfolgserlebnisse wiegen manchmal einfach mehr auf als man glauben mag.


Die Kinder aus der Guarderia zusammen mit mir im sonnigen Innenhof



 Auch in der Guarderia bei ein paar kurzen Minuten zum Durchschnaufen mit den Kindern

Janette, Glisber, Marie Sol, Lurdis, Juliana und Erika (v.l.n.r.)
aus dem Barrio Bolivia  

Der Weg zu unserem kleinen Comedor Popular



Meine Mitfreiwillige Jelena zusammen mit Janette, Juliana, Lurdis und einem unserer
zahreichen vierbeinigen Mitbewohner im Barrio Bolivia

...und noch ein paar kleine Gefährten, die ganz in der Nähe unseres Projekts wohnen.

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