Samstag, 18. Februar 2017

Chuchini - Ein wildes Naturparadies im Amazonas

Wir fahren in den Regenwald! Relativ spontan, da der Geburtstag einer Freundin bevorstand, haben wir beschlossen, für ein paar Tage in das kleine Naturschutzreservat Chuchini nördlich von Trinidad zu fahren, um jetzt in der Regenzeit durch den Dschungel zu stapfen, Boot zu fahren und hoffentlich ganz viele Vögel, Alligatoren, Capybara und andere interessante Tiere zu sehen.
Nach einer abenteuerlich-rasanten Busfahrt bei Gewitter auf der wohl schlechtesten Straße Boliviens kommen wir morgens in Santa Cruz an – schwüle Hitze und Mosquitos bilden das Empfangskomitee. Wir laufen ein bisschen herum, Santa Cruz als Stadt ist touristisch gesehen wenig spektakulär, weshalb wir uns (zu siebt plus Fahrer) in ein Taxi quetschen und zum botanischen Garten fahren, der wunderschön und teilweise sogar waldähnlich angelegt ist mit Holzbohlenweg oder überflutetem Trampelpfad. Mir gefällt es total gut, es gibt riesige Gummibäume, verholzte Lianen und frei herumkrabbelnde Schildkröten. Ein kleiner Vorgeschmack auf den richtigen Regenwald.


Auf einem Ausguck mit Wendeltreppe hoch über den Bäumen
Bauchig-geformte Bäume im Botanischen Garten Santa Cruz
Abends geht es mit einem weiteren Nachtbus nach Trinidad, wo uns morgens früh ein Pickup-Geländewagen mit zwei Drahtstühlen auf der Ladefläche und einer Staude Kochbananen auf dem Dach abholt. Efrem, einer unglaublich lieber Mann, ist unser Guide, Tierarzt und betreibt mit seiner Frau Miriam Chuchini, ein kleines Reservat mit Bootsanleger an einer ruhigen Lagune, mit Gästezimmern, vielen Hängematten, einer Hand voll Kühen und Pferden und verschiedenen Vögeln und Affen, die nach schädigender Haustierhaltung von Efrem und Miriam wieder in ihren natürlichen Lebensraum ausgewildert werden. Ihnen gehört außerdem ein Stück Regenwald, wohinein sie geführte mehrtägige Touren mit Vollverpflegung und Übernachtung anbieten.
Die beiden sind überhaupt nicht wie Touristenguides, sondern sie leben dort mit ihren beiden Kindern und einer Mitarbeiterin mit ihrer Tochter, managen, kochen, bewirtschaften alles selbst und sind von Anfang an wie gute Freunde von uns.
Aus dem Dschungel dringt Vögelgezwitscher, Grillengezirp und Affengebrüll (das sich eher ein bisschen anhört wie an- und abschwellendes Hirschröhren), womit sich die Affen in der Gruppe verständigen, wenn sie sich weiterbewegen.
Wir genießen ein excellentes Frühstück mit Cafe, frischem Maracuya-Saft und einem Masaco de Platano, einer traditionellen Speise aus krümelig-gebratenen Kochbananen und Käse, ein bisschen wie Rührei, nur eben aus den festen, aromatischen, kaum süßlichen Bananen (auf Spanisch 'Platano para freir' als 'Bananen zum Frittieren). Danach ein Spaziergang durch den Wald und das Gelände, ich löchere den Efrem mit ganz vielen Fragen über die Pflanzen, die uns umgeben, er weiß unglaublich viel über die Flora und Fauna hier. Mandarinen-, Zitronen- und Pomelobäume, Maracuya, Chirimoya, Guyaba, Sedrillo, Tamarinde, Eukalyptus, Kakaobäume und viele viele andere exotische Pflanzen. Natürlich werden die Pflanzen hier auch zu unserer Verpflegung genutzt, wir finden schon eine reife Chirimoya, probieren das weiße Fleisch einer Kakaobohne und die Blätter der Zitronen-Mandarinen-Pflanze werden nachher für den Tee verwendet. Hinterher sind unsere langen luftigen Klamotten (unverzichtbarer Mückenschutz, sonst wird man innerhalb von Sekunden von tausenden der stechfreudigen Biester befallen) bedeckt mit kleinen klebrigen Kletten – ganz kreativ „Pega pega“ genannt, denn 'pegar' bedeutet auf Spanisch 'kleben'.

Nicht über alle Pflanzen weiß ich Details zu erklären,
aber diese kleine supersaure Frucht hat gut geschmeckt.




Eine Kakaobohne - die Butter schmeckt seltsam frisch, süßlich und ein wenig glibberig zugleich
Wir schauen uns auch einige alte Tongegenstände und Figuren an – ausgegrabene Überbleibsel einer asiatischen Kultur, die hier in Chuchini vor ca. 5000 Jahren gelebt hat und die künstliche Lagune hier anlegte, die mit dem Fluss Ibare verbunden ist, der irgendwann in Brasilien schließlich in den Amazonas mündet.
Am Nachmittag baden wir in der Lagune, vertreiben die Mosquitos mit Wasserspritzen und schwingen uns wie kleine Affen an einem Seil, das an einem Baum festgebunden ist, über den Steg und springend platschend ins warme Nass. Von der anderen Seite der Lagune (sie sieht aus, wie ein kleiner schmaler Fluss) hören wir die Affen und Vögel schreien, es ist ein wunderschöner Ort.


Ein wunderschöner Spiegeleffekt bei Dämmerung,
der die wilden Uferpflanzen doppelt so eindrucksvoll erscheinen lässt.


Siesta in der Hängematte
Dann fahren wir mit dem Ruderboot (zu acht hineingequetscht) in beide Richtungen die Lagune entlang, hinein ins versumpfte, schlingpflanzenbewachsene Dickicht am anderen Ufer, schlängeln uns zwischen den fingerartigen Wasserwurzeln der dichten Bäume hindurch. Efrem erklärt ganz viele verschiedene Pflanzen und wir halten ein bisschen nach Alligatoren Ausschau, aber jetzt über den Tag halten sie sich noch versteckt.

















Später am Abend als es dunkel ist und der Halbmond hochsteht fahren wir, begleitet von ohrenbetäubendem Froschgequake und Grillenzirp-Vogelschreikonzert mit dem größeren Motorboot hinaus auf die Lagune, Mission: Alligatoren finden. Mit einer superstarken Taschenlampe leuchtet Efrem die Ufer und die Wasseroberfläche ab, wann immer im Lichtstrahl zwei hell strahlende Lichtpünktchen auftauchen, wissen wir: dort versteckt sich ein Alligator, denn die Augen reflektieren das Licht extrem. Wir steuern direkt auf diese Lichtpunkte zu und nach einigen missglückten Versuchen gelingt es Efrem, einen Babyalligator rauszufischen. Wir dürfen ihn halten, ganz fest mit den Fingern um den Hals, damit er sich tot stellt, denn auch schon die kleinen 5-6 Monate alten Tiere haben eine ganz schöne Zappelkraft. Im Taschenlampenlicht betrachte ich die beeindruckenden kleinen Zähne, wir streichen über die bereits überraschend harten Schuppen, gucken uns die angewachsene Zunge an. Diese Alligatoren können bis zu 35 Jahre alt und 4,5 – 5 m groß werden, hoffentlich holen wir uns nicht so einen zum Streicheln ins Boot.... So bei Nacht über die stille Lagune zu gleiten, im Mondschein, spätestens jetzt habe ich mich vollkommen in diesen wunderschön idyllischen Ort verliebt.

Efrem mit dem kleinsten der Alligatorenbaby


...später haben wir auch größere Krokos herausgefischt.

Die Augen leuchten wie kleine Reflektoren am Ufer und der
gezackte Schwanz erinnert an einen kleine Dinosaurier.

Aufgeweckt werden wir von der Dschungelgeräuschkulisse und dem Wind in den hohen Bäumen, nur den Jaguar haben wir nachts irgendwie überhört. Es gibt ein Geburtstagsfrühstück für Marie mit frischem eisigen Orangensaft, selbstgemachter heißer Schokolade aus den Kakaobohnen von hier, zwei brennenden Kerzen in einem kleinen Brötchen und Paiuje, ein weiteres traditionelles Gericht aus dem Department Beni, bestehend aus Kochbananen, diesmal nicht herzhaft frittiert sondern süßlich mit Zimt zu einem weichen Brei gekocht mit Milchcreme oben drauf.
Hausäffchen Martina will schon unseren Proviantkorb vom Boot stibitzen, doch wir können sie rechtzeitig zurückhalten. Mit einer Art Kahn mit mehreren Sitzbänken, Benzinmotor und Dach mit Leiter zum Hinaufklettern geht es los auf eine Tagestour zum Fluss Ibaré, der in den größeren Mamore mündet (welcher nach vielen vielen Kilometern mehr Brasilien erreicht und schließlich in den Amazonas fließt). Es geht raus aus der Lagune bei Chuchini, durch viel Entengrütze und Lianen bis zum schmalen ruhigen Ibaré, wo wir auf beiden Uferseite viele verschiedene Wasservögel beobachten können, sich sonnende Wasserschildkröten und sogar herumturnende schwarzweiße Äffchen in einem hohen Baum. Efrem erklärt wieder ganz viele verschiedene Pflanzen und Tiere; zum Beispiel den Mapajo, einen 350 Jahre riesigen alten Baum, oder die großen haarigen Capybara (Wasserschweine), die wirklich aussehen wie übergroße Wassermeerschweinchen und am Ufer herumschnüffeln. Es ist ein richtiges Paradies hier, ich liebe die Ruhe und die wilde Natur um uns herum. Nur zwei-/dreimal begegnet uns ein schmales Holzboot aus einem halben Baumstamm, in dem zwei oder drei Männer zu ihrem Arbeitsplatz fahren, kleine Gärten oder Miniplantagen neben dem Fluss, wo sie entweder Holz schlagen oder verschiedene Früchte und Gemüse anbauen. Und wo auch kleine, palmwedelgedeckte Hütten stehen.
Den Rio Mamoré kann man schon von Weitem sehen, da der breite Fluss ganz braun-schlammig aussieht von aufgewirbeltem Sand und sich die verschiedenen Wasser auch nicht gleich mischen. 



Treppe zum kleinen schwimmenden Bootssteg von Chuchini





Links das ruhigere klare Wasser de Ibaré , rechts der breite schlammige Mamoré 
Genau hier, wo sich die Wasser treffen, fischten lustvoll die Delphine im Wasser
(leider meist zu schnell wieder abgetaucht, um sie mit der Camera festzuhalten)

Dort am Zusammenfluss schwimmen relativ viele Fische relativ weit oben, weshalb an dieser Stelle besonders viele der Amazonas-Süßwasserdelfine kommen, Bufeos genannt. Abhängig nach Alter variiert ihre Hautfarbe: als Jungtiere sind sie grau-blau gefärbt, doch wenn sie ausgewachsen sind färben sie sich blassrosa – Efrem erklärt, sie wechseln die Farbe zu rosa wenn sie sich paaren wollen, was eine ziemlich süße Idee ist.
Alle paar Sekunden tauchen mehrere der Delfine auf zum Luftholen, man sieht ihre knochigen Rücken und die spitzen Schnauzen sehr gut, sie prusten sogar richtig in die Luft.
Dann kreuzen wir über den Mamoré und legen an dem letzten Stückchen Sandstrand an, das es trotz Regenzeit noch gibt, ganz mit Schilf und Flussbambusgras bewachsen. Dort werfen wir uns in den Schlamm, wie die kleine Kinder machen wir eine Schlammschlacht und schliddern auf dem Bauch ins Wasser. Der eigentliche Zweck (bis auf wahnsinnig viel Spaß beim Herummatschen): der Schlamm hat viele verschiedene Mineralien und ist sehr gut für die Haut, weshalb wir uns am Ende alle gegenseitig einrubbeln und uns zum Trocknen in die Sonne legen.



Nach einem ausgiebigen halbwegs säubernden Bad im Fluss gibt es ein leckeres Picknick auf dem Boot mit Bananenchips, frischen Tomaten gekochten Möhren, Eiern und Kartoffel, frittierten Auberginen, Käsewürfeln und sogar einem kühlen Bierchen zum Anstoßen auf Maries Geburtstag. Dann hängen wir zwei Hängematten ins Boot – eine der coolsten Konstruktionen die ich je gesehen habe – Siesta auf dem Fluss. Auf der Rückfahrt sehen wir wieder viele viele Vögel, Schildkröten, Capybara usw.
Zurück in Chuchini schwimme ich noch ein bisschen in der Lagune herum, bevor wir ein leckeres Abendessen verspeise – es gibt Empanadas, das sind gefüllte, frittierte Teigtaschen gefüllt mit Tomaten, Käse , Zwiebeln und scharfer Soße.
Noch bis in die Nacht spielen wir Blackstories, wo die Leute aus Deutschland und Österreich die Karten auf Englisch und auf Spanisch übersetzen müssen und wir wild in drei Sprachen durcheinanderraten. Dann zeigt uns Efrem noch ein bolivianisches Militärwürfelspiel, bei dem wir aber alle irgendwann fast einschlafen und uns schließlich durch die Mosquitoschwärme zurück zu unseren Betten kämpfen.


Leider wurde unser wunderbarer Besuch in Chuchini aufgrund eines Unfalls unterbrochen und wir konnten nicht mehr Zeit als diese zwei Tage im Dschungel verbringen. Trotzdem habe ich unsere Zeit dort sehr genossen und mich sehr wohl gefühlt inmitten dieses tropischen Waldes, es war einfach traumhaft. Trotzdem muss leider dieser Blog für die nächsten Wochen ruhen, ich melde mich natürlich wieder, sobald es etwas Neues gibt. Bis bald!

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