Mittwoch, 18. Januar 2017

Chile – Vom Wellenreiten ins Neue Jahr, meinen ersten Geysiren und vom Mountainbiken in der Atacamawüste

Gleich nach Weihnachten sind wir aufgebrochen zur bisher längsten Reise, die wir hier gemeinsam gemacht haben – über Neujahr ging es für 10 Tage nach Chile! Wir waren alle superaufgeregt und voller Vorfreude, vor allem, weil es zum ersten Mal zum Pazifik ging. Über Oruro sind wir nach Iquique gefahren, einmal hindurch durch die Anden und dann bis zum großen Wasser (das Einzige, was man landschaftlich in Bolivien vermissen kann – Meer). Bis zur chilenischen Grenze ging es durch weite und recht karge Steppenlandschaften mit grasen Lamas, in der Ferne eingekesselt von riesigen Gebirgsketten mit Schnee auf den Kuppen – der Hinweis, dass wir ganz schön weit oben im Gebirge sind. In der Grenzstation Colchane auf 3800 Metern ü.d.M. hieß es eineinhalb Stunden an der Pass- & Zollkontrolle anstehen und es gab einen schicken Chile-Stempel im Reisepass. Nur, warum ich mein Stückchen Gurke und den Apfel weder mitnehmen, noch direkt vor den Augen der Zollbeamten aufessen durfte, blieb mir schleierhaft. (Vor allem, da es bei der Rückkehr nach Bolivien niemanden interessierte, was in unseren Rucksäcken war und Quinoa und Erdnüsse scheinbar kein Problem darstellten)
Nach der Grenzüberquerung ging es weiter auf der Ruta del Desierto („Wüstenstrecke“) und genau so sah es auch aus: Sand- und graue Steinwüste, ein bisschen wie im Tagebaugebiet. In weniger als drei Stunden fuhren wir also von 3800 m über Null auf Meeresspiegelhöhe hinunter. Als wir in der Abendsonne hinter einem der letzten sandigen Berge hervorbogen, sind alle von unserer Gruppe nur voller Aufregung und lautstark aufgesprungen, um besser sehen zu können, worauf wir alle gewartet hatten: den Pazifik.

Der abendliche Ausblick von der Hostelterrasse

Wir kommen abends im Hostel an, eine sehr hübsche Backpackerunterkunft, modern mit funktionierendem Wifi, das Personal hat super Englisch gesprochen (was für uns echt ungewohnt war, da in Bolivien so gut wie niemand Englisch spricht). Zum ersten Mal, seit ich in Südamerika bin, habe ich mich wie ein richtiger Backpackertourist gefühlt...
Iquique ist eine typische Touristenstadt am Meer, Hochhäuserbauten und Hotelblocks nah am Strand, vielen teuren Restaurants, einer Promenade, Strandschirmverleihen, aber mit sehr gepflegten Straßen und so gut wie gar keinen streunenden Hunden. Insgesamt fühlt sich Iquique superwestlich an, natürlich sind wir aus Sucre einfach keine breiten Avenues oder riesige Hochhäuser gewohnt, aber dieser riesige Supermarkt in doppelter Kauflandgröße, das megagroße Shoppingcenter und die Tatsache, dass man Obst und Gemüse exorbitant teuer im Supermarkt kauft und nicht auf einem großen, unübersichtlichen Mercado bei seiner Stammverkäuferin den Preis herunterhandelt, und, dass scheinbar alles zu Nestle gehört, das war schon ein kleiner Schock. Selbst an einem kleinen Laden an der Straßenecke gibt es ernsthaft für jedes Produkt Preisschilder - Ich hatte total vergessen, wie große Städte funktionieren.
Leider waren auch die lästigen Pfiffe und „Gringita-Sprüche“ auf der Straße viel schlimmer als in Sucre, aber dafür gab es richtigen geregelten Straßenverkehr und allen Ernstes funktionierende Zebrastreifen! Jedes Mal, wenn ein Auto angehalten hat, um mich über die Straße gehen zu lassen, habe ich mich wie ein kleiner VIP gefühlt (in Sucre wird man jeden Tag mehrmal beinahe über den Haufen gefahren und muss sich schnell auf einen Fußweg retten, da würde niemand auch nur daran denken, anzuhalten).

Überall Warnschilder und ein zehnschrittiger
Notfallverhaltensplan im Hostel - doch von den Tsunamis sind wir zum Glück verschont geblieben
Den ersten Morgen am Meer nutze ich für ein kleines Läufchen am Strand, als die Sonne noch nicht so knallt. Den Vormittag liegen wir am Strand herum (keine gute Idee, denn selbst mit einem halben Kilo Sonnencreme verbrutzelt dich die Sonne komplett...) Nachmittags machen wir spontan einen Surfkurs kurzes Jogging & WarmUp am Strand, in den Neoprenanzügen sehen wir aus wie Außerirdische. Die Trockenübungen mit dem Surfbrett an Land machen mich vermeidlich Glauben, dass Surfen doch ganz einfach wäre – falsch gedacht. Im Wasser ist es etwas frustrierend, wir können alle kaum auf dem Brett aufstehen, nur ab und zu klappt es mal für ein paar Sekunden. Trotzdem macht es superviel Spaß, auch wenn mich jedes Mal, wenn ich ins Wasser klatsche, die Wellen vollkommen mitreißen, diese Strömung ist der Wahnsinn.

Noch frisch und munter vor dem Surfen


An diesem etwas weiter entfernten Strand waren deutlich weniger Leute - genug Platz
für einen schönen langen Strandspaziergang

Die folgenden Nacht wird eine Qual: abends merke ich einen dermaßen krassen Sonnenbrand, quasi überall auf meinem Körper (außer im Gesicht, zur Abwechslung mal), wie ein leuchtend roter Hummer, den man in kochendes Wasser geworfen hat. Am schlimmsten sind Beine und Kniekehlen, da sowohl laufen als auch sitzen höllisch weh tut und es eigentlich keine Seite gibt, auf der ich liegen kann...
Morgens ist es fast noch schlimmer, ich muss ganz schön die Zähne zusammenbeißen beim in der Stadt herumschlendern und für Sylvester einkaufen. Wir kochen gemeinsam in der Hostelküche und setzen uns nach dem Abendessen auf die Dachterrasse, eine Art Hochsitz, wo vom höchsten Stockwerk nur eine schmale Holzstiege hinaufführt. Dort oben gucken wir (mit Blick auf den Pazifik) mit dem Tablet von Josh „Dinner for One“, was überraschenderweise die drei Freiwilligen aus der UK nicht kennen. Danach schnappen wir uns den Anstoßsekt für Mitternacht und laufen zur Promenade, wo schon unglaublich viele Menschen warten. Es gibt eine große Bühne, einen abgesperrten Strand, einen Countdown um Mitternacht und ein wunderhübsches Feuerwerk direkt über dem Wasser. Nachdem wir uns alle umarmt haben, bilden wir einen Kreis, fassen uns an den Händen und singen aus voller Kehle „Auld Lane Syne“, eine alte Tradition in der UK. Wir tanzen in der warmen Neujahrsnacht und singen später, als ganz viele Leute schon gegangen sind noch ein paar Mal das Lied, auf Englisch und auf Deutsch, was so im Kreis zusammen fast ein bisschen was spirituelles hat. Die Leute herum klatschen begeistern und plötzlich kommt ernsthaft das Kamerateam eines chilenischen Fernsehsenders und möchte ein Interview.
Zurück im Hostel sind wir schon beinahe beim in Bett Gehen, da hat plötzlich jemand die grandiose Idee: „Ab ins Wasser, lasst uns schwimmen gehen“. Der Strand ist mittlerweile wieder freigegeben und kaum jemand ist nah am Wasser – also rennen wir um vier Uhr morgens am 1. Januar im Stockfinsteren in die kalten Wellen hinein und singen nochmal aus vollem Hals „Auld Lane Syne“. Definitiv das Verrückteste, was ich bis jetzt in einer Silvesternacht getan habe.





Am 2. Januar fahren wir über Nacht nach San Pedro de Atacama, in einem richtigen Luxusbus (für bolivianische Verhältnisse) mit Ledersitze und Fahrer in weißem Hemd und Weste. Nachts um eins gibt es plötzlich einen Stopp, eine vollkommen unverständliche Gepäckkontrolle mitten im Nirgendwo, weg von jeglicher Stadt, alle müssen raus aus dem Bus und jedes Gepäckstück wird auf einem flughafenähnlichen Gepäckrollband durchleuchtet. Niemand möchte uns verraten, was das genau war, scheinbar aber wurde nach Drogen gesucht. Mit einem Zwischenstopp morgens um 4 bis um 8 in Calama kommen wir gegen um 11 am nächsten Morgen in San Pedro de Atacama an. Nur Wüste, so weit das Auge reicht Sand, zackige Felsformationen, stacheliges Wüstengras, doch kurz vor dem Oasendörfchen San Pedro tauchen kleine Büsche auf, stacheliges Gestrüpp und sogar ein paar Bäume. Es gibt enge Gassen mit festgestampftem, staubigem Boden und Häuser aus Lehmziegeln, ab und zu weißgetüncht. Wir stapfen zu unserer AirBnB-Unterkunft: eine Art großer Garten mit Freilufttöpferwerkstatt, mehreren kleinen Häusern mit jeweils einem Raum zum Schlafen, sehr gut funktionierenden Duschkabinen, Wäscheleine, Grill und erstaunlicherweise mit funktionierendem Wlan – hier „en el medio de nada“. Superruhig mit hohen Bäumen und die Besitzer sind superliebe junge Leute mit einem kleine Sohn. Ich verliebe mich sofort in diesen Ort, so angenehm wie es dort ist.
An diesem Nachmittag entscheiden wir uns gleich, einen Halbtagsausflug ins Valle de la Luna (das Tal des Mondes) zu machen. Leider muss man hier in San Pedro beinahe alles über Reiseagenturen buchen, da die allermeisten Orte zum Besuchen recht weit außerhalb ist und man nur mit einem Auto hinkommt. Zwar könnte man auch selbst hinfahren, müsste aber trotzdem den Nationalparkeintritt bezahlen und hätte keinen Tourguide. Wir fahren also am frühen Nachmittag in dieses Tal des Mondes, das deshalb so genannt wird, da das Tal eine einzige Mondlandschaft ist, Wüste, Sand, zackige Felsen, riesige Dünen und der Boden teilweise sogar mit einer weißen Schicht überzogen, die von Weitem nach Schnee aussieht, sich in Wirklichkeit aber als Salz herausstellt (ich habe ein Steinchen extra einer Kostprobe unterzogen). Auch die salzverkrusteten Felsformationen sehen aus wie mit abstrakten Eisblumen bewachsen. Uns wurde erklärt, dass es im Valle de la Luna quasi keinerlei Leben gäbe, nur ein paar vereinzelte Bakterienarten – den hier in der Atacamawüste sind wir am trockensten Ort des gesamten Planeten.


Das Schild verbietet den Zutritt,
ein bisschen herumklettern musste ich aber trotzdem...

Vom Regen (ja, aller Jubeljahre gibt es doch mal Niederschlag) ausgewaschenes Salz

Wir fahren mit dem Auto herum, steigen immer wieder an bestimmten Stellen aus, um uns zum Beispiel die Steinformation „Die drei Marias“ oder eine alte Salzabbaustelle anzuschauen, und krabbeln sogar durch eine Art niedrige Höhle mit salzüberzogenen Wänden. Wir klettern eine sonnenverbrannten, sandig-rutschigen Weg hinauf bis auf eine riesige Düne, die oben wie versteinert ist, sodass man ein bisschen trittfesten Untergrund zum Herumkraxeln hat. (Natürlich gibt es keinerlei Absperrung.) Man kann hier auch Sandboarden, allerdings nur in den Dünen des benachbarten Valle de la Muerte (Tal des Todes). Von „unserer“ Düne hat man einen wunderschönen Überblick über das gesamte Tal, über die vollkommene Kargheit, alles sieht so leblos aus, so wie man sich die Mondoberfläche vorstellt.

Doch mal ein kleines Stückchen Seil, lose in den Sand gesteckt



Hier die salzverkrustete "Mondoberfläche"

Als die Schatten länger werden, machen wir uns an den Abstieg und fahren mit dem Auto raus aus dem Tal auf eine andere Bergkuppe hinauf, um von einer Art Plateau aus den Sonnenuntergang über der Wüste anzugucken. Dort treffen wir auf ziemlich viele Leute, die teilweise mit Sektgläschen in der Hand darauf warten, dass die Sonne hinter den Bergen abtaucht. Wir müssen auch nicht lange warten, ich setze mich ganz nah an die Felskante, der starke Wind weht uns die Haare und ein paar Sandkörnchen ins Gesicht, und dann versinkt die Sonne auf einmal unglaublich schnell hinter dem Horizont, es dauert nur Sekunden, bis sie die Berge in der Ferne verschluckt haben. Ganz schnell wird es wüstenklima-typisch frischlich und wir fahren zurück nach San Pedro.




Am nächsten Tag wollen wir das Geysirfeld „El Tatio“ anschauen, welches die höchsten Geysire der Welt auf ca. 4300 m ü.d.M. beherbergt. Dafür müssen wir um 4 Uhr morgens aufstehen, denn bis zu den Geysiren sind es zwei Stunden Autofahrt und wir wollen den Sonnenaufgang dort erleben. Natürlich kann ich während der Fahrt nicht nochmal einschlafen, weshalb ich in der Dunkelheit versuche, die schemenhaften Berge zu erahnen. Langsam dämmert es und beleuchtet die sich mäandrig-schlängelnde Dirtroad durch durchs staubige wüste Nirgendwo.
Als wir am Geysirfeld ankommen und ich mit meinem kurzen Sportshorts nach Draußen klettere, wird mir klar, wieso uns gestern gesagt wurde, wir sollten besser lange Kleidung mitnehmen – es sind 2 Grad Minus, mein Atem bleibt in der klirrend frostigen Luft schweben. Ich dachte ja, wir bräuchten lange Klamotten, um uns gegen die Sonne zu schützen, so wie gestern im Tal des Mondes, aber das es Minusgrade geben wird hier oben, damit habe ich natürlich nicht gerechnet (hätte man sich aber denken können, bei der Höhe). Wir bibbern alle und versuchen, uns so gut es geht einzuwickeln in alles, was wir mithaben, einschließlich Handtücher. Und ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, Sandalen anzuziehen... Der atemberaubende Anblick dieses Geysirfeldes entschädigt aber für jegliches Zähneklappern: in der Morgenkälte mit dem noch spärlichen Sonnenlicht sieht man besonders schön die Dunstwolken, die überall über die Weite verteilt aus den heißen Geysirlöchern, den Minikratern, aufsteigen. Rundherum sind die Berghänge recht kahl, nur mit einigen steppengrasartigen Büscheln bewachsen. In der Ferne können wir sogar den „Ojos del Salado“ sehen, den höchsten aktiven Vulkan der Welt auf 6893 Metern ü.d.M. 





Es gibt einen (diesmal gekennzeichnet und halbwegs abgesperrten) Weg, dem wir folgen müssen, um die verschieden großen Geysire zu bewundern. Es sind keine meterhohen Fontänen, denn dafür ist es nicht kalt genug. Im chilenischen Winter aber bei ca. -15 Grad morgens können die Geysire bis zu 20 Meter hoch spritzen. Heute sind es „nur“ kleine und große Erdlöcher, wo das Wasser kocht und ab und zu ohne Vorwarnung bis ca. einem halben Meter hochspritzt. Schon das ist aber ziemlich eindrucksvoll, zumal über das gesamte Geysirfeld die Wasserdampfschwaden schweben und die Morgensonne langsam aber sicher hinter den Bergen hervorklettert. Diesen Wasserdampf sollte man lieber nicht direkt einatmen, da er schädliche Gase enthält und in großen Mengen giftig sein kann – was mir natürlich erst gesagt wird, nachdem ich ein paar Mal ordentlich tief inhaliert habe in der Hoffnung, der Dampf sei gut für die Atemwege...

So sieht ein Geysir aus, der grad zum nächsten Wasserspucken Luft holt


Hier blubbert statt Wasser kochendheißer Schlamm


Als uns die ersten wärmenden Strahlen treffen (welch Erlösung nach der schon schmerzenden Gänsehaut auf meinen Beinen), kehren wir zu Auto zurück, packen einen Klapptisch, Thermoskannen und Picknickkorb aus und frühstücken mit Kuchen, Kaffee, Keksen, Saft und gekochten Eiern im ersten Sonnenschein des Tages.
Sobald die Sonne das Geysirfeld berührt, verkleinern sich die blubbernden und spritzenden Geysire, da es schnell zu warm wird, am morgens um 10 Uhr sind sie ganz verschwunden.



Sogar Lachmöwen fühlen sich hier in der Nähe der Geysire wohl

Wir fahren ein kleines Stückchen weiter bis zu einer Thermalquelle, die als natürlich beheizter Minibadesee umfunktioniert wurde. Bibbernd laufen wir in Badesachen zum Schwimmbecken und lassen uns hineingleiten. Seltsamerweise ist das Wasser auf der einen Seite zur lauwarm, aber auf der anderen Seite, von wo die beiden Minigeysire unterirdisch das Becken speisen, kommt in unregelmäßigen Abständen ein Schwall so kochendes Wasser geschwappt, dass man sich beinahe im Minutentakt wie ein kleiner Hummer fühlt, der lebendig überbrüht wird. Ich kann richtig spüren, dass es eben kein künstlich beheizter Pool ist, und der Sand unter meinen Füßen wird auch manchmal so heiß, dass mir fast die Fußsohlen anschmoren, wenn ich mich nicht schnell in den kühleren Bereich rette.
Wieder trockengerubbelt und aufgewärmt machen wir uns auf den Rückweg, bleiben oft stehen um die sich schnell verändernde, nun viel grünere Landschaft anzugucken und uns in die Nähe von ein paar grasenden Lamas zu wagen. Offenbar gibt es aber verschiedene Arten von Lamas, denn zum Beispiel die Guanacos, die größer und fell-/fleischreicher sind, sowie die Vicuñas, kleiner und schlanker, sind Wildarten und unterscheiden sich damit von den domestizierten Lamas & Alpakas, die hier in der Herde meist eine Ohr- oder Halsmarke besitzen. Es ist also kein Klischee – wenn man durch diese Hochebene fährt, kann man aller Nase lang grasende Lamas entdecken (meine Theorie ist, dass sie nur so weit den Abstand halten, wie sie spucken können).
Ein weiteres tierisches Highlight abgesehen von den Lamas: als wir um eine Kurve biegen, liegt dort plötzlich ein kleines flaches Gewässer vor uns, in dem eine ganze Gruppe Flamingos herumstakst! Leider dürfen wir aus Naturschutzgebietsgründen nicht viel näher heran, aber dass auf mehr als 4000 Metern Höhe diese dürren, zierlichen Tiere leben können, ist wirklich eindrucksvoll.


Ganz friedlich grasen die Lamas neben der Straße,
trotzdem muss ich nicht unbedingt auf Tuchfühlung mit ihnen gehen...

Ganz aus der Ferne, aber ich gebe mein Wort - es sind wirklich Flamigos dort im Wasser!
So fahren wir zurück nach San Pedro, in der Umgebung tauchen ganz viele riesige Kakteen auf, so wie ich sie mir in Texas vorstelle. Wir machen kurz Halt an einem anderen Minidörfchen, dass eine hübsche, grasgedeckte Kirche besitzt und wo für hungrige Touristen frisch gegrillter Lamaschaschlik verkauft wird, vermutlich direkt aus den friedlichen Herden weggefangen, die wir ein paar Minuten vorher beim seelenruhigen Grasen beobachtet haben...
Zurück in der AirBnB-Unterkunft gammeln wir den restlichen Nachmittag in der Wüstenhitze herum, kochen uns abends ein Süppchen und genießen es, in der nächtlichen Kühle draußen in dem Garten zu sitzen. Leider sind hier in San Pedro alle Restaurants exorbitant teuer, da zum einen alle Lebensmittel direkt in die Wüste gebracht werden müssen, zum allen natürlich wegen dem üblichen Touristen-/Gringoaufschlag. Deshalb ist es superpraktisch, sich selbst bekochen zu können, und sei es nur eine aufgepeppte Tütensuppe, die gleich das Campingfeeling wieder aufflammen lässt.

In den nächsten beiden Tagen machen wir unter Anderem noch einen geführten „Stadt“rundgang durch San Pedro mit, wobei uns sehr viele interessante Dinge über die Gründung des Dorfes erzählt werden und über die Atacameños, die ursprünglichen indigenen Einwohner. Die alte Kirche San Pedros zum Beispiel wurde aus Kaktusholz gebaut, was zwar ein bisschen löchrig aussieht, aber wahnsinnig stabil und unglaublich halt ist, da Kakteen im Schnitt nur ein bis zwei Zentimeter pro Jahr wachsen. Auch hatten die Einwohner dieses Landstreifens früher weder Hammer noch Nägel um das Holz aneinander zu nageln, weshalb kurzerhand die sehr robuste und reißfeste Sehne aus dem Hals eines Lamas zum Bau verwendet wurde. 
Auch wurde uns erzählt, dass der höchste Berg, den man direkt von San Pedro aus sehen kann, „Licancabur“ genannt wird (~“Berg des Volkes“), denn die Atacameños glaube, dieser Berg beschütze das Dorf und die Menschen.

Auch die Kirchenpforte ist mit den Lamasehnen befestigt; durch jahrelanges Trocknen
sind diese ehemals weichen Sehnen wie verholzt und extrem hart geworden

Leider leider ist es während unserer letzten beiden Nächte hier immer bewölkt, angeblich wegen des „Bolivianischen Winters“, was bedeutet, dass wir unserer so sehr ersehnte Astronomietour in der Wüste nicht machen können. Das ist superschade und ich bin sehr enttäuscht, denn gerade hier in der Atacamawüste, wo es beinahe das ganze Jahr einen wolkenlosen Himmel gibt, bietet sich das Sterne- & Planetenbeobachten total an und es gibt sogar extra eine besondere Astronomiestation mitten in der Wüste, mit den besten Teleskopen.

Dafür leihe ich mir am letzten Nachmittag ein Fahrrad aus, megadicke Querfeldeinreifen und es gibt sogar einen Helm und eine Luftpumpe dazu. Ich fahre zur „Garganta del Diablo“, einer mäandrig-verkurvte Felsschlucht mit sandigem Boden und teilweise so schmalen Stellen, dass ich das Mountainbike ab und zu ein kleines Stückchen tragen muss. Tatsächlich begegnet mir knapp zwei Stunden kein einziger Mensch in dieser Schlucht, ich genieße die Ruhe sehr an diesem frühen Nachmittag.



Blick zurück auf den sich schlängelnden Weg

Auf der Rücktour - ein bisschen im Zickzack um herumstreunende Kühe und eine kleine Schafherde - treffe ich wieder auf die ersten Radler und Wanderer und folge dann auf Gut Glück einem Schild, dass nur „Tunnel“ sagt. Nur diesen kilometerlangen, sehr steilen Aufstieg hätte ich nicht erwartet – der Weg, der sich eigentlich gar nicht Weg nennen sollte, ist buchstäblich zugeschüttet mit großen Felsbrocken, Geröll und tiefem Sand, was den Aufstieg ziemlich beschwerlich macht (vor allem mit meiner nicht existierenden Mountainbikeerfahrung). Endlich oben angekommen führt wirklich ein ca. 200 Meter langer tiefschwarzer Tunnel mitten durch den Fels hindurch und auf der anderen Seite komme ich hinaus auf eine Art Hochplateau, von wo aus ich das letzte Stückchen bis zum Felskamm zu Fuß gehe. Von dort aus hat man einen wunderschönen Blick uns Tal unten, auf den Weg, den ich mit dem Rad hinausgekommen bin und auf die grüne Oase San Pedro. Als der Wind auffrischt und mir eine kleine wirbelnde Windhose den Sand in de Augen treibt, mache ich mich an den Abstieg, der runterzu noch viel beschwerlicher ist als hinaufzuradeln da ich die ganze Zeit superkonzentriert auf den Bremsen stehe, um nicht hinzufallen.



Der Blick von oben auf bereits grüne Tal, was zur Oase San Pedro führt...

...und die Aussicht zur anderen Seite - karge Felsen & Steinwüste.

Die letzte Nacht dürfen wir zum Glück noch in einem der Zimmer bleiben, an Schlaf ist sowieso nicht zu denken, denn der Bus zurück nach Bolivien geht um 3 Uhr morgens. Supermüde kommen wir frühmorgens an der bolivianischen Grenze an, einem alten Eisenbahnfriedhof, wo wir zwar einen unnötig langen Visacheck über uns ergehen lassen müssen, es aber dafür weder Zoll- noch Drogenkontrolle gibt.

Abends um 10 kommen wir endlich nach mehr als 18 Stunden Fahrt in drei verschiedenen Bussen ziemlich fertig in Sucre an und wollen nur noch nachhause, duschen und Zähneputzen. Bei mir meldet sich ein bisschen der Katzenjammer – es war so schön, ich hätte locker noch ein paar Tage länger unterwegs sein können, zumal wir soviele verschiedene Dinge gesehen und erlebt haben. Ein bisschen wehmütig schaue ich die mitgebrachten Muscheln und den Wüstensand in meinen Schuhen an... aber es wird ja bald eine neue interessante Reise kommen, und für den Moment ist es auch ganz schön, wieder in Sucre anzukommen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen