Gleich
nach Weihnachten sind wir aufgebrochen zur bisher längsten Reise,
die wir hier gemeinsam gemacht haben – über Neujahr ging es für
10 Tage nach Chile! Wir waren alle superaufgeregt und voller
Vorfreude, vor allem, weil es zum ersten Mal zum Pazifik ging. Über
Oruro sind wir nach Iquique gefahren, einmal hindurch durch die Anden
und dann bis zum großen Wasser (das Einzige, was man landschaftlich
in Bolivien vermissen kann – Meer). Bis zur chilenischen Grenze
ging es durch weite und recht karge Steppenlandschaften mit grasen
Lamas, in der Ferne eingekesselt von riesigen Gebirgsketten mit
Schnee auf den Kuppen – der Hinweis, dass wir ganz schön weit oben
im Gebirge sind. In der Grenzstation Colchane auf 3800 Metern ü.d.M.
hieß es eineinhalb Stunden an der Pass- & Zollkontrolle anstehen
und es gab einen schicken Chile-Stempel im Reisepass. Nur, warum ich
mein Stückchen Gurke und den Apfel weder mitnehmen, noch direkt vor
den Augen der Zollbeamten aufessen durfte, blieb mir schleierhaft.
(Vor allem, da es bei der Rückkehr nach Bolivien niemanden
interessierte, was in unseren Rucksäcken war und Quinoa und Erdnüsse
scheinbar kein Problem darstellten)
Nach
der Grenzüberquerung ging es weiter auf der Ruta del Desierto
(„Wüstenstrecke“) und genau so sah es auch aus: Sand- und graue
Steinwüste, ein bisschen wie im Tagebaugebiet. In weniger als drei
Stunden fuhren wir also von 3800 m über Null auf Meeresspiegelhöhe
hinunter. Als wir in der Abendsonne hinter einem der letzten sandigen
Berge hervorbogen, sind alle von unserer Gruppe nur voller Aufregung
und lautstark aufgesprungen, um besser sehen zu können, worauf wir
alle gewartet hatten: den Pazifik.
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| Der abendliche Ausblick von der Hostelterrasse |
Wir
kommen abends im Hostel an, eine sehr hübsche Backpackerunterkunft,
modern mit funktionierendem Wifi, das Personal hat super Englisch
gesprochen (was für uns echt ungewohnt war, da in Bolivien so gut
wie niemand Englisch spricht). Zum ersten Mal, seit ich in Südamerika
bin, habe ich mich wie ein richtiger Backpackertourist gefühlt...
Iquique
ist eine typische Touristenstadt am Meer, Hochhäuserbauten und
Hotelblocks nah am Strand, vielen teuren Restaurants, einer
Promenade, Strandschirmverleihen, aber mit sehr gepflegten Straßen
und so gut wie gar keinen streunenden Hunden. Insgesamt fühlt sich
Iquique superwestlich an, natürlich sind wir aus Sucre einfach keine
breiten Avenues oder riesige Hochhäuser gewohnt, aber dieser riesige
Supermarkt in doppelter Kauflandgröße, das megagroße
Shoppingcenter und die Tatsache, dass man Obst und Gemüse exorbitant
teuer im Supermarkt kauft und nicht auf einem großen,
unübersichtlichen Mercado bei seiner Stammverkäuferin den Preis
herunterhandelt, und, dass scheinbar alles zu Nestle gehört, das war
schon ein kleiner Schock. Selbst an einem kleinen Laden an der
Straßenecke gibt es ernsthaft für jedes Produkt Preisschilder - Ich
hatte total vergessen, wie große Städte funktionieren.
Leider waren auch die lästigen Pfiffe und „Gringita-Sprüche“ auf der Straße viel schlimmer als in Sucre, aber dafür gab es richtigen geregelten Straßenverkehr und allen Ernstes funktionierende Zebrastreifen! Jedes Mal, wenn ein Auto angehalten hat, um mich über die Straße gehen zu lassen, habe ich mich wie ein kleiner VIP gefühlt (in Sucre wird man jeden Tag mehrmal beinahe über den Haufen gefahren und muss sich schnell auf einen Fußweg retten, da würde niemand auch nur daran denken, anzuhalten).
Leider waren auch die lästigen Pfiffe und „Gringita-Sprüche“ auf der Straße viel schlimmer als in Sucre, aber dafür gab es richtigen geregelten Straßenverkehr und allen Ernstes funktionierende Zebrastreifen! Jedes Mal, wenn ein Auto angehalten hat, um mich über die Straße gehen zu lassen, habe ich mich wie ein kleiner VIP gefühlt (in Sucre wird man jeden Tag mehrmal beinahe über den Haufen gefahren und muss sich schnell auf einen Fußweg retten, da würde niemand auch nur daran denken, anzuhalten).
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| Überall Warnschilder und ein zehnschrittiger Notfallverhaltensplan im Hostel - doch von den Tsunamis sind wir zum Glück verschont geblieben |
Den
ersten Morgen am Meer nutze ich für ein kleines Läufchen am Strand,
als die Sonne noch nicht so knallt. Den Vormittag liegen wir am
Strand herum (keine gute Idee, denn selbst mit einem halben Kilo
Sonnencreme verbrutzelt dich die Sonne komplett...) Nachmittags
machen wir spontan einen Surfkurs kurzes Jogging & WarmUp am
Strand, in den Neoprenanzügen sehen wir aus wie Außerirdische. Die
Trockenübungen mit dem Surfbrett an Land machen mich vermeidlich
Glauben, dass Surfen doch ganz einfach wäre – falsch gedacht. Im
Wasser ist es etwas frustrierend, wir können alle kaum auf dem Brett
aufstehen, nur ab und zu klappt es mal für ein paar Sekunden.
Trotzdem macht es superviel Spaß, auch wenn mich jedes Mal, wenn ich
ins Wasser klatsche, die Wellen vollkommen mitreißen, diese Strömung
ist der Wahnsinn.
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| Noch frisch und munter vor dem Surfen |
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| An diesem etwas weiter entfernten Strand waren deutlich weniger Leute - genug Platz für einen schönen langen Strandspaziergang |
Die folgenden Nacht wird eine Qual: abends merke ich einen dermaßen krassen Sonnenbrand, quasi überall auf meinem Körper (außer im Gesicht, zur Abwechslung mal), wie ein leuchtend roter Hummer, den man in kochendes Wasser geworfen hat. Am schlimmsten sind Beine und Kniekehlen, da sowohl laufen als auch sitzen höllisch weh tut und es eigentlich keine Seite gibt, auf der ich liegen kann...
Morgens
ist es fast noch schlimmer, ich muss ganz schön die Zähne
zusammenbeißen beim in der Stadt herumschlendern und für Sylvester
einkaufen. Wir kochen gemeinsam in der Hostelküche und setzen uns
nach dem Abendessen auf die Dachterrasse, eine Art Hochsitz, wo vom
höchsten Stockwerk nur eine schmale Holzstiege hinaufführt. Dort
oben gucken wir (mit Blick auf den Pazifik) mit dem Tablet von Josh
„Dinner for One“, was überraschenderweise die drei Freiwilligen
aus der UK nicht kennen. Danach schnappen wir uns den Anstoßsekt für
Mitternacht und laufen zur Promenade, wo schon unglaublich viele
Menschen warten. Es gibt eine große Bühne, einen abgesperrten
Strand, einen Countdown um Mitternacht und ein wunderhübsches
Feuerwerk direkt über dem Wasser. Nachdem wir uns alle umarmt haben,
bilden wir einen Kreis, fassen uns an den Händen und singen aus
voller Kehle „Auld Lane Syne“, eine alte Tradition in der UK. Wir
tanzen in der warmen Neujahrsnacht und singen später, als ganz viele
Leute schon gegangen sind noch ein paar Mal das Lied, auf Englisch
und auf Deutsch, was so im Kreis zusammen fast ein bisschen was
spirituelles hat. Die Leute herum klatschen begeistern und plötzlich
kommt ernsthaft das Kamerateam eines chilenischen Fernsehsenders und
möchte ein Interview.
Zurück
im Hostel sind wir schon beinahe beim in Bett Gehen, da hat plötzlich
jemand die grandiose Idee: „Ab ins Wasser, lasst uns schwimmen
gehen“. Der Strand ist mittlerweile wieder freigegeben und kaum
jemand ist nah am Wasser – also rennen wir um vier Uhr morgens am
1. Januar im Stockfinsteren in die kalten Wellen hinein und singen
nochmal aus vollem Hals „Auld Lane Syne“. Definitiv das
Verrückteste, was ich bis jetzt in einer Silvesternacht getan habe.
Am
2. Januar fahren wir über Nacht nach San Pedro de Atacama, in einem
richtigen Luxusbus (für bolivianische Verhältnisse) mit Ledersitze
und Fahrer in weißem Hemd und Weste. Nachts um eins gibt es
plötzlich einen Stopp, eine vollkommen unverständliche
Gepäckkontrolle mitten im Nirgendwo, weg von jeglicher Stadt, alle
müssen raus aus dem Bus und jedes Gepäckstück wird auf einem
flughafenähnlichen Gepäckrollband durchleuchtet. Niemand möchte
uns verraten, was das genau war, scheinbar aber wurde nach Drogen
gesucht. Mit einem Zwischenstopp morgens um 4 bis um 8 in Calama
kommen wir gegen um 11 am nächsten Morgen in San Pedro de Atacama
an. Nur Wüste, so weit das Auge reicht Sand, zackige
Felsformationen, stacheliges Wüstengras, doch kurz vor dem
Oasendörfchen San Pedro tauchen kleine Büsche auf, stacheliges
Gestrüpp und sogar ein paar Bäume. Es gibt enge Gassen mit
festgestampftem, staubigem Boden und Häuser aus Lehmziegeln, ab und
zu weißgetüncht. Wir stapfen zu unserer AirBnB-Unterkunft: eine Art
großer Garten mit Freilufttöpferwerkstatt, mehreren kleinen Häusern
mit jeweils einem Raum zum Schlafen, sehr gut funktionierenden
Duschkabinen, Wäscheleine, Grill und erstaunlicherweise mit
funktionierendem Wlan – hier „en el medio de nada“. Superruhig
mit hohen Bäumen und die Besitzer sind superliebe junge Leute mit
einem kleine Sohn. Ich verliebe mich sofort in diesen Ort, so
angenehm wie es dort ist.
An
diesem Nachmittag entscheiden wir uns gleich, einen Halbtagsausflug
ins Valle de la Luna (das Tal des Mondes) zu machen. Leider muss man
hier in San Pedro beinahe alles über Reiseagenturen buchen, da die
allermeisten Orte zum Besuchen recht weit außerhalb ist und man nur
mit einem Auto hinkommt. Zwar könnte man auch selbst hinfahren,
müsste aber trotzdem den Nationalparkeintritt bezahlen und hätte
keinen Tourguide. Wir fahren also am frühen Nachmittag in dieses Tal
des Mondes, das deshalb so genannt wird, da das Tal eine einzige
Mondlandschaft ist, Wüste, Sand, zackige Felsen, riesige Dünen und
der Boden teilweise sogar mit einer weißen Schicht überzogen, die
von Weitem nach Schnee aussieht, sich in Wirklichkeit aber als Salz
herausstellt (ich habe ein Steinchen extra einer Kostprobe
unterzogen). Auch die salzverkrusteten Felsformationen sehen aus wie
mit abstrakten Eisblumen bewachsen. Uns wurde erklärt, dass es im
Valle de la Luna quasi keinerlei Leben gäbe, nur ein paar
vereinzelte Bakterienarten – den hier in der Atacamawüste sind wir
am trockensten Ort des gesamten Planeten.
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| Das Schild verbietet den Zutritt, ein bisschen herumklettern musste ich aber trotzdem... |
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| Vom Regen (ja, aller Jubeljahre gibt es doch mal Niederschlag) ausgewaschenes Salz |
Wir fahren mit dem Auto herum, steigen immer wieder an bestimmten Stellen aus, um uns zum Beispiel die Steinformation „Die drei Marias“ oder eine alte Salzabbaustelle anzuschauen, und krabbeln sogar durch eine Art niedrige Höhle mit salzüberzogenen Wänden. Wir klettern eine sonnenverbrannten, sandig-rutschigen Weg hinauf bis auf eine riesige Düne, die oben wie versteinert ist, sodass man ein bisschen trittfesten Untergrund zum Herumkraxeln hat. (Natürlich gibt es keinerlei Absperrung.) Man kann hier auch Sandboarden, allerdings nur in den Dünen des benachbarten Valle de la Muerte (Tal des Todes). Von „unserer“ Düne hat man einen wunderschönen Überblick über das gesamte Tal, über die vollkommene Kargheit, alles sieht so leblos aus, so wie man sich die Mondoberfläche vorstellt.
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| Doch mal ein kleines Stückchen Seil, lose in den Sand gesteckt |
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| Hier die salzverkrustete "Mondoberfläche" |
Als
die Schatten länger werden, machen wir uns an den Abstieg und fahren
mit dem Auto raus aus dem Tal auf eine andere Bergkuppe hinauf, um
von einer Art Plateau aus den Sonnenuntergang über der Wüste
anzugucken. Dort treffen wir auf ziemlich viele Leute, die teilweise
mit Sektgläschen in der Hand darauf warten, dass die Sonne hinter
den Bergen abtaucht. Wir müssen auch nicht lange warten, ich setze
mich ganz nah an die Felskante, der starke Wind weht uns die Haare
und ein paar Sandkörnchen ins Gesicht, und dann versinkt die Sonne
auf einmal unglaublich schnell hinter dem Horizont, es dauert nur
Sekunden, bis sie die Berge in der Ferne verschluckt haben. Ganz
schnell wird es wüstenklima-typisch frischlich und wir fahren zurück
nach San Pedro.
Am
nächsten Tag wollen wir das Geysirfeld „El Tatio“ anschauen,
welches die höchsten Geysire der Welt auf ca. 4300 m ü.d.M.
beherbergt. Dafür müssen wir um 4 Uhr morgens aufstehen, denn bis
zu den Geysiren sind es zwei Stunden Autofahrt und wir wollen den
Sonnenaufgang dort erleben. Natürlich kann ich während der Fahrt
nicht nochmal einschlafen, weshalb ich in der Dunkelheit versuche,
die schemenhaften Berge zu erahnen. Langsam dämmert es und
beleuchtet die sich mäandrig-schlängelnde Dirtroad durch durchs
staubige wüste Nirgendwo.
Als
wir am Geysirfeld ankommen und ich mit meinem kurzen Sportshorts nach
Draußen klettere, wird mir klar, wieso uns gestern gesagt wurde, wir
sollten besser lange Kleidung mitnehmen – es sind 2 Grad Minus,
mein Atem bleibt in der klirrend frostigen Luft schweben. Ich dachte
ja, wir bräuchten lange Klamotten, um uns gegen die Sonne zu
schützen, so wie gestern im Tal des Mondes, aber das es Minusgrade
geben wird hier oben, damit habe ich natürlich nicht gerechnet
(hätte man sich aber denken können, bei der Höhe). Wir bibbern
alle und versuchen, uns so gut es geht einzuwickeln in alles, was wir
mithaben, einschließlich Handtücher. Und ich habe ernsthaft darüber
nachgedacht, Sandalen anzuziehen... Der atemberaubende Anblick dieses
Geysirfeldes entschädigt aber für jegliches Zähneklappern: in der
Morgenkälte mit dem noch spärlichen Sonnenlicht sieht man besonders
schön die Dunstwolken, die überall über die Weite verteilt aus den
heißen Geysirlöchern, den Minikratern, aufsteigen. Rundherum sind
die Berghänge recht kahl, nur mit einigen steppengrasartigen
Büscheln bewachsen. In der Ferne können wir sogar den „Ojos del
Salado“ sehen, den höchsten aktiven Vulkan der Welt auf 6893
Metern ü.d.M.
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| So sieht ein Geysir aus, der grad zum nächsten Wasserspucken Luft holt |
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| Hier blubbert statt Wasser kochendheißer Schlamm |
Als uns die ersten wärmenden Strahlen treffen (welch Erlösung nach der schon schmerzenden Gänsehaut auf meinen Beinen), kehren wir zu Auto zurück, packen einen Klapptisch, Thermoskannen und Picknickkorb aus und frühstücken mit Kuchen, Kaffee, Keksen, Saft und gekochten Eiern im ersten Sonnenschein des Tages.
Sobald
die Sonne das Geysirfeld berührt, verkleinern sich die blubbernden
und spritzenden Geysire, da es schnell zu warm wird, am morgens um 10
Uhr sind sie ganz verschwunden.
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| Sogar Lachmöwen fühlen sich hier in der Nähe der Geysire wohl |
Wir
fahren ein kleines Stückchen weiter bis zu einer Thermalquelle, die
als natürlich beheizter Minibadesee umfunktioniert wurde. Bibbernd
laufen wir in Badesachen zum Schwimmbecken und lassen uns
hineingleiten. Seltsamerweise ist das Wasser auf der einen Seite zur
lauwarm, aber auf der anderen Seite, von wo die beiden Minigeysire
unterirdisch das Becken speisen, kommt in unregelmäßigen Abständen
ein Schwall so kochendes Wasser geschwappt, dass man sich beinahe im
Minutentakt wie ein kleiner Hummer fühlt, der lebendig überbrüht
wird. Ich kann richtig spüren, dass es eben kein künstlich
beheizter Pool ist, und der Sand unter meinen Füßen wird auch
manchmal so heiß, dass mir fast die Fußsohlen anschmoren, wenn ich
mich nicht schnell in den kühleren Bereich rette.
Wieder
trockengerubbelt und aufgewärmt machen wir uns auf den Rückweg,
bleiben oft stehen um die sich schnell verändernde, nun viel grünere
Landschaft anzugucken und uns in die Nähe von ein paar grasenden
Lamas zu wagen. Offenbar gibt es aber verschiedene Arten von Lamas,
denn zum Beispiel die Guanacos, die größer und fell-/fleischreicher
sind, sowie die Vicuñas, kleiner und schlanker, sind Wildarten und
unterscheiden sich damit von den domestizierten Lamas & Alpakas,
die hier in der Herde meist eine Ohr- oder Halsmarke besitzen. Es ist
also kein Klischee – wenn man durch diese Hochebene fährt, kann
man aller Nase lang grasende Lamas entdecken (meine Theorie ist, dass
sie nur so weit den Abstand halten, wie sie spucken können).
Ein
weiteres tierisches Highlight abgesehen von den Lamas: als wir um
eine Kurve biegen, liegt dort plötzlich ein kleines flaches Gewässer
vor uns, in dem eine ganze Gruppe Flamingos herumstakst! Leider
dürfen wir aus Naturschutzgebietsgründen nicht viel näher heran,
aber dass auf mehr als 4000 Metern Höhe diese dürren, zierlichen
Tiere leben können, ist wirklich eindrucksvoll.
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| Ganz friedlich grasen die Lamas neben der Straße, trotzdem muss ich nicht unbedingt auf Tuchfühlung mit ihnen gehen... |
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| Ganz aus der Ferne, aber ich gebe mein Wort - es sind wirklich Flamigos dort im Wasser! |
So
fahren wir zurück nach San Pedro, in der Umgebung tauchen ganz viele
riesige Kakteen auf, so wie ich sie mir in Texas vorstelle. Wir
machen kurz Halt an einem anderen Minidörfchen, dass eine hübsche,
grasgedeckte Kirche besitzt und wo für hungrige Touristen frisch
gegrillter Lamaschaschlik verkauft wird, vermutlich direkt aus den
friedlichen Herden weggefangen, die wir ein paar Minuten vorher beim
seelenruhigen Grasen beobachtet haben...
Zurück
in der AirBnB-Unterkunft gammeln wir den restlichen Nachmittag in der
Wüstenhitze herum, kochen uns abends ein Süppchen und genießen es,
in der nächtlichen Kühle draußen in dem Garten zu sitzen. Leider
sind hier in San Pedro alle Restaurants exorbitant teuer, da zum
einen alle Lebensmittel direkt in die Wüste gebracht werden müssen,
zum allen natürlich wegen dem üblichen Touristen-/Gringoaufschlag.
Deshalb ist es superpraktisch, sich selbst bekochen zu können, und
sei es nur eine aufgepeppte Tütensuppe, die gleich das
Campingfeeling wieder aufflammen lässt.
In
den nächsten beiden Tagen machen wir unter Anderem noch einen
geführten „Stadt“rundgang durch San Pedro mit, wobei uns sehr
viele interessante Dinge über die Gründung des Dorfes erzählt
werden und über die Atacameños, die ursprünglichen indigenen
Einwohner. Die alte Kirche San Pedros zum Beispiel wurde aus
Kaktusholz gebaut, was zwar ein bisschen löchrig aussieht, aber
wahnsinnig stabil und unglaublich halt ist, da Kakteen im Schnitt nur
ein bis zwei Zentimeter pro Jahr wachsen. Auch hatten die Einwohner
dieses Landstreifens früher weder Hammer noch Nägel um das Holz
aneinander zu nageln, weshalb kurzerhand die sehr robuste und
reißfeste Sehne aus dem Hals eines Lamas zum Bau verwendet wurde.
Auch wurde uns erzählt, dass der höchste Berg, den man direkt von
San Pedro aus sehen kann, „Licancabur“ genannt wird (~“Berg des
Volkes“), denn die Atacameños glaube, dieser Berg beschütze das
Dorf und die Menschen.
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| Auch die Kirchenpforte ist mit den Lamasehnen befestigt; durch jahrelanges Trocknen sind diese ehemals weichen Sehnen wie verholzt und extrem hart geworden |
Leider
leider ist es während unserer letzten beiden Nächte hier immer
bewölkt, angeblich wegen des „Bolivianischen Winters“, was
bedeutet, dass wir unserer so sehr ersehnte Astronomietour in der
Wüste nicht machen können. Das ist superschade und ich bin sehr
enttäuscht, denn gerade hier in der Atacamawüste, wo es beinahe das
ganze Jahr einen wolkenlosen Himmel gibt, bietet sich das Sterne- &
Planetenbeobachten total an und es gibt sogar extra eine besondere
Astronomiestation mitten in der Wüste, mit den besten Teleskopen.
Dafür
leihe ich mir am letzten Nachmittag ein Fahrrad aus, megadicke
Querfeldeinreifen und es gibt sogar einen Helm und eine Luftpumpe
dazu. Ich fahre zur „Garganta del Diablo“, einer
mäandrig-verkurvte Felsschlucht mit sandigem Boden und teilweise so
schmalen Stellen, dass ich das Mountainbike ab und zu ein kleines
Stückchen tragen muss. Tatsächlich begegnet mir knapp zwei Stunden
kein einziger Mensch in dieser Schlucht, ich genieße die Ruhe sehr
an diesem frühen Nachmittag.
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| Blick zurück auf den sich schlängelnden Weg |
Auf der Rücktour - ein bisschen im Zickzack um herumstreunende Kühe und eine kleine Schafherde - treffe ich wieder
auf die ersten Radler und Wanderer und folge dann auf Gut Glück
einem Schild, dass nur „Tunnel“ sagt. Nur diesen kilometerlangen,
sehr steilen Aufstieg hätte ich nicht erwartet – der Weg, der sich
eigentlich gar nicht Weg nennen sollte, ist buchstäblich
zugeschüttet mit großen Felsbrocken, Geröll und tiefem Sand, was
den Aufstieg ziemlich beschwerlich macht (vor allem mit meiner nicht
existierenden Mountainbikeerfahrung). Endlich oben angekommen führt
wirklich ein ca. 200 Meter langer tiefschwarzer Tunnel mitten durch
den Fels hindurch und auf der anderen Seite komme ich hinaus auf eine
Art Hochplateau, von wo aus ich das letzte Stückchen bis zum
Felskamm zu Fuß gehe. Von dort aus hat man einen wunderschönen
Blick uns Tal unten, auf den Weg, den ich mit dem Rad hinausgekommen
bin und auf die grüne Oase San Pedro. Als der Wind auffrischt und
mir eine kleine wirbelnde Windhose den Sand in de Augen treibt, mache
ich mich an den Abstieg, der runterzu noch viel beschwerlicher ist
als hinaufzuradeln da ich die ganze Zeit superkonzentriert auf den
Bremsen stehe, um nicht hinzufallen.
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| Der Blick von oben auf bereits grüne Tal, was zur Oase San Pedro führt... |
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| ...und die Aussicht zur anderen Seite - karge Felsen & Steinwüste. |
Die
letzte Nacht dürfen wir zum Glück noch in einem der Zimmer bleiben,
an Schlaf ist sowieso nicht zu denken, denn der Bus zurück nach
Bolivien geht um 3 Uhr morgens. Supermüde kommen wir frühmorgens an
der bolivianischen Grenze an, einem alten Eisenbahnfriedhof, wo wir
zwar einen unnötig langen Visacheck über uns ergehen lassen müssen,
es aber dafür weder Zoll- noch Drogenkontrolle gibt.
Abends
um 10 kommen wir endlich nach mehr als 18 Stunden Fahrt in drei
verschiedenen Bussen ziemlich fertig in Sucre an und wollen nur noch
nachhause, duschen und Zähneputzen. Bei mir meldet sich ein bisschen
der Katzenjammer – es war so schön, ich hätte locker noch ein
paar Tage länger unterwegs sein können, zumal wir soviele
verschiedene Dinge gesehen und erlebt haben. Ein bisschen wehmütig
schaue ich die mitgebrachten Muscheln und den Wüstensand in meinen
Schuhen an... aber es wird ja bald eine neue interessante Reise
kommen, und für den Moment ist es auch ganz schön, wieder in Sucre
anzukommen.





































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