Etwas
verspätet aber dafür noch im „ordentlichen“ deutschen
Januar-Schneesturmwinter kommt jetzt hier mein bolivianischer
Weihnachtsbericht. Da wir direkt nach Weihnachten über Silvester
nach Chile gereist sind und erst am letzten Wochenende wieder nach
Sucre zurückkamen, war eher leider keine Zeit.
Meine
Advents- und Vorweihnachtszeit hier auf der Südhalbkugel war sehr
sommerlich und damit wettertechnisch gesehen das genaue Gegenteil von
den Vorweihnachtswochen in Deutschland. Wir hatten wunderschönes
sonniges Sommerwetter, weshalb es für mich ziemlich schwierig war,
in Weihnachtsstimmung zu kommen, wenn man „Last Christmas“ vor
sich hin summt und dabei einen halben Meter dick die Sonnencreme
auftragen muss. Außerdem ist man ja von zuhause gewöhnt, dass es
schon Ende Oktober Spekulatius und Adventskalender zu kaufen gibt und
dass wir uns immer beschweren, wenn die Geschäfte trotz schönstem
Herbstwetter schon viel zu zeitig die Weihnachtsdekoration rausholen.
Hier in Sucre ist das eher umgekehrt – zwar gibt es in vielen
Schaufenster kleine Weihnachtsmänner und Tannenbäume, aber das
hatte sich erst Mitte Dezember richtig entfaltet, reichlich spät
also. Darüberhinaus war die meiste Deko zum Haareraufen kitschig,
blau-lila-blinkend oder schlichtweg vollkommen übertrieben
künstlich. Was hat bitte eine in Neonfarben
strobolichtartig-flimmernde Schlauchlichterkette mit einem
besinnlichen Weihnachtsfest zu tun? Was ich sehr witzig fand, war die
Tatsache, dass beinahe jede Weihnachtdekoration mit Schnee, Kälte
und dick eingemummelten Weihnachtsmännern zu tun hatte, was für uns
natürlich vollkommen normal, aber hier in Bolivien eigentlich total
unpassend ist, da Weihnachten ja im Hochsommer gefeiert wird.
Natürlich
gab es auch ein paar hübsche Weihnachtsbeleuchtungen wie zum
Beispiel die (nicht blinkenden!) Lichterketten, mit denen die Bäume
auf dem zentralen Plaza umwickelt waren, oder auch der
Lichterkettenbogen im Parque Bolivar, unter dem man durchlaufen
konnte. Nachts wenn ich in der Stadt herumgelaufen bin, „Happy
Xmas, war is over“ von John Lennon vor mich hingesungen habe,
zuhause das Adventskalendertürchen aufgemacht und eine Räucherkerze
angezündet habe, dann kam schon so ein bisschen die
Weihnachtsstimmung, aber die ruhige Besinnlichkeit, die man von
zuhause kennt, ließ leider auf sich warten.
Die unfestliche Seite der Vorweihnachtszeit hier in Sucre war leider die Tatsache, das ganz viele Familie mit ihren Kindern aus den ländlichen Gebieten in die Stadt gekommen sind, scheinbar in der Hoffnung, dass sich die Leute in der Stadt vor Weihnachten etwas mehr an Nächstenliebe, Güte und Großherzigkeit erinnern und diese Menschen aus den Pueblos mit Essen oder Geld bedenken. Beinahe an jeder Straßenecke lagen und saßen deshalb ganze Großfamilien, die die vorbeilaufenenden Menschen um Almosen, um ein paar Münzen baten. Auch habe ich ein paar Mal straßenlange Schlangen von Leuten gesehen, die sich scheinbar für Spenden oder vielleicht sogar für kostenlos verteilte Canastone angestellt hatten.
Kurz zur Erklärung: Ein Canaston ist eine Art großer Geschenkekorb (oft einfach eine große Schüssel oder eine Plastik-Babybadewanne), den viele Familien zu Weihnachten erhalten, zum Beispiel von ihrer Arbeit, von Organisation und Einrichtungen, für die sie gearbeitet haben o.ä. Dieser Canaston kann gefüllt sein mit den verschiedensten Dingen, die ein Haushalt gebrauchen kann, zum Beispiel mit Paneton, Wein, Schokolade, Thunfisch, Rosca navidena, Nudeln, Mayonäse, Butter, Saft, Kekse und sogar ein ganzes Huhn kann darin sein. Der genaue Inhalt aber bleibt bis zum Empfang des Canastones geheim und ist immer eine Überraschung.
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| Paneton im Supermarkt |
Am vierten Adventssonntag sind wir in das kleine Santa Clara Cafe gegangen, wo wir bei Paneton (eine Art fluffiger hoher Stollen), Vanillekipferl und Zimtplätzchen ein bisschen Adventsstimmung für uns herbeigezaubert und über die „richtigen“ Weihnachtsmarkt-Striezel gefachsimpelt haben. Außerdem haben wir unter uns Freiwilligen gewichtelt, was ziemlich lustig war und mich für drei Stunden in einen Buchladen verschlagen hat (nicht ganz uneigennützig), auf der Suche nach einem Geschenk für mein Wichtel.
Insgesamt
wird hier recht viel Wirbel um Weihnachten gemacht, aber letztendlich
war das eigentliche Fest recht unspektakulär. Beeindruckend war am
Tag vor Heiligabend aber die riesige Tanzparade auf der größten
Avenida der Stadt, eine Art Umzug mit hunderten verschiedenen
Tanzgruppen kostümiert wie Schnee- und Weihnachtsmänner, in
Geschenkeverpackungs- und Weihnachtswichteloutfits, als
Weihnachtskuchen, Paneton, Engel und Zuckerkringel. Alle haben
stundenlang zur selben Musik tanzend ihre Runden gedreht, typisch ist
hier zu Weihnachten der Chuntunqui-Tanz zu lauter, quirliger, sich
scheinbar endlos im Kreis drehender Musik, die man schon vor den
Weihnachtsfeiertagen an jeder Straßenecke hören kann und mir
irgendwann etwas auf die Nerven ging. Dieser riesige, furchtbar
laute, bunte Weihnachtsumzug war eine Wucht, keine Frage, und
wirklich beeindruckend anzusehen, Respekt an die Tänzer. Anders als
bei uns zuhause ist diese Weihnachtsstimmung aber eher wenig
besinnlich, dafür eben wie ein großes Volksfest mit Bühne, Tombola
und verkleideten Weihnachtsmännern, die Bonbons in die Menge werfen,
ein bisschen wie beim Carneval.
Am
24. Dezember kamen abends drei andere Freiwillige zu unserer
Gastfamilie, denn wir hatten die Mädels aus dem Apartement zu
Weihnachten zu uns eingeladen, da sie selbst keine Familie hier haben
und Heiligabend so allein vielleicht ein wenig trostlos gewesen wäre
– zusammen ist es sowieso lustiger, und nach diesem Motto standen
wir zu fünft am Heiligabend also viele Stunden lang in der Küche,
um das Weihnachtsabendessen für die ganze Familie zu zaubern: es gab
eine mit Avocado-Knoblauch-Käsecreme gefüllte Kürbisroulade mit
Backkartoffelecken und als Nachtisch eine Rosca Navidena
(Weihnachtsfrüchtebrot). Traditionell ist man um Mitternacht zu
Abend und stößt mit Sekt auf den beginnenden Weihnachtstag (den 25.
Dezember) an. Nach dem Essen haben wir den Tisch zu Seite geräumt,
bolivianische Weihnachtsmusik angemacht und meine beiden
Gastschwestern haben uns versucht, Chuntunqui beizubringen, denn
jeder tanzt hier zur Weihnachtszeit diese hüpfenden und springenden
Tanz. So haben wir noch bis morgens nach um 3 alle zusammen getanzt
und sind dann aber ganz schön ausgebrannt ins Bett gefallen. Wir
„Kinder“ haben alle bei Josh im Zimmer geschlafen, wie früher
bei Übernachtungskindergeburtstagen mit Matratzen auf dem Fußboden
und sind schon beim Vorspann von einem der typischsten aller
Weihnachtsfilme, dem „Grinch“, weggeschnarcht.
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| Die fleißigen Weihnachtswichtel beim Kochen |
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| Wir Freiwilligen zusammen mit meinen Gasteltern Vicenta & Oswaldo |
Am
Morgen des fünfundzwanzigsten Dezembers gab es dann ein
Weihnachtsfrühstück mit heißem Kakao, Rosca, Paneton, meine
selbstgebackenen Plätzchen und dem guten Dresdner Stollen, den ich
im August als Gastgeschenk für die Familie mitgebracht hatte. Bei
diesem wunderbar-typischen Weihnachtsgeschmack auf der Zunge hat sich
bei mir sofort das kulinarische Gedächtnis gemeldet und ich musste
ein bisschen wehmütig an zuhause denken, denn dieses Stückchen
Stollen hat mich gedanklich total in unser weihnachtlich mit Kerzen
beleuchtetes Wohnzimmer katapultiert, wo meine ganze Familie
zusammensaß und meinem Vater beim Klavierspiel zugehört hat.
Normalerweise
werden am Weihnachtsmorgen von den Kinder die Geschenke ausgepackt,
aber in unserer Familie gab es nicht wirklich eine Beschehrung, nur
Josh und ich haben einen Monatskalender für 2017 mit Fotos von
unserer Gastfamilie mit uns zusammen gebastelt, welchen wir unseren
Gasteltern geschenkt haben, worüber sich alle sehr gefreut haben.
Gastmama Vicenta hatte Josh als Weihnachtsgeschenk ein Tshirt genäht
und für mich ein hübsches sommerliches Spaghettiträgerkleid mit
Blümchenmuster gemacht, was ich natürlich am Weihnachtstag gleich
getragen habe dank dem wunderschönen warmen Sonnenschein draußen.
Leider
gab uns die aktuelle Postamtsituation einen kleinen Dämpfer:
aufgrund von Streiks der bolivianischen Post hatte fast keiner von
uns Freiwilligen sein Weihnachtspäckchen von zuhause erhalten, auch
nach mehr als 4 Wochen war nichts Neues angekommen.
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| Unsere Familie mit Gästen beim Weihnachtsfrühstück |
Vor
dem Mittagessen haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht, in
knallender Mittagssonne „Leise rieselt der Schnee“ angestimmt und
sind danach erneut beim „Grinch“-Gucken weggenickt. Mittags gab
es das typischste aller bolivianischer Weihnachtsessen: Pikana, also
ein mit Karotten, Zwiebeln und Erbsen gekochtes Hühnchen, dazu
Kartoffeln und einen Maiskolben („Choclo“). Da wir Freiwillige
alle Vegetarier sind, gab es für uns Pikana vegetariana – also
Choclo, Kartoffeln und Salat.
Nach
diesem übermäßigen Essen der letzten 15 Stunden war ich den Tag
über zu nicht mehr viel fähig – eine vollgestopfte Faulheit, die
wahrscheinlich überall auf der Welt gleich ist über die
Weihnachtstage.
Das
Fest in unserer Gastfamilie war eine sehr neue, interessante
Erfahrung, so anders als zuhause in Deutschland, und doch wirklich
schön im Familienkreis, ich habe mich sehr willkommen und herzlichst
aufgenommen gefühlt, auch wenn wir natürlich besonders zu dieser
Zeit unsere Familien zuhause ziemlich vermisst haben.
Das
Weihnachtsfest in den Dörfern auf dem Land ist hier in Bolivien
nochmal eine besonders traditionelle Festlichkeit, weshalb ich am 26.
Dezember mit zwei Mädels den Bus ins vier Stunden entfernte Dorf
Serrano genommen habe, wo die Familie einer Freundin ein Haus hat, in
dem wir spontan für eine Nacht unterkommen durften. Als wir abends
in diesem kleinen Dörfchen ankamen, war unglaublich viel los in den
Straßen, an jeder Ecke gab es laute Musik, Bandas mit Trommeln und
Panflöten, ständig kam eine Gruppe von Leuten hüpfend, klatschend
und laut rufend durch die Straßen getanzt, man konnte sich einfach
anschließen. Viele Haustüren der Leute standen offen und die
Menschen von der Straße sind hereingekommen und haben vor einem mit
Blinkelichtern geschmückten Altar getanzt. Auf dem nahen Sportplatz
gab es auf einer Bühne sogar ein richtiges Konzert mit
Eintrittskarten. Insgesamt eine Art riesiges Volksfest; dass der
eigentliche Grund Weihnachten war, hat man dabei kaum gespürt.
Dosenbier, Singani und natürlich das vergorene Maisgetränk Chicha
floss in Strömen und der Alkoholpegel der meisten Leute war schon
recht bedenklich, weshalb einige Männer gegenüber uns „Gringitas“
recht aufdringlich waren, aber wir wusste uns schon zu wehren bzw.
haben den Gastbruder einer Freiwilligen als unseren Freund ausgeben
(sozusagen als „menschliches Schutzschild“). Trotzdem hatten wir
viel Spaß, kamen mit vielen Menschen ins Gespräch, haben die ganze
Nacht getanzt und uns als „Reporter einer Zeitschrift“ ausgebend
an der Security vorbei auf den Konzertplatz geschmuggelt.
Auch
am nächsten Tag trafen wir noch ein paar Mal auf die letzten
Kindertanzgruppen, die in die Häuser vor den Weihnachtsaltaren um
Süßigkeiten und Schokolade tanzten. Wir sind durch das Dorf
geschlendert, auf einen nahen Hügel geklettert mit Blick auf die
umliegenden Berge und durften den Garten von Sophias Gastfamilie
besuchen – eine kleine, grüne, ruhige Oase mit Apfel-, Birnen-,
Pfirsich- und Feigenbäumen, Roter Beete, einem kleinen Maisfeld
umgeben von einer Lehmziegelmauer und zwei herumtollenden
Babyhündchen. Die Einladung der Gastmutter, wonach wir doch gern in
der Osterzeit wiederkommen sollen, nehmen wir gern an, denn auch da
soll es einige interessante traditionelle Bräuche hier in Serrano
geben.
Nach
diesem durchtanzten, trubeligen und sonnigen Weihnachtsfest ging es
erstmal über Sylvester für knapp zwei Wochen raus aus Sucre, rüber
nach Chile. Aber davon mehr im nächsten Blogeintrag.




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