Montag, 9. Januar 2017

Weihnachtsnachtrag - Feliz Navidad atrasada!

Etwas verspätet aber dafür noch im „ordentlichen“ deutschen Januar-Schneesturmwinter kommt jetzt hier mein bolivianischer Weihnachtsbericht. Da wir direkt nach Weihnachten über Silvester nach Chile gereist sind und erst am letzten Wochenende wieder nach Sucre zurückkamen, war eher leider keine Zeit.

Meine Advents- und Vorweihnachtszeit hier auf der Südhalbkugel war sehr sommerlich und damit wettertechnisch gesehen das genaue Gegenteil von den Vorweihnachtswochen in Deutschland. Wir hatten wunderschönes sonniges Sommerwetter, weshalb es für mich ziemlich schwierig war, in Weihnachtsstimmung zu kommen, wenn man „Last Christmas“ vor sich hin summt und dabei einen halben Meter dick die Sonnencreme auftragen muss. Außerdem ist man ja von zuhause gewöhnt, dass es schon Ende Oktober Spekulatius und Adventskalender zu kaufen gibt und dass wir uns immer beschweren, wenn die Geschäfte trotz schönstem Herbstwetter schon viel zu zeitig die Weihnachtsdekoration rausholen. Hier in Sucre ist das eher umgekehrt – zwar gibt es in vielen Schaufenster kleine Weihnachtsmänner und Tannenbäume, aber das hatte sich erst Mitte Dezember richtig entfaltet, reichlich spät also. Darüberhinaus war die meiste Deko zum Haareraufen kitschig, blau-lila-blinkend oder schlichtweg vollkommen übertrieben künstlich. Was hat bitte eine in Neonfarben strobolichtartig-flimmernde Schlauchlichterkette mit einem besinnlichen Weihnachtsfest zu tun? Was ich sehr witzig fand, war die Tatsache, dass beinahe jede Weihnachtdekoration mit Schnee, Kälte und dick eingemummelten Weihnachtsmännern zu tun hatte, was für uns natürlich vollkommen normal, aber hier in Bolivien eigentlich total unpassend ist, da Weihnachten ja im Hochsommer gefeiert wird.
Natürlich gab es auch ein paar hübsche Weihnachtsbeleuchtungen wie zum Beispiel die (nicht blinkenden!) Lichterketten, mit denen die Bäume auf dem zentralen Plaza umwickelt waren, oder auch der Lichterkettenbogen im Parque Bolivar, unter dem man durchlaufen konnte. Nachts wenn ich in der Stadt herumgelaufen bin, „Happy Xmas, war is over“ von John Lennon vor mich hingesungen habe, zuhause das Adventskalendertürchen aufgemacht und eine Räucherkerze angezündet habe, dann kam schon so ein bisschen die Weihnachtsstimmung, aber die ruhige Besinnlichkeit, die man von zuhause kennt, ließ leider auf sich warten.

Die unfestliche Seite der Vorweihnachtszeit hier in Sucre war leider die Tatsache, das ganz viele Familie mit ihren Kindern aus den ländlichen Gebieten in die Stadt gekommen sind, scheinbar in der Hoffnung, dass sich die Leute in der Stadt vor Weihnachten etwas mehr an Nächstenliebe, Güte und Großherzigkeit erinnern und diese Menschen aus den Pueblos mit Essen oder Geld bedenken. Beinahe an jeder Straßenecke lagen und saßen deshalb ganze Großfamilien, die die vorbeilaufenenden Menschen um Almosen, um ein paar Münzen baten. Auch habe ich ein paar Mal straßenlange Schlangen von Leuten gesehen, die sich scheinbar für Spenden oder vielleicht sogar für kostenlos verteilte Canastone angestellt hatten.
Kurz zur Erklärung: Ein Canaston ist eine Art großer Geschenkekorb (oft einfach eine große Schüssel oder eine Plastik-Babybadewanne), den viele Familien zu Weihnachten erhalten, zum Beispiel von ihrer Arbeit, von Organisation und Einrichtungen, für die sie gearbeitet haben o.ä. Dieser Canaston kann gefüllt sein mit den verschiedensten Dingen, die ein Haushalt gebrauchen kann, zum Beispiel mit Paneton, Wein, Schokolade, Thunfisch, Rosca navidena, Nudeln, Mayonäse, Butter, Saft, Kekse und sogar ein ganzes Huhn kann darin sein. Der genaue Inhalt aber bleibt bis zum Empfang des Canastones geheim und ist immer eine Überraschung.


Paneton im Supermarkt

Am vierten Adventssonntag sind wir in das kleine Santa Clara Cafe gegangen, wo wir bei Paneton (eine Art fluffiger hoher Stollen), Vanillekipferl und Zimtplätzchen ein bisschen Adventsstimmung für uns herbeigezaubert und über die „richtigen“ Weihnachtsmarkt-Striezel gefachsimpelt haben. Außerdem haben wir unter uns Freiwilligen gewichtelt, was ziemlich lustig war und mich für drei Stunden in einen Buchladen verschlagen hat (nicht ganz uneigennützig), auf der Suche nach einem Geschenk für mein Wichtel.
Insgesamt wird hier recht viel Wirbel um Weihnachten gemacht, aber letztendlich war das eigentliche Fest recht unspektakulär. Beeindruckend war am Tag vor Heiligabend aber die riesige Tanzparade auf der größten Avenida der Stadt, eine Art Umzug mit hunderten verschiedenen Tanzgruppen kostümiert wie Schnee- und Weihnachtsmänner, in Geschenkeverpackungs- und Weihnachtswichteloutfits, als Weihnachtskuchen, Paneton, Engel und Zuckerkringel. Alle haben stundenlang zur selben Musik tanzend ihre Runden gedreht, typisch ist hier zu Weihnachten der Chuntunqui-Tanz zu lauter, quirliger, sich scheinbar endlos im Kreis drehender Musik, die man schon vor den Weihnachtsfeiertagen an jeder Straßenecke hören kann und mir irgendwann etwas auf die Nerven ging. Dieser riesige, furchtbar laute, bunte Weihnachtsumzug war eine Wucht, keine Frage, und wirklich beeindruckend anzusehen, Respekt an die Tänzer. Anders als bei uns zuhause ist diese Weihnachtsstimmung aber eher wenig besinnlich, dafür eben wie ein großes Volksfest mit Bühne, Tombola und verkleideten Weihnachtsmännern, die Bonbons in die Menge werfen, ein bisschen wie beim Carneval.
Am 24. Dezember kamen abends drei andere Freiwillige zu unserer Gastfamilie, denn wir hatten die Mädels aus dem Apartement zu Weihnachten zu uns eingeladen, da sie selbst keine Familie hier haben und Heiligabend so allein vielleicht ein wenig trostlos gewesen wäre – zusammen ist es sowieso lustiger, und nach diesem Motto standen wir zu fünft am Heiligabend also viele Stunden lang in der Küche, um das Weihnachtsabendessen für die ganze Familie zu zaubern: es gab eine mit Avocado-Knoblauch-Käsecreme gefüllte Kürbisroulade mit Backkartoffelecken und als Nachtisch eine Rosca Navidena (Weihnachtsfrüchtebrot). Traditionell ist man um Mitternacht zu Abend und stößt mit Sekt auf den beginnenden Weihnachtstag (den 25. Dezember) an. Nach dem Essen haben wir den Tisch zu Seite geräumt, bolivianische Weihnachtsmusik angemacht und meine beiden Gastschwestern haben uns versucht, Chuntunqui beizubringen, denn jeder tanzt hier zur Weihnachtszeit diese hüpfenden und springenden Tanz. So haben wir noch bis morgens nach um 3 alle zusammen getanzt und sind dann aber ganz schön ausgebrannt ins Bett gefallen. Wir „Kinder“ haben alle bei Josh im Zimmer geschlafen, wie früher bei Übernachtungskindergeburtstagen mit Matratzen auf dem Fußboden und sind schon beim Vorspann von einem der typischsten aller Weihnachtsfilme, dem „Grinch“, weggeschnarcht.

Die fleißigen Weihnachtswichtel beim Kochen

Wir Freiwilligen zusammen mit meinen Gasteltern Vicenta & Oswaldo

Am Morgen des fünfundzwanzigsten Dezembers gab es dann ein Weihnachtsfrühstück mit heißem Kakao, Rosca, Paneton, meine selbstgebackenen Plätzchen und dem guten Dresdner Stollen, den ich im August als Gastgeschenk für die Familie mitgebracht hatte. Bei diesem wunderbar-typischen Weihnachtsgeschmack auf der Zunge hat sich bei mir sofort das kulinarische Gedächtnis gemeldet und ich musste ein bisschen wehmütig an zuhause denken, denn dieses Stückchen Stollen hat mich gedanklich total in unser weihnachtlich mit Kerzen beleuchtetes Wohnzimmer katapultiert, wo meine ganze Familie zusammensaß und meinem Vater beim Klavierspiel zugehört hat.

Normalerweise werden am Weihnachtsmorgen von den Kinder die Geschenke ausgepackt, aber in unserer Familie gab es nicht wirklich eine Beschehrung, nur Josh und ich haben einen Monatskalender für 2017 mit Fotos von unserer Gastfamilie mit uns zusammen gebastelt, welchen wir unseren Gasteltern geschenkt haben, worüber sich alle sehr gefreut haben. Gastmama Vicenta hatte Josh als Weihnachtsgeschenk ein Tshirt genäht und für mich ein hübsches sommerliches Spaghettiträgerkleid mit Blümchenmuster gemacht, was ich natürlich am Weihnachtstag gleich getragen habe dank dem wunderschönen warmen Sonnenschein draußen.
Leider gab uns die aktuelle Postamtsituation einen kleinen Dämpfer: aufgrund von Streiks der bolivianischen Post hatte fast keiner von uns Freiwilligen sein Weihnachtspäckchen von zuhause erhalten, auch nach mehr als 4 Wochen war nichts Neues angekommen.

Unsere Familie mit Gästen beim Weihnachtsfrühstück

Vor dem Mittagessen haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht, in knallender Mittagssonne „Leise rieselt der Schnee“ angestimmt und sind danach erneut beim „Grinch“-Gucken weggenickt. Mittags gab es das typischste aller bolivianischer Weihnachtsessen: Pikana, also ein mit Karotten, Zwiebeln und Erbsen gekochtes Hühnchen, dazu Kartoffeln und einen Maiskolben („Choclo“). Da wir Freiwillige alle Vegetarier sind, gab es für uns Pikana vegetariana – also Choclo, Kartoffeln und Salat.
Nach diesem übermäßigen Essen der letzten 15 Stunden war ich den Tag über zu nicht mehr viel fähig – eine vollgestopfte Faulheit, die wahrscheinlich überall auf der Welt gleich ist über die Weihnachtstage.
Das Fest in unserer Gastfamilie war eine sehr neue, interessante Erfahrung, so anders als zuhause in Deutschland, und doch wirklich schön im Familienkreis, ich habe mich sehr willkommen und herzlichst aufgenommen gefühlt, auch wenn wir natürlich besonders zu dieser Zeit unsere Familien zuhause ziemlich vermisst haben.

Das Weihnachtsfest in den Dörfern auf dem Land ist hier in Bolivien nochmal eine besonders traditionelle Festlichkeit, weshalb ich am 26. Dezember mit zwei Mädels den Bus ins vier Stunden entfernte Dorf Serrano genommen habe, wo die Familie einer Freundin ein Haus hat, in dem wir spontan für eine Nacht unterkommen durften. Als wir abends in diesem kleinen Dörfchen ankamen, war unglaublich viel los in den Straßen, an jeder Ecke gab es laute Musik, Bandas mit Trommeln und Panflöten, ständig kam eine Gruppe von Leuten hüpfend, klatschend und laut rufend durch die Straßen getanzt, man konnte sich einfach anschließen. Viele Haustüren der Leute standen offen und die Menschen von der Straße sind hereingekommen und haben vor einem mit Blinkelichtern geschmückten Altar getanzt. Auf dem nahen Sportplatz gab es auf einer Bühne sogar ein richtiges Konzert mit Eintrittskarten. Insgesamt eine Art riesiges Volksfest; dass der eigentliche Grund Weihnachten war, hat man dabei kaum gespürt. Dosenbier, Singani und natürlich das vergorene Maisgetränk Chicha floss in Strömen und der Alkoholpegel der meisten Leute war schon recht bedenklich, weshalb einige Männer gegenüber uns „Gringitas“ recht aufdringlich waren, aber wir wusste uns schon zu wehren bzw. haben den Gastbruder einer Freiwilligen als unseren Freund ausgeben (sozusagen als „menschliches Schutzschild“). Trotzdem hatten wir viel Spaß, kamen mit vielen Menschen ins Gespräch, haben die ganze Nacht getanzt und uns als „Reporter einer Zeitschrift“ ausgebend an der Security vorbei auf den Konzertplatz geschmuggelt.

Auch am nächsten Tag trafen wir noch ein paar Mal auf die letzten Kindertanzgruppen, die in die Häuser vor den Weihnachtsaltaren um Süßigkeiten und Schokolade tanzten. Wir sind durch das Dorf geschlendert, auf einen nahen Hügel geklettert mit Blick auf die umliegenden Berge und durften den Garten von Sophias Gastfamilie besuchen – eine kleine, grüne, ruhige Oase mit Apfel-, Birnen-, Pfirsich- und Feigenbäumen, Roter Beete, einem kleinen Maisfeld umgeben von einer Lehmziegelmauer und zwei herumtollenden Babyhündchen. Die Einladung der Gastmutter, wonach wir doch gern in der Osterzeit wiederkommen sollen, nehmen wir gern an, denn auch da soll es einige interessante traditionelle Bräuche hier in Serrano geben.


Nach diesem durchtanzten, trubeligen und sonnigen Weihnachtsfest ging es erstmal über Sylvester für knapp zwei Wochen raus aus Sucre, rüber nach Chile. Aber davon mehr im nächsten Blogeintrag.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen