Montag, 25. September 2017

Ankommen - bittersüß schmeckt die Rückkehr

Nun sind schon vier Wochen ins Lande gegangen seitdem wir wieder auf deutschem Boden gelandet sind. Ich habe mich wieder eingelebt hier in Deutschland und doch gibt es ab und zu den ein oder anderen Moment, der mich kurz nach Luft schnappen lässt, der mich sprachlos macht und ich nicht genau weiß, ob ich lieber lachen oder weinen soll. Aber erstmal von vorn...

Die ersten Tage nach dem Rückflug habe ich zuhause bei meinen Eltern verbracht, ein paar Freunde, meine Großeltern und die engsten Verwandten getroffen und war voll damit beschäftigt, all das saftige Grün des Waldes hinter unserem Haus in mir aufzusaugen, das laute Vogelgezwitscher morgens und den Geruch von der frisch gewaschenen Wäsche zuhause. Wir sind am zweiten Tag nach der Ankunft gleich mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren und so zwischen den Maisfeldern entlang und durch den Wald, da habe ich mich ein bisschen gefühlt wie in einem Traum, weil alle Farben so wahnsinnig leuchtend waren und mir die Straßen und die Feldränder so gerade und sauber gezogen vorkamen, wie ich es noch nie gesehen hatte. Wir waren einfach überhaupt nicht mehr an so viel Grün gewöhnt, geschweige denn an so aufgeräumte Orte.
Leider hatte ich kaum Zeit, um zuhause in Ruhe durchzuschnaufen, denn nur vier Tage später sind wir meinen Umzug gefahren in Richtung Sachsen-Anhalt, wo ich nun ein FSJ Kultur mache. So planungstechnisch hören sich vier Tage recht entspannt an um aus- und einzupacken, aber ich musste schon ganz schön kurbeln, das Nötigste in Umzugskisten zu verstauen und gleichzeitig noch all die neuen alten Eindrücke zu verarbeiten. Trotzdem hat es irgendwie funktioniert und ich musste mich irgendwie so nebenbei wieder einleben.

Mittlerweile sind so routinierte Dinge, die mir in Bolivien in Fleisch und Blut übergegangen waren, beinahe ganz verschwunden. Daran, dass man sich keine Sorgen zu machen braucht, ob Wasser aus dem Wasserhahn kommt oder nicht, dass das Toilettenpapier in die Toilette geworfen werden kann, daran, dass es quasi keine Straßenhunde gibt, die dir nachts bellend auflauern, oder an die manchmal absurd hohen Preise v.a. für Lebensmittel, an all das habe ich mich langsam wieder gewöhnt. Nur manchmal zucke ich noch zusammen, wenn plötzlich ein Autofahrer ernsthaft anhält um mich vorbeizulassen, oder ich mache mir Sorgen, keine Sonnencreme dabei zuhaben, wenn die Sonne warm vom Himmel brutzelt, bis mir einfällt, dass hier auf fast Meeresspiegelhöhe die Intensität kaum mehr für einen Sonnenbrand ausreicht. Ein positiver Effekt ist auf jeden Fall, dass man sich keine Gedanken mehr machen muss, lästige Kommentare von Männern einzufangen, wenn man einfach nur allein als Mädchen über die Straße läuft - manchmal wundere ich mich richtig, wieso niemand hinterherpfeift. Zum Glück! Es fühlt sich viel befreiender an, wenn niemand einen im Vorbeigehen blöd angeht.
Was mich aber immer noch des Öfteren verblüfft ist die Geradlinigkeit der Bordsteinkanten und die unglaublich akkurat gezogenen Linien der Vorgärten bei uns im Dorf, da schaut kein Blumenköpfchen zu weit über die Grundstücksgrenze. Ob all den anderen Menschen auch auffällt, wie wahnsinnig sauber und aufgeräumt es hier eigentlich ist?

Wie auch immer musste ich mich ja wieder einleben und das ist im Großen und Ganzen auch schon ganz gut geglückt. Nur merke ich immer öfter, dass so viele Unterhaltungen der Menschen, denen ich auf der Straße begegne, dass diese sich um Probleme kreisen, die eigentlich kaum richtige Probleme wären, doch scheinbar aufgebauscht werden und sich stundenlang über Kleinigkeiten beschwert wird, wie z.B. dass es bei Lidl an der Kasse wieder so lange gedauert hat oder der Zug 10 Minuten Verspätung hatte und man diese 10 Minuten Lebenszeit "sinnlos am Bahnsteig vergeudet hat" oder, dass im Drogeriemarkt das Gratis-Duschbad vom ausgeschnittenen Coupon schon vergriffen war.
Klar gibt es viele ärgerliche Dinge im Leben, die uns jeden Tag passieren, wie kleine Stolpersteine auf unserem Weg, aber ich glaube, es liegt bei jedem selbst, ob man daraus einen meterhohen Felsbrocken oder einen schmalen flachen Kieselstein macht.

So, jetzt ist's genug mit der Metaphorik. Auf jeden Fall freue ich mich sehr, wieder hier zu sein und meinen aufregenden Job im Theater antreten zu dürfen. Zugleich vermisse ich auch sehr mein verrücktes zweites Zuhause in Sucre, die lieben Mendietas, die Kinder im Projekt, die wunderbaren unübersichtlichen Märkte mit den Wagenladungen an frischem Gemüse und Früchten, ja selbst den chaotischen Straßenverkehr, die gleißende, mich verbrennende Sonne und die manchmal ganz schön nervenzehrende Art der Bolivianer, um den heißen Brei zu reden anstatt einfach eine genaue Aussage zutreffen. Bolivien, das Land und seine Menschen, wird mich sicher nie ganz loslassen und die Dinge, die wir erlebt haben, all die schönen und auch bitteren Erfahrungen, werden uns sicher noch lange begleiten.

Stichwort 'bitter': süß ist das Wiedersehen hier, aber eben mit einem leicht bitteren Beigeschmack, einer Spur Melancholie, die sich bis heute gehalten hat.
Auf jeden Fall freue ich mich schon sehr darauf, wieder zurückzukehren, meine Gastfamilie zu sehen und alte Bekannte wie Oscar, Toto, Janette, Glisver, Edwar, Cecil, Raul, Vicente und viele Menschen mehr. Denn zurückkommen werde ich auf jeden Fall, noch wissen wir nicht, wann, aber hoffentlich nicht in allzu weit entfernter Zukunft.
Und wenn es soweit ist, könnt ich hier lesen, wie es uns so ergehen wird.

Bis dahin, alles Liebe! Patricia

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