Mittwoch, 23. November 2016

¿Hay agua o no hay? - Das ist hier die Frage

Hay agua? Gibt es Wasser? In den letzten Wochen ist das die elementare Frage, die ich mir jeden Tag, beinahe jedes Mal stelle, wenn ich nach Hause komme, zum Projekt gehe oder in einem Restaurant ein Käffchen trinken möchte. Und wenn ich dann den Wasserhahn aufdrehe und einfach kein Tropfen herauskommen will, dann gibt das der Stimmung immer einen ziemlich ernüchternden Dämpfer.
Jetzt Ende November, Anfang Dezember sollte sich die Trockenzeit so langsam dem Ende neigen, doch seit Wochen gab es keinen richtigen Regen, höchstens mal einen kleinen Schauer. Wir haben hier ja gerade Frühling, das bedeutet, dass die lange Dürre zuende geht und im Dezember und Januar die Regenzeit richtig Einzug hält. Wir warten alle sehnsüchtig darauf, dass sich dicke Regenwolken anbahnen, doch bis jetzt ist es unverändert staubtrocken, was ein echtes Problem ist, denn es ist einfach nicht genug Wasser für alle Leute vorhanden. Scheinbar war die Situation während der winterlichen Trockenzeit früher nicht ganz so schlimm, doch mit dem Klimawandel, der natürlich auch hier zu spüren ist, und mit dem stetigen Bevölkerungswachstum ist die Wasserknappheit natürlich extrem.
Hier in Sucre ist die Situation besonders kompliziert: wir bekommen unser Wasser aus dem Nachbardepartment Potosi, das Sucre selbst nur sehr geringe Wasserreserven hat, die bei weitem nicht für die ganze Stadt ausreichen. Laut unserem Gastvater war schonmal ein Projekt im Gespräch, wonach ein großes Wasserreservoir realisiert werden kann, womit auf lange Zeit alle Wasserprobleme für die Stadt gelöst wären. Der Haken dabei: dieses Projekt würde ca. 10 Millionen US-Dollar kosten. Momentan ist das der Stadt Sucre entschieden zu teuer, obwohl es eine einmalige, unglaublich wichtige Investition wäre.
So aber sind wir hier von Potosi und deren Wasserreserven abhängig, was ziemlich heikel ist, denn es gibt einen Staudamm nach Sucre, der von Potosi aus natürlich geöffnet und geschlossen werden kann, nach Belieben sozusagen. In der Theorie (und leider auch in der Praxis) heißt das: Potosi könnte die komplette Wasserversorgung für Sucre lahmlegen. Und genau das ist letzte Woche passiert. Beinahe sechs Tage lang war die komplette Stadt ohne Leitungswasser, lag im wahrsten Sinn des Wortes „auf dem Trockenen“. Dafür wurden alle Dörfer und Felder in Potosi mit diesem (für sie sehr sehr reichlichen) Wasser versorgt, die Bauern haben ihre Pflanzen bewässert, während in Sucre langsam das Trinkwasser knapp wurde. Obwohl so etwas natürlich furchtbar ungerecht ist, greift niemand ein, denn eine staatliche Kontrolle dieser Wasserversorgung gibt es nicht. Vertreter der Stadt Sucre mussten nach Potosi fahren, um mit den Menschen, welche die Kontrolle über diese Leitungen besitzen, zuverhandeln, damit Sucre wieder Wasser bekommt.
Trotz allem gibt es weiterhin eine ziemliche Knappheit dieses „flüssigen Goldes“, sodass in vielen Teilen der Stadt das Wasser rationiert wird, auch bei uns im Barrio. Unsere Familie hat aber Glück bzw. hat vorgesorgt, denn auf unserem Dach gibt es zwei riesige Tanks, die insgesamt 1550 Liter fassen und sich füllen, sobald es Leitungswasser gibt. Im Moment ist einer der Tanks noch zur Hälfte voll, das heißt, wir können immerhin Händewaschen, Zähne putzen und im Hochgeschwindigkeitstempo duschen, doch ziemlich zeitnah wird auch dieser Tank leer werden. Zum Kochen und Abwaschen haben wir seit dem letzten Wasserengpass nun vier riesige Töpfe (jeder einzelne fasst sicher 30 Liter) gefüllt mit Leitungswasser im Haus, als Notfallversorgung. So abgesichert ist es keine Katastrophe, wenn das Wasser mal wieder weg ist.
Viele viele andere Familien haben aber keine Tanks auf dem Dach, weshalb die Menschen beinahe jeden Tag vor ihren Häusern stehen und alle möglichen Gefäße von Regentonnen, Töpfen, Plastikbadewannen, Eimern, Schüssel etc. am Straßenrand aufgereiht haben. Sie warten auf das große Tankauto, das ab und zu durch die Straßen fährt und die Familien mit dem nötigsten Trinkwasser versorgt. Wenn dieser Tanker kommt, dann passiert es nicht selten, dass die Menschen ihre Tonnen und Eimer quer über die Straße verteilen, wahrscheinlich, damit dieses Auto bloß nicht weiterfährt, ohne den allerletzten Topf gefüllt zu haben.
Auch im Radio laufen ständig Nachrichten und Updates zum Thema Wassermangel, Neuigkeiten vom Wetterbericht und wann das große Tankauto vorbeikommen wird. Wenn es doch mal regnet, dann ist das entweder nur ein bisschen Geniesel oder....

...ein heftiger, gewittriger Wolkenbruch für ein paar Minuten,
der so überraschend und schnell beginnt wie er wieder aufhört.

Bevor ich nach Bolivien kam, hätte ich nie gedacht, wie glücklich wir uns in Deutschland eigentlich schätzen können, beständig und immer Zugang zu Leitungswasser zu haben, welches von der Qualität auch noch excellent und direkt trinkbar ist. Hier in Sucre lerne ich momentan, wie wenig selbstverständlich es doch ist, ständig einen funktionierenden Wasserhahn zu haben, und wie sehr man seinen eigenen Wasserverbrauch reduzieren kann. Unsere Familie hier lebt sowieso immer sehr wassersparend, aber gerade in dieser lange Trockenphase ist es besonders wichtig. Zum Beispiel wird das Schmutzwasser der Waschmaschine (ja, wir haben eine eigene Waschmaschine, was ein ziemlicher Luxus ist) wird immer zum Toilettespülen verwendet, das Wasser vom Duschen fangen wir ebenfalls auf, Zähne geputzt wird nur mit einem Becher ohne Wasserhahn, usw. Als wir ein paar Tage gar kein Leitungswasser hatten, habe ich auch eine sehr minimalistische Erfahrung gemacht – zum Duschen und Haarewaschen mit Karaffe und Badewanne (ohne funktionierende Dusche natürlich) benötige ich nur ein bisschen mehr als drei Liter Wasser, und es hat super funktioniert. Darauf kann man schonmal stolz sein.

Eigentlich ist es eine wirklich gute Erfahrung, zu bemerken, wie wichtig und elementar Wasser ist, und vor allem der sichere Zugang dazu. Schon jetzt weiß ich es so viel mehr zu schätzen, wenn ich meine Hände unter fließendem Wasser waschen kann, ohne befürchten zu müssen, dass es im nächsten Moment versiegt.


Natürlich klingt das alles total dramatisch, aber letztendlich ist es nichts Neues oder vollkommen Absurdes für die Menschen in Sucre, wenn das Wasser abgestellt wird. Unser Gastbruder Carlos wollte mir gar nicht glauben, dass in Deutschland die Städte immer Wasser haben und eine Situation, in der aufgrund von Trockenheit das Wasser rationiert und abgestellt wird, einfach nicht existiert. Trotz allem, verdursten werden wir hier auf jeden Fall nicht, dafür wird schon gesorgt, und auch ohne Leitungswasser kann man eine Weile gut klarkommen. Zwar ist es sehr unannehmlich, aber ich bin doch irgendwie froh darüber, hier zu sein und zu merken, dass eine 24/7 perfekt funktionierende Wasserversorgung eben alles andere als selbstverständlich ist.

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