Hay agua? Gibt es Wasser? In den
letzten Wochen ist das die elementare Frage, die ich mir jeden Tag,
beinahe jedes Mal stelle, wenn ich nach Hause komme, zum Projekt gehe
oder in einem Restaurant ein Käffchen trinken möchte. Und wenn ich
dann den Wasserhahn aufdrehe und einfach kein Tropfen herauskommen
will, dann gibt das der Stimmung immer einen ziemlich ernüchternden
Dämpfer.
Jetzt Ende November, Anfang Dezember
sollte sich die Trockenzeit so langsam dem Ende neigen, doch seit
Wochen gab es keinen richtigen Regen, höchstens mal einen kleinen
Schauer. Wir haben hier ja gerade Frühling, das bedeutet, dass die
lange Dürre zuende geht und im Dezember und Januar die Regenzeit
richtig Einzug hält. Wir warten alle sehnsüchtig darauf, dass sich
dicke Regenwolken anbahnen, doch bis jetzt ist es unverändert
staubtrocken, was ein echtes Problem ist, denn es ist einfach nicht
genug Wasser für alle Leute vorhanden. Scheinbar war die Situation
während der winterlichen Trockenzeit früher nicht ganz so schlimm,
doch mit dem Klimawandel, der natürlich auch hier zu spüren ist,
und mit dem stetigen Bevölkerungswachstum ist die Wasserknappheit
natürlich extrem.
Hier in Sucre ist die Situation
besonders kompliziert: wir bekommen unser Wasser aus dem
Nachbardepartment Potosi, das Sucre selbst nur sehr geringe
Wasserreserven hat, die bei weitem nicht für die ganze Stadt
ausreichen. Laut unserem Gastvater war schonmal ein Projekt im
Gespräch, wonach ein großes Wasserreservoir realisiert werden kann,
womit auf lange Zeit alle Wasserprobleme für die Stadt gelöst
wären. Der Haken dabei: dieses Projekt würde ca. 10 Millionen
US-Dollar kosten. Momentan ist das der Stadt Sucre entschieden zu
teuer, obwohl es eine einmalige, unglaublich wichtige Investition
wäre.
So aber sind wir hier von Potosi und
deren Wasserreserven abhängig, was ziemlich heikel ist, denn es gibt
einen Staudamm nach Sucre, der von Potosi aus natürlich geöffnet
und geschlossen werden kann, nach Belieben sozusagen. In der Theorie
(und leider auch in der Praxis) heißt das: Potosi könnte die
komplette Wasserversorgung für Sucre lahmlegen. Und genau das ist
letzte Woche passiert. Beinahe sechs Tage lang war die komplette
Stadt ohne Leitungswasser, lag im wahrsten Sinn des Wortes „auf dem
Trockenen“. Dafür wurden alle Dörfer und Felder in Potosi mit
diesem (für sie sehr sehr reichlichen) Wasser versorgt, die Bauern
haben ihre Pflanzen bewässert, während in Sucre langsam das
Trinkwasser knapp wurde. Obwohl so etwas natürlich furchtbar
ungerecht ist, greift niemand ein, denn eine staatliche Kontrolle
dieser Wasserversorgung gibt es nicht. Vertreter der Stadt Sucre
mussten nach Potosi fahren, um mit den Menschen, welche die Kontrolle
über diese Leitungen besitzen, zuverhandeln, damit Sucre wieder
Wasser bekommt.
Trotz allem gibt es weiterhin eine
ziemliche Knappheit dieses „flüssigen Goldes“, sodass in vielen
Teilen der Stadt das Wasser rationiert wird, auch bei uns im Barrio.
Unsere Familie hat aber Glück bzw. hat vorgesorgt, denn auf unserem
Dach gibt es zwei riesige Tanks, die insgesamt 1550 Liter fassen und
sich füllen, sobald es Leitungswasser gibt. Im Moment ist einer der
Tanks noch zur Hälfte voll, das heißt, wir können immerhin
Händewaschen, Zähne putzen und im Hochgeschwindigkeitstempo
duschen, doch ziemlich zeitnah wird auch dieser Tank leer werden. Zum
Kochen und Abwaschen haben wir seit dem letzten Wasserengpass nun
vier riesige Töpfe (jeder einzelne fasst sicher 30 Liter) gefüllt
mit Leitungswasser im Haus, als Notfallversorgung. So abgesichert ist
es keine Katastrophe, wenn das Wasser mal wieder weg ist.
Viele viele andere Familien haben aber keine Tanks auf dem Dach, weshalb die Menschen beinahe jeden Tag vor ihren Häusern stehen und alle möglichen Gefäße von Regentonnen, Töpfen, Plastikbadewannen, Eimern, Schüssel etc. am Straßenrand aufgereiht haben. Sie warten auf das große Tankauto, das ab und zu durch die Straßen fährt und die Familien mit dem nötigsten Trinkwasser versorgt. Wenn dieser Tanker kommt, dann passiert es nicht selten, dass die Menschen ihre Tonnen und Eimer quer über die Straße verteilen, wahrscheinlich, damit dieses Auto bloß nicht weiterfährt, ohne den allerletzten Topf gefüllt zu haben.
Auch im Radio laufen ständig Nachrichten und Updates zum Thema Wassermangel, Neuigkeiten vom Wetterbericht und wann das große Tankauto vorbeikommen wird. Wenn es doch mal regnet, dann ist das entweder nur ein bisschen Geniesel oder....
Viele viele andere Familien haben aber keine Tanks auf dem Dach, weshalb die Menschen beinahe jeden Tag vor ihren Häusern stehen und alle möglichen Gefäße von Regentonnen, Töpfen, Plastikbadewannen, Eimern, Schüssel etc. am Straßenrand aufgereiht haben. Sie warten auf das große Tankauto, das ab und zu durch die Straßen fährt und die Familien mit dem nötigsten Trinkwasser versorgt. Wenn dieser Tanker kommt, dann passiert es nicht selten, dass die Menschen ihre Tonnen und Eimer quer über die Straße verteilen, wahrscheinlich, damit dieses Auto bloß nicht weiterfährt, ohne den allerletzten Topf gefüllt zu haben.
Auch im Radio laufen ständig Nachrichten und Updates zum Thema Wassermangel, Neuigkeiten vom Wetterbericht und wann das große Tankauto vorbeikommen wird. Wenn es doch mal regnet, dann ist das entweder nur ein bisschen Geniesel oder....
![]() |
| ...ein heftiger, gewittriger Wolkenbruch für ein paar Minuten, der so überraschend und schnell beginnt wie er wieder aufhört. |
Bevor ich nach Bolivien kam, hätte ich nie gedacht, wie glücklich wir uns in Deutschland eigentlich schätzen können, beständig und immer Zugang zu Leitungswasser zu haben, welches von der Qualität auch noch excellent und direkt trinkbar ist. Hier in Sucre lerne ich momentan, wie wenig selbstverständlich es doch ist, ständig einen funktionierenden Wasserhahn zu haben, und wie sehr man seinen eigenen Wasserverbrauch reduzieren kann. Unsere Familie hier lebt sowieso immer sehr wassersparend, aber gerade in dieser lange Trockenphase ist es besonders wichtig. Zum Beispiel wird das Schmutzwasser der Waschmaschine (ja, wir haben eine eigene Waschmaschine, was ein ziemlicher Luxus ist) wird immer zum Toilettespülen verwendet, das Wasser vom Duschen fangen wir ebenfalls auf, Zähne geputzt wird nur mit einem Becher ohne Wasserhahn, usw. Als wir ein paar Tage gar kein Leitungswasser hatten, habe ich auch eine sehr minimalistische Erfahrung gemacht – zum Duschen und Haarewaschen mit Karaffe und Badewanne (ohne funktionierende Dusche natürlich) benötige ich nur ein bisschen mehr als drei Liter Wasser, und es hat super funktioniert. Darauf kann man schonmal stolz sein.
Eigentlich ist es eine wirklich gute
Erfahrung, zu bemerken, wie wichtig und elementar Wasser ist, und vor
allem der sichere Zugang dazu. Schon jetzt weiß ich es so viel mehr
zu schätzen, wenn ich meine Hände unter fließendem Wasser waschen
kann, ohne befürchten zu müssen, dass es im nächsten Moment
versiegt.
Natürlich klingt das alles total
dramatisch, aber letztendlich ist es nichts Neues oder vollkommen
Absurdes für die Menschen in Sucre, wenn das Wasser abgestellt wird.
Unser Gastbruder Carlos wollte mir gar nicht glauben, dass in
Deutschland die Städte immer Wasser haben und eine Situation, in der
aufgrund von Trockenheit das Wasser rationiert und abgestellt wird,
einfach nicht existiert. Trotz allem, verdursten werden wir hier auf
jeden Fall nicht, dafür wird schon gesorgt, und auch ohne
Leitungswasser kann man eine Weile gut klarkommen. Zwar ist es sehr
unannehmlich, aber ich bin doch irgendwie froh darüber, hier zu sein
und zu merken, dass eine 24/7 perfekt funktionierende
Wasserversorgung eben alles andere als selbstverständlich ist.

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