Mittwoch, 9. November 2016

Monteagudo – „Todos Santos“ bei tropischer Hitze

Der 2. November ist in Bolivien ein wichtiger Feiertag zu Ehren der Verstorbenen und nennt sich 'Todos Santos'. Für diesen Tag werden überall ganz viele verschiedene Brote, Kuchen, Empanadas, Kekse uvm. Gebacken, verkauft und mit der Familie geteilt. Da es ein Feiertag für alle Arbeitenden ist, fahren die meisten Leute zu ihren Familie, viele aufs Land, um sie zu besuchen und im Familienkreis Todos Santos zu feiern.
Dazu gibt es in Familien, wo kürzlich ein Angehöriger verstorben ist, dem Verstorbenen zu Ehren eine Feier und alle teilen 'Chicha' miteinander, ein traditionelles Getränk aus Maismehl, Wasser und Zucker, das (laut unserer „Gasttante“) zuerst aufgekocht wird, dann drei Nächte lang ziehen muss und dementsprechend ein bisschen sprudelig schmeckt. Die Chicha wird gekühlt serviert, ist sehr erfrischend und lecker, hat aber einen ganz eigenen, weichen Geschmack, ein bisschen nach Getreide und Mais. Für mich war es zu Anfang nur ein bisschen seltsam, plötzlich quasi etwas mit Kohlensäure zu trinken, weil wir hier eigentlich nur Leitungswasser trinken und Wasser mit Sprudel kaum existiert.
Zu 'Todos Santos' errichten einige Familien im Haus einen altarähnlichen Tisch mit Fotografien des Verstorbenen, seinen Lieblingsspeisen und Getränken, vielen Blumen und Kerzen. Am Vorabend von 'Todos Santos', also am 1. November, haben bereits alle Leute frei und treffen sich in ihren Familien zum gemeinsamen Abendessen. Der Gedanke ist, dass an diesem Abend die Seelen der Verstorbenen zurückkehren und man sie deswegen gemeinsam mit der Familie in Empfang nimmt. Am nächsten Tag, am 2. November, verschwinden deren Seelen wieder ins Jenseits, und werden deshalb wieder mit der gesamten Familie und einem großem Fest mit vielen Speisen und Getränken verabschiedet, denn man glaubt, dass ihre Seelen für diese Reise besonders viel Kraft und Energie benötigen.
Über und über bunte Blumen, meist aus Plastik und Papier, sowie Kerzenlichter und Fotos der Verstorbenen gibt es auch auf dem Friedhof auf den Gräbern und zusätzlich werden die Grabstätten noch mit persönlichen Gegenständen sowie mit Gläsern mit Chicha dekoriert.


Der kleine Friedhof nahe des Barrios 16 de Febrero, Monteagudo
Ein etwas anderes Grab.
Da auch wir an Todos Santos frei haben, fahren Josh und ich zusammen mit unsere Gastschwester Eva für ein paar Tage ihre Tante (die Schwester unserer Gastmutter) in Monteagudo besuchen. Monteagudo ist ein sehr überschaubares Kleinstädtchen nahe des Departmentes Santa Cruz, liegt nur auf ca. 1000 m über dem Meeresspiegel und hat dementsprechend schon beinahe tropisches Amazonaswetter (bis auf das Tageszeitenklima). Vor dem Besuch wurde uns erzählt, wie wunderschön grün es in Monteagudo sei, wie viele Bäume es gäbe, Vögel, Schmetterlinge und ganz viele Mosquitos. Von der Flora jedenfalls wurden wir nicht enttäuscht: schon morgens halb drei im Nachtbus sehe ich am Fenster dunkle Schatten von riesighohen Bäumen vorbeiziehen und sogar die spitzen, zackigen Siolletten von Kakteen. Die Vorfreude steigt.
Da wir morgens um kurz vor fünf beim Haus von Tante Marcia ankommen, sehen wir noch rein gar nichts von dem sehnsüchtig erwarteten Wald, aber eins spührt man deutlich – es ist verdammt kalt, höchstens zehn Grad über Null. In Erwartung von tropischer Hitze haben wir natürlich nur kurze Klamotten eingepackt, Josh hat nicht mal eine lange Hose, und ich trage Tshirt über Tshirt, zwei paar Socken und meinen einzigen Fleecepullover. Was für eine verrückte Ankunft.
Tante Marcia wohnt nicht in der Stadt Monteagudo, sondern in einem kleinen Barrio (eine Art Dörfchen) ca. eineinhalb Stunden Fußmarsch (20 Minuten Taxi) entfernt, wo es auf jeden Fall mehr Kühe und Schweine gibt als Häuser und quasi mitten in der Pampa liegt. Ihr Haus ist winzig klein, es gibt nur zwei Räume zum Schlafen für uns fünf Erwachsene und ein kleines 5-jähriges Mädchen, ein Durchgangs- bzw. Verbindungsraum als Küche und Zimmer zum Essen sowie ein kleines Minibad. Insgesamt ist unser Wohnzimmer in Sucre beinahe größer als ihr gesamtes Haus, doch es ist ja alles da, was man braucht und Marcia sowie ihre 18-jährige Tochter sind superliebenswert und empfangen uns in aller Herrgottsfrühe ganz herzlich mit warmem Cafe.
Als es nach und nach hell wird kommt zum Glück die Sonne raus und mit ihr die Wärme (die sich später am Tag noch zu einer beinahe unerträglich Hitze ausdehnen wird). Wir können zum ersten Mal die Umgebung angucken: eine kleine Sandstraße zwischen den nackten Ziegelhäusern mit Blechdächern, ein betonierter Bolzplatz, ein paar durch die Gegend gackernde Hühner und rundherum soweit das Auge reicht Grün. Ein wunderschöner saftiger Wald erstreckt sich über die Hügel, richtige dunkelgrüne Höhe Bäume, man kann das Wasser förmlich sehen, was den Wald so wachsen lässt. Vögel fangen an zu zwitschern und den gesamten Tag über bis in die Nacht hinein hört man die Zikaden ganz laut zirpen. Diese Art von gesundem saftigen Wald vermisse ich in Sucre ein bisschen, denn bei uns ist aufgrund der Trockenheit noch alles ziemlich karg und sandig, und auch der Hügel hinter unserem Haus mit dem Wäldchen aus Eukalyptusbäumen macht einen sehr ausgedörrten Eindruck. Aber hier im Barrio 16 de Febrero nahe Monteagudo kann man schon fast ein bisschen vom Amazonas erahnen. Auch im Garten von Marcia gibt ein Orangen-, ein Zitronenbäumchen und einen ganz hohen Papayabaum, leider noch mit grünen Früchten. 




Ein Papaya-Baum

Bei der Nachbarin gibt es eine große bodendeckende Spinatpflanze, dort gehen wir morgens Spinat pflücken für eine Tortilla aus Ei und Spinat. Selbst im kleinsten Dörfchen auf dem Land wird der komplette Vormittag zuhause verbracht um das Mittagessen vorzubereiten (Suppe mit Reis und Hühnerfüßen, die ich ganz sorgfältig herausfische). Mittags stapfe ich los auf eine kleine Erkundungstour, den Sandweg in den Wald hinein, der irgendwann an einem Gartenzaun endet, dahinter grunzen mich empört ein paar Schweine an. Viel länger als eine Stunde hält man es sowieso nicht in der Sonne aus, bei humiden fast 40 Grad. Ich kehre zurück zur Hängematte im Schatten und die kleine Melanie plappert mich in einem Fort zu, füttert ihren kleinen Babyhund mit Käsekrackern und kugelt sich über den staubigen Betonboden.
Am Nachmittag fahren wir ein Stückchen raus aus dem Barrio zu einem Flusslauf um uns im Wasser abzukühlen. Mit Eva, ihrer Cousine Alondra, Marcia und Josh spielen wir Volleyball im flachen, sonnenwarmen Wasser, die kleine Cousine Melanie sitzt beleidigt daneben. Am meisten Spaß macht aber, die kleinen Stromschnellen des Flusses hinunterzuschliddern, an einigen Stellen nehme ich soviel Fahrt auf, dass ich ins Wasser platsche und ein bisschen brutal gegen die Steine knalle. Gleich nochmal, was für ein Spaß!
Abends wird es dann wieder erstaunlich frisch, aber der Pulli bleibt trotzdem erstmal im Rucksack.

Am nächsten Morgen stehe ich freiwillig um 6 Uhr auf, um die um diese Zeit noch angenehm frische Morgenluft und die ungewohnt flache Umgebung für ein kleines Wach-werd-Läufchen zu nutzen. Alle Leute, die schon auf den Beinen sind, ob zu Fuß, zu Moped, mit Kuh, Ziege oder Schwein als Begleiter, alle starren mich an. Die meisten grüßen zwar freundlich zurück, aber dieses Starren ist doch etwas unangenehm... vermutlich sind Josh und ich in der Umgebung die einzigen 'Gringos' seit Ewigkeiten, da sticht man natürlich heraus.
So geht es uns auch ein bisschen später in Monteagudo, denn wir laufen am Vormittag die eineinhalb Stunden zu Fuß in die Stadt, in bereits knallender Sonne. Die Stadt besteht aus nicht viel mehr als einer Handvoll schmalen Straßen, einem kleinen grünen Platz mit Denkmal und Kirche und einer sehr überschaubaren Markthalle. Ich kaufe Mangos! Zum ersten Mal in Bolivien, hach wie wunderbar. Diese Sorte ist ganz klein, ziemlich faserig, hat dafür aber trotzdem ein sehr intensives Aroma.
Auf dem Rückweg halten wir Ausschau nach einem kleinen Geburtstagsgeschenk für unsere „Gastcousine“ Alondra, die morgen ihren 18. Geburtstag feiert, und leider blieb vor Abfahrt keine Zeit mehr, eine der berühmten Sucre-Schokoladen zu besorgen. Resultat: beinahe den gesamten Rückweg schleppen wir eine verdammt schwere Wassermelone mit uns mit, die ich später bemalen möchte, nur um im Endeffekt festzustellen, dass man doch auch viel näher beim Barrio Wassermelonen kaufen kann. Dieses Geschenk kommt dann wirklich von Herzen
Am Nachmittag können wir Marcia auf ihrer Arbeit besuchen, im Hospital Dermatologia (einer Mischung aus Tagesklinik und Krankenhaus), wo sie als Krankenschwester in der Impfstation für Kinder arbeitet. Der überschaubare Gebäudekomplex liegt noch mehr im Nirgendwo als das eigentliche Barrio, nur durch eine staubige Sandstraße zu erreichen, weshalb es dort aber wunderschön ruhig und sehr grün ist, mit vielen Palmen und Orangenbäumen im Gelände. Das Hospital war ursprünglich eine Klinik für Lebrakranke, heute aber kommen die Leute mit verschiedensten Krankheiten zu den katholischen Schwestern, die mit ihren weißen Schürzen und Hauben geschäftig über die Wiese eilen und ab und zu auch mal ihr Smartphone zücken, um eine Whatsappnachricht zu lesen.
Es gibt einen kleinen Bus im Hospital, extra um die Schwestern nach Monteagudo in die Kirche zu fahren, und dieser Bus nimmt uns netterweise mit ins Zentrum. Während der Fahrt unterhalte ich mich mit einer Frau, die auch aus Deutschland kommt, hier im Hospital für ein paar Wochen als Freiwillige arbeitet und sogar bei den Schwestern auf dem Gelände schlafen darf. Das ist sicher auch ein besonderer Job, so inmitten des Waldes, der Kuhweiden und Mais- & Kartoffelfelder in diesem friedlichen Ort zu arbeiten. Obwohl man sich sicher von Zeit zu Zeit ein bisschen abgeschnitten fühlt.
Als sich abends um zehn die Hitze endlich ein bisschen zurückzieht und es draußen angenehmer ist, gehen wir mit Tante Marcia und den Mädels Wally spielen (Volleyball in einer Halle mit Gebrauch von Wänden).

Am nächsten Tag machen Josh und ich uns morgens auf dem Weg zum nahen Friedhof, um uns die mit Blumen geschmückten Gräber anzuschauen, die wegen dem Feiertag Todos Santos herausgeputzt werden. Auch auf dem Friedhof werden wir ein bisschen so gemustert als kämen wir von einem anderen Planeten. Wahrscheinlich verirren sich eher selten „Gringos“ hierher.
Auf dem Weh bleiben wir an einem Maulbeerbaum hängen. Maulbeere wird hier 'Mora' genannt und ich hätte nie gedacht, dass die winzigen supersüßen dunkelila Früchte an richtigen meterhohen Bäumen hängen. Wir strecken uns nach den kleinen brombeerähnlichen Mora und hinterher haben wir ganz blauegefärbte Finger und Lippen.



Zum Fluss hinunterlaufen, ein schattiges Plätzchen suchen, ein bisschen lesen und in den Spanisch-Aufzeichnungen blättern, die Füße ins Wasser baumeln lassen, bevor es am Nachmittag an die Geburtstagspartyvorbereitungen für Alondra geht.
Für die anderen Gäste gibt es eine gebackene Hackfleischrolle mit Käse (der üppige und selbstverständliche Fleischkonsum hier ist wirklich beeindruckend, wir werden mehrmals eindringlichst gefragt, ob wir wirklich nicht kosten wollen: „Es ist auch ganz mageres Fleisch, ganz lecker“), aber für Josh und mich ist das ja ziemlich uninteressant. Dafür dürfen wir den selbstgemachten Quinoto-Schnaps kosten (gemacht aus einer Kumquat-Art).

Diese heraufziehende Wolkenfront ließ über Nacht die Temperaturen absacken
- von drückender Hitze in fröstelnd-bewölktes Wetter, was für ein verrückter Ort.

Der nächste Morgen ist dermaßen kalt (die Temperaturen sind um mehr als 20 Grad gefallen in der letzten Nacht), dass wir uns fast bis mittags im Bett verkrümeln. Später spielen wir Basketball mit ein paar Jungs aus dem Barrio und wollen danach noch zu einem Fußballspiel der Schule von Alondra, doch als wir dort ankommen, ist kaum jemand da. Grund dafür: „No hay pelota – Es gibt keinen Ball.“ Josh und ich bekommen einen mittelgroßen Lachanfall. Es ist einfach so witzig, wie unorganisiert manche Dinge ablaufen. Von irgendwoher wird dann doch noch ein Ball aufgetrieben und wir spielen mit der „Gastcousine“, Eva und einigen von Alondras Schulfreunden ein bisschen Fußball, bis die Sonne tief steht und es Zeit wird, die Rucksäcke zu schultern und zum Busterminal zu laufen.
Tschüss Wald, tschüss Vögel, exotische Blumen und tschüss saftiges Grün. Ich nehme mir fest vor, definitiv nochmal in Richtung Osten zu reisen, in Richtung des Regenwaldes, denn das kleine Bisschen „Prä-Amazonasluft“, das wir hier schnuppern durften, hat die Lust auf mehr geweckt.

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