Donnerstag, 3. November 2016

Trip nach Cochabamba - Eine etwas andere Nachtbuserfahrung

In letzter Zeit berichte ich nur noch von verschieden Ausflügen und Wandertrips, sodass es den Anschein hat, wir würden hier nur Urlaub machen. Dem ist nicht so! Natürlich gibt es wochentags einem Alltag mit Projekt und Gastfamilienfrühstück, Badputzen und abendlichem Zumbakurs. Aber die letzten Wochenende kam einfach geballt eine Reisemöglichkeit nach der anderen - und das muss man ja wohl ausnutzen.

Ein bepflanzter Kreisverkehr in Cochabamba - auch hübsche Plätze inmitten des lauten Verkehrs
Am vorletzten Wochenende hat unsere kleine Freiwilligengruppe beschlossen, einen anderen Freiwilligen in Cochabamba zu besuchen, eine Stadt weiter westlich, ca. 1000 Höhenmeter flacher und deutlich größer als unser kleines Sucre.
Mit dem Nachtbus sind wir am Freitagabend losgefahren - oder besser gesagt mit zwei Bussen, denn das war bis jetzt die abenteuerlichste Busfahrt, die ich je erlebt habe. Noch vorher haben wir uns total gefreut, die Tickets zu supergünstigen Preisen bekommen zu haben, ein echtes Schnäppchen. Das die Buscompany ziemlich unbekannt war, hat uns nicht gestört, obwohl viele Leute immer davor warnen, unsichere Anbieter zu nehmen. Wir haben noch Witze darüber gemacht, im Straßengraben zu übernachten..... und so ähnlich ist es beinahe tatsächlich gekommen.
Nach ca. 2 Stunden Fahrt hielt der Bus plötzlich an, Licht an, alle raus, "Maschina kaputt". Zum Glück waren wir nicht im allerletzten Bus für diese Nacht, es kamen noch ein paar nach uns, in die wir hätten umsteigen können. Das Problem war nur: alle diese Busse waren voll, es gab keine Sitzplätze.
Uns blieben zwei Optionen: ernsthaft die Nacht im Straßengraben zu verbringen oder in das Gepäckfach eines Busses zu klettern, ein Stockwerk tiefer unter die Sitzreihen, dorthin wo sonst die großen Koffer gestapelt werden. Da das die einzige Möglichkeit war, noch irgendwie in Cochabamba anzukommen, haben wir uns zu sechst in das Gepäckfach gequetscht und versucht, es uns ein wenig bequem zu machen. Wir hatten Glück, denn in diesem Gepäckfach gab es sogar eine Decke, eine kleine Wäscheleine mit einem Handtuch, ein paar Wechselschuhe und einen Handspiegel - offenbar schlief dort der Busfahrer in seiner Pause.
Kurz nach dem Einsteigen überkamen uns aber doch ganz schöne Zweifel, da es keine Lüftung gab, sprich, wir keinen Sauerstoff hatten und ziemlich nach Benzin roch. Lösung: wir öffneten die Gepäckklappe nach außen einen Spalt und klemmten die Wechselschuhe des Busfahrers in die Klappe. So kam genug Luft rein und Josh, der ganz außen lag, wurde in der Nacht sogar ein bisschen nassgeregnet.
Übereinandergestapelt, ähnlich wie sonst die Koffer, lagen wir so da, 6 Stunden lang, und erstaunlicherweise war es wirklich eine extrem lustige Fahrt. Für mich war es sogar bequemer als die Sitze, auf denen die Leute über uns hin- und hergeschuckelt wurden.




Heil in Cochabamba angekommen verbringen wir den Vormittag damit, durch die Stadt zu laufen, bis ein Cafe zum Frühstücken öffnet, und dann zu Fuß das Hostel zu suchen. Dafür haben wir über zwei Stunden gebraucht, weil wir überall angehalten haben, einen großen grünen Plaza angeschaut haben, in einer Buchhandlung hängengeblieben sind oder einfach herumgeschaut haben. Diese Art, eine Stadt zu erkunden, gefällt mir aber sehr gut.
Was ziemlich schockierend war: sehr viel breitere, lautere Straßen als in Sucre und unglaublich schlimmer Verkehr.

Am Nachmittag sind wir zu den ruinenhaften Überresten der alten Inkastadt Inkaraquay gefahren (leider waren dafür zwei verschiedene Busse und ein Taxi nötig, ziemlich  nervig), aber oben auf dieser Bergkuppe konnte man in den Felsen und Ruinen herumklettern und hatte einen wunderschönen Blick auf das riesige Ebene, in der Cochabamba liegt.

Der Weg, der direkt zu den Inkaruinen führt, im Hintergrund der Blick über Cochabamba

Am Sonntag verlassen wir morgens das Hostel und kommen nur ein paar Meter weit bis zum Haus von Simon, den wir hier besuchen. Seine Gastmutter überrascht uns mit einem wunderbaren Frühstück aus Papaya, Tee, Keksen und heißer Schokolade! Gestärkt machen wir uns dann zu Fuß auf den Weg zur großen Christusstatue 'Cristo de la Concordia'. Dort angekommen kann man entweder mit dem Teleferico (eine Art Seilbahn) den Berg hinauffahren, oder die 265 Höhenmeter über einer Steintreppe erklimmen. Wir entscheiden uns, hochzulaufen, was wirklich nicht ohne ist, selbst mit relativ guter Kondition. Die Statue an sich ist mit 40,44 m sogar zwei Meter höher als der Christus in Rio de Janeiro!


Von dem Plateau der Statue aus sieht die Stadt, die einem von dort oben quasi zu Füßen liegt, wirklich umwerfend aus. Soweit das Auge reicht - Cochabamba. Es ist schon eine riesige Stadt im Vergleich zu Sucre.
Da wir uns von der Statue aus wieder zu Fuß auf den Weg durch die Stadt machen, bleibt am Nachmittag nur noch Zeit für ein excellentes Käffchen in Simons Lieblingscafe "Vanilla", wo wir ein bisschen entspannen können. Stundenlang durch die Stadt zu laufen gefällt mir wirklich sehr gut, einfach um verschieden Ecken kennenzulernen, Umwege durch ruhigere Gassen zu gehn und einfach etwas langsamer die Stadt angucken zu können, in einem Bus oder einem Taxi geht das immer viel zu schnell.

Wir beim verdienten Päuschen nach dem Aufstieg zum Cristo de la Condordia

Blick über Cochabamba - Häuser bis zum Horizont

Ich beim Abstieg, die vielen vielen Stufen hinunter.
Es soll wohl Leute geben, die als Morgensport hier hinaufjoggen...

Die Rückfahrt von Cochabamba gestaltet sich dann weniger abenteuerlich, diesmal gibt es keine Buspanne. Im Nachhinein war die Hinfahrt wirklich eine witzige Aktion, aber so schnell muss das nicht unbedingt wieder sein.
Aber: Im Nachhinein haben wir von der Buscompany Suarez aufgrund der Panne sogar das Geld für die Hinfahrt zurückbekommen, zwar nach mehrmaligem Fragen und Erklären, aber es hat funktioniert. Vielleicht würde ich deshalb, falls es nochmal so ein günstiges Angebot gibt, diese Anbieter nochmal nehmen... Obwohl es definitv bequemere Reisemöglichkeiten gibt als die Nacht im Gepäckfach zuverbringen.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Samstagsausflug zum Icla-Canyon

Vergangenen Samstag war der 'dia internacional del turismo' (internationaler Tourismus-Tag) und deshalb wurde von einer Reiseagentur in Sucre ein Ausflug organisiert zum Icla-Tal in der Provincia Zudañez, wo die gleichamige Ortschaft Icla liegt und wo man verschiedene Aktivitäten wie Wandern, Klettern, Wildwasserrafting etc. machen kann. Wegen des „Feiertages“ des Tourismus war dieser Ausflug, bis auf das Busticket, kostenlos und deshalb haben wir sofort zugeschlagen und uns angemeldet.
Nebenbei: scheinbar werden hier in Bolivien ständig alle möglichen verschiedenen nationalen und internationalen Tage zu Ehren von allem Ehrdenklichen (vom Tag des Arztes über den Gründungstag des Departments Chuquisaca, vom Tag der offenen Museen bis zum Frauentag) wahrgenommen, was bedeutet, dass das Datum nicht einfach nur farbig im Kalender markiert ist, sondern, dass es meistens eine Aktivität oder eine Festlichkeit gibt, die mit diesem Feiertag in Zusammenhang steht. Und in den allermeisten Fällen bedeutet das auch, dass einfach überall getanzt wird oder es auf den Straßen Musik gibt, was mir sehr gefällt.
Jedenfalls an diesem internationalen Tag des Tourismus mussten wir morgens im Dunkeln um 5.30 Uhr mit Wanderschuhen, Schwimmsachen und schweren Augenlidern los, um den Bus zu bekommen, der zu einer solch unchristlich frühen Morgenstunde die Stadt verlassen würde, denn Icla liegt eine ca. dreistündige Busfahrt entfernt von Sucre. Leider gewitterte es an diesem Morgen furchtbar, inklusive monsunartiger Regengüsse, weshalb wir uns wasserdicht einpackten und frösteln zur Bushaltestelle losstiefelten, hoffend, dass der Regen aufhören würde.
Ganz gemäß der „Hora Boliviana“ (ein Ausdruck, der das etwas andere Zeitgefühl hier zum Ausdruck bringt, was bedeutet, dass eigentlich nie irgendeine Veranstaltung in unserem europäischen Pünktlichkeitsempfinden stattfindet) fuhr der Bus dann aber doch nicht so furchtbar zeitig ab, sondern alles verschob sich gut zwei Stunden nach hinten. Dafür lichtete sich aber die dicke Wolkendecke und unsere Hoffnung auf einen warmen sonnigen Tag flammte wieder auf.
Die Fahrt war ziemlich abenteuerlich, denn als wir die letzte richtige Stadt Tarabuco hinter uns gelassen hatten, führte nur noch eine anderthalb Autos breite staubige und huckelige Sandpiste in mäanderähnlichen Serpentinen mit 18 Grad Kurven an den Felshängen entlang und wir schlängelten uns eng an den Bergen scheinbar in die Wildnis hinein. Ab und zu gab es eine handvoll Häuser oder uns kam ein ebenso klappriger Minibus entgegen, wie der, in dem wir durchgeschüttelt wurden. Irgendwann am Vormittag erreichten wir dann die kleine Ortschaft Icla, die sogar einen kleinen Marktplatz und eine Markthalle hatte. Dort kletterten wir aus dem Bus und wurden von ein paar Guides empfangen, die für die Tourismusagentur des Icla-Parques arbeiten.
Normalerweise mag ich solche organisierten Touren nicht besonders, aber diese Aktion stellte sich als wirklich abenteuerlich heraus und außerdem waren wir 5 Freiwilligen aus England, Österreich und Deutschland scheinbar die einzigen „Nicht-Bolivianer“ - hauptsächlich Menschen aus dem eigenen Land wollten sich diesen Canyon in Icla anschauen.
Wir stiefelten los, raus aus dem Kreis der Häuser und mitten hinein in ein weitgehend ausgetrocknetes Flussbett. Ich dachte erst, der Guide hätte nur gescherzt, als er uns gesagt hatte, dass wir bitte alle Wertsachen im Bus lassen sollten, weil wir bis zur Brust ins Wasser müssten, aber weit gefehlt – wir kletterten durch das Flussbett und nach und nach kam mehr Wasser dazu. Wir wateten hindurch, sprangen von Stein zu Stein, doch an einigen Stellen war es schlichtweg nicht möglich trocken zu bleiben. Doch als meine Wanderschuhe und meine Shorts einmal vollkommen durchnässt waren, machte mir das Wasser auch nichts mehr aus.
Es gab kleinere und größere Stufen/Miniwasserfälle des Rio Icla, an denen wir teilweise in ein Becken mit eineinhalb Meter tiefen Wasser springen mussten, teilweise auf dem Po eine Art natürliche Wasserrutsche hinuntersausten. Teilweise war das eine ganz schöne Überwindung! Aber die Guides aus Icla griffen den Ängstlicheren immer unter die Arme und sogar ein kleines Mädchen von vielleicht 10 Jahren, das nach ihrer Mutter rief, traute sich, durch eine besonderns tiefe, kälte Stelle zu schwimmen. Wir kletterten die Felsen entlang und ich freute mich wie ein kleines Kind an Weihnachten, andere Wege über die Steine zu finden, die manchmal nur eine Armlänge breiten Steingassen entlangzukraxeln, es war wie ein riesiger Abenteuerspielplatz!

Der Canyon, den wir entlanggewandert, durchwatet und -geschwommen sind - allerdings nicht oben,
wo die wasserscheuen Menschen im Bild langlaufen, sondern ein paar Meter tiefer, unten im Wasser!
Auch die Gruppe, mit der wir unterwegs waren, hatte total Spaß und auch erwachsenen Leute ließen sich jauchzend von den Steinvorsprüngen ins Wasser platschen, wir hatten wirklich Spaß.
Leider waren meine globigen Wanderschuhe so mit Wasser vollgesogen, dass es sich anfühlte, wie mit Betonschuhen zu laufen und zu waten, aber als die Sonne sich endlich durch die vielen Wolken gekämpft hatte, war es wirklich warm und das Laufen viel gleich leichter.
Nach knapp zwei Stunden Fußmarsch und Gekletter wurde der Flusslauf hinter eine besonders engen Biegung wieder breiter und wir kletterten über trockene Felsen zurück eine Böschung hinauf, hinter der wir wieder die Ortschaft erreichten.

Nach einer ausgedehnten Mittagspause, in der wir uns noch mit Lollis und Keksen für die Rückfahrt versorgten, fuhren wir ein kleines Stückchen außerhalb von Icla zu einem anderen Fluss, der aber richtig mit Wasser gefüllt war. Dieser Fluss lag mitten in einer Ebene, die von kilometerhohen Felswänden und Berghängen umgeben war und um den Fluss herum gab es relativ viele saftig grüne Bäume und einen unglaublichen Blick auf die Natur herum im warmen Licht der Nachtmittagssonne.
Wir schleppten große schwarze aufblasbare Reifen zum Fluss (dieselben, die man von den Wasserrutschen im Hallenbad kennt) und dann konnten wir uns auf den Reifen im Fluss treiben lassen, die kleinen Ministromschnellen ließen meinen Reifen hüpfen und ich kreiselte flussabwärts mit nur begrenzter Kontrolle über die Richtung – das Ganze nennt sich Tubing. Da der Fluss aber nicht besondern aggressive und aufwühlende Stromschnelle aufwies, war das eher ein entspanntes Vor-sich-hin-treiben, wobei man die Umgebung genießen konnte.

Das bin ich, in einem Reifen auf dem Flüsschen kreiselnd


Zusammen mit Stephanie, Oscar, Bernadette, Jelena und Josh (v.l.n.r.) - unsere aktive Freiwilligengruppe durchnässt und ein bisschen bibbernd an einem Nebenfluss des Flusssystems Rio de la Plata
Als die Sonne weg war, wurde es auch schnell kalt, und dadurch, dass unsere Schuhe immer noch vor Wasser trieften, waren wir froh, als wir uns im Bus unsere (halbwegs) trockenen Wechselklamotten überziehen konnten und dann die Rückreise antraten.

Anmerkung zur Busfahrt: wenn man einen schwachen Magen hat und schon in Deutschland längere Überlandbusfahrten nur mit einer Familienpackung Reisetabletten übersteht, für den wären diese Busfahrten durchs bolivianische Land vermutlich die Hölle. Es holpert und vibriert die ganze Zeit, man wird hin- und hergeschüttelt, halb auf den Schoß seines Nebenmannes geworfen und von Dämpfung haben diese Busse auch noch nie etwas gehört. Für all die Schlaglöcher und ruckartigen Bremsungen entschädigt aber fast immer die Landschaft, durch die man fährt. Atemberaubende Gebirgszüge, oftmals senkrecht abfallende Hänge direkt neben der „Straße“, Schafherden oder wilde Kühe, die den Bus anmuhen oder quer über die Straße rennen. Nur nach den hier so verbreiteten Alpakas habe ich bis jetzt vergebens Ausschau gehalten...

Als Josh und ich abends ziemlich durchgefroren und müde zuhause ankamen, zog es uns direkt unter die heiße Dusche und danach zwängte uns unsere Gastmutter noch einen heißen Zitronentee auf, weil sie uns vor der nächsten Erkältung bewahren wollte.

Insgesamt war es leider eine ziemlich lange Busfahrt, dafür, dass wir gar nicht so viel Zeit in Icla verbracht haben, aber für diese Canyon-Schwimm-und-Kletter-Wanderung in dieser verlassenen Felslandschaft hat sich die abenteuerliche Fahrt wirklich gelohnt.

Dienstag, 20. September 2016

Projektstart, spanische Grammatikverwirrung und eine abenteuerliche Wanderung

Zwischen Spanischbüffeln und Projektkinder-Geschrei, Gastfamiliengesprächen und dem Festival Internacional de la Cultura in Sucre finde ich zurzeit kaum ein ruhiges Minütchen um einen aktuellen Lagebericht zu schreiben. Im Moment haben wir ganz schön viel um die Ohren, da der Spanischunterricht jeden Morgen nun schon in die dritte und finale Woche geht, und wir alle sechs Freiwillige in Sucre jetzt angefangen haben zu arbeiten. Für mich und Jelena bedeutet das, jeden Tag nach dem Spanischkurs direkt ins Projekt zu fahren und dort entweder bis 15 Uhr oder 17 Uhr zu bleiben.

Kurz zu unserem Projekt: wie bereits erwähnt arbeiten wir zwei Tage die Woche in einer Art KiTa, der „Villa Margerita“, mit Kindergartenkindern und drei Tage mit älteren Kindern in einer Art sozialem Zentrum, dem „Barrio Bolivia“, wo Hausaufgabenhilfe, verschieden kreative Vormittagsaktivitäten, zusätzlicher Unterricht und für alle ein warmes Mittagessen angeboten wird. Im „Barrio Bolivia“ ist es ganz traumhaft, da es ein bisschen außerhalb der Stadt ist in einem ruhigeren, ländlicheren Gebiet, wo die Luft wunderbar sauber ist, keine endlosen Autoschlangen hupen und die Aussicht auf die umliegenden Berge einfach ein Traum ist. Dort fühlen wir uns sehr willkommen, da sowohl die Kinder als auch die Frauen, die dort in der Küche arbeiten, sehr freundlich zu uns sind. Wir freuen uns sehr darauf, nach dem Spanischkurs endlich am Vormittag mit den Kindern richtig etwas machen zu können, denn im Moment helfen wir nur beim Mittagessen.
In der „Villa Margerita“ dagegen fühlen wir uns noch nicht so richtig wohl, was vor allem daran liegt, das wir irgendwie nicht besonders herzlich sondern ziemlich reserviert aufgenommen wurden. Mal sehen, wie sich die Arbeit mit den meistens sehr lauten und aufgedrehten Kleinen entwickelt, aber im Moment ist leider die Konversation mit den Kinder noch etwas schwierig, da die Kleinsten noch nicht richtig sprechen können und wir demzufolge noch weniger verstehen als wenn Erwachsenen reden. Vielleicht braucht das Ganze aber einfach noch ein bisschen Zeit, bis wir uns richtig ins Projekt eingedruselt haben...

Unter der Woche und auch am Wochenende gibt es in Sucre sehr viele Aktivitäten, wie Walley spielen (eine Art Volleyball in der Halle), Salsa tanzen, Zumba, Kino etc. und vor allem wegen des Festival Internacional de la Cultura, was noch eine ganze Woche geht, gibt es jeden Abend mehrere Angebote zu Musik, Tanz oder Theateraufführungen – das allermeiste davon kostenfrei. Diese Gelegenheiten locken uns natürlich aus dem Haus, weshalb wir meistens morgens mit sehr kleinen Augen zum Spanischkurs schleichen, aber ich finde, man sollte diese wunderbaren Kulturangebote nutzen in der Zeit des Festivals, das ist schließlich nur einmal im Jahr.
Das vorletzte Wochenende zum Beispiel war vollkommen verrückt: Von Freitag bis Sonntag feierte Sucre das Fiesta de Virgin de Guadeloupe (der Schutzherrin der Stadt), weshalb das gesamte Wochenende lang in der Stadt der Teufel los war. Es gab von Samstagmorgen um 8 bis Sonntagnacht um 2 oder 3 eine riesige, schier endlose Parade an Tanzgruppen und Blaskapellen im Wechsel, die in verschiedensten Kleidern vor Motivation und Freude am Tanzen beinahe übersprudelten. Von traditionellen Cholita-Röcken über Bergarbeiterkleidung mit Lampe und Juterucksack bis hin zu ausgefallen maskierten Dämonen und neonfarbenen, gefiederten Karnevalsoutfits war alles vertreten, und selbst die Männer, die in den Kapelle die große Pauke spielten, haben mitgetanzt. Sehr mitreißend und wahnsinnig beeindruckend, wie die insgesamt ca. 1000 Tänzer mit ohrenbetäubender Musik und Geschrei durch die Stadt zogen.


Um mal einen Eindruck der Vielfalt an Tanzgruppen und Brassbands zu bekommen


Auch die Kleinsten waren schon eifrig beim Tanzen dabei 
Durch dieses Fiesta war die Stadt leider vollkommen überfüllt mir Menschen, sodass man kaum von einer Straßenseite zur nächsten kam. Nichtsdestotrotz konnte ich dieses riesige Spektakel genießen.


Letzte Woche ist wieder etwas Ruhe eingekehrt und die Innenstadt ist zum Glück nicht mehr so vollgestopft mit Menschen.
Wir waren zusammen mit Oscar, den anderen Voluntarios und einigen neuen Bekanntschaften im Theater, bei einem Jazzkonzert und im Kino, weshalb die Woche besonders schnell verflogen ist.
Am vergangenen Wochenende haben wir am Samstag eine Wandertour unternommen in die naheliegenden Berge, die archäologischen Parks 'Inka Machay' und 'Puma Machay'. Dafür haben wir uns ziemlich früh am Morgen getroffen, um den einzigen Bus zu bekommen, der uns eine knappe Stunde außerhalb von Sucre aufs Land gefahren hat und uns dann buchstäblich im Nirgendwo zwischen den Bergen auf einem staubigen felsigen Sandweg ausgesetzt hat. Unter der gleißenden Sonne sind wir losgekraxelt, die gerölligen Hänge hinauf, offenbar einem „Wanderweg“ folgend, den zum Glück Oscar zu kennen schien.
Die Umgebung, die Berge, die verdorrten knorrigen Sträucher, der rote Staub unter unseren Füße, alles war so trocken, dass man allein durch Ein- und Ausatmen ständig durstig war. Da hier auf der Südhalbkugel ja gerade der Winter zuende geht und diese Jahreszeit in Bolivien sehr trocken ist, fehlt im Moment einfach der Regen, um die Natur zu beleben und deshalb sind die Berge und das komplette Umland einfach sehr ausgedörrt. An einer Stelle war sogar großflächig die Erde und die wenigen trockenen Pflanzen ganz schwarz versengt, offenbar hatte dort ein hitziges Trockenheitsfeuer gewütet. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hat die Landschaft dort eine karge, spröde Schönheit an sich und der Blick über die sich bis hinter den Horizont erstreckenden Berge war atemberaubend. Atemberaubend im wahrsten Sinne des Wortes, da wir am höchsten Punkt der Wanderung auf 3500 Metern über dem Meeresspiegel ganz schön ins Schnaufen gekommen waren. Der wenige Sauerstoff hier oben macht sich doch noch manchmal bemerkbar.

Am 'Ziel' der Route konnten wir in eine Art feuchte, kühle Höhle klettern, in welcher wir die piktogrammartigen Felsmalereien Inka Machay und Puma Machay bewunderten. Spektakulärer als diese schon viele Jahre alten Zeichnung aus Pflanzen- und Erdfarben war aber die eigentlich Wandertour, die gerade zum Ende hin ziemlich beschwerlich wurde, aber abenteuerliche Wege mit Steinstufen und bröckligem Geröll sowie wunderschönen Blicken über die Bergketten entschädigten für allen Schweiß und die brennende Sonne.
Als wir wieder an der Straße angekommen waren, gab es aber leider keinen Bus mehr zurück in die Stadt, da wir ein wenig zu spät zurückgekommen waren. Oscar aber meinte nur ganz trocken: „I am pretty sure, we will find another kind of transport.“ Leicht hysterisches Gelächter unsererseits, denn wir waren alle ziemlich kaputt und wollten gern vor Einbruch der Nacht zurück in Sucre sein möglichst nicht zu Fuß.



Tatsächlich kam aber nach ein paar Minuten ein Auto in unsere Richtung und der Fahrer nahm uns sieben Leute mit – die Jungs mussten sich zu dritt in den Kofferraum zwängen – und los gings. Kein Vergnügen, mit einer Horde verschwitzter, mümpfelnder Leute eingequetscht in einem ziemlich klapprigen, langsamen, wenig vertrauenserweckenden Auto zusammengefalten zu hocken, vor allem, wenn einer der Jungs auch noch auf die grandiose Idee kommt, seine duftenden Wanderschuhe auszuziehen.... Trotzdem hatten wir viel Saß auf der Rückfahrt und kamen ziemlich erledigt aber guter Laune und mit atemberaubenden Bergbildern im Kopf und auf der Kamera zurück in der Stadt an, vor Einbruch der Dunkelheit!

 Am Sonntag war ein großes gemeinsames Mittagessenkochen bei unserer Gastfamilie angesagt. Unsere Gastmutter hatte alle Freiwilligen eingeladen sowie Oskar und zusätzlich kamen an dem Sonntag noch zwei Mädels, Aline und Caroline aus der Schweiz an, die ein paar Monate in Sucre Spanisch lernen und danach reisen wollten. Demzufolge waren wir 14 Leute und die kleine Küche rappelvoll mit in verschiedenen Sprachen plappernden Leuten, die fleißig Kartoffeln schälten, Gemüse schnippelten und neunmalkluge Kochratschläge gaben. Ich hatte ein Rezept für Kartoffelgratin herausgesucht mit Tomaten, Zucchini, Käse und Eiern; Gastmama Vicenta bereitete eine Sopa de Mani (Erdnusssuppe) vor und als Postre (Nachtisch) gab es Obstsalat mit Joghurt. Leider haben wir uns auf dem Markt in einer Minute der Unachtsamkeit Gurken anstelle von Zucchini aufschwatzen lassen, aber im Auflauf ist das zum Glück kaum aufgefallen und alle hatten viel Spaß beim Zubereiten und Verspeisen.
Im Anschluss an das Mittagessen haben wir noch Karten gespielt und mein Gastbruder Josh hat versucht, uns einen Kartentrick beizubringen. Ganz konnten wir dann aber den Monsterabwasch doch nicht hinausschieben, aber getreu dem Motto „Viele Hände – schnelles Ende“ war auch das bald geschafft.
Alles in allem ein sehr trubeliger, aber schöner Sonntag, den wir dann in einer kleineren Gruppe zusammen mit meinen Gastbrüdern und zwei anderen Freiwilligen im Theater haben ausklingen lassen, wo sie einen Film gezeigt haben, dessen Titel wir leider etwas falsch interpretiert hatten und dementsprechend kaum etwas verstanden haben. Ein kleiner Trost war, dass selbst die beiden Spanisch-Muttersprachler unter uns der Handlung nicht wirklich folgen konnten.

Nach diesem ereignisreichen und aktiven Wochenende startet jetzt also eine neue Woche, die letzte des Festivals Internacional de la Cultura, weshalb wir wahrscheinlich noch versuchen, soviele Kulturveranstaltungen wie möglich mitzunehmen.
Heute, am Dienstag dem 20. September, gibt es ein großes Fiesta unter freiem Himmel mit traditioneller Musik, indigenen Tänzen und Ritualen anlässlich des morgigen Frühlingsanfanges (in Deutschland ist es natürlich der Herbstanfang). Deshalb wird morgen wahrscheinlich die ganze Stadt und die Menschen (bildlich gesprochen) „aufblühen“, denn uns wurde erzählt, dass sich die Paare und Familien morgen am ersten Frühlingstag und dem Tag der Liebe viele Blumen und kleine Geschenke geben und ab morgen die Tage wärmer und ein bisschen länger werden.
Leider wird es ab jetzt auch regnerischer, denn der Sommer hier in Bolivien bringt ziemlich viel Regen mit sich. Ich freue mich aber sehr auf diese Zeit, denn von jetzt an wird sich die Natur mit dem Regen erholen und endlich werden die sehr staubigen, ausgedörrten Hänge ringsherum und die sonnenverbrannten, felsigen Berge ein bisschen grüner.


Ich bin gespannt, ob laut bolivianischer Wetterlogik schon morgen der große Wolkenbruch kommt, oder ob der Regen noch etwas auf sich warten lässt. Die wasserdichte Jacke ist jedenfalls von nun am immer im Gepäck.

Mittwoch, 7. September 2016

Nach einer Woche in Sucre - So langsam lerne ich, anzukommen.

Gerade mal eine reichliche Woche sind wir jetzt schon in Sucre und dabei fühlt es sich an, als wären wir schon eine halbe Ewigkeit in der kleinen Stadt.
Die gesamte letzte Woche haben wir damit verbracht, jeden Tag durch die Straßen zu laufen, von der Bank zum Copyshop, zu Interpol, zum Fotographen, wieder zum Copyshop, zur Polizei, nochmal zu Interpol..... Noch dazu kommt, dass oftmals ein Büro einfach einen Tag Bearbeitungszeit brauchte. Auch, dass wir entweder ein Stündchen warten mussten, bis jemand Zeit hatte, unsere Fingerabdrücke zu nehmen, oder, dass schlicht eine Behörde nur vormittags arbeitet und wir deshalb auf den morgigen Tag vertröstet werden - 'Bolivian Time': an dieses etwas andere Zeitverständnis müssen wir, für unserer minutengenaue Pünktlichkeit bekannten Mitteleuropäer, erstmal gewöhnen.
Es war ein nervenaufreibender Beantragungsprozess, aber das tagelange Pendeln zwischen den Behörden hatte einen Vorteil: wir haben gefühlt die komplette Innenstadt inklusive der beiden großen Mercados zu Fuß abgegrast, haben von Oscar viele Insidertipps zu schönen Orten und Restaurants bekommen (quasi eine Stadtführung 'Intensiv-Extrem') und können uns im Centrum schon halbwegs orientieren. Zum Glück sind jetzt endlich die wichtigsten Unterlagen für das bolivianische Jahresvisum abgegeben und jetzt heißt es 'Warten'.


Ein Monster-Palmenblatt, komplett verholzt, 
ein wahrer Totschläger...

Wenn wir am Abend nicht mehr fürs Visum unterwegs waren, dann gab es und gibt es immer noch mehr als genug Möglichkeiten, den Tag sinnvoll zu nutzen, denn zufälligerweise findet gerade wenn wir in Bolivien ankommen das Internationale Festival der Kulturen in Sucre statt. Dieses Festival dauert den gesamten September und jeden Tag gibt es verschiedene Konzerte, Theaterstücke, Filmvorführungen, Straßenkunst, Tänze, Workshops, Ausstellungen und Street-Art zu sehen, verschiedenste kulturelle Angebote gibt es über den ganzen Tag und den Abend verteilt und außerdem ist quasi jede Nacht eine scheinbar endlos lange Parade von abwechselnd Tanzgruppe und Brassbands auf den Straßen unterwegs, die dermaßen ohrenbetäubend laute Musik machen und trillerpfeifend und schreiend herumspringen, dass es die Leute (und natürlich auch uns) zum Zuschauen heranzieht wie ein loderndes Feuer die Mücken heranlockt. Diese wahnsinnig energetischen Choreographien sind wirklich super-mitreißend und extrem beeindruckend anzusehen, und die meisten Tanzgruppen haben bunte Kostüme an oder farbenfrohe Bänder um die Hüften gebunden.
Da die allermeisten Kulturvorstellungen während des Festivals kostenfrei sind, gibt es vor allem bei beliebten Vorführungen natürlich großen Andrang, doch wir haben es bis jetzt schon zweimal geschafft, ins Theater zu gehen, was sich wirklich gelohnt hat! 'Hamlet de los Andes' war eine Art lateinamerikanischer Adaption des Shakespear'schem Hamlet, aber da ich sowieso ziemlich verliebt in dieses Theaterstück bin, konnte ich den anderen Freiwilligen vorher ganz kurz die Handlung erklären, weshalb wir trotz des Shakespeare-Spanisch wenigsten ein bisschen des Stückes verstanden haben. Ich fand es großartig, gleich am Anfang in Bolivien ins Theater gehen zu dürfen, und dann auch noch zu einem Stück wie 'Hamlet'! Sehr skuril gemacht, moderner als erwartet und mit einem gewissen "traditionellen" Touch, da in einer Szene plötzlich zwei Männer in weiten, bunten Cholita-Kleidern eine Art abstraktes Ballett tanzten... Allein das war schon das lange Anstehen in der Schlange wert.
Zum zweiten Mal im Theater waren wir vorgestern, im Theatro 3 de Febrero, zu einem unglaublich beeinruckenden Flamengo-Tanztheater 'Bernarda Albas Haus'. Glücklicherweise kannte ich auch dieses Theaterstück von zuhause, aber auch ohne den Plot vorher zu kennen, konnte man total gut folgen, da der größte Teil der Zeit mit superausdruckstarkem Flamengo gefüllt war und der Tanz auch ohne (spanische) Worte das meiste der Handlung verdeutlichte.

Plakate für das Sucre Festival International de Cultura



Unsere Volunteer-Gruppe aus Sucre zusammen mit einem tanzenden "Dämon" 
einer Quechua-Tanzgruppe


Am liebsten würde ich den kompletten Tag und den Abend nur in der Stadt verbringen und die verschiedenen Kulturbeiträge besuchen, aber seit gestern haben wir (zum Glück endlich) jeden morgen zwei Stunden Spanisch Unterricht und ein bisschen Zeit mit unserer Gastfamilie sollten wir ja auch verbringen. Trotzdem waren wir heute nach dem Spanisch bei einem Workshop zu karibischen Rhythmen, wo uns ein Mann mit einem unglaublichen Hüftschwung ein paar Schritte von Samba und einigen anderen karibischen Tänzen beigebracht hat (oder es zumindest versucht hat).

In der Gastfamilie Mendieta fühle ich mich immer wohler und ich glaube, langsam kommen wir richtig an und fangen an, uns nach und nach ein bisschen wie zuhause zu fühlen. Ich habe jetzt eine geräumige, etwas staubige Holzkommode bekommen, habe die wenigen Möbelstücke im Zimmer ein bisschen umgeräumt, Fotos an die Wand gepinnt, meinem Kram überall verteilt und langsam richte ich mich ein, langsam fühlt es sich in dem kleinen Raum etwas heimeliger an.
Trotzdem sind wir ja quasi gerade frisch angekommen und noch ist alles ganz neu und jeder Tag bringt viele neue Dinge mit sich, sodass wir eigentlich nicht erwarten können, dass die alles von Anfang an so läuft wie wir es uns wünschen.

Morgen werde ich gemeinsam mit Jelena direkt nach dem Spanischkurs zum ersten Mal in unser Projekt gehen und endlich mit der Arbeit beginnen. Schon heute haben wir dem Projekt "Sayari Warmi - Levantate Mujer" einen Besuch abgestattet und durften mit den beiden leitenden Frauen der Organisation die verschiedenen Häuser des Sayari Warmi anschauen. Vor allem in dem Children Centre, das etwas außerhalb der Stadt in einem Randbezirk und damit etwas ländlicher liegt, fühle ich mich extrem wohl, da wir von dort aus einen atemberaubenden Blick auf die umliegenden Berge haben und die Luft im Gegensatz zur Innenstadt wunderbar sauber und auspuffgasfrei ist. Außerdem laufen ein paar kleine Schweine und einige Hühner auf der Straße herum und es gibt genügend Platz draußen um mit den Kindern morgens an die frische Luft und sogar in ein angrenzendes Wäldchen zu gehen.
Wir sind schon gespannt wie Flitzebögen, wie uns die Kinder (in einem Areal des Projektes von 2 bis 6 Jahre alt, in den anderen Teil von 7 bis ca. 13 Jahre alt) empfangen werden, wie wir uns verständigen können und wie wir uns am besten einbringen können. Offenbar gibt es eine Art festen Tagesablauf, aber vor allem am Nachmittag ist Zeit für kreative Aktivitäten, wo wir uns später gern auch mit eigenen Ideen einbringen dürfen.

Zum Abschluss noch kurz etwas zu meinem ersten Sonntagabend in Sucre - ohne Tatortgucken auf dem Sofa: Josh und ich haben es endlich geschafft und unsere Familienfotos von zuhause gezeigt, was unsere Gasteltern und unseren Gastgeschwistern sehr gefallen hat. Dann konnten wir (ganz stolz) unsere Gastgeschenke übergeben: englische Schokolade, ein selbstgeschriebener Brief von Joshs Mutter auf Spanisch, ein original Dresdner Christstollen und ein kleines erzgebirg'sches Holzteelicht für die Weihnachtszeit. Unsere Gastfamilie hat sich sehr sehr darüber gefreut und wir mussten versprechen, unseren Eltern ein ganz dickes Dankeschön zu sagen und sie unbedingt zu den Mendietas einzuladen.
Abgerundet haben wir den Abend dann noch mit einem gemeinsamen Brettspiel, was sich irgendwie total heimelig angefühlt hat, da wir zum ersten Mal so richtig entspannt Zeit mit unseren Gastschwestern Evangelina und Angela sowie mit Gastpapa Oswaldo verbringen konnten.

Jetzt muss ich noch ein paar unregelmäßige spanische Verben für den Sprachkurs wiederholen, damit die Spanischstunden sobald wie möglich Früchte tragen und unser Gestammel ein wenig flüssiger wird. :)

Mittwoch, 31. August 2016

Bienvenidos en Sucre - Ankunft bei der Gastfamilie Mendieta


Der Nachtbus ist unglaublich komfortable! Selbst in Deutschland habe ich so etwas noch nie gesehen und dementsprechend war man eher auf die Art Reisebus eingestellt, die man von zuhause kennt. Aber in diesem Doppeldecker waren die Sitze superbreit mit bequemen Armstützen und einer extra-weichen Rückenlehne, die man fast bis in die Waagerechte zurückstellen konnte. Außerdem eine breite Fußstütze, die direkt an den Sessel anschloss – was will man also mehr?
Beim Herausfahren aus dem Parktplatz schrammte der Bus nach den ersten Metern plötzlich lautstark an der Ecke eines anderen Busses vorbei. Ich fuhr total erschrocken zusammen, aber offensichtlich war das kein großes Problem, es schien sich niemand um den kleinen Crash zu kümmern.
Die Fahrt aus La Paz heraus war bei Einbruch der Dunkelheit ein echter Traum: wieder ein Meer aus Lichtern soweit das Auge reichte, diesmal vom Boden aus betrachtet, was beinahe noch eindrucksvoller war als aus der Vogelperspektive.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die zwölf Stunden im Bus zu nutzen und endlich ein bisschen zu lesen. Aber die Tatsache, dass man bei der Dunkelheit draußen die holprige und kurvige Straße nicht sehen konnte, gefiel meinem ohnehin ziemlich angeschlagenen Magen offenbar weniger gut. Deshalb versuchte ich verzweifelt, die Übelkeit mit Schlaf zu bekämpfen, denn ich wollte meinen Mitfreiwilligen nicht den gesamten Vorrat an Reisetabletten wegfuttern. Es wurde ein Kampf, aber endlich konnte ich wirklich einschlafen, was den Purzelbäumen in meinem Bauch ein wenig Einhalt gebot.
Ein Stopp um halb eins nachts irgendwo bei einer kleinen Raststätte – viele Straßenhunde auf dem Busparkplatz, ein Waschbecken im Innenhof und fünf Grad über null. Im Bus war es schon ziemlich kalt, doch als wir aus dem Bus stolperten, war die Kälte wie ein Schlag ins Gesicht. Bloß schnell wieder hinein in den Bus, in den noch warmen Schlafsack gekuschelt und weitergeschlafen.

Als wir im Morgengrauen nach Sucre einrollen, fallen zuerst die vielen vielen unfertigen Häuser im Randbereich ins Auge: Berge von Sand und Geröll, Straßenhunde, Baugruben, halb fertige Ziegelsteinbauten, wieder Straßenhunde... es wirkt wie eine riesige Baustelle, von den berühmten weißen Gebäuden ist noch nicht viel zu sehen.
Am der Busstation warten schon unsere Gastmamas auf uns und wir werden herzlich in die Arme genommen. Mein Gastbruder Josh und ich klettern zu Mama Vicenta in ein Taxi und schon geht es los zum Haus der Familie Mendieta.
Es befindet sich ca. 10 Minuten Autofahrt entfernt von Sucre City, im Bezirk Rumi Rumi. Rundherum sind die meisten Häuser erst angefangen, überall sieht man halbhohe, unverputzte Wände und offene Fensterlöcher. Auch das Haus der Mendietas ist noch im Bau. Wir werden von der ältesten Tochter Angela herzlich empfangen – Küsschen links, Küsschen rechts, ¿Como estas?. Von der Eingangstür aus gelangt man direkt in Mama Vicentas Nähwerkstatt, welche gleichzeitig eine Arte kleines Wohnzimmer mit Couch und Tischchen darstellt. Von dort aus gelangt man auch in einen Minikiosk, einem Tienda, den die Familie nebenbei noch betreibt.
Etwas seltsam erscheint uns das Innere des Hauses: es fehlt quasi eine Rückwand und ein halbes Stockwerk, und auch die offenbar geplante Terrasse auf dem Dach ist noch eine einzige Baugrube. Mein Zimmer geht zu einer Art Innenhof raus, der aber durch keine Fenster von draußen abgegrenzt ist, was bedeutet, dass der Wind ziemlich kalt durchzieht. Frisch verputze kahle Wände, staubige Fliesen und die Tatsache, dass mein Zimmer außer einem Bett und zwei Stühlen nichts enthält (weder eine kleine Ablage noch einen Kleiderhaken), lässt das ganze etwas spartanisch wirken. Im ersten Stock befindet sich ein großes Wohn- und Esszimmer, Schlafzimmer der Gastgeschwister, ein weiteres kleines Bad und Joshs Zimmer, was zwar ein wenig größer ist und ein Fenster richtig ins Freie hat, aber trotzdem auch nur das Nötigste enthält. Zuerst bin ich ein bisschen schockiert, da dieses Zimmer definitiv etwas von Gefängniszellenathmosphäre besitzt, aber von Vicenta und von Oscar erfahren wir später, dass demnächst ein kleiner Kleiderschrank und noch ein Tischchen für die Zimmer gebracht werden, worüber ich mich sehr freue, denn ein Jahr lang aus dem Koffer zu leben, wären nicht die allerbesten Aussichten.

Im Gegensatz zu der spärlichen Einrichtung und der Kälte, die sich aufgrund der fehlenden Fensterscheiben im ganzen Haus verbreitet, sind die Gasteltern und auch die beiden Töchter Angela und Evangelina sowie unser Gastbruder Carlos sehr liebenswert und extrem freundlich und geduldig darum bemüht, dass wir doch eine Konversation zustande bekommen, trotz der großen sprachlichen Hindernisse unsererseits. Ich glaube, sie werden uns sehr liebevoll in die Familie aufnehmen und vor allem Vicenta und der Gastvater Oswaldo reden beinahe ununterbrochen auf uns ein, erklären das Leben im Haus, die Umgebung, fragen uns Dinge von Zuhause.... leider hapert es mit unseren Kommunikationsfähigkeiten noch etwas, aber irgendwie schaffen wir es uns mit Händen, Füßen und Wörterbuch zu verständigen.

Nach dem Frühstück aus schwarzem Tee, pan blanco (pita-ähnlichem Weißbrot) und Marmelade gehen Josh und ich auf eine kleine Erkundungstour um das Haus und die Straße herum. Ein Stück die kleine Straße hinauf kommen wir zu eine größeren Straße, die direkt ins Centrum von Sucre hineinführt. An der Ecke des Mercado Evo Morales gibt es mehrere kleine Kioske und Mini-Einkaufslädchen, unter anderem ein Internetcafe mit Computern, die aussehen wie aus dem vergangenen Jahrzehnt. Die Internetnutzung ist zwar sehr preiswert, allerdings ist das Internet auch extrem langsam und skypen funktioniert leider nicht. Jedoch genügt es fürs erste um den Zuhausegebliebenen ein Lebenszeichen zu senden.

Nach unserem kleinen Spaziergang plaudern wir ein bisschen mit dem dreizehnjährigen Carlos, knuddeln die Hündin der Familie Chiera (ein italienischer Name, den ich vermutlich total falsch schreibe) und die Gastmama serviert ein wirklich restauranttaugliches Mittagessen aus Pasta mit Salat und selbstgemacht Sojabällchen mit Kräutern und Tomaten-Paprika-Letschosoße. Superlecker!

Am Nachmittag kommt Oscar vorbei und spricht gemeinsam mit uns und Vicenta über einige organisatorische Dinge und dolmetscht die wichtigsten Sachen. Dann fahren Josh und ich gemeinsam mit Oscar mit einem Micro (einem der kleinen Busse) in die City und treffen uns mit den anderen Freiwilligen. Wir besuchen zwei der Mädchen in dem Apartment, wo sie untergebracht sind und gehen anschließend zusammen etwas essen, und zwar in ein wirklich gutes vegetarisches Restaurant, das „Condor“. Offenbar ist es ziemlich beliebt bei Backpackern, es werden sogar verschieden Treckingtouren in die umliegenden Berge angeboten, was ziemlich verlockend klingt. Allerdings meint Oscar, wir sollten lieber die Preise vergleichen, denn das „Condor“ sei recht touristisch ausgelegt.
Ausgehungert fallen wir über die Speisekarte her und bestellen soviel, dass der Kellner einen achten Stuhl dazustellt, auf dem er den Teller platziert, der auf dem Tisch keinen Platz mehr fand. Am Ende müssen wir sowieso fast alles teilen, denn jeder möchte mal die verschiedenen Empanadas con queso o con huevo, die zopa del dia und die gebackenen papas (Kartoffeln) kosten. Danach rollen wir zufrieden und pappsatt aus dem „Condor“ und Josh und ich treffen unsere Gastschwester Evangelina an der Bushaltestelle. Gemeinsam fahren wir zu den Mendietas zurück, leider klappt das mit dem Gespräch noch nicht so reibungslos, aber wir bemühen uns sehr, ihre Fragen zu verstehen und auch antworten zu können.

Morgen heißt es: Visaprozess starten, also müssen wir früh das Haus verlassen und zur Bank, zum Fotographen und zum Doktor gehen, um den ganzen Papierkram für den Migrationsantrag zu erhalten.

Ganz schön müde von dem Tag kuschele ich mich nach einer lauwarmen Dusche in meinen Schlafsack unter drei dicke Wolldecken und hoffe, in dieser Nacht nicht zu erfrieren.

Impressionenflut - Die erste Woche in Bolivien

Seit einer knappen Woche sind wir jetzt schon in Bolivien und es kommt mir vor, als wäre erst gestern das Flugzeug gelandet.

Bis gestern waren im Arrivalcamp in Huagchilla, was ca. eine Stunde Busfahrt von La Paz entfernt ist. Nach La Paz ging auch unser Flug und schon der Landeanflug war extrem beeindruckend. Morgens um halb fünf, das Land unter uns im Stockfinsteren nur zu erahnen, und plötzlich tauchte dort unten ein riesiges Lichtermeer auf, das sich scheinbar unendlich bis zum Horizont erstreckte.
Nach der Landung kam dann der erste Schock für mich – die ca. 4000 m über dem Meeresspiegel wollte mein Körper nicht akzeptieren, er klappte einfach zusammen. Ich bekam keine Luft und meine Schläfen zogen sich zusammen, als würde unendlicher Druck auf meinen Kopf wirken. Halb im Delirium taumelte ich durch die Passkontrolle und musste mich dann erstmal setzen.
Zum Glück ließ diese erste Attacke nach ein paar Minuten etwas nach, damit ich mich auf den nächsten Schock konzentrieren konnte: meine Kraxe befand sich nicht auf dem Gepäckband, nur meine Reisetasche. Die nette Mitarbeiterin an dem kleinen Schalter fand heraus, dass mein geliebter Wanderrucksack mit den allermeisten meiner Klamotten, dem Schweizer Taschenmesser, Schlafsack und meinem Kulturbeutel wohl noch in London sei. Großartig.

Ein kleiner Minibus wartete direkt vor dem Flughafen auf uns, zusammen mit einem bolivianischen Mitarbeiter des ICYE Bolivia, dem Partnerkommitee des ICJA (unserer Entsendeorganisation), der uns in Empfang nahm. Das Gepäck wurde nach Tetrisprinzip auf dem Dach gestapelt und recht vertrauenerweckend verschnürt, während wir, also unsere Freiwilligengruppe aus Deutschland bestehend aus 9 Leuten, in den Minibus kletterten. Dort quetschten wir uns neben drei Freiwillige aus Großbritannien, die auch mit ins Arrivalcamp fuhren.
Die Straße führte in Serpentinen aus der Stadt heraus und als wir über eine Bergkante fahren, geht ein staunendes „Ohhh“ durch den Bus. Ein atemberaubender Anblick auf die felsigen, von der aufgehenden Sonne beschienenen Bergketten am Horizont! Ganz weit entfernt sieht man sogar einen riesige schneebedeckte Bergkuppe leuchten.

Im Camp angekommen sind wir positiv überrascht von dem Gelände, das mit großem Garten mit bemalten Tonkrügen, Blumentöpfen und geplasterten Wegen wunderschön verträumt ist, im Gegensatz zu den meisten unfertigen, halb gebauten Häusern in der Nähe. Es war anscheinend früher eine Art Minikloster, weshalb überall katholische Slogans angemalt sind. Auch eine der Frauen, die sich kulinarisch um uns kümmern, hat stets ein hellblaues Nonnengewand an.
Die Zimmer und die Duschen sind sehr einfach, aber ausreichend. Leider weiß man nie, ob man glücklicherweise lauwarmes Wasser erwischt, oder ob man sich unter Eiswasser stellt. Das ist vor allem morgens eine ziemliche Überwindung, da die Temperaturen in der Nacht extrem absacken und man sich bibbernd in den Schlafsack kuschelt.
Apropros Schlafsack – am nächsten Morgen wurde zum Glück meine Kraxe mit allen wichtigen Sachen direkt ins Camp gebracht, Aufatmen! (Soweit das möglich war bei der dünnen Luft hier oben ;) )

Nach und trudeln im Camp noch insgesamt noch 6 Freiwillige aus Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Japan und aus Frankreich ein. Kennenlernenspiele und hauptsächlich entspanntes Quatschen und im Garten in der Sonne rumhängen, das sind unsere Hauptbeschäftigungen während der ersten beiden Tage.

Leider macht sich die extreme Höhenlage immer wieder bemerkbar, obwohl wir im Camp „nur“auf 3000 m über dem Meeresspiegel sind. Flaues Gefühl im Magen, manchmal starke Übelkeit und Presslufthammer-Kopfschmerzen sind bei fast allen Freiwilligen an der Tagesordnung. Wir helfen uns gegenseitig aus mit Buscopan, Kräuterschnaps und aufmunternden Ratschlägen. Und natürlich mit Koka-Tee, die Wunderwaffe gegen die Höhenkrankheit. Den Geruch der Kokablätter finde ich zwar nicht so berauschend und auch der Aufguss ist nicht wirklich schmackhaft, aber wenn man sich den Tee reinzwängt, dann beruhigt sich wirklich der Magen.

Im Camp sind wir ziemlich schnell zusammengewachsen und man versteht sich mit allen Co-Freiwilligen wirklich gut. Es macht Spaß, sich über seine Herkunftsländer auszutauschen, über unsere Erwartungen an das Jahr in Bolivien und miteinander die wenigen Brocken Spanisch zu teilen, die wir uns schon angeeignet haben. Denn viele der anderen Freiwilligen sprechen auch erst wenig bis gar kein Spanisch – zum Glück, denn bin ich nicht die einzige (noch) Unwissende.

Die Tage bis Sonntag verfliegen sehr schnell. Mitarbeiter des ICYE Bolivia erzählen uns verschiedenste Dinge über die Geschichte und Geographie des Landes, wir haben eine Sicherheitseinheit, wo besprochen wird, in welchen dunklen Gassen man sicher nachts besser nicht aufhält und wie man seine Habseligkeiten vor den Fängen von dreisten Kleinkriminellen bewahrt. Insgesamt war das Arrivalcamp - keine Frage – sehr informativ, und durch die viele Freizeit und die ständigen Pausen wegen verschiedenster Mahlzeiten (Desayuno, Refrigerio, Almuerzo, Refrigerio, Cena) war man nicht wirklich überfordert oder gar im Stress. Obwohl das wahrscheinlich auch nicht schlecht war, denn so konnten wir uns erstmal an das neue Klima, die Höhe und die neuen Menschen gewöhnen. Und außerdem haben wir so direkt am Anfang das bolivianische Zeitgefühl und den Tagesrhythmus kennenlernen dürfen – wenn 17.30 Uhr gesagt wird, dann bloß nicht unruhig werden, wenn es dreiviertel sechs noch nicht losgeht, für eine kleine Runde Volleyball wird ja noch Zeit sein. Unsere bolivianischen Betreuer erklären uns das zum Glück von Anfang an und nehmen es auch selbst mit Humor.
Besonders schön fand ich den letzten Abend, an dem die Mitarbeiter des ICYE Bolivia uns mit einer kleinen Zeremonie offiziell willkommen geheißen haben - traditionelle Tänze und Gebete zur Pacha Mama (der Mutter Erde) im Schneidersitz auf einem kunterbunt gewebtem Tuch, Kokablätter und bolivianischer Traubenschnaps, flackernde Windlichter und ein sehr spezielle Art von Spiritualität, das alles machte mich sehr nachdenklich und ein bisschen andächtig. Es fühlte sich sehr besonders an, auf diese nahe und echte Art willkommen geheißen zu werden, so als wären wir nun Teil einer Familie.

Eine wichtige Erkenntnis des Arrivalcamps: „In Bolivia nothing is sure, but everything is possible.“ Außerdem eines der wichtigsten Wörter, wenn man sich noch nicht in ganzen Sätzen verständigen kann: papel higienico – Toilettenpapier.

Am Sonntagmorgen hocken wir uns abschließend in unseren Regionalgruppen zusammen, also alle Freiwilligen, die in dieselbe Stadt gehen. Da das bei mir Sucre sein wird, erfahren wir am Vormittag eine ganze Menge über die sogenannte Ciudad Blanca (die Weiße Stadt) und über unsere Gastfamilien. Ich werde zusammen mit Josh aus der UK in der Familie Mendieta untergebracht sein und mit Jelena aus Deutschland zusammen im Projekt Sayari Warmi arbeiten. Insgesamt sind wir 6 Freiwillige, die nach Sucre gehen und das Schöne ist, dass wir irgendwie alle über die Projekte oder die Wohnsituationen vernetzt sind. Da die Stadt sowieso nicht extrem groß ist, wird es also hoffentlich nicht schwer sein, sich ab und zu mal zu treffen. Das meinte auch unser Regionalreferent Oscar, der selbst in Sucre lebt und alle Freiwilligen dort betreut und mit ihnen in Kontakt steht. Eine Monsteraufgabe, wenn man bedenkt, dass er allein für uns alle, die Gastfamilien und die Projekte zuständig ist! Dafür macht er einen extrem entspannten Eindruck.

Nach dem Zusammenpacken gibt es noch ein Abschiedsgruppenbild und dann klettern wir in einen Bus, der uns holpernd in Richtung La Paz bringt. Zwei- oder dreimal machen wir einen kurzen Stopp und „werfen“ die Freiwilligen raus, die in La Paz bleiben und bereits von ihren Gastfamilien erwartet werden. Ich hatte gedacht, wir hätten ein paar Minütchen länger um uns zu verabschieden, aber so wurde das ganz kurz und schmerzlos abgewickelt - „Wir sehen uns im November!“ (wahrscheinlich zu einem freiwilligen Extra-Zwischencamp)

Für uns verbliebene Sucre-Freiwilligen war dann Endstation im Buszentrum in La Paz. Wir schleppten unsere Rucksäcke und Koffer in eine riesige Wartehalle, wo vorn viele viele Kartenhäuschen, scheinbar von Busunternehmen, hintereinander standen und davor Menschen, die im Marktschreier-Stil die verschiedenen Busverbindungen durch die Gegend riefen, um Kunden anzuwerben. Außerdem war mitten in der Wartehalle eine große Leinwand angebracht, vor der Bankreihen standen und auf der tonlos eine Art bolivianische Pannenshow lief – als Unterhaltung für die dort Wartenden. Schräge Idee, aber die Bänke waren nie vollständig leer und zugegebenermaßen war es schon recht witzig anzusehen.

So schlugen wir die Wartezeit tot, schlenderten an Minikiosken und Dulcerias vorbei, bis es an der Zeit war, in den Nachtbus nach Sucre zu steigen.


Montag, 22. August 2016

Countdown 9 Stunden

Der große Backpacking-Rucksack ist verschnürt, das Handgepäck vollgestopft mit Büchern, dickem Pulli & Mütze, Notfallschokolädchen und jeder Menge 'Gute-Reise-Postkarten' von meinen liebsten Menschen.
Da es keine offizielle große Abschiedsparty gab, habe ich mich in den letzten Tagen einzeln und nach und nach von allen Lieben verabschiedet, was jedes Mal ziemlich intensiv war. Keine kurzen Wortwechsel zwischen Tür und Angel, sondern persönliche Gespräche, was sehr schön war, aber den Abschied eben auch nicht einfacher gemacht hat.
Es fühlt sich seltsam an, meine große Familie und die engsten Freunde wirklich für ein Jahr zu verlassen, nicht in den Arm nehmen zu können. So richtig begriffen habe ich es im Moment noch nicht... wahrscheinlich kann ich es erst morgen früh so richtig realisieren, wenn meine Mutter mich am Flughafen zum letzten Mal umarmt hat und ich wirklich im Flugzeug nach London sitze.

Da wir (meine Mutter und ich) schon heute Abend nach Berlin gefahren sind, habe ich gestern meine letzte Nacht zuhause verbracht, in unserem Heimatdörfchen, im eigenen Bett. Ein letztes Mal am Feuer sitzen und den Zabeltitzer Sternhimmel anschauen, bevor die nächsten Sterne für mich am Himmel der Südhalbkugel zu sehen sein werden.

Viele Abschiede sind ziemlich tränenreich verlaufen, obwohl ich sonst nicht so nah am Wasser gebaut bin. Aber im Moment hat die vorfreudige Aufregung die Oberhand über der Abschiedsmelancholie, ganz eindeutig. In manchen Augenblicken zerrt die Anspannung beinahe zum Zerreißen an mir. Und gleichzeitig kommen natürlich ständig Gedanken an Heimweh, an das Gefühl der Einsamkeit in einer fremden Stadt mit (am Anfang) ganz fremden Menschen, an die Angst, dass ich all dem vielleicht nicht gewachsen bin...

Morgen um 7:05 Uhr deutscher Zeit geht es los, dann hebt der Flieger ab und die Reise, dieses große Abenteuer beginnt endlich richtig. An viel Schlaf wird in der kommenden Nacht kaum zu denken sein, bei dem Gedankenkarussell, das in meinem Kopf schon seit Tagen kaum Ruhe geben will. Doch auf dem 18 Stunden langen Flug über London und Miami mit insgesamt 9 Stunden Aufenthalt wird ganz viel Zeit sein um sich mit den Mitfreiwilligen auzutauschen, Abschiedsbriefe zu lesen, vielleicht das ein oder andere Tränchen zu vergießen und sich gedanklich auf die Ankunft vorzubereiten.

Bis bald, liebes Zuhause! Der nächste Blogeintrag wird von einer ganz anderen Zeitzone aus geschrieben - La Paz, wir kommen!

Sonntag, 14. August 2016

Countdown 9 Tage

Morgen bricht die letzte volle Woche an, die ich dieses Jahr in Deutschland verbringen werde - die Zielgerade, an deren Ende das Flugzeug auf mich wartet.

Im Moment fühle ich mich wie ein kleines Kind am Abend vor seinem Geburtstag: ich bin voller Vorfreude, voller hibbeliger Aufregung, und kann es gar nicht erwarten, dass es endlich losgeht.
Den Ausschlag dafür gab vor allem das zehntägige Vorbereitungsseminar des ICJA, von dem ich vor ein paar Tagen wiedergekommen bin. Bei diesem Camp haben wir uns intensiv auf unser Jahr als Freiwillige vorbereiten können und durften unter Leitung von ICJA-Teamern, die meist selbst schon als Freiwillige im Ausland gewesen waren, mit den verschiedensten Themen auseinandersetzen, die für unseren Freiwilligendienst Relevanz haben werden, zum Beispiel Stereotypen und Vorurteile, Gesundheit, Gender, Versicherungsfragen, Privilegien als Europäer, Werte und Normen, faires Berichten, Spenden, Leben und Arbeiten im Gastland .... In oftmals heftigen Diskussionen und in sehr intensiven Gesprächen haben wir uns mit den unterschiedlichsten Aspekten eines Freiwilligendienstes beschäftigt und haben uns "Bald-Freiwilligen" eine riesige Menge Stoff zum Nachdenken gegeben.

Wie gehe ich damit um, in Bolivien auf der Straße angestarrt, "Gringa" gerufen und wahrscheinlich auch mal belästigt zu werden?
Wie verhalte ich mich, wenn mein Projektleiter von seinen Freiwilligen erwartet, dass wir das Projekt durch finanzielle Spenden unterstützen, weil wir aus einem sehr reichen Land kommen?
Was ist die beste Art, mit dem Privileg "weiß sein" umzugehen, und die sich dadurch ergebenen Vorteile nicht auszunutzen?
Und wie zum Teufel schreibe ich hier einen politisch vollkommen korrekten Blogeintrag, der die Realität beschreibt, Stereotypen außen vor lässt, allen Beteiligten gerecht wird, und trotzdem noch unterhaltsam ist?

Diese Fragen und noch viele viele weitere schwirren mir durch den Kopf, seit ich (bis oben hin vollgestopft mit Input) vom Vorbereitungsseminar wiedergekommen bin. Aber gleichzeitig fühle ich mich ein ganzes Stück vorbereiteter als noch vor ein paar Wochen.
Nun hat sich unsere "Gruppe Bolivien" endlich live und in Farbe kennenlernen dürfen, das heißt, wir sind zehn liebe Menschen, die alle gemeinsam vom ICJA nach Bolivien gesendet werden. Wir haben natürlich die Möglichkeit genutzt und uns zusammengehockt, um uns über praktische Dinge wie Packlisten, Gastgeschenke, Reiseapotheke, Währungstausch usw. auszutauschen, was auf jeden Fall geholfen hat! Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass Haribo-Gummibärchen und Schweizer Schokolade als Geschenk für die Gastfamilien ziemlich beliebt ist und wahrscheinlich gut ankommt. Außerdem kann kaum einer von uns schon richtig Spanisch sprechen, was mich etwas beruhigt - mit zwei Wochen Volkshochschule bin ich recht durchschnittlich vorbereitet.

Das Allerwichtigste aber, was wir beim Vorbereitungsseminar erfahren haben, sind unsere Projekte und Gastfamilien! Alle waren total aus dem Häusschen, als wir endlich, endlich (!!!) die lang ersehnten Briefe erhalten haben. Ich werde also das kommende Jahr in Sucre arbeiten, der konstitutionellen Hauptstadt Boliviens, der 'ciudad blanca', bei der Institution Sayariy Warmi, die verschiedene Programme zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Frauen, die Opfer von jeglicher Art von Gewalt sind und aus sozial benachteiligten Verhältnissen kommen. Eine direkte Stellenbeschreibung gibt es für uns Freiwillige nicht, da wir vor Ort im Projekt entscheiden werden, in welchen Bereichen wir am besten unterstützend wirken können. Es wird von uns viel Eigeninitiative gefordert, was ich super finde, da es so hoffentlich Möglichkeiten geben wird, mit den Kindern sportlich oder künstlerisch aktiv werden zu können.
Meine Gastfamilie habe ich nun auch erfahren - Familie Mendieta, die mit zwei erwachsenen Töchtern und einem kleineren Sohn in Sucre City wohnt und schon Erfahrung mit ICYE-Freiwilligen hat. Ihre Beschreibung klingt sehr symphatisch, weshalb ich mich wahnsinnig darauf freue, die Mendietas kennenzulernen.
Außer mir sind aus Deutschland noch Sophia und Jelena in Sucre platziert worden. Wir verstehen uns sehr gut und ich hoffe, dass wir nicht zu weit voneinander entfernt wohnen und uns öfter besuchen können. Nicht ganz allein in eine fremde Stadt gesendet zu werden, macht auf jeden Fall Mut!

Nun muss ich in der kommenden Woche noch die letzten fehlenden Dinge erledigen (Passfotos abholen, Apothekeneinkauf, Gastgeschenke besorgen, Abschiedsparty feiern), bevor es ans große Packen geht. Sicher wird der Abschied alles andere als leicht, denn mir wird im Moment besonders bewusst, wie viele liebe Menschen ich immer um mich habe, die ich nun für 12 Monate verlasse und extrem vermissen werde... Momentan überwiegt noch die Vorfreude, aber wer weiß, wie es dann am Flughafen aussehen wird. Trotzdem zähle ich die Tage und kann es kaum abwarten bis es endlich losgeht. Der Countdown läuft!