Samstag, 24. Dezember 2016

Eine kleine Impressionen-Collage - Im Zickzack durch den Straßenverkehr, kein Bier vor der Wahl und Reis mit Kartoffeln 24/7

In den knapp vier Monaten, die wir jetzt schon hier in Sucre wohnen, bekommt man doch langsam einen genaueren Eindruck vom täglichen Leben der Menschen hier, beziehungsweise hat sich auch für mich ein gewisser Alltag und damit eine Art „Zuhause-Gefühl“ aufgebaut. Mein abendlicher Heimweg vom Zumbakurs, zum Beispiel, führt mich jedes Mal am Parque Bolivar vorbei, wo jeden Abend viele Jogger im Straßenlaternenlicht ihre Runden drehen und oft eine Blaskapellen-Tanzgruppe ihre Lieder probt, außerdem die Breakdancer, die sich ebenfalls wenn es dunkel wird mit ihrem Gettoblaster am zentralen Plaza treffen, der freudestrahlende ältere Schuster, der seine kleine Werkstatt auf halbem Weg von unserem Haus ins Centrum hat und mich, mit seinem Stuhl praktisch beinahe auf dem Fußweg sitzend, jedes Mal überschwänglich, mit tausenden Lachfältchen und zwinkernden Augen (zurück-)grüßt, wenn ich vorbeiflitze. 
Viele Dinge, wie zum Beispiel
  • putzmuntere, schreiende Kinder, die morgens halb sechs auf der Straße Fußball spielen
  • die scheinbare Abwesenheit jeglicher Straßenverkehrsregeln wie Rechts vor Links, stattdessen wird einfach vor jeder Ecke gehupt
  • drei Tage und Nächte lange Hochzeiten, die in einem Saal in Hörweite gefeiert werden, weshalb dann nachts unser Haus einer Disko gleicht
  • Armbändchen und Krimskrams verkaufende ältere Leute, die sich auf dich stürzen, nur weil du ein „Gringo“ bist, einschließlich den „Schuhputzer-Jungs“, die ernsthaft Joshs ausgelatschte Plastik-Adiletten putzen wollen
  • der nicht existierende Busfahrplan (es gibt nur verschiedene Linien, die einfach ab und zu kommen, wenn du Pech hast, dauert es eben eine Weile)
  • Restaurantrechnungen grundsätzlich zusammengerechnet zu bezahlen und jedes Mal austüfteln zu müssen, wer welche Summe dazulegen muss und wer wie viel Wechselgeld bekommt
...all diese Dinge sind für mich schon längst Normalität, aber jetzt möchte ich mal die Gelegenheit ergreifen und euch ein paar Sachen aus dem Alltag näher erläutern, die bei uns Zuhause in Deutschland so ganz ablaufen oder sogar gar nicht existieren, damit ihr euch ein bisschen besser vorstellen könnt, wie es mir hier so jeden Tag ergeht.

Eine der meisterwähntesten und klischeebehaftetsten Dinge, die erwähnt werden, wenn man über Lateinamerika spricht: das Zeitgefühl bzw. der südamerikanischer Lebensrhythmus (oftmals fälschlicherweise und ganz platt Unpünktlichkeit genannt. Tatsächlich schlägt hier bei uns alles im Takt der sogenannten „Hora Boliviana“. Diese kann viele Dinge bedeuten, vor allem aber ist mir aufgefallen, dass es scheinbar keine Zeit gibt, zu der es ungewöhnlich ist, am Straßenrand sein Auto zu waschen oder Motorräder zu reparieren. Auch nach elf Uhr abends sehe ich oft Männer vor der Autowerkstatt in unserer Straße werkeln, im Straßenlaternenlicht wird noch fix ein Auto lackiert. Auch unsere Gastmutter Vicenta arbeitet oft zu vollkommen verrückten Zeiten – abends wird ihr klar, dass sie ja für morgen noch eine neue Bluse braucht, weshalb sie um halb vier Uhr morgens aufsteht, um diese zu schneidern.
Was sich außerdem noch sehr von der weltbekannten „Deutschen Pünktlichkeit“ unterscheidet, sind öffentliche Veranstaltungen. Mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit kann man wenigstens eine halbe Stunde später zum Theater gehen, als die Vorstellung eigentlich anfangen sollte. Im Schnitt, jedenfalls die paar Male, die ich im Theater war, fing das Stück reichlich eine Stunde (vielleicht auch 75 Minuten) später an, und selbst danach kamen noch Leute hereingeschlüpft.
Am Anfang kann so etwas ganz schön nerven, wenn man selbst pünktlich kommt, aber wenn man es mitbekommen hat, dann kann man realistisch kalkulieren, wann es sinnvoll ist zu erscheinen, und ärgert sich nicht unnötig über Verspätungen. Offenbar ist die angegebene Uhrzeit meist nur eine Empfehlung – wenn dann genug Leute da sind, wird angefangen. Selbst in der Universität bei der Examenübergebungszeremonie meiner Gastschwester ging es eine halbe Stunde später los. Eins der wenigen Male, als wir zu spät kamen, war in der Kirche zur Trauung eines verwandten Paares von Oscar – wer hätte denn ahnen können, dass eine Hochzeit pünktlich beginnt, also wirklich?

Ein weiterer Punkt, den ich allerdings etwas kritischer sehe, ist Sicherheit. Beinahe jeden Tag laufe ich an einer Metallwerkstatt vorbei, wo jemand ohne Schutzbrille oder Schutzkleidung Drähte verlötet oder sogar funkensprühend etwas zusammenschweißt. Man muss dann vom Fußweg herunter ausweichen, um keine Funken abzubekommen. Desweiteren sind Moped- oder Motorradhelme scheinbar rares Gut. In den allermeisten Fällen sitzen zwei bis drei Erwachsene auf einem kleinen Moped und haben noch ein bis zwei Kinder zwischen oder hinter sich geklemmt. Ab und zu hat der Fahrer einen Helm auf, meistens nicht. Da es nicht so ist, dass nie Unfälle im Straßenverkehr passieren, sehe ich diese Helm- und generell auch Sicherheitsgurtlosigkeit ziemlich skeptisch, zumal sich auch die hintensitzenden Kinder irgendwie festklammern müssen.

Zum Thema Draußen Arbeiten: ich habe das Gefühl, es wird ständig etwas auf der Straße gebaut, Bordsteine ausgebessert, oder zumindest die Innenstadt gekehrt und von Müll befreit. Diese Tätigkeiten führen auch Frauen aus und wenn man diese Bauarbeiterinnen näher betrachtet, dann stellt man fest, dass einige Frauen keinen Arbeitseinteiler tragen wie ihre männlichen Kollegen, sondern eine Variation der traditionellen Kleidung der Cholitas, also der indigenen Frauen, die normalerweise Strumphosen, braune Sandalen, weite reichlich knielange Röcke, schulterbetonte Knopfblusen und einen breitkrempigen Hut tragen. Diese Kleidung bleibt ihnen, soweit gewünscht, scheinbar erhalten, wenn sie Zement mischen, Schubkarren voller Steine schieben oder die Straße kehren. Sie tragen diese traditionellen Röcke, nur in den typischen Bauarbeiter-Neonfarben, sowie ein blusenähnliches Oberteil mit dem Sucre-Logo auf dem Rücken und einen dazupassenden Hut. Stilgerecht, funktionell und traditionell.

Ein kleines Detail, was ich ziemlich interessant finde: jegliche Art von Namenslisten, sei es in der Schule, der Universität, bei uns im Projekt oder bei Sportveranstaltungen, alles wird nicht nach Nachnamen, sondern nach Vornamen sortiert. Vielleicht aufgrund dessen, dass alle Menschen in Bolivien in der Regel zwei Nachnamen besitzen – den der Mutter und den des Vaters. Dadurch, dass es aber Namen wie Maribel, Maria-Luz, Rosmery, Lizbeth, Wladimir, Glisver etc. ziemlich häufig gibt, kann diese Sortierung trotzdem ziemlich verwirrend sein.

Apropros Sportveranstaltungen: letzte Woche fand ein Volkslauf im Zentrum von Sucre statt und für mich bot sich endlich wieder die Möglichkeit, bei einer großen Laufveranstaltung mitzumachen. Einzige Distanz: 5 km, durch die Innenstadt Sucres, was nichts anderes bedeutet, als bergauf-bergab-bergab-bergauf. So schlimm wie gedacht waren die Höhenunterschiede dann zum Glück nicht, aber definitiv etwas anderes, als durch Dresden zu laufen. Schon auf dem Plakat hieß es, dass sich alle Läufer eine Stunde vor eigentlichem Start um 8 versammeln sollten (wahrscheinlich in weiser Voraussicht der typisch bolivianischen Verzögerung). Auf dem zentralen Plaza wurde eine große Bühne aufgebaut und als Erwärmung Zumba getanzt. Das Witzige war, dass ernsthaft 10 Minuten nach 8 die beiden Moderatoren ihre Show noch nicht beendet hatten, nein, man hätte sich sogar noch anmelden können (10 Minuten nach eigentlichem Startbeginn). Dann war nicht ganz klar, wo eigentlich der Start stattfinden sollte, alle Läufer waren etwas verwirrt und zu allem Überfluss kam wirklich noch ein kleiner Lastwagen angefahren, aus dem zwei riesige Plastikdinosaurier kletterten (natürlich Kostüme mit Menschen darin), welche durch die kreischende Menge spazierten – alles anlässlich des Jubiläums des Sucre-Dinoparkes - es war ein großer Spaß.
Auf der Laufstrecke war so gut wie nichts abgesperrt, ab und zu stand mal ein Polizist an einer Ecke, aber viele Kreuzungen haben wir einfach im normalen Ampelverkehr passiert, weshalb manchmal Läufer schlicht und einfach auf die Grünphase warten mussten, denn die Autos fuhren normal. Wenn ich mir denke, welch ein Aufwand bei deutschen Stadtläufen betrieben wird, wo dir mindestens einen Tag vorher Schilder Bescheid sagen, wo wieviel der Straße wie viele Stunden vor und nach dem Lauf gesperrt sein werden...

Eine weitere, ziemlich interessante Idee bezüglich der Politik ist, dass an Tagen einer Wahl oder eines Volksentscheides (scheinbar meistens sonntags) der Straßenverkehr komplett lahmgelegt ist. Autos, Busse, Taxis, Motorräder, sämtliche Verkehrsmittel sind verboten, ausgenommen Fahrräder sowie natürlich Krankenwagen, was bedeutet, dass es an diesen Sonntagen wunderbar ruhig ist, frei von Straßenlärm, alle Leute sind zu Fuß auf den autofreien Straßen unterwegs und man sieht mehr Fahrräder auf einem Fleck als monatelang in ganz Sucre nicht.
Außerdem gibt es vom Vorabend einer Wahl an bis zum nächsten Abend ein Alkoholverkaufsverbot für sämtliche Bars, Kneipen, Restaurants, Supermärkte und Kioske, weshalb die allermeisten Bars an diesem Abend sowieso geschlossen haben, wahrscheinlich als eine Art Prävention, denn die Regierung weiß über das Alkoholproblem vieler Menschen hier Bescheid. Im Supermarkt ist deshalb die Alkoholabteilung mit Tüchern und Pappkartons verhängt. In den kleinen Tiendas (Kioske) ist das manchmal nicht ganz so streng – uns wurde mit Augenzwinkern ein Fläschchen Wein verkauft mit der Empfehlung, wir sollen es doch bitte im Beutel verstecken, auf der Straße werden Kontrollen durchgeführt. Wahrscheinlich hat es die nette Senora ach nur gut mit uns gemeint, da wir „Gringos“ sowieso nicht wählen gehen.
Jegliche Art von Wahlen und Abstimmung ist für jeden Bürger über 18 Jahren obligatorisch. Wer nicht wählen geht, für den hat das scharfe Konsequenzen, zum Beispiel wird der Bankaccount für drei Monate gesperrt und es ist nicht möglich, Geld abzuheben. Ob das noch Wahlpflicht oder schon Wahlzwang ist, darüber lässt sich streiten.

Dann gibt es diese spezifischen Geräusche von der Straße, die verdammt wichtig für die Versorgung der Menschen sind, die hier leben, und damit natürlich auch für uns. Jeden Montag und Donnerstag morgens zu Beispiel ertönt ein ohrenbetäubendes Hupen durch das gesamte Barrio und wenn dieses Hupen lauter und lauter wird, dann wissen wir: das Müllauto ist nahe, wir müssen ganz schnell aus der Haustür rennen, auf die Müllabfuhr warten und die Säcke hinaufwerfen, denn meistens hält das Auto gar nicht an und wer nicht schnell genug ist, hat Pech gehabt und muss mit seinem Müll bis zum nächsten Mal warten.
Ein weiteres Geräusch, was wir mittlerweile gut kennen, ist das metallische Klingeln der Glocke des Gasautos. Wenn man diese Glocke hört, die ich in der Form nur von Leichtathletikwettkämpfen kenne, wenn auf der Tartanbahn die letzte Runde eingeläutet wird, dann muss man schnell nachschauen, ob man noch eine volle Gasflasche im Haus hat, oder die leere hinausschleppen muss, um dem Gasauto winkend zu verstehen zu geben, dass es bitte zum Tausch heranfahren möge.
Das dritte, sehr charakteristische Geräusch ist das Hupen der Eiswagen. Es gibt sowohl im Centrum, als auch in unserem Barrio jeden Tag ein paar Leute, die einen kleinen Wagen ähnlich einer Schubkarre vor sich herschieben und so ihre Kühlbox mit Eiscreme transportieren. An diesen Wagen ist meist eine dieser altmodischen Fahrrad-Gummihupen montiert und so wissen alle Kinder in der Umgebung: Der Eismann (bzw. die Eisfrau) ist da.

Sehr interessant ist auch die Tragetuch-Methode, nach der die vielen vielen Mamas hier ihre Babys und Kleinkinder mit sich herumtragen. Dazu wird ein gewebtes Tuch, meist in wunderschönen bunten Farben, auf dem Boden ausgebreitet, das Kind draufgelegt, einmal herumgerollt, das Tuch an zwei Ecken gepackt und sich das Kind mit Schwung in einer einzigen flüssigen Bewegung regelrecht über die Schulter geworfen. Dort auf dem Rücken hockt das Kind dann, fest an den Rücken der Mutter gewickelt, und je nach Witterung und Sonneneinstrahlung wird manchmal noch das Tuch über den Kopf des Babys gezogen – deshalb sieht man in der Stadt oft Frauen mit merkwürdig geformten Bündeln auf dem Rücken und sich nicht ganz sicher sein kann, ob dieses Bündel ein Kind enthält oder nur die Einkäufe vom Mercado (denn auch zum Transport von Lebensmitteln, Kleidung, Krimskrams zum Verkauf ist dieses große bunte Tuch sehr gut geeignet).
Im Allgemeinen sind Babys und Kleinkinder recht hart im Nehmen, liegen schlafend unter und neben den kleinen Straßenkiosken auf den Fußwegen, schon ganz kleine Babys müssen im Tragetuch ihr Köpfchen selbst aufrecht halten und sobald die Kinder laufen können, rennen sie beinahe vollkommen selbstständig durch die Gegend.

Eine Sache, die ich persönlich manchmal ganz schön übertrieben finde, ist die Allgegenwärtigkeit von Religion im Alltag und bei ganz normalen weltlichen Dingen, wo Religion meiner Meinung nach nicht primär dazugehört. Als wir zum Beispiel in der Universität, genauer in der Fakultät für Sprachen, zur Abschlusszeugnisverleihung meiner Gastschwester eingeladen waren, gab es in dem geschmückten Raum einen Altar und obwohl es eine herkömmliche Uni ist, keine speziell katholische Einrichtung, wurde zuerst eine Art kirchliche Zeremonie abgehalten und von einer Profesora lautstark und sehr emotional Gott angerufen, bevor die Studienzertifikate überreicht wurden. Desweiteren finden sich in den Schulbüchern und Arbeitsheften der Kinder unseres Projektes sehr oft Bezüge zu Gott, kirchliche Abschreibearbeiten oder religiös behaftete Fabeln. Wäre dieses Material von einer kirchlichen Schule, könnte ich das verstehen, aber da unsere Kinder alle allgemeine staatliche Schulen besuchen, war die enge Beziehung zur Religion doch sehr überraschend. Selbst in der wissenschaftlichen Abhandlung über gesunde Ernährung, die wir zuhause haben, finden sich viele Stellen wie: „Die Pflanzen roh zu essen, die Gott so herrlich schuf, ist deshalb besonders gesund, weil..“ oder „Gott hat uns mit der Intelligenz ausgestattet, selbst zu entscheiden, was unserem Körper gut tut und was nicht“.

Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung zur doch recht dominanten Männerrolle im Familienleben. Natürlich kann ich nur von den Dingen sprechen, die wir direkt in unserer Familie erleben, aber aufgrund von Erzählungen anderer Freiwilliger und Leuten aus Sucre scheint es bei uns nicht grundlegend anders abzulaufen als in anderen Familien. Unser Gastvater Oswaldo hilft jedenfalls kaum im Haushalt, selbst wenn die komplette Familie kurbelt, um das Haus sauber zu halten, zu kochen etc. etc. Es ist eher gegenteilig, dass unsere wirklich sehr emanzipierte Gastmutter Vicenta (die sowieso immer herumflitzt, kocht, arbeitet, putzt) ihn jeden Tag vom Bus abholt, seine Tasche trägt, ihm sein Essen auf den Teller serviert und ihm einen extra Krug Saft macht. Auch gibt es immer etwas im Haus, was ausschließlich für ihn reserviert ist, zum Beispiel die Papaya, die wir Kinder nicht anrühren dürfen, da sie nur für SEINEN Saft gedacht ist, oder auch die zweieinhalb Liter Honig, die Eva, Josh und ich extra von Vicentas Schwester aus Monteagudo mitgebracht haben, ist für niemand anderen gedacht als für ihn. Außerdem entscheidet er, was am Wochenende zum Mittagessen gemacht wird, und wo genau im Garten welche Pflanzen gepflanzt werden. Besonders für unseren Gastbruder Carlos zählt das Wort des männlichen Familienoberhauptes doppelt und dreifach, was er sagt, ist stets die Wahrheit.
Situationen wie diese sind etwas ungewohnt für Josh und mich, aber selbstverständlich haben wir kein Recht, dies zu verurteilen oder gar uns einzumischen. Die Rolle und Wichtigkeit des männlichen Familienoberhauptes ist nun mal eine andere in einer anderen Kultur, und das gilt es zu akzeptieren, auch wenn es gerade in unsere Familie oft nicht gerecht wirkt. Auf die Frage hin, ob er denn nicht gern koche, hat Oswaldo übrigens geantwortet: „Nein, ich bezahle nur die Sachen für Vicentas Küche.“

Zum Schluss noch ein kleines, aber sehr markantes kulinarisches Detail: Beinahe jedes Gericht in Bolivien beinhalten Kartoffel, Reis und Nudeln, stets mindestens zwei dieser Komponenten, meistens aber alle drei. So gibt es zum Beispiel eine Suppe mit Nudeln und Kartoffelspalten und auf dem zweiten Teller als Beilage Reis mit Mote (großem gekochten Mais) und ganzen Kartoffeln. Das reicht soweit, dass man uns schon gefragt hat, als wir nur gebratenes Pfannengemüse in einer Tupperdose mithatten: „Das sieht ja ganz lecker aus.... aber wo sind die Kartoffeln!?“ Demzufolge machen wir viele Witze über diese unverzichtbaren Ingredientes, die ein „richtiges“ Essen haben muss. Nächstes Jahr nach unserer Rückankunft in Deutschland habe ich sicher erstmal für einen Weile genug von Papas, Arroz y Fideo immer und überall.


Hiermit habt ihr hoffentlich einen kleinen Einblick bekommen in meinen Alltag und auch ein paar kleine, aber recht interessante Details kennengelernt, die mir bis jetzt ins Auge (oder ins Ohr) gefallen sind.

Mittwoch, 23. November 2016

¿Hay agua o no hay? - Das ist hier die Frage

Hay agua? Gibt es Wasser? In den letzten Wochen ist das die elementare Frage, die ich mir jeden Tag, beinahe jedes Mal stelle, wenn ich nach Hause komme, zum Projekt gehe oder in einem Restaurant ein Käffchen trinken möchte. Und wenn ich dann den Wasserhahn aufdrehe und einfach kein Tropfen herauskommen will, dann gibt das der Stimmung immer einen ziemlich ernüchternden Dämpfer.
Jetzt Ende November, Anfang Dezember sollte sich die Trockenzeit so langsam dem Ende neigen, doch seit Wochen gab es keinen richtigen Regen, höchstens mal einen kleinen Schauer. Wir haben hier ja gerade Frühling, das bedeutet, dass die lange Dürre zuende geht und im Dezember und Januar die Regenzeit richtig Einzug hält. Wir warten alle sehnsüchtig darauf, dass sich dicke Regenwolken anbahnen, doch bis jetzt ist es unverändert staubtrocken, was ein echtes Problem ist, denn es ist einfach nicht genug Wasser für alle Leute vorhanden. Scheinbar war die Situation während der winterlichen Trockenzeit früher nicht ganz so schlimm, doch mit dem Klimawandel, der natürlich auch hier zu spüren ist, und mit dem stetigen Bevölkerungswachstum ist die Wasserknappheit natürlich extrem.
Hier in Sucre ist die Situation besonders kompliziert: wir bekommen unser Wasser aus dem Nachbardepartment Potosi, das Sucre selbst nur sehr geringe Wasserreserven hat, die bei weitem nicht für die ganze Stadt ausreichen. Laut unserem Gastvater war schonmal ein Projekt im Gespräch, wonach ein großes Wasserreservoir realisiert werden kann, womit auf lange Zeit alle Wasserprobleme für die Stadt gelöst wären. Der Haken dabei: dieses Projekt würde ca. 10 Millionen US-Dollar kosten. Momentan ist das der Stadt Sucre entschieden zu teuer, obwohl es eine einmalige, unglaublich wichtige Investition wäre.
So aber sind wir hier von Potosi und deren Wasserreserven abhängig, was ziemlich heikel ist, denn es gibt einen Staudamm nach Sucre, der von Potosi aus natürlich geöffnet und geschlossen werden kann, nach Belieben sozusagen. In der Theorie (und leider auch in der Praxis) heißt das: Potosi könnte die komplette Wasserversorgung für Sucre lahmlegen. Und genau das ist letzte Woche passiert. Beinahe sechs Tage lang war die komplette Stadt ohne Leitungswasser, lag im wahrsten Sinn des Wortes „auf dem Trockenen“. Dafür wurden alle Dörfer und Felder in Potosi mit diesem (für sie sehr sehr reichlichen) Wasser versorgt, die Bauern haben ihre Pflanzen bewässert, während in Sucre langsam das Trinkwasser knapp wurde. Obwohl so etwas natürlich furchtbar ungerecht ist, greift niemand ein, denn eine staatliche Kontrolle dieser Wasserversorgung gibt es nicht. Vertreter der Stadt Sucre mussten nach Potosi fahren, um mit den Menschen, welche die Kontrolle über diese Leitungen besitzen, zuverhandeln, damit Sucre wieder Wasser bekommt.
Trotz allem gibt es weiterhin eine ziemliche Knappheit dieses „flüssigen Goldes“, sodass in vielen Teilen der Stadt das Wasser rationiert wird, auch bei uns im Barrio. Unsere Familie hat aber Glück bzw. hat vorgesorgt, denn auf unserem Dach gibt es zwei riesige Tanks, die insgesamt 1550 Liter fassen und sich füllen, sobald es Leitungswasser gibt. Im Moment ist einer der Tanks noch zur Hälfte voll, das heißt, wir können immerhin Händewaschen, Zähne putzen und im Hochgeschwindigkeitstempo duschen, doch ziemlich zeitnah wird auch dieser Tank leer werden. Zum Kochen und Abwaschen haben wir seit dem letzten Wasserengpass nun vier riesige Töpfe (jeder einzelne fasst sicher 30 Liter) gefüllt mit Leitungswasser im Haus, als Notfallversorgung. So abgesichert ist es keine Katastrophe, wenn das Wasser mal wieder weg ist.
Viele viele andere Familien haben aber keine Tanks auf dem Dach, weshalb die Menschen beinahe jeden Tag vor ihren Häusern stehen und alle möglichen Gefäße von Regentonnen, Töpfen, Plastikbadewannen, Eimern, Schüssel etc. am Straßenrand aufgereiht haben. Sie warten auf das große Tankauto, das ab und zu durch die Straßen fährt und die Familien mit dem nötigsten Trinkwasser versorgt. Wenn dieser Tanker kommt, dann passiert es nicht selten, dass die Menschen ihre Tonnen und Eimer quer über die Straße verteilen, wahrscheinlich, damit dieses Auto bloß nicht weiterfährt, ohne den allerletzten Topf gefüllt zu haben.
Auch im Radio laufen ständig Nachrichten und Updates zum Thema Wassermangel, Neuigkeiten vom Wetterbericht und wann das große Tankauto vorbeikommen wird. Wenn es doch mal regnet, dann ist das entweder nur ein bisschen Geniesel oder....

...ein heftiger, gewittriger Wolkenbruch für ein paar Minuten,
der so überraschend und schnell beginnt wie er wieder aufhört.

Bevor ich nach Bolivien kam, hätte ich nie gedacht, wie glücklich wir uns in Deutschland eigentlich schätzen können, beständig und immer Zugang zu Leitungswasser zu haben, welches von der Qualität auch noch excellent und direkt trinkbar ist. Hier in Sucre lerne ich momentan, wie wenig selbstverständlich es doch ist, ständig einen funktionierenden Wasserhahn zu haben, und wie sehr man seinen eigenen Wasserverbrauch reduzieren kann. Unsere Familie hier lebt sowieso immer sehr wassersparend, aber gerade in dieser lange Trockenphase ist es besonders wichtig. Zum Beispiel wird das Schmutzwasser der Waschmaschine (ja, wir haben eine eigene Waschmaschine, was ein ziemlicher Luxus ist) wird immer zum Toilettespülen verwendet, das Wasser vom Duschen fangen wir ebenfalls auf, Zähne geputzt wird nur mit einem Becher ohne Wasserhahn, usw. Als wir ein paar Tage gar kein Leitungswasser hatten, habe ich auch eine sehr minimalistische Erfahrung gemacht – zum Duschen und Haarewaschen mit Karaffe und Badewanne (ohne funktionierende Dusche natürlich) benötige ich nur ein bisschen mehr als drei Liter Wasser, und es hat super funktioniert. Darauf kann man schonmal stolz sein.

Eigentlich ist es eine wirklich gute Erfahrung, zu bemerken, wie wichtig und elementar Wasser ist, und vor allem der sichere Zugang dazu. Schon jetzt weiß ich es so viel mehr zu schätzen, wenn ich meine Hände unter fließendem Wasser waschen kann, ohne befürchten zu müssen, dass es im nächsten Moment versiegt.


Natürlich klingt das alles total dramatisch, aber letztendlich ist es nichts Neues oder vollkommen Absurdes für die Menschen in Sucre, wenn das Wasser abgestellt wird. Unser Gastbruder Carlos wollte mir gar nicht glauben, dass in Deutschland die Städte immer Wasser haben und eine Situation, in der aufgrund von Trockenheit das Wasser rationiert und abgestellt wird, einfach nicht existiert. Trotz allem, verdursten werden wir hier auf jeden Fall nicht, dafür wird schon gesorgt, und auch ohne Leitungswasser kann man eine Weile gut klarkommen. Zwar ist es sehr unannehmlich, aber ich bin doch irgendwie froh darüber, hier zu sein und zu merken, dass eine 24/7 perfekt funktionierende Wasserversorgung eben alles andere als selbstverständlich ist.

Extracamp im Torotoro Nationalpark

Morgens früh um 6 Uhr treffen wir uns am Busterminal in Cochabamba mit allen anderen Freiwilligen vom ICYE, die gerade auch in Bolivien arbeiten, das heißt, wir sehen unsere ganze Gruppe wieder, die Ende August zusammen hergereist ist. Von dieser Gruppe sind wir über vier Städte verstreut: acht Freiwillige wohnen in La Paz, vier in Santa Cruz, einer in Cochabamba und wir sechs in Sucre, weshalb es umso schöner ist, sich nach fast drei Monaten, die wir in unseren Städten verbracht haben, alle wiederzusehen. Dementsprechend viel gibt es auch zu erzählen – vor allem mein Gastbruder Josh freut sich sehr, endlich wieder „richtiges“ Englisch mit den anderen britischen Freiwilligen zu sprechen, hihi – dementsprechend schnell vergeht auch die vierstündige, sehr holprige Fahrt von Cochabamba nach Torotoro, ein kleines Dorf im Nirgendwo. Dieses Nirgendwo ist in dem Fall der gleichnamige Nationalpark Torotoro. Vorbei an Papayaplantagen wird es spürbar wärmer und auch vegetationsreicher, in Serpentinen eine geröllige Straße die Berge hinauf und hinunter, bis wir in Torotoro ankommen, was sich als kleine verschlafene Ansammlung von Häusern herausstellt mit einer Hand voll Hostels, Kneipen, einem winzigen grünen Plaza in der Mitte und zwei oder drei Reiseagenturen, die Touren in die Umgebung anbieten.
Nach dem Mittagessen im Hostel (wesentlich komfortabler als erwartet) stapfen wir mit ein paar Guides los in Richtung Canyon. Steppenähnliche Landschaft mit dürrem, stacheligen Gras und trockenen Büschen. Ein Steinplattenweg führt in Treppenstufen die steile Böschung des Canyons hinab, natürlich ohne jegliches Geländer, direkt neben meinen Füßen geht es bestimmt 30 Meter in die Tiefe. Beeindruckend hohe, dreifarbige Felswände, die dieses Flussbett einrahmen.


Als wir unten angekommen sind, klettern wir zwischen monströsen Findlingen das felsige Flussbett hinab, das Flüsschen (sehr klein und schmal aufgrund der wochenlangen Trockenheit) plätschert vor sich hin, ziemlich schlammig trüb.
Endlich erreichen wir die Cascadas, eine von ganz vielen saftig-grünen Pflanzen bewachsene Felswand, aus der von oben viele kleine Wasserfälle entspringen und als eine Art „natürliche Dusche“ auf die Felsen unterhalb plätschern. Es ist so ein wunderschöner Ort, fast paradiesisch durch das laute Rauschen des Wassers, die Blumen und Schlingpflanzen.
Vor den eigentlichen Cascadas gibt es eine Art kleinen See gefüllt mit dem aufgewühltem sandigen Wasser, in das wir wie kleine Kinder juchzend von den Felsen hineinspringen. Hinterher dusche ich mir unter den Wasserfällen den Sand von der Haut und aus den Haaren, sowas wollte ich immer schonmal machen. Sogar eine Art Vorhang aus Wasser gibt es vor einem Felsvorsprung, man kann sich darunterstellen und ist durch eine löchrige fädige Wasserwand von draußen getrennt, wie im Film.



Leider müssen wir den ganzen Weg zurückstapfen, die vielen vielen Meter den Canyon hinauf. Dabei wir uns aber wieder ein bisschen wärmer, das Wasser der Cascadas war verdammt kalt.
Oben angekommen wird es langsam dunkel und den schottrigen Trampelpfad über die Ebene zurück ins Dorf kann man kaum noch erkennen. Ich stapfe dicht hinter zwei Guides her und plötzlich ist der Rest der Gruppe hinter uns verschwunden (sie werden mit einem Bus zurückgefahren, den ich natürlich irgendwie verpasst habe). In der Dämmerung sieht man vereinzelt sieht man auf den Berghängen Lichter blinken von einsamen Häusern, doch bevor die Nacht vollkommen schwarz hereinbricht, schieben sich die Wolken zur Seite und ein riesiger Beinahe-Vollmond beleuchtet unseren Weg, wirft richtig scharfe Schatten. Gemeinsam mit den beiden Guides und einem kleinen Hund als Begleiter trotte ich die letzte halbe Stunde nach Torotoro zurück, und diese halbe Stunde ist der entspannteste Moment der letzten paar Tage, fast ganz allein im Mondlicht begleitet vom Grillenzirpen.

Am nächsten Tag fahren wir vormittags mit dem Minibus ein Stückchen raus in die Berge, zu einem Ort, der sich Umajalanta nennt – auf Aymara bedeutet das „Donde corre el agua“ (Wo das Wasser fließt). Es handelt sich um eine riesige (!!!) verwinkelte Höhle mit einem unterirdischen Flüsschen. Mit Helm und Headlamp ausgestattet klettern wir mit einer kleinen Gruppe von sechs Leuten und einem Guide in den viel meterhohen Eingang, ein riesiges Loch im Berg voller unglaublicher Findlinge. Ein Stückchen weiter drinnen ist es stockfinster. Wenn jetzt die Batterien der Stirnlampen streiken, wären wir ganz schön aufgeschmissen.... Zum Glück geht aber alles gut. Feuchte kalte Felswände, Tropfsteine überall, teilweise ist der „Weg“ (scheinbar nur für den Guide identifizierbar) so schmal, dass wir auf dem Bauch durch eine enge Felsspalte robben müssen, wo ich selbst beinahe steckenbleibe. Dann wieder stehen wir plötzlich in einer riesighohen Höhle, fast wie beim „Herrn der Ringe“. Ein Tropfstein, der aus einem Stalagmit und einem Stalaktit zusammengewachsen ist, hat exakt die Form einer Trauerweide – auf Spanisch 'sauce lloron'. Außerdem sehen wir ein kleines Häufchen Fledermausexkremente, was laut dem Guide zur Petroliumherstellung genutzt wird und dementsprechend wertvoll ist.
Nicht wirklich ungefährlich, dieses Herumgekletter direkt neben scharfkantigen, metertiefen Felsspalten, ab und zu sind die Steine sehr feucht und rutschig, wir müssen aufpassen nicht abzurutschen und an einigen Stellen gibt es sogar Seile mit Knoten zum Abseilen! Es macht superviel Spaß, in der Dunkelheit herumzuklettern und ab und zu muss der Guide mich ermahnen, doch bitte an der von ihm gezeigten Stelle zu warten und nicht auf eigene Faust ein bisschen weiterzuklettern.
Als wir nach zwei Stunden wieder hinauskrabbeln aus dem dunklen Loch, bin ich froh, die Sonne wiederzusehen, aber dieses Herumgekletter war wirklich superabenteuerlich. Ohne TÜV-geprüfte Sicherung, Geländer und Risikobelehrung mit Unterschrift - dafür doppelt so aufregend – so eine Aktion wäre in Deutschland undenkbar.

Leider habe ich vom Inneren der Höhle keine Fotos, dafür hier die Beweistafel aus Umajalanta.

Ein paar Eselchen, die sich aber nicht in die eigentliche Höhle getraut haben,
sondern lieber auf unsere Rückkehr warten

Am Nachmittag machen wir mit ein paar Freiwilligen einen ausgedehnten Spaziergang, den Hang hinauf, wo eine Herde ziegen grast. Plötzlich sind die anderen weg, offenbar habe ich sie bergauf abgehängt, und bin allein zwischen Steinen, Geröll, trockenen Büschen, einer Art Trockenmauer aus Feldsteinen und einer ausgemerkelten Kuh, die mich wütend anmuht. Ich klettere weiter den Hang hinauf, dort gibt es seltsame schneeweiße Steinformationen, zwischen denen es 1,5 Meter hinunter auf den Sandboden geht. Ich hüpfe von Stein zu Stein, beobachte die Sonne, die hinter der gegenüberliegenden Bergkette verschwindet, und versuche dann, einen Weg zurück hinunter zur Landstraße zu finden.
Abends vergehen die Stunden beim Kartenspielen, mit Rotwein, viel Gelache und einer Menge günstig erstandenen Mangos, den gerade ist Mango-Saison.

Als wir am nächsten Tag nach Cochabamba zurückfahren wollen, bietet sich uns ein böses Bild: der Bus steht hochgebockt mit offenen Luken da und der Busfahrer sowie ein Mechaniker im Blaumann liegen auf dem Rücken darunter. Keine Überraschung, das der Bus kaputt ist und erstmal an Ort und Stelle repariert wird.

Die Rückfahrt wird sehr lang, knapp 5 Stunden in der Nachmittagshitze nach Cochabamba und dann noch eine Nacht bis Sucre. Die drei Tage dieses Camp sind wie im Flug vergangen und es fühlt sich seltsam án, die anderen erst Ende Januar/Anfang Februar wiederzusehen. Nach all den unangenehmen Kälteerfahrungen,von denen die Freiwilligen aus La Paz erzählt haben, bin ich aber sehr froh, in Sucre zu wohnen, wo uns am Montag ein sehr angenehm mildes sommerliches Wetter empfängt.

Mittwoch, 9. November 2016

Monteagudo – „Todos Santos“ bei tropischer Hitze

Der 2. November ist in Bolivien ein wichtiger Feiertag zu Ehren der Verstorbenen und nennt sich 'Todos Santos'. Für diesen Tag werden überall ganz viele verschiedene Brote, Kuchen, Empanadas, Kekse uvm. Gebacken, verkauft und mit der Familie geteilt. Da es ein Feiertag für alle Arbeitenden ist, fahren die meisten Leute zu ihren Familie, viele aufs Land, um sie zu besuchen und im Familienkreis Todos Santos zu feiern.
Dazu gibt es in Familien, wo kürzlich ein Angehöriger verstorben ist, dem Verstorbenen zu Ehren eine Feier und alle teilen 'Chicha' miteinander, ein traditionelles Getränk aus Maismehl, Wasser und Zucker, das (laut unserer „Gasttante“) zuerst aufgekocht wird, dann drei Nächte lang ziehen muss und dementsprechend ein bisschen sprudelig schmeckt. Die Chicha wird gekühlt serviert, ist sehr erfrischend und lecker, hat aber einen ganz eigenen, weichen Geschmack, ein bisschen nach Getreide und Mais. Für mich war es zu Anfang nur ein bisschen seltsam, plötzlich quasi etwas mit Kohlensäure zu trinken, weil wir hier eigentlich nur Leitungswasser trinken und Wasser mit Sprudel kaum existiert.
Zu 'Todos Santos' errichten einige Familien im Haus einen altarähnlichen Tisch mit Fotografien des Verstorbenen, seinen Lieblingsspeisen und Getränken, vielen Blumen und Kerzen. Am Vorabend von 'Todos Santos', also am 1. November, haben bereits alle Leute frei und treffen sich in ihren Familien zum gemeinsamen Abendessen. Der Gedanke ist, dass an diesem Abend die Seelen der Verstorbenen zurückkehren und man sie deswegen gemeinsam mit der Familie in Empfang nimmt. Am nächsten Tag, am 2. November, verschwinden deren Seelen wieder ins Jenseits, und werden deshalb wieder mit der gesamten Familie und einem großem Fest mit vielen Speisen und Getränken verabschiedet, denn man glaubt, dass ihre Seelen für diese Reise besonders viel Kraft und Energie benötigen.
Über und über bunte Blumen, meist aus Plastik und Papier, sowie Kerzenlichter und Fotos der Verstorbenen gibt es auch auf dem Friedhof auf den Gräbern und zusätzlich werden die Grabstätten noch mit persönlichen Gegenständen sowie mit Gläsern mit Chicha dekoriert.


Der kleine Friedhof nahe des Barrios 16 de Febrero, Monteagudo
Ein etwas anderes Grab.
Da auch wir an Todos Santos frei haben, fahren Josh und ich zusammen mit unsere Gastschwester Eva für ein paar Tage ihre Tante (die Schwester unserer Gastmutter) in Monteagudo besuchen. Monteagudo ist ein sehr überschaubares Kleinstädtchen nahe des Departmentes Santa Cruz, liegt nur auf ca. 1000 m über dem Meeresspiegel und hat dementsprechend schon beinahe tropisches Amazonaswetter (bis auf das Tageszeitenklima). Vor dem Besuch wurde uns erzählt, wie wunderschön grün es in Monteagudo sei, wie viele Bäume es gäbe, Vögel, Schmetterlinge und ganz viele Mosquitos. Von der Flora jedenfalls wurden wir nicht enttäuscht: schon morgens halb drei im Nachtbus sehe ich am Fenster dunkle Schatten von riesighohen Bäumen vorbeiziehen und sogar die spitzen, zackigen Siolletten von Kakteen. Die Vorfreude steigt.
Da wir morgens um kurz vor fünf beim Haus von Tante Marcia ankommen, sehen wir noch rein gar nichts von dem sehnsüchtig erwarteten Wald, aber eins spührt man deutlich – es ist verdammt kalt, höchstens zehn Grad über Null. In Erwartung von tropischer Hitze haben wir natürlich nur kurze Klamotten eingepackt, Josh hat nicht mal eine lange Hose, und ich trage Tshirt über Tshirt, zwei paar Socken und meinen einzigen Fleecepullover. Was für eine verrückte Ankunft.
Tante Marcia wohnt nicht in der Stadt Monteagudo, sondern in einem kleinen Barrio (eine Art Dörfchen) ca. eineinhalb Stunden Fußmarsch (20 Minuten Taxi) entfernt, wo es auf jeden Fall mehr Kühe und Schweine gibt als Häuser und quasi mitten in der Pampa liegt. Ihr Haus ist winzig klein, es gibt nur zwei Räume zum Schlafen für uns fünf Erwachsene und ein kleines 5-jähriges Mädchen, ein Durchgangs- bzw. Verbindungsraum als Küche und Zimmer zum Essen sowie ein kleines Minibad. Insgesamt ist unser Wohnzimmer in Sucre beinahe größer als ihr gesamtes Haus, doch es ist ja alles da, was man braucht und Marcia sowie ihre 18-jährige Tochter sind superliebenswert und empfangen uns in aller Herrgottsfrühe ganz herzlich mit warmem Cafe.
Als es nach und nach hell wird kommt zum Glück die Sonne raus und mit ihr die Wärme (die sich später am Tag noch zu einer beinahe unerträglich Hitze ausdehnen wird). Wir können zum ersten Mal die Umgebung angucken: eine kleine Sandstraße zwischen den nackten Ziegelhäusern mit Blechdächern, ein betonierter Bolzplatz, ein paar durch die Gegend gackernde Hühner und rundherum soweit das Auge reicht Grün. Ein wunderschöner saftiger Wald erstreckt sich über die Hügel, richtige dunkelgrüne Höhe Bäume, man kann das Wasser förmlich sehen, was den Wald so wachsen lässt. Vögel fangen an zu zwitschern und den gesamten Tag über bis in die Nacht hinein hört man die Zikaden ganz laut zirpen. Diese Art von gesundem saftigen Wald vermisse ich in Sucre ein bisschen, denn bei uns ist aufgrund der Trockenheit noch alles ziemlich karg und sandig, und auch der Hügel hinter unserem Haus mit dem Wäldchen aus Eukalyptusbäumen macht einen sehr ausgedörrten Eindruck. Aber hier im Barrio 16 de Febrero nahe Monteagudo kann man schon fast ein bisschen vom Amazonas erahnen. Auch im Garten von Marcia gibt ein Orangen-, ein Zitronenbäumchen und einen ganz hohen Papayabaum, leider noch mit grünen Früchten. 




Ein Papaya-Baum

Bei der Nachbarin gibt es eine große bodendeckende Spinatpflanze, dort gehen wir morgens Spinat pflücken für eine Tortilla aus Ei und Spinat. Selbst im kleinsten Dörfchen auf dem Land wird der komplette Vormittag zuhause verbracht um das Mittagessen vorzubereiten (Suppe mit Reis und Hühnerfüßen, die ich ganz sorgfältig herausfische). Mittags stapfe ich los auf eine kleine Erkundungstour, den Sandweg in den Wald hinein, der irgendwann an einem Gartenzaun endet, dahinter grunzen mich empört ein paar Schweine an. Viel länger als eine Stunde hält man es sowieso nicht in der Sonne aus, bei humiden fast 40 Grad. Ich kehre zurück zur Hängematte im Schatten und die kleine Melanie plappert mich in einem Fort zu, füttert ihren kleinen Babyhund mit Käsekrackern und kugelt sich über den staubigen Betonboden.
Am Nachmittag fahren wir ein Stückchen raus aus dem Barrio zu einem Flusslauf um uns im Wasser abzukühlen. Mit Eva, ihrer Cousine Alondra, Marcia und Josh spielen wir Volleyball im flachen, sonnenwarmen Wasser, die kleine Cousine Melanie sitzt beleidigt daneben. Am meisten Spaß macht aber, die kleinen Stromschnellen des Flusses hinunterzuschliddern, an einigen Stellen nehme ich soviel Fahrt auf, dass ich ins Wasser platsche und ein bisschen brutal gegen die Steine knalle. Gleich nochmal, was für ein Spaß!
Abends wird es dann wieder erstaunlich frisch, aber der Pulli bleibt trotzdem erstmal im Rucksack.

Am nächsten Morgen stehe ich freiwillig um 6 Uhr auf, um die um diese Zeit noch angenehm frische Morgenluft und die ungewohnt flache Umgebung für ein kleines Wach-werd-Läufchen zu nutzen. Alle Leute, die schon auf den Beinen sind, ob zu Fuß, zu Moped, mit Kuh, Ziege oder Schwein als Begleiter, alle starren mich an. Die meisten grüßen zwar freundlich zurück, aber dieses Starren ist doch etwas unangenehm... vermutlich sind Josh und ich in der Umgebung die einzigen 'Gringos' seit Ewigkeiten, da sticht man natürlich heraus.
So geht es uns auch ein bisschen später in Monteagudo, denn wir laufen am Vormittag die eineinhalb Stunden zu Fuß in die Stadt, in bereits knallender Sonne. Die Stadt besteht aus nicht viel mehr als einer Handvoll schmalen Straßen, einem kleinen grünen Platz mit Denkmal und Kirche und einer sehr überschaubaren Markthalle. Ich kaufe Mangos! Zum ersten Mal in Bolivien, hach wie wunderbar. Diese Sorte ist ganz klein, ziemlich faserig, hat dafür aber trotzdem ein sehr intensives Aroma.
Auf dem Rückweg halten wir Ausschau nach einem kleinen Geburtstagsgeschenk für unsere „Gastcousine“ Alondra, die morgen ihren 18. Geburtstag feiert, und leider blieb vor Abfahrt keine Zeit mehr, eine der berühmten Sucre-Schokoladen zu besorgen. Resultat: beinahe den gesamten Rückweg schleppen wir eine verdammt schwere Wassermelone mit uns mit, die ich später bemalen möchte, nur um im Endeffekt festzustellen, dass man doch auch viel näher beim Barrio Wassermelonen kaufen kann. Dieses Geschenk kommt dann wirklich von Herzen
Am Nachmittag können wir Marcia auf ihrer Arbeit besuchen, im Hospital Dermatologia (einer Mischung aus Tagesklinik und Krankenhaus), wo sie als Krankenschwester in der Impfstation für Kinder arbeitet. Der überschaubare Gebäudekomplex liegt noch mehr im Nirgendwo als das eigentliche Barrio, nur durch eine staubige Sandstraße zu erreichen, weshalb es dort aber wunderschön ruhig und sehr grün ist, mit vielen Palmen und Orangenbäumen im Gelände. Das Hospital war ursprünglich eine Klinik für Lebrakranke, heute aber kommen die Leute mit verschiedensten Krankheiten zu den katholischen Schwestern, die mit ihren weißen Schürzen und Hauben geschäftig über die Wiese eilen und ab und zu auch mal ihr Smartphone zücken, um eine Whatsappnachricht zu lesen.
Es gibt einen kleinen Bus im Hospital, extra um die Schwestern nach Monteagudo in die Kirche zu fahren, und dieser Bus nimmt uns netterweise mit ins Zentrum. Während der Fahrt unterhalte ich mich mit einer Frau, die auch aus Deutschland kommt, hier im Hospital für ein paar Wochen als Freiwillige arbeitet und sogar bei den Schwestern auf dem Gelände schlafen darf. Das ist sicher auch ein besonderer Job, so inmitten des Waldes, der Kuhweiden und Mais- & Kartoffelfelder in diesem friedlichen Ort zu arbeiten. Obwohl man sich sicher von Zeit zu Zeit ein bisschen abgeschnitten fühlt.
Als sich abends um zehn die Hitze endlich ein bisschen zurückzieht und es draußen angenehmer ist, gehen wir mit Tante Marcia und den Mädels Wally spielen (Volleyball in einer Halle mit Gebrauch von Wänden).

Am nächsten Tag machen Josh und ich uns morgens auf dem Weg zum nahen Friedhof, um uns die mit Blumen geschmückten Gräber anzuschauen, die wegen dem Feiertag Todos Santos herausgeputzt werden. Auch auf dem Friedhof werden wir ein bisschen so gemustert als kämen wir von einem anderen Planeten. Wahrscheinlich verirren sich eher selten „Gringos“ hierher.
Auf dem Weh bleiben wir an einem Maulbeerbaum hängen. Maulbeere wird hier 'Mora' genannt und ich hätte nie gedacht, dass die winzigen supersüßen dunkelila Früchte an richtigen meterhohen Bäumen hängen. Wir strecken uns nach den kleinen brombeerähnlichen Mora und hinterher haben wir ganz blauegefärbte Finger und Lippen.



Zum Fluss hinunterlaufen, ein schattiges Plätzchen suchen, ein bisschen lesen und in den Spanisch-Aufzeichnungen blättern, die Füße ins Wasser baumeln lassen, bevor es am Nachmittag an die Geburtstagspartyvorbereitungen für Alondra geht.
Für die anderen Gäste gibt es eine gebackene Hackfleischrolle mit Käse (der üppige und selbstverständliche Fleischkonsum hier ist wirklich beeindruckend, wir werden mehrmals eindringlichst gefragt, ob wir wirklich nicht kosten wollen: „Es ist auch ganz mageres Fleisch, ganz lecker“), aber für Josh und mich ist das ja ziemlich uninteressant. Dafür dürfen wir den selbstgemachten Quinoto-Schnaps kosten (gemacht aus einer Kumquat-Art).

Diese heraufziehende Wolkenfront ließ über Nacht die Temperaturen absacken
- von drückender Hitze in fröstelnd-bewölktes Wetter, was für ein verrückter Ort.

Der nächste Morgen ist dermaßen kalt (die Temperaturen sind um mehr als 20 Grad gefallen in der letzten Nacht), dass wir uns fast bis mittags im Bett verkrümeln. Später spielen wir Basketball mit ein paar Jungs aus dem Barrio und wollen danach noch zu einem Fußballspiel der Schule von Alondra, doch als wir dort ankommen, ist kaum jemand da. Grund dafür: „No hay pelota – Es gibt keinen Ball.“ Josh und ich bekommen einen mittelgroßen Lachanfall. Es ist einfach so witzig, wie unorganisiert manche Dinge ablaufen. Von irgendwoher wird dann doch noch ein Ball aufgetrieben und wir spielen mit der „Gastcousine“, Eva und einigen von Alondras Schulfreunden ein bisschen Fußball, bis die Sonne tief steht und es Zeit wird, die Rucksäcke zu schultern und zum Busterminal zu laufen.
Tschüss Wald, tschüss Vögel, exotische Blumen und tschüss saftiges Grün. Ich nehme mir fest vor, definitiv nochmal in Richtung Osten zu reisen, in Richtung des Regenwaldes, denn das kleine Bisschen „Prä-Amazonasluft“, das wir hier schnuppern durften, hat die Lust auf mehr geweckt.

Donnerstag, 3. November 2016

Trip nach Cochabamba - Eine etwas andere Nachtbuserfahrung

In letzter Zeit berichte ich nur noch von verschieden Ausflügen und Wandertrips, sodass es den Anschein hat, wir würden hier nur Urlaub machen. Dem ist nicht so! Natürlich gibt es wochentags einem Alltag mit Projekt und Gastfamilienfrühstück, Badputzen und abendlichem Zumbakurs. Aber die letzten Wochenende kam einfach geballt eine Reisemöglichkeit nach der anderen - und das muss man ja wohl ausnutzen.

Ein bepflanzter Kreisverkehr in Cochabamba - auch hübsche Plätze inmitten des lauten Verkehrs
Am vorletzten Wochenende hat unsere kleine Freiwilligengruppe beschlossen, einen anderen Freiwilligen in Cochabamba zu besuchen, eine Stadt weiter westlich, ca. 1000 Höhenmeter flacher und deutlich größer als unser kleines Sucre.
Mit dem Nachtbus sind wir am Freitagabend losgefahren - oder besser gesagt mit zwei Bussen, denn das war bis jetzt die abenteuerlichste Busfahrt, die ich je erlebt habe. Noch vorher haben wir uns total gefreut, die Tickets zu supergünstigen Preisen bekommen zu haben, ein echtes Schnäppchen. Das die Buscompany ziemlich unbekannt war, hat uns nicht gestört, obwohl viele Leute immer davor warnen, unsichere Anbieter zu nehmen. Wir haben noch Witze darüber gemacht, im Straßengraben zu übernachten..... und so ähnlich ist es beinahe tatsächlich gekommen.
Nach ca. 2 Stunden Fahrt hielt der Bus plötzlich an, Licht an, alle raus, "Maschina kaputt". Zum Glück waren wir nicht im allerletzten Bus für diese Nacht, es kamen noch ein paar nach uns, in die wir hätten umsteigen können. Das Problem war nur: alle diese Busse waren voll, es gab keine Sitzplätze.
Uns blieben zwei Optionen: ernsthaft die Nacht im Straßengraben zu verbringen oder in das Gepäckfach eines Busses zu klettern, ein Stockwerk tiefer unter die Sitzreihen, dorthin wo sonst die großen Koffer gestapelt werden. Da das die einzige Möglichkeit war, noch irgendwie in Cochabamba anzukommen, haben wir uns zu sechst in das Gepäckfach gequetscht und versucht, es uns ein wenig bequem zu machen. Wir hatten Glück, denn in diesem Gepäckfach gab es sogar eine Decke, eine kleine Wäscheleine mit einem Handtuch, ein paar Wechselschuhe und einen Handspiegel - offenbar schlief dort der Busfahrer in seiner Pause.
Kurz nach dem Einsteigen überkamen uns aber doch ganz schöne Zweifel, da es keine Lüftung gab, sprich, wir keinen Sauerstoff hatten und ziemlich nach Benzin roch. Lösung: wir öffneten die Gepäckklappe nach außen einen Spalt und klemmten die Wechselschuhe des Busfahrers in die Klappe. So kam genug Luft rein und Josh, der ganz außen lag, wurde in der Nacht sogar ein bisschen nassgeregnet.
Übereinandergestapelt, ähnlich wie sonst die Koffer, lagen wir so da, 6 Stunden lang, und erstaunlicherweise war es wirklich eine extrem lustige Fahrt. Für mich war es sogar bequemer als die Sitze, auf denen die Leute über uns hin- und hergeschuckelt wurden.




Heil in Cochabamba angekommen verbringen wir den Vormittag damit, durch die Stadt zu laufen, bis ein Cafe zum Frühstücken öffnet, und dann zu Fuß das Hostel zu suchen. Dafür haben wir über zwei Stunden gebraucht, weil wir überall angehalten haben, einen großen grünen Plaza angeschaut haben, in einer Buchhandlung hängengeblieben sind oder einfach herumgeschaut haben. Diese Art, eine Stadt zu erkunden, gefällt mir aber sehr gut.
Was ziemlich schockierend war: sehr viel breitere, lautere Straßen als in Sucre und unglaublich schlimmer Verkehr.

Am Nachmittag sind wir zu den ruinenhaften Überresten der alten Inkastadt Inkaraquay gefahren (leider waren dafür zwei verschiedene Busse und ein Taxi nötig, ziemlich  nervig), aber oben auf dieser Bergkuppe konnte man in den Felsen und Ruinen herumklettern und hatte einen wunderschönen Blick auf das riesige Ebene, in der Cochabamba liegt.

Der Weg, der direkt zu den Inkaruinen führt, im Hintergrund der Blick über Cochabamba

Am Sonntag verlassen wir morgens das Hostel und kommen nur ein paar Meter weit bis zum Haus von Simon, den wir hier besuchen. Seine Gastmutter überrascht uns mit einem wunderbaren Frühstück aus Papaya, Tee, Keksen und heißer Schokolade! Gestärkt machen wir uns dann zu Fuß auf den Weg zur großen Christusstatue 'Cristo de la Concordia'. Dort angekommen kann man entweder mit dem Teleferico (eine Art Seilbahn) den Berg hinauffahren, oder die 265 Höhenmeter über einer Steintreppe erklimmen. Wir entscheiden uns, hochzulaufen, was wirklich nicht ohne ist, selbst mit relativ guter Kondition. Die Statue an sich ist mit 40,44 m sogar zwei Meter höher als der Christus in Rio de Janeiro!


Von dem Plateau der Statue aus sieht die Stadt, die einem von dort oben quasi zu Füßen liegt, wirklich umwerfend aus. Soweit das Auge reicht - Cochabamba. Es ist schon eine riesige Stadt im Vergleich zu Sucre.
Da wir uns von der Statue aus wieder zu Fuß auf den Weg durch die Stadt machen, bleibt am Nachmittag nur noch Zeit für ein excellentes Käffchen in Simons Lieblingscafe "Vanilla", wo wir ein bisschen entspannen können. Stundenlang durch die Stadt zu laufen gefällt mir wirklich sehr gut, einfach um verschieden Ecken kennenzulernen, Umwege durch ruhigere Gassen zu gehn und einfach etwas langsamer die Stadt angucken zu können, in einem Bus oder einem Taxi geht das immer viel zu schnell.

Wir beim verdienten Päuschen nach dem Aufstieg zum Cristo de la Condordia

Blick über Cochabamba - Häuser bis zum Horizont

Ich beim Abstieg, die vielen vielen Stufen hinunter.
Es soll wohl Leute geben, die als Morgensport hier hinaufjoggen...

Die Rückfahrt von Cochabamba gestaltet sich dann weniger abenteuerlich, diesmal gibt es keine Buspanne. Im Nachhinein war die Hinfahrt wirklich eine witzige Aktion, aber so schnell muss das nicht unbedingt wieder sein.
Aber: Im Nachhinein haben wir von der Buscompany Suarez aufgrund der Panne sogar das Geld für die Hinfahrt zurückbekommen, zwar nach mehrmaligem Fragen und Erklären, aber es hat funktioniert. Vielleicht würde ich deshalb, falls es nochmal so ein günstiges Angebot gibt, diese Anbieter nochmal nehmen... Obwohl es definitv bequemere Reisemöglichkeiten gibt als die Nacht im Gepäckfach zuverbringen.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Samstagsausflug zum Icla-Canyon

Vergangenen Samstag war der 'dia internacional del turismo' (internationaler Tourismus-Tag) und deshalb wurde von einer Reiseagentur in Sucre ein Ausflug organisiert zum Icla-Tal in der Provincia Zudañez, wo die gleichamige Ortschaft Icla liegt und wo man verschiedene Aktivitäten wie Wandern, Klettern, Wildwasserrafting etc. machen kann. Wegen des „Feiertages“ des Tourismus war dieser Ausflug, bis auf das Busticket, kostenlos und deshalb haben wir sofort zugeschlagen und uns angemeldet.
Nebenbei: scheinbar werden hier in Bolivien ständig alle möglichen verschiedenen nationalen und internationalen Tage zu Ehren von allem Ehrdenklichen (vom Tag des Arztes über den Gründungstag des Departments Chuquisaca, vom Tag der offenen Museen bis zum Frauentag) wahrgenommen, was bedeutet, dass das Datum nicht einfach nur farbig im Kalender markiert ist, sondern, dass es meistens eine Aktivität oder eine Festlichkeit gibt, die mit diesem Feiertag in Zusammenhang steht. Und in den allermeisten Fällen bedeutet das auch, dass einfach überall getanzt wird oder es auf den Straßen Musik gibt, was mir sehr gefällt.
Jedenfalls an diesem internationalen Tag des Tourismus mussten wir morgens im Dunkeln um 5.30 Uhr mit Wanderschuhen, Schwimmsachen und schweren Augenlidern los, um den Bus zu bekommen, der zu einer solch unchristlich frühen Morgenstunde die Stadt verlassen würde, denn Icla liegt eine ca. dreistündige Busfahrt entfernt von Sucre. Leider gewitterte es an diesem Morgen furchtbar, inklusive monsunartiger Regengüsse, weshalb wir uns wasserdicht einpackten und frösteln zur Bushaltestelle losstiefelten, hoffend, dass der Regen aufhören würde.
Ganz gemäß der „Hora Boliviana“ (ein Ausdruck, der das etwas andere Zeitgefühl hier zum Ausdruck bringt, was bedeutet, dass eigentlich nie irgendeine Veranstaltung in unserem europäischen Pünktlichkeitsempfinden stattfindet) fuhr der Bus dann aber doch nicht so furchtbar zeitig ab, sondern alles verschob sich gut zwei Stunden nach hinten. Dafür lichtete sich aber die dicke Wolkendecke und unsere Hoffnung auf einen warmen sonnigen Tag flammte wieder auf.
Die Fahrt war ziemlich abenteuerlich, denn als wir die letzte richtige Stadt Tarabuco hinter uns gelassen hatten, führte nur noch eine anderthalb Autos breite staubige und huckelige Sandpiste in mäanderähnlichen Serpentinen mit 18 Grad Kurven an den Felshängen entlang und wir schlängelten uns eng an den Bergen scheinbar in die Wildnis hinein. Ab und zu gab es eine handvoll Häuser oder uns kam ein ebenso klappriger Minibus entgegen, wie der, in dem wir durchgeschüttelt wurden. Irgendwann am Vormittag erreichten wir dann die kleine Ortschaft Icla, die sogar einen kleinen Marktplatz und eine Markthalle hatte. Dort kletterten wir aus dem Bus und wurden von ein paar Guides empfangen, die für die Tourismusagentur des Icla-Parques arbeiten.
Normalerweise mag ich solche organisierten Touren nicht besonders, aber diese Aktion stellte sich als wirklich abenteuerlich heraus und außerdem waren wir 5 Freiwilligen aus England, Österreich und Deutschland scheinbar die einzigen „Nicht-Bolivianer“ - hauptsächlich Menschen aus dem eigenen Land wollten sich diesen Canyon in Icla anschauen.
Wir stiefelten los, raus aus dem Kreis der Häuser und mitten hinein in ein weitgehend ausgetrocknetes Flussbett. Ich dachte erst, der Guide hätte nur gescherzt, als er uns gesagt hatte, dass wir bitte alle Wertsachen im Bus lassen sollten, weil wir bis zur Brust ins Wasser müssten, aber weit gefehlt – wir kletterten durch das Flussbett und nach und nach kam mehr Wasser dazu. Wir wateten hindurch, sprangen von Stein zu Stein, doch an einigen Stellen war es schlichtweg nicht möglich trocken zu bleiben. Doch als meine Wanderschuhe und meine Shorts einmal vollkommen durchnässt waren, machte mir das Wasser auch nichts mehr aus.
Es gab kleinere und größere Stufen/Miniwasserfälle des Rio Icla, an denen wir teilweise in ein Becken mit eineinhalb Meter tiefen Wasser springen mussten, teilweise auf dem Po eine Art natürliche Wasserrutsche hinuntersausten. Teilweise war das eine ganz schöne Überwindung! Aber die Guides aus Icla griffen den Ängstlicheren immer unter die Arme und sogar ein kleines Mädchen von vielleicht 10 Jahren, das nach ihrer Mutter rief, traute sich, durch eine besonderns tiefe, kälte Stelle zu schwimmen. Wir kletterten die Felsen entlang und ich freute mich wie ein kleines Kind an Weihnachten, andere Wege über die Steine zu finden, die manchmal nur eine Armlänge breiten Steingassen entlangzukraxeln, es war wie ein riesiger Abenteuerspielplatz!

Der Canyon, den wir entlanggewandert, durchwatet und -geschwommen sind - allerdings nicht oben,
wo die wasserscheuen Menschen im Bild langlaufen, sondern ein paar Meter tiefer, unten im Wasser!
Auch die Gruppe, mit der wir unterwegs waren, hatte total Spaß und auch erwachsenen Leute ließen sich jauchzend von den Steinvorsprüngen ins Wasser platschen, wir hatten wirklich Spaß.
Leider waren meine globigen Wanderschuhe so mit Wasser vollgesogen, dass es sich anfühlte, wie mit Betonschuhen zu laufen und zu waten, aber als die Sonne sich endlich durch die vielen Wolken gekämpft hatte, war es wirklich warm und das Laufen viel gleich leichter.
Nach knapp zwei Stunden Fußmarsch und Gekletter wurde der Flusslauf hinter eine besonders engen Biegung wieder breiter und wir kletterten über trockene Felsen zurück eine Böschung hinauf, hinter der wir wieder die Ortschaft erreichten.

Nach einer ausgedehnten Mittagspause, in der wir uns noch mit Lollis und Keksen für die Rückfahrt versorgten, fuhren wir ein kleines Stückchen außerhalb von Icla zu einem anderen Fluss, der aber richtig mit Wasser gefüllt war. Dieser Fluss lag mitten in einer Ebene, die von kilometerhohen Felswänden und Berghängen umgeben war und um den Fluss herum gab es relativ viele saftig grüne Bäume und einen unglaublichen Blick auf die Natur herum im warmen Licht der Nachtmittagssonne.
Wir schleppten große schwarze aufblasbare Reifen zum Fluss (dieselben, die man von den Wasserrutschen im Hallenbad kennt) und dann konnten wir uns auf den Reifen im Fluss treiben lassen, die kleinen Ministromschnellen ließen meinen Reifen hüpfen und ich kreiselte flussabwärts mit nur begrenzter Kontrolle über die Richtung – das Ganze nennt sich Tubing. Da der Fluss aber nicht besondern aggressive und aufwühlende Stromschnelle aufwies, war das eher ein entspanntes Vor-sich-hin-treiben, wobei man die Umgebung genießen konnte.

Das bin ich, in einem Reifen auf dem Flüsschen kreiselnd


Zusammen mit Stephanie, Oscar, Bernadette, Jelena und Josh (v.l.n.r.) - unsere aktive Freiwilligengruppe durchnässt und ein bisschen bibbernd an einem Nebenfluss des Flusssystems Rio de la Plata
Als die Sonne weg war, wurde es auch schnell kalt, und dadurch, dass unsere Schuhe immer noch vor Wasser trieften, waren wir froh, als wir uns im Bus unsere (halbwegs) trockenen Wechselklamotten überziehen konnten und dann die Rückreise antraten.

Anmerkung zur Busfahrt: wenn man einen schwachen Magen hat und schon in Deutschland längere Überlandbusfahrten nur mit einer Familienpackung Reisetabletten übersteht, für den wären diese Busfahrten durchs bolivianische Land vermutlich die Hölle. Es holpert und vibriert die ganze Zeit, man wird hin- und hergeschüttelt, halb auf den Schoß seines Nebenmannes geworfen und von Dämpfung haben diese Busse auch noch nie etwas gehört. Für all die Schlaglöcher und ruckartigen Bremsungen entschädigt aber fast immer die Landschaft, durch die man fährt. Atemberaubende Gebirgszüge, oftmals senkrecht abfallende Hänge direkt neben der „Straße“, Schafherden oder wilde Kühe, die den Bus anmuhen oder quer über die Straße rennen. Nur nach den hier so verbreiteten Alpakas habe ich bis jetzt vergebens Ausschau gehalten...

Als Josh und ich abends ziemlich durchgefroren und müde zuhause ankamen, zog es uns direkt unter die heiße Dusche und danach zwängte uns unsere Gastmutter noch einen heißen Zitronentee auf, weil sie uns vor der nächsten Erkältung bewahren wollte.

Insgesamt war es leider eine ziemlich lange Busfahrt, dafür, dass wir gar nicht so viel Zeit in Icla verbracht haben, aber für diese Canyon-Schwimm-und-Kletter-Wanderung in dieser verlassenen Felslandschaft hat sich die abenteuerliche Fahrt wirklich gelohnt.

Dienstag, 20. September 2016

Projektstart, spanische Grammatikverwirrung und eine abenteuerliche Wanderung

Zwischen Spanischbüffeln und Projektkinder-Geschrei, Gastfamiliengesprächen und dem Festival Internacional de la Cultura in Sucre finde ich zurzeit kaum ein ruhiges Minütchen um einen aktuellen Lagebericht zu schreiben. Im Moment haben wir ganz schön viel um die Ohren, da der Spanischunterricht jeden Morgen nun schon in die dritte und finale Woche geht, und wir alle sechs Freiwillige in Sucre jetzt angefangen haben zu arbeiten. Für mich und Jelena bedeutet das, jeden Tag nach dem Spanischkurs direkt ins Projekt zu fahren und dort entweder bis 15 Uhr oder 17 Uhr zu bleiben.

Kurz zu unserem Projekt: wie bereits erwähnt arbeiten wir zwei Tage die Woche in einer Art KiTa, der „Villa Margerita“, mit Kindergartenkindern und drei Tage mit älteren Kindern in einer Art sozialem Zentrum, dem „Barrio Bolivia“, wo Hausaufgabenhilfe, verschieden kreative Vormittagsaktivitäten, zusätzlicher Unterricht und für alle ein warmes Mittagessen angeboten wird. Im „Barrio Bolivia“ ist es ganz traumhaft, da es ein bisschen außerhalb der Stadt ist in einem ruhigeren, ländlicheren Gebiet, wo die Luft wunderbar sauber ist, keine endlosen Autoschlangen hupen und die Aussicht auf die umliegenden Berge einfach ein Traum ist. Dort fühlen wir uns sehr willkommen, da sowohl die Kinder als auch die Frauen, die dort in der Küche arbeiten, sehr freundlich zu uns sind. Wir freuen uns sehr darauf, nach dem Spanischkurs endlich am Vormittag mit den Kindern richtig etwas machen zu können, denn im Moment helfen wir nur beim Mittagessen.
In der „Villa Margerita“ dagegen fühlen wir uns noch nicht so richtig wohl, was vor allem daran liegt, das wir irgendwie nicht besonders herzlich sondern ziemlich reserviert aufgenommen wurden. Mal sehen, wie sich die Arbeit mit den meistens sehr lauten und aufgedrehten Kleinen entwickelt, aber im Moment ist leider die Konversation mit den Kinder noch etwas schwierig, da die Kleinsten noch nicht richtig sprechen können und wir demzufolge noch weniger verstehen als wenn Erwachsenen reden. Vielleicht braucht das Ganze aber einfach noch ein bisschen Zeit, bis wir uns richtig ins Projekt eingedruselt haben...

Unter der Woche und auch am Wochenende gibt es in Sucre sehr viele Aktivitäten, wie Walley spielen (eine Art Volleyball in der Halle), Salsa tanzen, Zumba, Kino etc. und vor allem wegen des Festival Internacional de la Cultura, was noch eine ganze Woche geht, gibt es jeden Abend mehrere Angebote zu Musik, Tanz oder Theateraufführungen – das allermeiste davon kostenfrei. Diese Gelegenheiten locken uns natürlich aus dem Haus, weshalb wir meistens morgens mit sehr kleinen Augen zum Spanischkurs schleichen, aber ich finde, man sollte diese wunderbaren Kulturangebote nutzen in der Zeit des Festivals, das ist schließlich nur einmal im Jahr.
Das vorletzte Wochenende zum Beispiel war vollkommen verrückt: Von Freitag bis Sonntag feierte Sucre das Fiesta de Virgin de Guadeloupe (der Schutzherrin der Stadt), weshalb das gesamte Wochenende lang in der Stadt der Teufel los war. Es gab von Samstagmorgen um 8 bis Sonntagnacht um 2 oder 3 eine riesige, schier endlose Parade an Tanzgruppen und Blaskapellen im Wechsel, die in verschiedensten Kleidern vor Motivation und Freude am Tanzen beinahe übersprudelten. Von traditionellen Cholita-Röcken über Bergarbeiterkleidung mit Lampe und Juterucksack bis hin zu ausgefallen maskierten Dämonen und neonfarbenen, gefiederten Karnevalsoutfits war alles vertreten, und selbst die Männer, die in den Kapelle die große Pauke spielten, haben mitgetanzt. Sehr mitreißend und wahnsinnig beeindruckend, wie die insgesamt ca. 1000 Tänzer mit ohrenbetäubender Musik und Geschrei durch die Stadt zogen.


Um mal einen Eindruck der Vielfalt an Tanzgruppen und Brassbands zu bekommen


Auch die Kleinsten waren schon eifrig beim Tanzen dabei 
Durch dieses Fiesta war die Stadt leider vollkommen überfüllt mir Menschen, sodass man kaum von einer Straßenseite zur nächsten kam. Nichtsdestotrotz konnte ich dieses riesige Spektakel genießen.


Letzte Woche ist wieder etwas Ruhe eingekehrt und die Innenstadt ist zum Glück nicht mehr so vollgestopft mit Menschen.
Wir waren zusammen mit Oscar, den anderen Voluntarios und einigen neuen Bekanntschaften im Theater, bei einem Jazzkonzert und im Kino, weshalb die Woche besonders schnell verflogen ist.
Am vergangenen Wochenende haben wir am Samstag eine Wandertour unternommen in die naheliegenden Berge, die archäologischen Parks 'Inka Machay' und 'Puma Machay'. Dafür haben wir uns ziemlich früh am Morgen getroffen, um den einzigen Bus zu bekommen, der uns eine knappe Stunde außerhalb von Sucre aufs Land gefahren hat und uns dann buchstäblich im Nirgendwo zwischen den Bergen auf einem staubigen felsigen Sandweg ausgesetzt hat. Unter der gleißenden Sonne sind wir losgekraxelt, die gerölligen Hänge hinauf, offenbar einem „Wanderweg“ folgend, den zum Glück Oscar zu kennen schien.
Die Umgebung, die Berge, die verdorrten knorrigen Sträucher, der rote Staub unter unseren Füße, alles war so trocken, dass man allein durch Ein- und Ausatmen ständig durstig war. Da hier auf der Südhalbkugel ja gerade der Winter zuende geht und diese Jahreszeit in Bolivien sehr trocken ist, fehlt im Moment einfach der Regen, um die Natur zu beleben und deshalb sind die Berge und das komplette Umland einfach sehr ausgedörrt. An einer Stelle war sogar großflächig die Erde und die wenigen trockenen Pflanzen ganz schwarz versengt, offenbar hatte dort ein hitziges Trockenheitsfeuer gewütet. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hat die Landschaft dort eine karge, spröde Schönheit an sich und der Blick über die sich bis hinter den Horizont erstreckenden Berge war atemberaubend. Atemberaubend im wahrsten Sinne des Wortes, da wir am höchsten Punkt der Wanderung auf 3500 Metern über dem Meeresspiegel ganz schön ins Schnaufen gekommen waren. Der wenige Sauerstoff hier oben macht sich doch noch manchmal bemerkbar.

Am 'Ziel' der Route konnten wir in eine Art feuchte, kühle Höhle klettern, in welcher wir die piktogrammartigen Felsmalereien Inka Machay und Puma Machay bewunderten. Spektakulärer als diese schon viele Jahre alten Zeichnung aus Pflanzen- und Erdfarben war aber die eigentlich Wandertour, die gerade zum Ende hin ziemlich beschwerlich wurde, aber abenteuerliche Wege mit Steinstufen und bröckligem Geröll sowie wunderschönen Blicken über die Bergketten entschädigten für allen Schweiß und die brennende Sonne.
Als wir wieder an der Straße angekommen waren, gab es aber leider keinen Bus mehr zurück in die Stadt, da wir ein wenig zu spät zurückgekommen waren. Oscar aber meinte nur ganz trocken: „I am pretty sure, we will find another kind of transport.“ Leicht hysterisches Gelächter unsererseits, denn wir waren alle ziemlich kaputt und wollten gern vor Einbruch der Nacht zurück in Sucre sein möglichst nicht zu Fuß.



Tatsächlich kam aber nach ein paar Minuten ein Auto in unsere Richtung und der Fahrer nahm uns sieben Leute mit – die Jungs mussten sich zu dritt in den Kofferraum zwängen – und los gings. Kein Vergnügen, mit einer Horde verschwitzter, mümpfelnder Leute eingequetscht in einem ziemlich klapprigen, langsamen, wenig vertrauenserweckenden Auto zusammengefalten zu hocken, vor allem, wenn einer der Jungs auch noch auf die grandiose Idee kommt, seine duftenden Wanderschuhe auszuziehen.... Trotzdem hatten wir viel Saß auf der Rückfahrt und kamen ziemlich erledigt aber guter Laune und mit atemberaubenden Bergbildern im Kopf und auf der Kamera zurück in der Stadt an, vor Einbruch der Dunkelheit!

 Am Sonntag war ein großes gemeinsames Mittagessenkochen bei unserer Gastfamilie angesagt. Unsere Gastmutter hatte alle Freiwilligen eingeladen sowie Oskar und zusätzlich kamen an dem Sonntag noch zwei Mädels, Aline und Caroline aus der Schweiz an, die ein paar Monate in Sucre Spanisch lernen und danach reisen wollten. Demzufolge waren wir 14 Leute und die kleine Küche rappelvoll mit in verschiedenen Sprachen plappernden Leuten, die fleißig Kartoffeln schälten, Gemüse schnippelten und neunmalkluge Kochratschläge gaben. Ich hatte ein Rezept für Kartoffelgratin herausgesucht mit Tomaten, Zucchini, Käse und Eiern; Gastmama Vicenta bereitete eine Sopa de Mani (Erdnusssuppe) vor und als Postre (Nachtisch) gab es Obstsalat mit Joghurt. Leider haben wir uns auf dem Markt in einer Minute der Unachtsamkeit Gurken anstelle von Zucchini aufschwatzen lassen, aber im Auflauf ist das zum Glück kaum aufgefallen und alle hatten viel Spaß beim Zubereiten und Verspeisen.
Im Anschluss an das Mittagessen haben wir noch Karten gespielt und mein Gastbruder Josh hat versucht, uns einen Kartentrick beizubringen. Ganz konnten wir dann aber den Monsterabwasch doch nicht hinausschieben, aber getreu dem Motto „Viele Hände – schnelles Ende“ war auch das bald geschafft.
Alles in allem ein sehr trubeliger, aber schöner Sonntag, den wir dann in einer kleineren Gruppe zusammen mit meinen Gastbrüdern und zwei anderen Freiwilligen im Theater haben ausklingen lassen, wo sie einen Film gezeigt haben, dessen Titel wir leider etwas falsch interpretiert hatten und dementsprechend kaum etwas verstanden haben. Ein kleiner Trost war, dass selbst die beiden Spanisch-Muttersprachler unter uns der Handlung nicht wirklich folgen konnten.

Nach diesem ereignisreichen und aktiven Wochenende startet jetzt also eine neue Woche, die letzte des Festivals Internacional de la Cultura, weshalb wir wahrscheinlich noch versuchen, soviele Kulturveranstaltungen wie möglich mitzunehmen.
Heute, am Dienstag dem 20. September, gibt es ein großes Fiesta unter freiem Himmel mit traditioneller Musik, indigenen Tänzen und Ritualen anlässlich des morgigen Frühlingsanfanges (in Deutschland ist es natürlich der Herbstanfang). Deshalb wird morgen wahrscheinlich die ganze Stadt und die Menschen (bildlich gesprochen) „aufblühen“, denn uns wurde erzählt, dass sich die Paare und Familien morgen am ersten Frühlingstag und dem Tag der Liebe viele Blumen und kleine Geschenke geben und ab morgen die Tage wärmer und ein bisschen länger werden.
Leider wird es ab jetzt auch regnerischer, denn der Sommer hier in Bolivien bringt ziemlich viel Regen mit sich. Ich freue mich aber sehr auf diese Zeit, denn von jetzt an wird sich die Natur mit dem Regen erholen und endlich werden die sehr staubigen, ausgedörrten Hänge ringsherum und die sonnenverbrannten, felsigen Berge ein bisschen grüner.


Ich bin gespannt, ob laut bolivianischer Wetterlogik schon morgen der große Wolkenbruch kommt, oder ob der Regen noch etwas auf sich warten lässt. Die wasserdichte Jacke ist jedenfalls von nun am immer im Gepäck.

Mittwoch, 7. September 2016

Nach einer Woche in Sucre - So langsam lerne ich, anzukommen.

Gerade mal eine reichliche Woche sind wir jetzt schon in Sucre und dabei fühlt es sich an, als wären wir schon eine halbe Ewigkeit in der kleinen Stadt.
Die gesamte letzte Woche haben wir damit verbracht, jeden Tag durch die Straßen zu laufen, von der Bank zum Copyshop, zu Interpol, zum Fotographen, wieder zum Copyshop, zur Polizei, nochmal zu Interpol..... Noch dazu kommt, dass oftmals ein Büro einfach einen Tag Bearbeitungszeit brauchte. Auch, dass wir entweder ein Stündchen warten mussten, bis jemand Zeit hatte, unsere Fingerabdrücke zu nehmen, oder, dass schlicht eine Behörde nur vormittags arbeitet und wir deshalb auf den morgigen Tag vertröstet werden - 'Bolivian Time': an dieses etwas andere Zeitverständnis müssen wir, für unserer minutengenaue Pünktlichkeit bekannten Mitteleuropäer, erstmal gewöhnen.
Es war ein nervenaufreibender Beantragungsprozess, aber das tagelange Pendeln zwischen den Behörden hatte einen Vorteil: wir haben gefühlt die komplette Innenstadt inklusive der beiden großen Mercados zu Fuß abgegrast, haben von Oscar viele Insidertipps zu schönen Orten und Restaurants bekommen (quasi eine Stadtführung 'Intensiv-Extrem') und können uns im Centrum schon halbwegs orientieren. Zum Glück sind jetzt endlich die wichtigsten Unterlagen für das bolivianische Jahresvisum abgegeben und jetzt heißt es 'Warten'.


Ein Monster-Palmenblatt, komplett verholzt, 
ein wahrer Totschläger...

Wenn wir am Abend nicht mehr fürs Visum unterwegs waren, dann gab es und gibt es immer noch mehr als genug Möglichkeiten, den Tag sinnvoll zu nutzen, denn zufälligerweise findet gerade wenn wir in Bolivien ankommen das Internationale Festival der Kulturen in Sucre statt. Dieses Festival dauert den gesamten September und jeden Tag gibt es verschiedene Konzerte, Theaterstücke, Filmvorführungen, Straßenkunst, Tänze, Workshops, Ausstellungen und Street-Art zu sehen, verschiedenste kulturelle Angebote gibt es über den ganzen Tag und den Abend verteilt und außerdem ist quasi jede Nacht eine scheinbar endlos lange Parade von abwechselnd Tanzgruppe und Brassbands auf den Straßen unterwegs, die dermaßen ohrenbetäubend laute Musik machen und trillerpfeifend und schreiend herumspringen, dass es die Leute (und natürlich auch uns) zum Zuschauen heranzieht wie ein loderndes Feuer die Mücken heranlockt. Diese wahnsinnig energetischen Choreographien sind wirklich super-mitreißend und extrem beeindruckend anzusehen, und die meisten Tanzgruppen haben bunte Kostüme an oder farbenfrohe Bänder um die Hüften gebunden.
Da die allermeisten Kulturvorstellungen während des Festivals kostenfrei sind, gibt es vor allem bei beliebten Vorführungen natürlich großen Andrang, doch wir haben es bis jetzt schon zweimal geschafft, ins Theater zu gehen, was sich wirklich gelohnt hat! 'Hamlet de los Andes' war eine Art lateinamerikanischer Adaption des Shakespear'schem Hamlet, aber da ich sowieso ziemlich verliebt in dieses Theaterstück bin, konnte ich den anderen Freiwilligen vorher ganz kurz die Handlung erklären, weshalb wir trotz des Shakespeare-Spanisch wenigsten ein bisschen des Stückes verstanden haben. Ich fand es großartig, gleich am Anfang in Bolivien ins Theater gehen zu dürfen, und dann auch noch zu einem Stück wie 'Hamlet'! Sehr skuril gemacht, moderner als erwartet und mit einem gewissen "traditionellen" Touch, da in einer Szene plötzlich zwei Männer in weiten, bunten Cholita-Kleidern eine Art abstraktes Ballett tanzten... Allein das war schon das lange Anstehen in der Schlange wert.
Zum zweiten Mal im Theater waren wir vorgestern, im Theatro 3 de Febrero, zu einem unglaublich beeinruckenden Flamengo-Tanztheater 'Bernarda Albas Haus'. Glücklicherweise kannte ich auch dieses Theaterstück von zuhause, aber auch ohne den Plot vorher zu kennen, konnte man total gut folgen, da der größte Teil der Zeit mit superausdruckstarkem Flamengo gefüllt war und der Tanz auch ohne (spanische) Worte das meiste der Handlung verdeutlichte.

Plakate für das Sucre Festival International de Cultura



Unsere Volunteer-Gruppe aus Sucre zusammen mit einem tanzenden "Dämon" 
einer Quechua-Tanzgruppe


Am liebsten würde ich den kompletten Tag und den Abend nur in der Stadt verbringen und die verschiedenen Kulturbeiträge besuchen, aber seit gestern haben wir (zum Glück endlich) jeden morgen zwei Stunden Spanisch Unterricht und ein bisschen Zeit mit unserer Gastfamilie sollten wir ja auch verbringen. Trotzdem waren wir heute nach dem Spanisch bei einem Workshop zu karibischen Rhythmen, wo uns ein Mann mit einem unglaublichen Hüftschwung ein paar Schritte von Samba und einigen anderen karibischen Tänzen beigebracht hat (oder es zumindest versucht hat).

In der Gastfamilie Mendieta fühle ich mich immer wohler und ich glaube, langsam kommen wir richtig an und fangen an, uns nach und nach ein bisschen wie zuhause zu fühlen. Ich habe jetzt eine geräumige, etwas staubige Holzkommode bekommen, habe die wenigen Möbelstücke im Zimmer ein bisschen umgeräumt, Fotos an die Wand gepinnt, meinem Kram überall verteilt und langsam richte ich mich ein, langsam fühlt es sich in dem kleinen Raum etwas heimeliger an.
Trotzdem sind wir ja quasi gerade frisch angekommen und noch ist alles ganz neu und jeder Tag bringt viele neue Dinge mit sich, sodass wir eigentlich nicht erwarten können, dass die alles von Anfang an so läuft wie wir es uns wünschen.

Morgen werde ich gemeinsam mit Jelena direkt nach dem Spanischkurs zum ersten Mal in unser Projekt gehen und endlich mit der Arbeit beginnen. Schon heute haben wir dem Projekt "Sayari Warmi - Levantate Mujer" einen Besuch abgestattet und durften mit den beiden leitenden Frauen der Organisation die verschiedenen Häuser des Sayari Warmi anschauen. Vor allem in dem Children Centre, das etwas außerhalb der Stadt in einem Randbezirk und damit etwas ländlicher liegt, fühle ich mich extrem wohl, da wir von dort aus einen atemberaubenden Blick auf die umliegenden Berge haben und die Luft im Gegensatz zur Innenstadt wunderbar sauber und auspuffgasfrei ist. Außerdem laufen ein paar kleine Schweine und einige Hühner auf der Straße herum und es gibt genügend Platz draußen um mit den Kindern morgens an die frische Luft und sogar in ein angrenzendes Wäldchen zu gehen.
Wir sind schon gespannt wie Flitzebögen, wie uns die Kinder (in einem Areal des Projektes von 2 bis 6 Jahre alt, in den anderen Teil von 7 bis ca. 13 Jahre alt) empfangen werden, wie wir uns verständigen können und wie wir uns am besten einbringen können. Offenbar gibt es eine Art festen Tagesablauf, aber vor allem am Nachmittag ist Zeit für kreative Aktivitäten, wo wir uns später gern auch mit eigenen Ideen einbringen dürfen.

Zum Abschluss noch kurz etwas zu meinem ersten Sonntagabend in Sucre - ohne Tatortgucken auf dem Sofa: Josh und ich haben es endlich geschafft und unsere Familienfotos von zuhause gezeigt, was unsere Gasteltern und unseren Gastgeschwistern sehr gefallen hat. Dann konnten wir (ganz stolz) unsere Gastgeschenke übergeben: englische Schokolade, ein selbstgeschriebener Brief von Joshs Mutter auf Spanisch, ein original Dresdner Christstollen und ein kleines erzgebirg'sches Holzteelicht für die Weihnachtszeit. Unsere Gastfamilie hat sich sehr sehr darüber gefreut und wir mussten versprechen, unseren Eltern ein ganz dickes Dankeschön zu sagen und sie unbedingt zu den Mendietas einzuladen.
Abgerundet haben wir den Abend dann noch mit einem gemeinsamen Brettspiel, was sich irgendwie total heimelig angefühlt hat, da wir zum ersten Mal so richtig entspannt Zeit mit unseren Gastschwestern Evangelina und Angela sowie mit Gastpapa Oswaldo verbringen konnten.

Jetzt muss ich noch ein paar unregelmäßige spanische Verben für den Sprachkurs wiederholen, damit die Spanischstunden sobald wie möglich Früchte tragen und unser Gestammel ein wenig flüssiger wird. :)