Samstag, 18. Februar 2017

Chuchini - Ein wildes Naturparadies im Amazonas

Wir fahren in den Regenwald! Relativ spontan, da der Geburtstag einer Freundin bevorstand, haben wir beschlossen, für ein paar Tage in das kleine Naturschutzreservat Chuchini nördlich von Trinidad zu fahren, um jetzt in der Regenzeit durch den Dschungel zu stapfen, Boot zu fahren und hoffentlich ganz viele Vögel, Alligatoren, Capybara und andere interessante Tiere zu sehen.
Nach einer abenteuerlich-rasanten Busfahrt bei Gewitter auf der wohl schlechtesten Straße Boliviens kommen wir morgens in Santa Cruz an – schwüle Hitze und Mosquitos bilden das Empfangskomitee. Wir laufen ein bisschen herum, Santa Cruz als Stadt ist touristisch gesehen wenig spektakulär, weshalb wir uns (zu siebt plus Fahrer) in ein Taxi quetschen und zum botanischen Garten fahren, der wunderschön und teilweise sogar waldähnlich angelegt ist mit Holzbohlenweg oder überflutetem Trampelpfad. Mir gefällt es total gut, es gibt riesige Gummibäume, verholzte Lianen und frei herumkrabbelnde Schildkröten. Ein kleiner Vorgeschmack auf den richtigen Regenwald.


Auf einem Ausguck mit Wendeltreppe hoch über den Bäumen
Bauchig-geformte Bäume im Botanischen Garten Santa Cruz
Abends geht es mit einem weiteren Nachtbus nach Trinidad, wo uns morgens früh ein Pickup-Geländewagen mit zwei Drahtstühlen auf der Ladefläche und einer Staude Kochbananen auf dem Dach abholt. Efrem, einer unglaublich lieber Mann, ist unser Guide, Tierarzt und betreibt mit seiner Frau Miriam Chuchini, ein kleines Reservat mit Bootsanleger an einer ruhigen Lagune, mit Gästezimmern, vielen Hängematten, einer Hand voll Kühen und Pferden und verschiedenen Vögeln und Affen, die nach schädigender Haustierhaltung von Efrem und Miriam wieder in ihren natürlichen Lebensraum ausgewildert werden. Ihnen gehört außerdem ein Stück Regenwald, wohinein sie geführte mehrtägige Touren mit Vollverpflegung und Übernachtung anbieten.
Die beiden sind überhaupt nicht wie Touristenguides, sondern sie leben dort mit ihren beiden Kindern und einer Mitarbeiterin mit ihrer Tochter, managen, kochen, bewirtschaften alles selbst und sind von Anfang an wie gute Freunde von uns.
Aus dem Dschungel dringt Vögelgezwitscher, Grillengezirp und Affengebrüll (das sich eher ein bisschen anhört wie an- und abschwellendes Hirschröhren), womit sich die Affen in der Gruppe verständigen, wenn sie sich weiterbewegen.
Wir genießen ein excellentes Frühstück mit Cafe, frischem Maracuya-Saft und einem Masaco de Platano, einer traditionellen Speise aus krümelig-gebratenen Kochbananen und Käse, ein bisschen wie Rührei, nur eben aus den festen, aromatischen, kaum süßlichen Bananen (auf Spanisch 'Platano para freir' als 'Bananen zum Frittieren). Danach ein Spaziergang durch den Wald und das Gelände, ich löchere den Efrem mit ganz vielen Fragen über die Pflanzen, die uns umgeben, er weiß unglaublich viel über die Flora und Fauna hier. Mandarinen-, Zitronen- und Pomelobäume, Maracuya, Chirimoya, Guyaba, Sedrillo, Tamarinde, Eukalyptus, Kakaobäume und viele viele andere exotische Pflanzen. Natürlich werden die Pflanzen hier auch zu unserer Verpflegung genutzt, wir finden schon eine reife Chirimoya, probieren das weiße Fleisch einer Kakaobohne und die Blätter der Zitronen-Mandarinen-Pflanze werden nachher für den Tee verwendet. Hinterher sind unsere langen luftigen Klamotten (unverzichtbarer Mückenschutz, sonst wird man innerhalb von Sekunden von tausenden der stechfreudigen Biester befallen) bedeckt mit kleinen klebrigen Kletten – ganz kreativ „Pega pega“ genannt, denn 'pegar' bedeutet auf Spanisch 'kleben'.

Nicht über alle Pflanzen weiß ich Details zu erklären,
aber diese kleine supersaure Frucht hat gut geschmeckt.




Eine Kakaobohne - die Butter schmeckt seltsam frisch, süßlich und ein wenig glibberig zugleich
Wir schauen uns auch einige alte Tongegenstände und Figuren an – ausgegrabene Überbleibsel einer asiatischen Kultur, die hier in Chuchini vor ca. 5000 Jahren gelebt hat und die künstliche Lagune hier anlegte, die mit dem Fluss Ibare verbunden ist, der irgendwann in Brasilien schließlich in den Amazonas mündet.
Am Nachmittag baden wir in der Lagune, vertreiben die Mosquitos mit Wasserspritzen und schwingen uns wie kleine Affen an einem Seil, das an einem Baum festgebunden ist, über den Steg und springend platschend ins warme Nass. Von der anderen Seite der Lagune (sie sieht aus, wie ein kleiner schmaler Fluss) hören wir die Affen und Vögel schreien, es ist ein wunderschöner Ort.


Ein wunderschöner Spiegeleffekt bei Dämmerung,
der die wilden Uferpflanzen doppelt so eindrucksvoll erscheinen lässt.


Siesta in der Hängematte
Dann fahren wir mit dem Ruderboot (zu acht hineingequetscht) in beide Richtungen die Lagune entlang, hinein ins versumpfte, schlingpflanzenbewachsene Dickicht am anderen Ufer, schlängeln uns zwischen den fingerartigen Wasserwurzeln der dichten Bäume hindurch. Efrem erklärt ganz viele verschiedene Pflanzen und wir halten ein bisschen nach Alligatoren Ausschau, aber jetzt über den Tag halten sie sich noch versteckt.

















Später am Abend als es dunkel ist und der Halbmond hochsteht fahren wir, begleitet von ohrenbetäubendem Froschgequake und Grillenzirp-Vogelschreikonzert mit dem größeren Motorboot hinaus auf die Lagune, Mission: Alligatoren finden. Mit einer superstarken Taschenlampe leuchtet Efrem die Ufer und die Wasseroberfläche ab, wann immer im Lichtstrahl zwei hell strahlende Lichtpünktchen auftauchen, wissen wir: dort versteckt sich ein Alligator, denn die Augen reflektieren das Licht extrem. Wir steuern direkt auf diese Lichtpunkte zu und nach einigen missglückten Versuchen gelingt es Efrem, einen Babyalligator rauszufischen. Wir dürfen ihn halten, ganz fest mit den Fingern um den Hals, damit er sich tot stellt, denn auch schon die kleinen 5-6 Monate alten Tiere haben eine ganz schöne Zappelkraft. Im Taschenlampenlicht betrachte ich die beeindruckenden kleinen Zähne, wir streichen über die bereits überraschend harten Schuppen, gucken uns die angewachsene Zunge an. Diese Alligatoren können bis zu 35 Jahre alt und 4,5 – 5 m groß werden, hoffentlich holen wir uns nicht so einen zum Streicheln ins Boot.... So bei Nacht über die stille Lagune zu gleiten, im Mondschein, spätestens jetzt habe ich mich vollkommen in diesen wunderschön idyllischen Ort verliebt.

Efrem mit dem kleinsten der Alligatorenbaby


...später haben wir auch größere Krokos herausgefischt.

Die Augen leuchten wie kleine Reflektoren am Ufer und der
gezackte Schwanz erinnert an einen kleine Dinosaurier.

Aufgeweckt werden wir von der Dschungelgeräuschkulisse und dem Wind in den hohen Bäumen, nur den Jaguar haben wir nachts irgendwie überhört. Es gibt ein Geburtstagsfrühstück für Marie mit frischem eisigen Orangensaft, selbstgemachter heißer Schokolade aus den Kakaobohnen von hier, zwei brennenden Kerzen in einem kleinen Brötchen und Paiuje, ein weiteres traditionelles Gericht aus dem Department Beni, bestehend aus Kochbananen, diesmal nicht herzhaft frittiert sondern süßlich mit Zimt zu einem weichen Brei gekocht mit Milchcreme oben drauf.
Hausäffchen Martina will schon unseren Proviantkorb vom Boot stibitzen, doch wir können sie rechtzeitig zurückhalten. Mit einer Art Kahn mit mehreren Sitzbänken, Benzinmotor und Dach mit Leiter zum Hinaufklettern geht es los auf eine Tagestour zum Fluss Ibaré, der in den größeren Mamore mündet (welcher nach vielen vielen Kilometern mehr Brasilien erreicht und schließlich in den Amazonas fließt). Es geht raus aus der Lagune bei Chuchini, durch viel Entengrütze und Lianen bis zum schmalen ruhigen Ibaré, wo wir auf beiden Uferseite viele verschiedene Wasservögel beobachten können, sich sonnende Wasserschildkröten und sogar herumturnende schwarzweiße Äffchen in einem hohen Baum. Efrem erklärt wieder ganz viele verschiedene Pflanzen und Tiere; zum Beispiel den Mapajo, einen 350 Jahre riesigen alten Baum, oder die großen haarigen Capybara (Wasserschweine), die wirklich aussehen wie übergroße Wassermeerschweinchen und am Ufer herumschnüffeln. Es ist ein richtiges Paradies hier, ich liebe die Ruhe und die wilde Natur um uns herum. Nur zwei-/dreimal begegnet uns ein schmales Holzboot aus einem halben Baumstamm, in dem zwei oder drei Männer zu ihrem Arbeitsplatz fahren, kleine Gärten oder Miniplantagen neben dem Fluss, wo sie entweder Holz schlagen oder verschiedene Früchte und Gemüse anbauen. Und wo auch kleine, palmwedelgedeckte Hütten stehen.
Den Rio Mamoré kann man schon von Weitem sehen, da der breite Fluss ganz braun-schlammig aussieht von aufgewirbeltem Sand und sich die verschiedenen Wasser auch nicht gleich mischen. 



Treppe zum kleinen schwimmenden Bootssteg von Chuchini





Links das ruhigere klare Wasser de Ibaré , rechts der breite schlammige Mamoré 
Genau hier, wo sich die Wasser treffen, fischten lustvoll die Delphine im Wasser
(leider meist zu schnell wieder abgetaucht, um sie mit der Camera festzuhalten)

Dort am Zusammenfluss schwimmen relativ viele Fische relativ weit oben, weshalb an dieser Stelle besonders viele der Amazonas-Süßwasserdelfine kommen, Bufeos genannt. Abhängig nach Alter variiert ihre Hautfarbe: als Jungtiere sind sie grau-blau gefärbt, doch wenn sie ausgewachsen sind färben sie sich blassrosa – Efrem erklärt, sie wechseln die Farbe zu rosa wenn sie sich paaren wollen, was eine ziemlich süße Idee ist.
Alle paar Sekunden tauchen mehrere der Delfine auf zum Luftholen, man sieht ihre knochigen Rücken und die spitzen Schnauzen sehr gut, sie prusten sogar richtig in die Luft.
Dann kreuzen wir über den Mamoré und legen an dem letzten Stückchen Sandstrand an, das es trotz Regenzeit noch gibt, ganz mit Schilf und Flussbambusgras bewachsen. Dort werfen wir uns in den Schlamm, wie die kleine Kinder machen wir eine Schlammschlacht und schliddern auf dem Bauch ins Wasser. Der eigentliche Zweck (bis auf wahnsinnig viel Spaß beim Herummatschen): der Schlamm hat viele verschiedene Mineralien und ist sehr gut für die Haut, weshalb wir uns am Ende alle gegenseitig einrubbeln und uns zum Trocknen in die Sonne legen.



Nach einem ausgiebigen halbwegs säubernden Bad im Fluss gibt es ein leckeres Picknick auf dem Boot mit Bananenchips, frischen Tomaten gekochten Möhren, Eiern und Kartoffel, frittierten Auberginen, Käsewürfeln und sogar einem kühlen Bierchen zum Anstoßen auf Maries Geburtstag. Dann hängen wir zwei Hängematten ins Boot – eine der coolsten Konstruktionen die ich je gesehen habe – Siesta auf dem Fluss. Auf der Rückfahrt sehen wir wieder viele viele Vögel, Schildkröten, Capybara usw.
Zurück in Chuchini schwimme ich noch ein bisschen in der Lagune herum, bevor wir ein leckeres Abendessen verspeise – es gibt Empanadas, das sind gefüllte, frittierte Teigtaschen gefüllt mit Tomaten, Käse , Zwiebeln und scharfer Soße.
Noch bis in die Nacht spielen wir Blackstories, wo die Leute aus Deutschland und Österreich die Karten auf Englisch und auf Spanisch übersetzen müssen und wir wild in drei Sprachen durcheinanderraten. Dann zeigt uns Efrem noch ein bolivianisches Militärwürfelspiel, bei dem wir aber alle irgendwann fast einschlafen und uns schließlich durch die Mosquitoschwärme zurück zu unseren Betten kämpfen.


Leider wurde unser wunderbarer Besuch in Chuchini aufgrund eines Unfalls unterbrochen und wir konnten nicht mehr Zeit als diese zwei Tage im Dschungel verbringen. Trotzdem habe ich unsere Zeit dort sehr genossen und mich sehr wohl gefühlt inmitten dieses tropischen Waldes, es war einfach traumhaft. Trotzdem muss leider dieser Blog für die nächsten Wochen ruhen, ich melde mich natürlich wieder, sobald es etwas Neues gibt. Bis bald!

Mittwoch, 18. Januar 2017

Chile – Vom Wellenreiten ins Neue Jahr, meinen ersten Geysiren und vom Mountainbiken in der Atacamawüste

Gleich nach Weihnachten sind wir aufgebrochen zur bisher längsten Reise, die wir hier gemeinsam gemacht haben – über Neujahr ging es für 10 Tage nach Chile! Wir waren alle superaufgeregt und voller Vorfreude, vor allem, weil es zum ersten Mal zum Pazifik ging. Über Oruro sind wir nach Iquique gefahren, einmal hindurch durch die Anden und dann bis zum großen Wasser (das Einzige, was man landschaftlich in Bolivien vermissen kann – Meer). Bis zur chilenischen Grenze ging es durch weite und recht karge Steppenlandschaften mit grasen Lamas, in der Ferne eingekesselt von riesigen Gebirgsketten mit Schnee auf den Kuppen – der Hinweis, dass wir ganz schön weit oben im Gebirge sind. In der Grenzstation Colchane auf 3800 Metern ü.d.M. hieß es eineinhalb Stunden an der Pass- & Zollkontrolle anstehen und es gab einen schicken Chile-Stempel im Reisepass. Nur, warum ich mein Stückchen Gurke und den Apfel weder mitnehmen, noch direkt vor den Augen der Zollbeamten aufessen durfte, blieb mir schleierhaft. (Vor allem, da es bei der Rückkehr nach Bolivien niemanden interessierte, was in unseren Rucksäcken war und Quinoa und Erdnüsse scheinbar kein Problem darstellten)
Nach der Grenzüberquerung ging es weiter auf der Ruta del Desierto („Wüstenstrecke“) und genau so sah es auch aus: Sand- und graue Steinwüste, ein bisschen wie im Tagebaugebiet. In weniger als drei Stunden fuhren wir also von 3800 m über Null auf Meeresspiegelhöhe hinunter. Als wir in der Abendsonne hinter einem der letzten sandigen Berge hervorbogen, sind alle von unserer Gruppe nur voller Aufregung und lautstark aufgesprungen, um besser sehen zu können, worauf wir alle gewartet hatten: den Pazifik.

Der abendliche Ausblick von der Hostelterrasse

Wir kommen abends im Hostel an, eine sehr hübsche Backpackerunterkunft, modern mit funktionierendem Wifi, das Personal hat super Englisch gesprochen (was für uns echt ungewohnt war, da in Bolivien so gut wie niemand Englisch spricht). Zum ersten Mal, seit ich in Südamerika bin, habe ich mich wie ein richtiger Backpackertourist gefühlt...
Iquique ist eine typische Touristenstadt am Meer, Hochhäuserbauten und Hotelblocks nah am Strand, vielen teuren Restaurants, einer Promenade, Strandschirmverleihen, aber mit sehr gepflegten Straßen und so gut wie gar keinen streunenden Hunden. Insgesamt fühlt sich Iquique superwestlich an, natürlich sind wir aus Sucre einfach keine breiten Avenues oder riesige Hochhäuser gewohnt, aber dieser riesige Supermarkt in doppelter Kauflandgröße, das megagroße Shoppingcenter und die Tatsache, dass man Obst und Gemüse exorbitant teuer im Supermarkt kauft und nicht auf einem großen, unübersichtlichen Mercado bei seiner Stammverkäuferin den Preis herunterhandelt, und, dass scheinbar alles zu Nestle gehört, das war schon ein kleiner Schock. Selbst an einem kleinen Laden an der Straßenecke gibt es ernsthaft für jedes Produkt Preisschilder - Ich hatte total vergessen, wie große Städte funktionieren.
Leider waren auch die lästigen Pfiffe und „Gringita-Sprüche“ auf der Straße viel schlimmer als in Sucre, aber dafür gab es richtigen geregelten Straßenverkehr und allen Ernstes funktionierende Zebrastreifen! Jedes Mal, wenn ein Auto angehalten hat, um mich über die Straße gehen zu lassen, habe ich mich wie ein kleiner VIP gefühlt (in Sucre wird man jeden Tag mehrmal beinahe über den Haufen gefahren und muss sich schnell auf einen Fußweg retten, da würde niemand auch nur daran denken, anzuhalten).

Überall Warnschilder und ein zehnschrittiger
Notfallverhaltensplan im Hostel - doch von den Tsunamis sind wir zum Glück verschont geblieben
Den ersten Morgen am Meer nutze ich für ein kleines Läufchen am Strand, als die Sonne noch nicht so knallt. Den Vormittag liegen wir am Strand herum (keine gute Idee, denn selbst mit einem halben Kilo Sonnencreme verbrutzelt dich die Sonne komplett...) Nachmittags machen wir spontan einen Surfkurs kurzes Jogging & WarmUp am Strand, in den Neoprenanzügen sehen wir aus wie Außerirdische. Die Trockenübungen mit dem Surfbrett an Land machen mich vermeidlich Glauben, dass Surfen doch ganz einfach wäre – falsch gedacht. Im Wasser ist es etwas frustrierend, wir können alle kaum auf dem Brett aufstehen, nur ab und zu klappt es mal für ein paar Sekunden. Trotzdem macht es superviel Spaß, auch wenn mich jedes Mal, wenn ich ins Wasser klatsche, die Wellen vollkommen mitreißen, diese Strömung ist der Wahnsinn.

Noch frisch und munter vor dem Surfen


An diesem etwas weiter entfernten Strand waren deutlich weniger Leute - genug Platz
für einen schönen langen Strandspaziergang

Die folgenden Nacht wird eine Qual: abends merke ich einen dermaßen krassen Sonnenbrand, quasi überall auf meinem Körper (außer im Gesicht, zur Abwechslung mal), wie ein leuchtend roter Hummer, den man in kochendes Wasser geworfen hat. Am schlimmsten sind Beine und Kniekehlen, da sowohl laufen als auch sitzen höllisch weh tut und es eigentlich keine Seite gibt, auf der ich liegen kann...
Morgens ist es fast noch schlimmer, ich muss ganz schön die Zähne zusammenbeißen beim in der Stadt herumschlendern und für Sylvester einkaufen. Wir kochen gemeinsam in der Hostelküche und setzen uns nach dem Abendessen auf die Dachterrasse, eine Art Hochsitz, wo vom höchsten Stockwerk nur eine schmale Holzstiege hinaufführt. Dort oben gucken wir (mit Blick auf den Pazifik) mit dem Tablet von Josh „Dinner for One“, was überraschenderweise die drei Freiwilligen aus der UK nicht kennen. Danach schnappen wir uns den Anstoßsekt für Mitternacht und laufen zur Promenade, wo schon unglaublich viele Menschen warten. Es gibt eine große Bühne, einen abgesperrten Strand, einen Countdown um Mitternacht und ein wunderhübsches Feuerwerk direkt über dem Wasser. Nachdem wir uns alle umarmt haben, bilden wir einen Kreis, fassen uns an den Händen und singen aus voller Kehle „Auld Lane Syne“, eine alte Tradition in der UK. Wir tanzen in der warmen Neujahrsnacht und singen später, als ganz viele Leute schon gegangen sind noch ein paar Mal das Lied, auf Englisch und auf Deutsch, was so im Kreis zusammen fast ein bisschen was spirituelles hat. Die Leute herum klatschen begeistern und plötzlich kommt ernsthaft das Kamerateam eines chilenischen Fernsehsenders und möchte ein Interview.
Zurück im Hostel sind wir schon beinahe beim in Bett Gehen, da hat plötzlich jemand die grandiose Idee: „Ab ins Wasser, lasst uns schwimmen gehen“. Der Strand ist mittlerweile wieder freigegeben und kaum jemand ist nah am Wasser – also rennen wir um vier Uhr morgens am 1. Januar im Stockfinsteren in die kalten Wellen hinein und singen nochmal aus vollem Hals „Auld Lane Syne“. Definitiv das Verrückteste, was ich bis jetzt in einer Silvesternacht getan habe.





Am 2. Januar fahren wir über Nacht nach San Pedro de Atacama, in einem richtigen Luxusbus (für bolivianische Verhältnisse) mit Ledersitze und Fahrer in weißem Hemd und Weste. Nachts um eins gibt es plötzlich einen Stopp, eine vollkommen unverständliche Gepäckkontrolle mitten im Nirgendwo, weg von jeglicher Stadt, alle müssen raus aus dem Bus und jedes Gepäckstück wird auf einem flughafenähnlichen Gepäckrollband durchleuchtet. Niemand möchte uns verraten, was das genau war, scheinbar aber wurde nach Drogen gesucht. Mit einem Zwischenstopp morgens um 4 bis um 8 in Calama kommen wir gegen um 11 am nächsten Morgen in San Pedro de Atacama an. Nur Wüste, so weit das Auge reicht Sand, zackige Felsformationen, stacheliges Wüstengras, doch kurz vor dem Oasendörfchen San Pedro tauchen kleine Büsche auf, stacheliges Gestrüpp und sogar ein paar Bäume. Es gibt enge Gassen mit festgestampftem, staubigem Boden und Häuser aus Lehmziegeln, ab und zu weißgetüncht. Wir stapfen zu unserer AirBnB-Unterkunft: eine Art großer Garten mit Freilufttöpferwerkstatt, mehreren kleinen Häusern mit jeweils einem Raum zum Schlafen, sehr gut funktionierenden Duschkabinen, Wäscheleine, Grill und erstaunlicherweise mit funktionierendem Wlan – hier „en el medio de nada“. Superruhig mit hohen Bäumen und die Besitzer sind superliebe junge Leute mit einem kleine Sohn. Ich verliebe mich sofort in diesen Ort, so angenehm wie es dort ist.
An diesem Nachmittag entscheiden wir uns gleich, einen Halbtagsausflug ins Valle de la Luna (das Tal des Mondes) zu machen. Leider muss man hier in San Pedro beinahe alles über Reiseagenturen buchen, da die allermeisten Orte zum Besuchen recht weit außerhalb ist und man nur mit einem Auto hinkommt. Zwar könnte man auch selbst hinfahren, müsste aber trotzdem den Nationalparkeintritt bezahlen und hätte keinen Tourguide. Wir fahren also am frühen Nachmittag in dieses Tal des Mondes, das deshalb so genannt wird, da das Tal eine einzige Mondlandschaft ist, Wüste, Sand, zackige Felsen, riesige Dünen und der Boden teilweise sogar mit einer weißen Schicht überzogen, die von Weitem nach Schnee aussieht, sich in Wirklichkeit aber als Salz herausstellt (ich habe ein Steinchen extra einer Kostprobe unterzogen). Auch die salzverkrusteten Felsformationen sehen aus wie mit abstrakten Eisblumen bewachsen. Uns wurde erklärt, dass es im Valle de la Luna quasi keinerlei Leben gäbe, nur ein paar vereinzelte Bakterienarten – den hier in der Atacamawüste sind wir am trockensten Ort des gesamten Planeten.


Das Schild verbietet den Zutritt,
ein bisschen herumklettern musste ich aber trotzdem...

Vom Regen (ja, aller Jubeljahre gibt es doch mal Niederschlag) ausgewaschenes Salz

Wir fahren mit dem Auto herum, steigen immer wieder an bestimmten Stellen aus, um uns zum Beispiel die Steinformation „Die drei Marias“ oder eine alte Salzabbaustelle anzuschauen, und krabbeln sogar durch eine Art niedrige Höhle mit salzüberzogenen Wänden. Wir klettern eine sonnenverbrannten, sandig-rutschigen Weg hinauf bis auf eine riesige Düne, die oben wie versteinert ist, sodass man ein bisschen trittfesten Untergrund zum Herumkraxeln hat. (Natürlich gibt es keinerlei Absperrung.) Man kann hier auch Sandboarden, allerdings nur in den Dünen des benachbarten Valle de la Muerte (Tal des Todes). Von „unserer“ Düne hat man einen wunderschönen Überblick über das gesamte Tal, über die vollkommene Kargheit, alles sieht so leblos aus, so wie man sich die Mondoberfläche vorstellt.

Doch mal ein kleines Stückchen Seil, lose in den Sand gesteckt



Hier die salzverkrustete "Mondoberfläche"

Als die Schatten länger werden, machen wir uns an den Abstieg und fahren mit dem Auto raus aus dem Tal auf eine andere Bergkuppe hinauf, um von einer Art Plateau aus den Sonnenuntergang über der Wüste anzugucken. Dort treffen wir auf ziemlich viele Leute, die teilweise mit Sektgläschen in der Hand darauf warten, dass die Sonne hinter den Bergen abtaucht. Wir müssen auch nicht lange warten, ich setze mich ganz nah an die Felskante, der starke Wind weht uns die Haare und ein paar Sandkörnchen ins Gesicht, und dann versinkt die Sonne auf einmal unglaublich schnell hinter dem Horizont, es dauert nur Sekunden, bis sie die Berge in der Ferne verschluckt haben. Ganz schnell wird es wüstenklima-typisch frischlich und wir fahren zurück nach San Pedro.




Am nächsten Tag wollen wir das Geysirfeld „El Tatio“ anschauen, welches die höchsten Geysire der Welt auf ca. 4300 m ü.d.M. beherbergt. Dafür müssen wir um 4 Uhr morgens aufstehen, denn bis zu den Geysiren sind es zwei Stunden Autofahrt und wir wollen den Sonnenaufgang dort erleben. Natürlich kann ich während der Fahrt nicht nochmal einschlafen, weshalb ich in der Dunkelheit versuche, die schemenhaften Berge zu erahnen. Langsam dämmert es und beleuchtet die sich mäandrig-schlängelnde Dirtroad durch durchs staubige wüste Nirgendwo.
Als wir am Geysirfeld ankommen und ich mit meinem kurzen Sportshorts nach Draußen klettere, wird mir klar, wieso uns gestern gesagt wurde, wir sollten besser lange Kleidung mitnehmen – es sind 2 Grad Minus, mein Atem bleibt in der klirrend frostigen Luft schweben. Ich dachte ja, wir bräuchten lange Klamotten, um uns gegen die Sonne zu schützen, so wie gestern im Tal des Mondes, aber das es Minusgrade geben wird hier oben, damit habe ich natürlich nicht gerechnet (hätte man sich aber denken können, bei der Höhe). Wir bibbern alle und versuchen, uns so gut es geht einzuwickeln in alles, was wir mithaben, einschließlich Handtücher. Und ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, Sandalen anzuziehen... Der atemberaubende Anblick dieses Geysirfeldes entschädigt aber für jegliches Zähneklappern: in der Morgenkälte mit dem noch spärlichen Sonnenlicht sieht man besonders schön die Dunstwolken, die überall über die Weite verteilt aus den heißen Geysirlöchern, den Minikratern, aufsteigen. Rundherum sind die Berghänge recht kahl, nur mit einigen steppengrasartigen Büscheln bewachsen. In der Ferne können wir sogar den „Ojos del Salado“ sehen, den höchsten aktiven Vulkan der Welt auf 6893 Metern ü.d.M. 





Es gibt einen (diesmal gekennzeichnet und halbwegs abgesperrten) Weg, dem wir folgen müssen, um die verschieden großen Geysire zu bewundern. Es sind keine meterhohen Fontänen, denn dafür ist es nicht kalt genug. Im chilenischen Winter aber bei ca. -15 Grad morgens können die Geysire bis zu 20 Meter hoch spritzen. Heute sind es „nur“ kleine und große Erdlöcher, wo das Wasser kocht und ab und zu ohne Vorwarnung bis ca. einem halben Meter hochspritzt. Schon das ist aber ziemlich eindrucksvoll, zumal über das gesamte Geysirfeld die Wasserdampfschwaden schweben und die Morgensonne langsam aber sicher hinter den Bergen hervorklettert. Diesen Wasserdampf sollte man lieber nicht direkt einatmen, da er schädliche Gase enthält und in großen Mengen giftig sein kann – was mir natürlich erst gesagt wird, nachdem ich ein paar Mal ordentlich tief inhaliert habe in der Hoffnung, der Dampf sei gut für die Atemwege...

So sieht ein Geysir aus, der grad zum nächsten Wasserspucken Luft holt


Hier blubbert statt Wasser kochendheißer Schlamm


Als uns die ersten wärmenden Strahlen treffen (welch Erlösung nach der schon schmerzenden Gänsehaut auf meinen Beinen), kehren wir zu Auto zurück, packen einen Klapptisch, Thermoskannen und Picknickkorb aus und frühstücken mit Kuchen, Kaffee, Keksen, Saft und gekochten Eiern im ersten Sonnenschein des Tages.
Sobald die Sonne das Geysirfeld berührt, verkleinern sich die blubbernden und spritzenden Geysire, da es schnell zu warm wird, am morgens um 10 Uhr sind sie ganz verschwunden.



Sogar Lachmöwen fühlen sich hier in der Nähe der Geysire wohl

Wir fahren ein kleines Stückchen weiter bis zu einer Thermalquelle, die als natürlich beheizter Minibadesee umfunktioniert wurde. Bibbernd laufen wir in Badesachen zum Schwimmbecken und lassen uns hineingleiten. Seltsamerweise ist das Wasser auf der einen Seite zur lauwarm, aber auf der anderen Seite, von wo die beiden Minigeysire unterirdisch das Becken speisen, kommt in unregelmäßigen Abständen ein Schwall so kochendes Wasser geschwappt, dass man sich beinahe im Minutentakt wie ein kleiner Hummer fühlt, der lebendig überbrüht wird. Ich kann richtig spüren, dass es eben kein künstlich beheizter Pool ist, und der Sand unter meinen Füßen wird auch manchmal so heiß, dass mir fast die Fußsohlen anschmoren, wenn ich mich nicht schnell in den kühleren Bereich rette.
Wieder trockengerubbelt und aufgewärmt machen wir uns auf den Rückweg, bleiben oft stehen um die sich schnell verändernde, nun viel grünere Landschaft anzugucken und uns in die Nähe von ein paar grasenden Lamas zu wagen. Offenbar gibt es aber verschiedene Arten von Lamas, denn zum Beispiel die Guanacos, die größer und fell-/fleischreicher sind, sowie die Vicuñas, kleiner und schlanker, sind Wildarten und unterscheiden sich damit von den domestizierten Lamas & Alpakas, die hier in der Herde meist eine Ohr- oder Halsmarke besitzen. Es ist also kein Klischee – wenn man durch diese Hochebene fährt, kann man aller Nase lang grasende Lamas entdecken (meine Theorie ist, dass sie nur so weit den Abstand halten, wie sie spucken können).
Ein weiteres tierisches Highlight abgesehen von den Lamas: als wir um eine Kurve biegen, liegt dort plötzlich ein kleines flaches Gewässer vor uns, in dem eine ganze Gruppe Flamingos herumstakst! Leider dürfen wir aus Naturschutzgebietsgründen nicht viel näher heran, aber dass auf mehr als 4000 Metern Höhe diese dürren, zierlichen Tiere leben können, ist wirklich eindrucksvoll.


Ganz friedlich grasen die Lamas neben der Straße,
trotzdem muss ich nicht unbedingt auf Tuchfühlung mit ihnen gehen...

Ganz aus der Ferne, aber ich gebe mein Wort - es sind wirklich Flamigos dort im Wasser!
So fahren wir zurück nach San Pedro, in der Umgebung tauchen ganz viele riesige Kakteen auf, so wie ich sie mir in Texas vorstelle. Wir machen kurz Halt an einem anderen Minidörfchen, dass eine hübsche, grasgedeckte Kirche besitzt und wo für hungrige Touristen frisch gegrillter Lamaschaschlik verkauft wird, vermutlich direkt aus den friedlichen Herden weggefangen, die wir ein paar Minuten vorher beim seelenruhigen Grasen beobachtet haben...
Zurück in der AirBnB-Unterkunft gammeln wir den restlichen Nachmittag in der Wüstenhitze herum, kochen uns abends ein Süppchen und genießen es, in der nächtlichen Kühle draußen in dem Garten zu sitzen. Leider sind hier in San Pedro alle Restaurants exorbitant teuer, da zum einen alle Lebensmittel direkt in die Wüste gebracht werden müssen, zum allen natürlich wegen dem üblichen Touristen-/Gringoaufschlag. Deshalb ist es superpraktisch, sich selbst bekochen zu können, und sei es nur eine aufgepeppte Tütensuppe, die gleich das Campingfeeling wieder aufflammen lässt.

In den nächsten beiden Tagen machen wir unter Anderem noch einen geführten „Stadt“rundgang durch San Pedro mit, wobei uns sehr viele interessante Dinge über die Gründung des Dorfes erzählt werden und über die Atacameños, die ursprünglichen indigenen Einwohner. Die alte Kirche San Pedros zum Beispiel wurde aus Kaktusholz gebaut, was zwar ein bisschen löchrig aussieht, aber wahnsinnig stabil und unglaublich halt ist, da Kakteen im Schnitt nur ein bis zwei Zentimeter pro Jahr wachsen. Auch hatten die Einwohner dieses Landstreifens früher weder Hammer noch Nägel um das Holz aneinander zu nageln, weshalb kurzerhand die sehr robuste und reißfeste Sehne aus dem Hals eines Lamas zum Bau verwendet wurde. 
Auch wurde uns erzählt, dass der höchste Berg, den man direkt von San Pedro aus sehen kann, „Licancabur“ genannt wird (~“Berg des Volkes“), denn die Atacameños glaube, dieser Berg beschütze das Dorf und die Menschen.

Auch die Kirchenpforte ist mit den Lamasehnen befestigt; durch jahrelanges Trocknen
sind diese ehemals weichen Sehnen wie verholzt und extrem hart geworden

Leider leider ist es während unserer letzten beiden Nächte hier immer bewölkt, angeblich wegen des „Bolivianischen Winters“, was bedeutet, dass wir unserer so sehr ersehnte Astronomietour in der Wüste nicht machen können. Das ist superschade und ich bin sehr enttäuscht, denn gerade hier in der Atacamawüste, wo es beinahe das ganze Jahr einen wolkenlosen Himmel gibt, bietet sich das Sterne- & Planetenbeobachten total an und es gibt sogar extra eine besondere Astronomiestation mitten in der Wüste, mit den besten Teleskopen.

Dafür leihe ich mir am letzten Nachmittag ein Fahrrad aus, megadicke Querfeldeinreifen und es gibt sogar einen Helm und eine Luftpumpe dazu. Ich fahre zur „Garganta del Diablo“, einer mäandrig-verkurvte Felsschlucht mit sandigem Boden und teilweise so schmalen Stellen, dass ich das Mountainbike ab und zu ein kleines Stückchen tragen muss. Tatsächlich begegnet mir knapp zwei Stunden kein einziger Mensch in dieser Schlucht, ich genieße die Ruhe sehr an diesem frühen Nachmittag.



Blick zurück auf den sich schlängelnden Weg

Auf der Rücktour - ein bisschen im Zickzack um herumstreunende Kühe und eine kleine Schafherde - treffe ich wieder auf die ersten Radler und Wanderer und folge dann auf Gut Glück einem Schild, dass nur „Tunnel“ sagt. Nur diesen kilometerlangen, sehr steilen Aufstieg hätte ich nicht erwartet – der Weg, der sich eigentlich gar nicht Weg nennen sollte, ist buchstäblich zugeschüttet mit großen Felsbrocken, Geröll und tiefem Sand, was den Aufstieg ziemlich beschwerlich macht (vor allem mit meiner nicht existierenden Mountainbikeerfahrung). Endlich oben angekommen führt wirklich ein ca. 200 Meter langer tiefschwarzer Tunnel mitten durch den Fels hindurch und auf der anderen Seite komme ich hinaus auf eine Art Hochplateau, von wo aus ich das letzte Stückchen bis zum Felskamm zu Fuß gehe. Von dort aus hat man einen wunderschönen Blick uns Tal unten, auf den Weg, den ich mit dem Rad hinausgekommen bin und auf die grüne Oase San Pedro. Als der Wind auffrischt und mir eine kleine wirbelnde Windhose den Sand in de Augen treibt, mache ich mich an den Abstieg, der runterzu noch viel beschwerlicher ist als hinaufzuradeln da ich die ganze Zeit superkonzentriert auf den Bremsen stehe, um nicht hinzufallen.



Der Blick von oben auf bereits grüne Tal, was zur Oase San Pedro führt...

...und die Aussicht zur anderen Seite - karge Felsen & Steinwüste.

Die letzte Nacht dürfen wir zum Glück noch in einem der Zimmer bleiben, an Schlaf ist sowieso nicht zu denken, denn der Bus zurück nach Bolivien geht um 3 Uhr morgens. Supermüde kommen wir frühmorgens an der bolivianischen Grenze an, einem alten Eisenbahnfriedhof, wo wir zwar einen unnötig langen Visacheck über uns ergehen lassen müssen, es aber dafür weder Zoll- noch Drogenkontrolle gibt.

Abends um 10 kommen wir endlich nach mehr als 18 Stunden Fahrt in drei verschiedenen Bussen ziemlich fertig in Sucre an und wollen nur noch nachhause, duschen und Zähneputzen. Bei mir meldet sich ein bisschen der Katzenjammer – es war so schön, ich hätte locker noch ein paar Tage länger unterwegs sein können, zumal wir soviele verschiedene Dinge gesehen und erlebt haben. Ein bisschen wehmütig schaue ich die mitgebrachten Muscheln und den Wüstensand in meinen Schuhen an... aber es wird ja bald eine neue interessante Reise kommen, und für den Moment ist es auch ganz schön, wieder in Sucre anzukommen.

Montag, 9. Januar 2017

Weihnachtsnachtrag - Feliz Navidad atrasada!

Etwas verspätet aber dafür noch im „ordentlichen“ deutschen Januar-Schneesturmwinter kommt jetzt hier mein bolivianischer Weihnachtsbericht. Da wir direkt nach Weihnachten über Silvester nach Chile gereist sind und erst am letzten Wochenende wieder nach Sucre zurückkamen, war eher leider keine Zeit.

Meine Advents- und Vorweihnachtszeit hier auf der Südhalbkugel war sehr sommerlich und damit wettertechnisch gesehen das genaue Gegenteil von den Vorweihnachtswochen in Deutschland. Wir hatten wunderschönes sonniges Sommerwetter, weshalb es für mich ziemlich schwierig war, in Weihnachtsstimmung zu kommen, wenn man „Last Christmas“ vor sich hin summt und dabei einen halben Meter dick die Sonnencreme auftragen muss. Außerdem ist man ja von zuhause gewöhnt, dass es schon Ende Oktober Spekulatius und Adventskalender zu kaufen gibt und dass wir uns immer beschweren, wenn die Geschäfte trotz schönstem Herbstwetter schon viel zu zeitig die Weihnachtsdekoration rausholen. Hier in Sucre ist das eher umgekehrt – zwar gibt es in vielen Schaufenster kleine Weihnachtsmänner und Tannenbäume, aber das hatte sich erst Mitte Dezember richtig entfaltet, reichlich spät also. Darüberhinaus war die meiste Deko zum Haareraufen kitschig, blau-lila-blinkend oder schlichtweg vollkommen übertrieben künstlich. Was hat bitte eine in Neonfarben strobolichtartig-flimmernde Schlauchlichterkette mit einem besinnlichen Weihnachtsfest zu tun? Was ich sehr witzig fand, war die Tatsache, dass beinahe jede Weihnachtdekoration mit Schnee, Kälte und dick eingemummelten Weihnachtsmännern zu tun hatte, was für uns natürlich vollkommen normal, aber hier in Bolivien eigentlich total unpassend ist, da Weihnachten ja im Hochsommer gefeiert wird.
Natürlich gab es auch ein paar hübsche Weihnachtsbeleuchtungen wie zum Beispiel die (nicht blinkenden!) Lichterketten, mit denen die Bäume auf dem zentralen Plaza umwickelt waren, oder auch der Lichterkettenbogen im Parque Bolivar, unter dem man durchlaufen konnte. Nachts wenn ich in der Stadt herumgelaufen bin, „Happy Xmas, war is over“ von John Lennon vor mich hingesungen habe, zuhause das Adventskalendertürchen aufgemacht und eine Räucherkerze angezündet habe, dann kam schon so ein bisschen die Weihnachtsstimmung, aber die ruhige Besinnlichkeit, die man von zuhause kennt, ließ leider auf sich warten.

Die unfestliche Seite der Vorweihnachtszeit hier in Sucre war leider die Tatsache, das ganz viele Familie mit ihren Kindern aus den ländlichen Gebieten in die Stadt gekommen sind, scheinbar in der Hoffnung, dass sich die Leute in der Stadt vor Weihnachten etwas mehr an Nächstenliebe, Güte und Großherzigkeit erinnern und diese Menschen aus den Pueblos mit Essen oder Geld bedenken. Beinahe an jeder Straßenecke lagen und saßen deshalb ganze Großfamilien, die die vorbeilaufenenden Menschen um Almosen, um ein paar Münzen baten. Auch habe ich ein paar Mal straßenlange Schlangen von Leuten gesehen, die sich scheinbar für Spenden oder vielleicht sogar für kostenlos verteilte Canastone angestellt hatten.
Kurz zur Erklärung: Ein Canaston ist eine Art großer Geschenkekorb (oft einfach eine große Schüssel oder eine Plastik-Babybadewanne), den viele Familien zu Weihnachten erhalten, zum Beispiel von ihrer Arbeit, von Organisation und Einrichtungen, für die sie gearbeitet haben o.ä. Dieser Canaston kann gefüllt sein mit den verschiedensten Dingen, die ein Haushalt gebrauchen kann, zum Beispiel mit Paneton, Wein, Schokolade, Thunfisch, Rosca navidena, Nudeln, Mayonäse, Butter, Saft, Kekse und sogar ein ganzes Huhn kann darin sein. Der genaue Inhalt aber bleibt bis zum Empfang des Canastones geheim und ist immer eine Überraschung.


Paneton im Supermarkt

Am vierten Adventssonntag sind wir in das kleine Santa Clara Cafe gegangen, wo wir bei Paneton (eine Art fluffiger hoher Stollen), Vanillekipferl und Zimtplätzchen ein bisschen Adventsstimmung für uns herbeigezaubert und über die „richtigen“ Weihnachtsmarkt-Striezel gefachsimpelt haben. Außerdem haben wir unter uns Freiwilligen gewichtelt, was ziemlich lustig war und mich für drei Stunden in einen Buchladen verschlagen hat (nicht ganz uneigennützig), auf der Suche nach einem Geschenk für mein Wichtel.
Insgesamt wird hier recht viel Wirbel um Weihnachten gemacht, aber letztendlich war das eigentliche Fest recht unspektakulär. Beeindruckend war am Tag vor Heiligabend aber die riesige Tanzparade auf der größten Avenida der Stadt, eine Art Umzug mit hunderten verschiedenen Tanzgruppen kostümiert wie Schnee- und Weihnachtsmänner, in Geschenkeverpackungs- und Weihnachtswichteloutfits, als Weihnachtskuchen, Paneton, Engel und Zuckerkringel. Alle haben stundenlang zur selben Musik tanzend ihre Runden gedreht, typisch ist hier zu Weihnachten der Chuntunqui-Tanz zu lauter, quirliger, sich scheinbar endlos im Kreis drehender Musik, die man schon vor den Weihnachtsfeiertagen an jeder Straßenecke hören kann und mir irgendwann etwas auf die Nerven ging. Dieser riesige, furchtbar laute, bunte Weihnachtsumzug war eine Wucht, keine Frage, und wirklich beeindruckend anzusehen, Respekt an die Tänzer. Anders als bei uns zuhause ist diese Weihnachtsstimmung aber eher wenig besinnlich, dafür eben wie ein großes Volksfest mit Bühne, Tombola und verkleideten Weihnachtsmännern, die Bonbons in die Menge werfen, ein bisschen wie beim Carneval.
Am 24. Dezember kamen abends drei andere Freiwillige zu unserer Gastfamilie, denn wir hatten die Mädels aus dem Apartement zu Weihnachten zu uns eingeladen, da sie selbst keine Familie hier haben und Heiligabend so allein vielleicht ein wenig trostlos gewesen wäre – zusammen ist es sowieso lustiger, und nach diesem Motto standen wir zu fünft am Heiligabend also viele Stunden lang in der Küche, um das Weihnachtsabendessen für die ganze Familie zu zaubern: es gab eine mit Avocado-Knoblauch-Käsecreme gefüllte Kürbisroulade mit Backkartoffelecken und als Nachtisch eine Rosca Navidena (Weihnachtsfrüchtebrot). Traditionell ist man um Mitternacht zu Abend und stößt mit Sekt auf den beginnenden Weihnachtstag (den 25. Dezember) an. Nach dem Essen haben wir den Tisch zu Seite geräumt, bolivianische Weihnachtsmusik angemacht und meine beiden Gastschwestern haben uns versucht, Chuntunqui beizubringen, denn jeder tanzt hier zur Weihnachtszeit diese hüpfenden und springenden Tanz. So haben wir noch bis morgens nach um 3 alle zusammen getanzt und sind dann aber ganz schön ausgebrannt ins Bett gefallen. Wir „Kinder“ haben alle bei Josh im Zimmer geschlafen, wie früher bei Übernachtungskindergeburtstagen mit Matratzen auf dem Fußboden und sind schon beim Vorspann von einem der typischsten aller Weihnachtsfilme, dem „Grinch“, weggeschnarcht.

Die fleißigen Weihnachtswichtel beim Kochen

Wir Freiwilligen zusammen mit meinen Gasteltern Vicenta & Oswaldo

Am Morgen des fünfundzwanzigsten Dezembers gab es dann ein Weihnachtsfrühstück mit heißem Kakao, Rosca, Paneton, meine selbstgebackenen Plätzchen und dem guten Dresdner Stollen, den ich im August als Gastgeschenk für die Familie mitgebracht hatte. Bei diesem wunderbar-typischen Weihnachtsgeschmack auf der Zunge hat sich bei mir sofort das kulinarische Gedächtnis gemeldet und ich musste ein bisschen wehmütig an zuhause denken, denn dieses Stückchen Stollen hat mich gedanklich total in unser weihnachtlich mit Kerzen beleuchtetes Wohnzimmer katapultiert, wo meine ganze Familie zusammensaß und meinem Vater beim Klavierspiel zugehört hat.

Normalerweise werden am Weihnachtsmorgen von den Kinder die Geschenke ausgepackt, aber in unserer Familie gab es nicht wirklich eine Beschehrung, nur Josh und ich haben einen Monatskalender für 2017 mit Fotos von unserer Gastfamilie mit uns zusammen gebastelt, welchen wir unseren Gasteltern geschenkt haben, worüber sich alle sehr gefreut haben. Gastmama Vicenta hatte Josh als Weihnachtsgeschenk ein Tshirt genäht und für mich ein hübsches sommerliches Spaghettiträgerkleid mit Blümchenmuster gemacht, was ich natürlich am Weihnachtstag gleich getragen habe dank dem wunderschönen warmen Sonnenschein draußen.
Leider gab uns die aktuelle Postamtsituation einen kleinen Dämpfer: aufgrund von Streiks der bolivianischen Post hatte fast keiner von uns Freiwilligen sein Weihnachtspäckchen von zuhause erhalten, auch nach mehr als 4 Wochen war nichts Neues angekommen.

Unsere Familie mit Gästen beim Weihnachtsfrühstück

Vor dem Mittagessen haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht, in knallender Mittagssonne „Leise rieselt der Schnee“ angestimmt und sind danach erneut beim „Grinch“-Gucken weggenickt. Mittags gab es das typischste aller bolivianischer Weihnachtsessen: Pikana, also ein mit Karotten, Zwiebeln und Erbsen gekochtes Hühnchen, dazu Kartoffeln und einen Maiskolben („Choclo“). Da wir Freiwillige alle Vegetarier sind, gab es für uns Pikana vegetariana – also Choclo, Kartoffeln und Salat.
Nach diesem übermäßigen Essen der letzten 15 Stunden war ich den Tag über zu nicht mehr viel fähig – eine vollgestopfte Faulheit, die wahrscheinlich überall auf der Welt gleich ist über die Weihnachtstage.
Das Fest in unserer Gastfamilie war eine sehr neue, interessante Erfahrung, so anders als zuhause in Deutschland, und doch wirklich schön im Familienkreis, ich habe mich sehr willkommen und herzlichst aufgenommen gefühlt, auch wenn wir natürlich besonders zu dieser Zeit unsere Familien zuhause ziemlich vermisst haben.

Das Weihnachtsfest in den Dörfern auf dem Land ist hier in Bolivien nochmal eine besonders traditionelle Festlichkeit, weshalb ich am 26. Dezember mit zwei Mädels den Bus ins vier Stunden entfernte Dorf Serrano genommen habe, wo die Familie einer Freundin ein Haus hat, in dem wir spontan für eine Nacht unterkommen durften. Als wir abends in diesem kleinen Dörfchen ankamen, war unglaublich viel los in den Straßen, an jeder Ecke gab es laute Musik, Bandas mit Trommeln und Panflöten, ständig kam eine Gruppe von Leuten hüpfend, klatschend und laut rufend durch die Straßen getanzt, man konnte sich einfach anschließen. Viele Haustüren der Leute standen offen und die Menschen von der Straße sind hereingekommen und haben vor einem mit Blinkelichtern geschmückten Altar getanzt. Auf dem nahen Sportplatz gab es auf einer Bühne sogar ein richtiges Konzert mit Eintrittskarten. Insgesamt eine Art riesiges Volksfest; dass der eigentliche Grund Weihnachten war, hat man dabei kaum gespürt. Dosenbier, Singani und natürlich das vergorene Maisgetränk Chicha floss in Strömen und der Alkoholpegel der meisten Leute war schon recht bedenklich, weshalb einige Männer gegenüber uns „Gringitas“ recht aufdringlich waren, aber wir wusste uns schon zu wehren bzw. haben den Gastbruder einer Freiwilligen als unseren Freund ausgeben (sozusagen als „menschliches Schutzschild“). Trotzdem hatten wir viel Spaß, kamen mit vielen Menschen ins Gespräch, haben die ganze Nacht getanzt und uns als „Reporter einer Zeitschrift“ ausgebend an der Security vorbei auf den Konzertplatz geschmuggelt.

Auch am nächsten Tag trafen wir noch ein paar Mal auf die letzten Kindertanzgruppen, die in die Häuser vor den Weihnachtsaltaren um Süßigkeiten und Schokolade tanzten. Wir sind durch das Dorf geschlendert, auf einen nahen Hügel geklettert mit Blick auf die umliegenden Berge und durften den Garten von Sophias Gastfamilie besuchen – eine kleine, grüne, ruhige Oase mit Apfel-, Birnen-, Pfirsich- und Feigenbäumen, Roter Beete, einem kleinen Maisfeld umgeben von einer Lehmziegelmauer und zwei herumtollenden Babyhündchen. Die Einladung der Gastmutter, wonach wir doch gern in der Osterzeit wiederkommen sollen, nehmen wir gern an, denn auch da soll es einige interessante traditionelle Bräuche hier in Serrano geben.


Nach diesem durchtanzten, trubeligen und sonnigen Weihnachtsfest ging es erstmal über Sylvester für knapp zwei Wochen raus aus Sucre, rüber nach Chile. Aber davon mehr im nächsten Blogeintrag.