Mittwoch, 12. Juli 2017

Caminata a Maragua – Eine Wochenendwanderung zum Krater Maragua

Dieses Wochenende haben wir es endlich geschafft, mein Geburtstagsgeschenk zu realisieren – eine zweitägige Wanderung zum Meteoritenkrater Maragua westlich von Sucre im Department Chuquisaca. 
Maragua ist hier in Sucre allbekannt, denn viele Reiseagenturen bieten Ausflüge zum Krater an. Da wir Freiwilligen aber sowieso viele Wanderungen und Aktivitäten mit unserem Lokalkoordinator Oscar unternehmen, der in Sucre und Umgebung quasi jeden Stein und jeden Grashalm kennt, konnten wir einfach gemeinsam mit ihm losziehen und mussten uns nicht einer dieser geführten Touren anschließen, bei denen meistens kaum ein Tourist Spanisch spricht und alle paar Minuten für ein Gruppenfoto angehalten werden muss, was ich immer sehr wertschätze, denn auf diese Art lernt man auch die Umgebung und vor allem die Menschen, auf die man beim Wandern trifft, auf eine viel nähere und ehrlichere Art kennen als mit einer Gruppe Blitzlichtgewitter-Gringos.

Am Samstagmorgen treffen wir uns also mit Bernadette, Jelena und Oscar, unseren weiteren Mitfreiwilligen, die mir die Tour mit geschenkt hatten, sind leider auf Reisen, weshalb wir nur zu viert losgezogen sind. Mein Rucksack ist gepackt mit Äpfeln, Brot, Erdnussbutter, viel Wasser und natürlich mehreren dicken Pullis, meiner Strickmütze, Wollsocken und den kuscheligen Alpakahandschuhen, denn auf mehr als 3000 m Höhe wird es im bolivianischen Winter nachts meist sehr kalt, wie wir es seit den letzten Wochen schon in Sucre zu spüren bekommen.

Wir suchen uns ein Taxitrufi (eine Art großes Taxi mit drei oder vier Sitzreihen, auf die man sich gemeinsam mit möglichst vielen Leuten quetscht) und müssen aber noch eine ganze Weile warten, denn die Taxitrufis fahren erst los, wenn sich genug Menschen gefunden haben, bis das Trufi voll besetzt ist. Um die Zeit zu überbrücken, lassen wir uns Papas Rellenas schmecken, eine äußert leckere lokale Spezialität, quasi eine gekochte mit Käse gefüllte Kartoffel. Dann geht es endlich los und wir fahren ca. eineinhalb Stunden vorbei am Dorf Chataquila bis nach Chaunaca, von wo aus unsere Wanderung startet.
Wir laufen die meiste Zeit eine sandig-holprige Piste entlang, die auch die wenigen Transportmittel, meist Mopeds oder Minibusse, nehmen, um ins Dorf Maragua zu gelangen, aber es ist in den reichlich dreieinhalb oder vier Stunden so gut wie gar kein Verkehr. Zwei oder dreimal weichen wir auf einen gerölligen, sich sehr steil im Berg hinaufschlängelnden Trampelpfad aus, um ein oder zwei Serpentinenkurven der Fahrstraße abzukürzen. Ab und zu steht eine Kuh auf dem Weg oder wir laufen an einer kleinen Herde ausgemerkelter Ziegen vorbei. 




Der Weg geht hinauf und hinunter und hinauf, bis wir schließlich, nach langen Blicken auf hoch aufragende ausgedörrte Felsen und wunderschön verschiedenstfarbige Gesteinsschichten, um die letzte Wegbiegung kommen und endlich auf den ca. 8 km breiten Krater namens Maragua blicken, in welchem das gleichnamige Dörfchen liegt. Die Kraterwänder, die diese kleine Hochebene einschließen, bestehen aus den verschiedensten Farben von tiefmagenta über senfiges sandgelb und indigoblau bis zu strahlendem türkisgrün und diese verschiedenen Materialschichten sind in einer Art Eierhalbschalenmuster angeordnet, sodass es fast aussieht, als sei der Krater von unten Schicht für Schicht an den Rändern halbkreisförmig nach oben gewachsen. Im warmen orangeroten Abendsonnenlicht wirkt die Szenerie noch beeindruckender.







Wir schlendern die Straße hinunter dem kleinen Dorf entgegen und treffen am ersten Haus noch auf ein Pärchen aus Sachsen, die sich in Chile eine Art Jeep mit hinten aufgesetztem Wohncontainer gekauft haben, jetzt damit durch Bolivien fahren und die es auch hierher ins Nirgendwo verschlagen hat. Denn dort sind wir scheinbar angekommen, im Nirgendwo hier in Maragua, denn außer einem kleinen Centro de la Salud, einem Mini-Hostel mit Holztür ohne Türklinke oder Klingel, einer Art langem Mehrzweckgebäude (höchstwahrscheinlich eine Grundschule), keine erkennbare Tienda oder Einkaufsmöglichkeit und einer Handvoll einfacher einstöckiger Häuser, teilweise mit Lehmwänden und Strohdach, gibt es hier wirklich nicht viel, das Dörfchen wirkt fast wie ausgestorben, nur ein alter Mann sitzt vor seinem Hauseingang, eine Herde Schafe ist in der Ferne zu sehen und ein Schwarm grüner Loros fliegt über uns davon. Ein bisschen wie ausgestorben. Ich hatte eigentlich gedacht, es gäbe hier Spuren von Tourismus, da diese Touren ja in Sucre so hoch gelobt werden, doch scheinbar bringen die Reiseagenturen ihr komplettes Equipment mit, denn hier im Dorf gibt es quasi keine existierende Versorgungs- oder Tourismusinfrastruktur. 




Lange klopfen wir an die Holzpforte des Hostels und werden schließlich von zwei Kindern in das kleine Hostel gelassen, es ist nicht sehr sauber, aber wir haben natürlich unsere Schlafsäcke dabei und ein kleine Küche zum Tee kochen gibt es auch.
Womit wir leider bei einem echten Problem wären – momentan gibt es kein Wasser in Maragua, niemand hat fließend Wasser und auch Vorräte in Regenwassertanks gibt es nicht viele. Niemand kann uns so wirklich sagen, ob und wann das Wasser wiederkommt, die Kühe, Schafe, Ziegen und Esel aus dem Dorf trinken aus dem dreckigen, vermüllten Rinnsal, das in der Regenzeit sicher ein stattlicher Fluss wird, nur momentan ist er quasi vollkommen trocken bis auf ein paar brackige Pfützen.
Nach einer Weile machen wir ein Haus ausfindig, das offenbar einen kleinen Kiosk im Hinterraum hat. Draußen sitzt die Familie beim Feuer und schmort ein Tier und als wir uns nähern, um nach Wasser zu fragen, kommt prompt die Antwort von einem vielleicht 12 oder 13jährigen Mädchen: „Die Mama ist betrunken, kein Verkauf heute.“, als sei dies das Selbstverständlichste auf der Welt. Schließlich können wir sie aber zum Glück überzeugen, uns Trinkwasser in großen Flaschen zu verkaufen, denn unser Wasser ist beträchtlich zur Neige gegangen.
Hier auf dem Land haben die Menschen sicherlich kein leichtes Leben, auch wenn es mal Wasser gibt. Ich bin geschockt, aber auch tief beeindruckt, wie diese Menschen hier leben mit nur dem Allernötigsten, wie sie versuchen, aus ihrem dörren Boden etwas Mais und Kartoffeln herauszuholen und die Tiere quasi ihre Lebensversicherung sind und eigentlich keinerlei Kontakt zur Stadt haben, keine Zeitung geschweigedenn Fernsehen, höchstens vielleicht ein kleines Radio, falls es mal Empfang gibt. Nachrichten werden es wohl eher schwer haben, bis hier her durchzudringen, aber Oscar sagt, dass die Menschen hier sowieso mit ihren eigenen Existenzproblemen zu kämpfen haben.

Ganz schnell wird es dunkel und mit dem Verschwinden der Sonne zieht auch eine ziemliche Kälte an. An einem wackeligen groben Holztisch im Hostel machen wir es uns gemütlich und schwatzen lange bei heißem Tee, Brot, Salz, Tomaten, Möhren und Erdnüssen. Der kalte, glatte Steinboden schreit geradezu danach, eine Tanzfläche zu sein, weshalb Jelena und ich uns nach dem Abendbrot noch ein bisschen warm tanzen. Dann gehen wir nocheinmal raus, um den wunderschönen Sternenhimmel und vor allem den unglaublich strahlend hellen Vollmond anzuschauen, der die Kraterwände in grelles, kaltes Licht taucht. Es ist vollkommen still, nur aus der Ferne hört man heiseres Hundegebäll.
Wenig später kuscheln wir uns in die Betten und einmal mehr bin ich überglücklich über meinen wunderbaren warmen Daunenschlafsack, in dem ich die Nacht ohne großes Frieren verbringe.

Am nächsten Morgen ist es immer noch sehr frisch draußen, aber trotzdem frühstücken wir im Freien mit Blick auf die morgensonnenbeschienenen Felder, eingemummelt in Jacke und Mütze.
Dann packen wir fix die Rucksäcke zusammen, verabschieden uns von den beiden Kindern, die uns ins Hostel gelassen haben (scheinbar sind ihre Eltern nicht da, nur eine ältere Frau steht still etwas abseits und beobachtet uns) und wir stapfen los in Richtung „Garganta del diablo“ („Der Hals/Die Kehle des Teufels“), was eine Art kleines Tal ist, von dem aus wir auf eine lange Anhöhe auf der einen Seite des Kraters klettern, über trockenes Geröll und zwischen stacheligen Büschen entlang, bis wir von oben einen wunderschönen Blick über den gesamten Krater haben und einmal mehr das Farbenspiel der verschieden Erdschichten bewundern können. Weiter unten rasten wir an einem Wasserfall, der ca. 40 Meter in die Tiefe geht, aber momentan in der Trockenzeit nur ein kleines Bächlein ist, das sich nach unten stürzt.









Wir machen uns gegen Mittag auf den Rückweg, die Sandpiste hinauf hinaus aus dem Krater, aber nach einiger Zeit in der nun wieder brennenden Sonne merken wir, dass uns langsam das Trinkwasser knapp wird.... weiter unter uns liegt ein kleines Fußballfeld bevölkert mit Menschen, die sich ein sonntagnachmittägliches Spiel ansehen oder selbst mitspielen. Es gibt eine ganze Reihe Minibusse, doch laut eines Señors, den wir auf dem Weg treffen, fahren diese Busse erst wieder zurück Richtung Sucre, wenn das Spiel vorbei ist. Nachmittags um fünf. Wir haben also keine Chance, als durstig weiter dem staubigen Weg zu folgen. An einem kleinen Haus am Wegesrand treffen wir auf eine sehr nette ältere Señora, die uns zwei Tassen Wasser aus ihrem eigenen kläglichen Vorrat abgibt, was für eine unglaubliche Freundlichkeit. Wenig später erspähen wir dann zum Glück (!!!) eine richtige Tienda, wo wir Wasser kaufen können. Ich bin sehr erleichtert, denn schon beim Gedanken daran, weitere drei Stunden ohne Wasser in der brennenden Sonne laufen zu müssen, wurde mit schummerig vor den Augen. So wird mir einmal mehr mit Nachdruck bewusst, wie elementar und unglaublich wichtig doch Wasser ist. Was würden wir nur tun, wenn wir immer in so ungewissen Situationen leben würden, mal gibt es Wasser, mal gibt es keins. Ich bewundere die Menschen, die so leben, für ihre Stärke und ihr Durchhaltevermögen und bin doch gleichzeitig wirklich sehr froh, nicht in einem solch abgeschnittenen Fleckchen Erde zu leben, in einer solchen Unsicherheit und Abgeschiedenheit.



Mit neuer Energie wandern wir weiter und nach einer Weile überholt uns tatsächlich schon ein kleiner Bus, der noch Platz hat und wir steigen dankbar ein.
Bis zur Straße nach Sucre ist es eine reichliche Stunde, zwischendurch halten wir an einem kleinen Bächlein an und beinahe alle Passagiere klettern heraus, um kurz durchzuatmen und das Gesicht im eiskalten Bachwasser abzukühlen.
Vom Dorf Chataquila an der großen asphaltierten Straße aus heißt es dann wieder einmal Trampen, und prompt nimmt uns auch ein kleines Multicar hinten auf der Ladefläche mit. Diese Fahrten habe ich am liebsten, wenn man hinten auf einem Jeep oder Minilaster mitfahren kann, der kalten Wind von vorn ins Gesicht peitscht und die Haare wild herumfliegen und von hinten die Sonne auf den Rücken brennt.


Wieder zurück in Sucre bin ich froh über das Wasser aus dem Wasserhahn, aber gleichzeitig aus sehr froh, diese Wanderung gemacht zu haben, denn landschaftlich ist der Krater Maragua eine wirkliche Perle, mit jeder Stunde, die verändertes Sonnenlicht bringt, scheinen die Gesteins- und Sandfarben anders. Aber auch die Möglichkeit, dass kleine Dorf inmitten des Kraters zu besuchen, ohne jegliche Spur von Tourismus, sondern vollkommen pur, hat mir wieder einmal gezeigt, wie wenig man in Wirklichkeit zum Leben braucht und wir sehr wir doch manchmal vergessen, die Dinge, die wir haben, wertzuschätzen, vor allem aber die Verfügbarkeit von trinkbarem Wasser.

Montag, 10. Juli 2017

Endlich zurück im Projekt

Seit ungefähr vier Wochen bin ich jetzt zurück im Projekt und habe festgestellt, dass viele Dinge gleich geblieben sind, aber sich doch einiges verändert hat.

Eine große Konstante, die mir auch den Wiedeereinstieg enorm erleichtert hat, sind schlicht und einfach die Kinder, die zum Essen in den Comedor und zur Hausaufgaben- und Freizeitbetreuung kommen. Als ich den ersten Morgen wieder im Barrio Bolivia ankam, kamen sie mir schon entgegengelaufen, denn viele von ihnen wohnen direkt in diesem Stadtteil, wo auch unser Comedor ist, und haben mich total strahlend begrüßt und mich regelrecht bestürmt. Das war ein sehr schönes Gefühl, zu wissen, dass sie mich nicht vergessen haben und wir haben direkt eine Runde Fußball gespielt und uns dann über ihre Hausaufgaben hergemacht. Jedoch gab es zum Ende des Schuljahres eher weniger in der Schule auf, weshalb wir auch mit den Kindern weniger ernsthafte Arbeit hatten als vielmehr Freiraum für z.B. Mini-Englischunterricht, (Lern-)Lieder einstudieren („Head, shoulders, knees and toes“) oder einfach zum Herumtoben draußen und Fußball spielen.

Eine große Veränderung ist aber auf jeden Fall das „Freiwilligenpersonal“, denn wir sind jetzt nicht mehr nur zu zweit im Projekt (Jelena und ich hatten ja gemeinsam im Sayari Warmi – Levantate Mujer gearbeitet), sondern wir sind nun quasi dreieinhalb Mädchen, denn Sophia, die zusammen mit uns im August aus Deutschland kam, ist für zwei bis drei Tage pro Woche dazugestoßen und auch eine „neue“ Freiwillige, Olivia aus Großbritannien, arbeitet nun auch mit uns zusammen.

Wahrscheinlich auch aus diesem Grund, da wir jetzt wesentlich mehr Leute sind, gehen wir auch wieder für jeweils zwei Tage die Woche in den Kindergarten in den Stadtteil Villa Margerita, wo Jelena und ich bereits letztes Jahr für eine Weile hingingen, aber dann darum gebeten hatten, lieber nur mit den größeren Kindern arbeiten zu können, denn zu ihnen wäre außer uns niemand gegangen, eine regelmäßige Betreuung (die nicht die Freiwilligen betrifft) gibt es für die älteren Kinder im Barrio Bolivia bis heute nicht. Wir hatten uns damals im September/Oktober auch nicht wohl gefühlt im Kindergarten, weil es sehr schwierig war, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen, mit den Kindern zu arbeiten und vor allem auch die Erzieherinnen zu verstehen.
Doch jetzt fühlen wir uns sehr willkommen in dem Kindergarten und haben einen wirklich guten Draht zu den Educadoras gefunden. Die Kinder sind zwar immer noch oft sehr anstrengend und nach einem Tag in der Guarderia ist man quasi „knülle“, denn sie machen weder Mittagsschlaf noch eine kleine Mittagsruhe, was sie vor allem am Nachmittag entweder sehr aufgedreht werden lässt, oder sie schlafen beim Essen oder auf dem Stuhl beim Malen ein. Trotzdem gefällt es mir gut dort, denn sie machen jeden Tag verschiedene Vorschulaktivitäten, lernen bestimmte Formen zeichnen und erkennen, Schuhe binden, zählen, die Wochentage und vieles mehr.
Im Moment führen wir gerade eine Evaluation mit jedem Kind einzeln durch, das bedeutet, dass sich die Kinder einer Art kleinen Prüfung unterziehen müssen um ihren Leistungsstand zu testen. Dies geschieht jedes Semester im Kindergarten und wird für jedes Kind in einer Mappe dokumentiert. Sie müssen zum Beispiel bestimmte Figuren möglichst akkurat ausschneiden, ihre Eltern zeichnen, auf einem Bein eine Linie entlanghüpfen, einen Ball prellen, puzzeln, einen Schuh mit Schleife zubinden, mit Messer und Gabel ein Brot zerschneiden und viele andere Dinge.
Diese Idee, zu testen, wie sich die Kinder jedes halbe Jahr weiterentwickeln, finde ich sehr gut, denn man sieht meistens doch Fortschritte und auch den Kindern wird das gezeigt. Allerdings wird mir so einmal mehr klar, auf welch unterschiedlichen Leistungsniveaus sich die Kinder eigentlich befinden. Einige Vier- oder sogar Fünfjährige können weder ein Gesicht mit Augen, Nase & Mund zeichen, noch wissen, wo sie wohnen oder wie alt sie sind. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch ein oder zwei dreijährige Kinder, die schon total fit mit einer Schere umgehen können und im Handumdrehen mehrere Knoten mit Schleife hintereinander binden.
Die Educatoras sagen, dass die Kinder einfach oft aus sehr schwierigen Familienverhältnissen kommen und das spürt man in dem Kindergarten wirklich sehr. Mit einigen Kindern wird zuhause einfach nicht viel gesprochen, sie haben sehr viele Geschwister die auch Aufmerksamkeit brauchen oder die Eltern können weder Lesen noch Schreiben, was in diesem Stadtteil Villa Margerita quasi die Regel ist. Das macht mir einmal mehr deutlich, dass es absolut nicht selbstverständlich ist, dass man mit 6 Jahren schon bereit ist, um in die Schule zu gehen, denn oftmals stellen schon einfachste Dinge wie Farben erkennen ein Problem dar. Wieder einmal wird mir klar, was für ein Glück wir doch hatten, in unseren wohlbehüteten mitteleuropäischen Akademikerfamilien mit einer umfassenden frühkindlichen Allgemeinbildung aufzuwachsen, die ich bis dahin auch nie so wertgeschätzt habe wie jetzt, wo wir sehen, dass es eben nicht selbstverständlich ist, so groß gezogen zu werden.

Generell macht mir auch die Arbeit im Kindergarten Spaß, denn auch mit den kleinsten Kindern kann man Fortschritte sehen, wenn auch nur im Kleinen, denn es braucht unglaublich viel Geduld, einem dreijährigen Mädchen beizubringen, eine Schleife zu binden, wenn es partout die zwei Fäden nicht voneinander unterscheiden kann und viel lieber dem Nebenmann einen Bauklotz an den Kopf knallt. In diesen letzten Wochen habe ich sehr stark gemerkt, dass die Arbeit mit Kindergartenkindern für mich persönlich sehr anstrengend ist und weniger erfüllend, als mit den älteren Kindern zu arbeiten, denn solange sie noch nicht richtig essen können, keinen geschlossenen Kreis malen können und eigentlich Hilfe bei allem brauchen, ist es für mich einfach eine sehr kräfte- und nervenzehrende Angelegenheit. Viel lieber bin ich mit den älteren Schulkindern zusammen, die eben bereits die Basics beherrschen und es somit die Möglichkeit gibt, auf einer ganz anderen intellektuellen Ebene Zeit miteinander zu verbringen, ihnen bei Mathe- oder Englischaufgaben zu helfen, ohne sie füttern oder auf die Toilette begleiten zu müssen.
Das mag hart klingen, aber ich glaube, dass es sehr wichtig ist, für sich selbst herauszufinden, mit welcher Altersgruppe man am besten zurechtkommt und ob soziale Arbeit überhaupt etwas für einen ist. Am Anfang dachte ich immer, ich käme am besten mit den Kindergartenkindern klar, denn ich hatte die Kleinen in Deutschland in einer Sportgruppe, aber wenn man jeden Tag sieben bis acht Stunden in einem Kindergarten verbringt, merkt man ersteinmal am eigenen Leib, wie kräfteraubend dies sein kann. Jetzt weiß ich einfach aus Erfahrung, dass mir die Arbeit mit Älteren weit mehr Freude bereitet und ich dahinein auch mehr Energie und Enthusiasmus stecken kann, und dies ist, glaube ich, eine sehr wichtige Erkenntnis.


Nichtsdestotrotz bin ich sehr froh, diese Arbeit ebenfalls auszuprobieren und jeden Tag passieren ja trotzdem schöne Dinge in dem Kindergarten der Villa Margerita, wie zum Beispiel, wenn wir mit den Kindern gemeinsam „Und ich flieg, flieg, flieg wie ein Flieger“ tanzen, plötzlich die ganze Gruppe auf mich hört, wenn ich sage, dass wir uns alle in einer Reihe zum Hände waschen anstellen oder wenn der kleine Jaime einen ganzen Vormittag lang nicht weint. Kleine Erfolgserlebnisse wiegen manchmal einfach mehr auf als man glauben mag.


Die Kinder aus der Guarderia zusammen mit mir im sonnigen Innenhof



 Auch in der Guarderia bei ein paar kurzen Minuten zum Durchschnaufen mit den Kindern

Janette, Glisber, Marie Sol, Lurdis, Juliana und Erika (v.l.n.r.)
aus dem Barrio Bolivia  

Der Weg zu unserem kleinen Comedor Popular



Meine Mitfreiwillige Jelena zusammen mit Janette, Juliana, Lurdis und einem unserer
zahreichen vierbeinigen Mitbewohner im Barrio Bolivia

...und noch ein paar kleine Gefährten, die ganz in der Nähe unseres Projekts wohnen.

Samstag, 18. Februar 2017

Chuchini - Ein wildes Naturparadies im Amazonas

Wir fahren in den Regenwald! Relativ spontan, da der Geburtstag einer Freundin bevorstand, haben wir beschlossen, für ein paar Tage in das kleine Naturschutzreservat Chuchini nördlich von Trinidad zu fahren, um jetzt in der Regenzeit durch den Dschungel zu stapfen, Boot zu fahren und hoffentlich ganz viele Vögel, Alligatoren, Capybara und andere interessante Tiere zu sehen.
Nach einer abenteuerlich-rasanten Busfahrt bei Gewitter auf der wohl schlechtesten Straße Boliviens kommen wir morgens in Santa Cruz an – schwüle Hitze und Mosquitos bilden das Empfangskomitee. Wir laufen ein bisschen herum, Santa Cruz als Stadt ist touristisch gesehen wenig spektakulär, weshalb wir uns (zu siebt plus Fahrer) in ein Taxi quetschen und zum botanischen Garten fahren, der wunderschön und teilweise sogar waldähnlich angelegt ist mit Holzbohlenweg oder überflutetem Trampelpfad. Mir gefällt es total gut, es gibt riesige Gummibäume, verholzte Lianen und frei herumkrabbelnde Schildkröten. Ein kleiner Vorgeschmack auf den richtigen Regenwald.


Auf einem Ausguck mit Wendeltreppe hoch über den Bäumen
Bauchig-geformte Bäume im Botanischen Garten Santa Cruz
Abends geht es mit einem weiteren Nachtbus nach Trinidad, wo uns morgens früh ein Pickup-Geländewagen mit zwei Drahtstühlen auf der Ladefläche und einer Staude Kochbananen auf dem Dach abholt. Efrem, einer unglaublich lieber Mann, ist unser Guide, Tierarzt und betreibt mit seiner Frau Miriam Chuchini, ein kleines Reservat mit Bootsanleger an einer ruhigen Lagune, mit Gästezimmern, vielen Hängematten, einer Hand voll Kühen und Pferden und verschiedenen Vögeln und Affen, die nach schädigender Haustierhaltung von Efrem und Miriam wieder in ihren natürlichen Lebensraum ausgewildert werden. Ihnen gehört außerdem ein Stück Regenwald, wohinein sie geführte mehrtägige Touren mit Vollverpflegung und Übernachtung anbieten.
Die beiden sind überhaupt nicht wie Touristenguides, sondern sie leben dort mit ihren beiden Kindern und einer Mitarbeiterin mit ihrer Tochter, managen, kochen, bewirtschaften alles selbst und sind von Anfang an wie gute Freunde von uns.
Aus dem Dschungel dringt Vögelgezwitscher, Grillengezirp und Affengebrüll (das sich eher ein bisschen anhört wie an- und abschwellendes Hirschröhren), womit sich die Affen in der Gruppe verständigen, wenn sie sich weiterbewegen.
Wir genießen ein excellentes Frühstück mit Cafe, frischem Maracuya-Saft und einem Masaco de Platano, einer traditionellen Speise aus krümelig-gebratenen Kochbananen und Käse, ein bisschen wie Rührei, nur eben aus den festen, aromatischen, kaum süßlichen Bananen (auf Spanisch 'Platano para freir' als 'Bananen zum Frittieren). Danach ein Spaziergang durch den Wald und das Gelände, ich löchere den Efrem mit ganz vielen Fragen über die Pflanzen, die uns umgeben, er weiß unglaublich viel über die Flora und Fauna hier. Mandarinen-, Zitronen- und Pomelobäume, Maracuya, Chirimoya, Guyaba, Sedrillo, Tamarinde, Eukalyptus, Kakaobäume und viele viele andere exotische Pflanzen. Natürlich werden die Pflanzen hier auch zu unserer Verpflegung genutzt, wir finden schon eine reife Chirimoya, probieren das weiße Fleisch einer Kakaobohne und die Blätter der Zitronen-Mandarinen-Pflanze werden nachher für den Tee verwendet. Hinterher sind unsere langen luftigen Klamotten (unverzichtbarer Mückenschutz, sonst wird man innerhalb von Sekunden von tausenden der stechfreudigen Biester befallen) bedeckt mit kleinen klebrigen Kletten – ganz kreativ „Pega pega“ genannt, denn 'pegar' bedeutet auf Spanisch 'kleben'.

Nicht über alle Pflanzen weiß ich Details zu erklären,
aber diese kleine supersaure Frucht hat gut geschmeckt.




Eine Kakaobohne - die Butter schmeckt seltsam frisch, süßlich und ein wenig glibberig zugleich
Wir schauen uns auch einige alte Tongegenstände und Figuren an – ausgegrabene Überbleibsel einer asiatischen Kultur, die hier in Chuchini vor ca. 5000 Jahren gelebt hat und die künstliche Lagune hier anlegte, die mit dem Fluss Ibare verbunden ist, der irgendwann in Brasilien schließlich in den Amazonas mündet.
Am Nachmittag baden wir in der Lagune, vertreiben die Mosquitos mit Wasserspritzen und schwingen uns wie kleine Affen an einem Seil, das an einem Baum festgebunden ist, über den Steg und springend platschend ins warme Nass. Von der anderen Seite der Lagune (sie sieht aus, wie ein kleiner schmaler Fluss) hören wir die Affen und Vögel schreien, es ist ein wunderschöner Ort.


Ein wunderschöner Spiegeleffekt bei Dämmerung,
der die wilden Uferpflanzen doppelt so eindrucksvoll erscheinen lässt.


Siesta in der Hängematte
Dann fahren wir mit dem Ruderboot (zu acht hineingequetscht) in beide Richtungen die Lagune entlang, hinein ins versumpfte, schlingpflanzenbewachsene Dickicht am anderen Ufer, schlängeln uns zwischen den fingerartigen Wasserwurzeln der dichten Bäume hindurch. Efrem erklärt ganz viele verschiedene Pflanzen und wir halten ein bisschen nach Alligatoren Ausschau, aber jetzt über den Tag halten sie sich noch versteckt.

















Später am Abend als es dunkel ist und der Halbmond hochsteht fahren wir, begleitet von ohrenbetäubendem Froschgequake und Grillenzirp-Vogelschreikonzert mit dem größeren Motorboot hinaus auf die Lagune, Mission: Alligatoren finden. Mit einer superstarken Taschenlampe leuchtet Efrem die Ufer und die Wasseroberfläche ab, wann immer im Lichtstrahl zwei hell strahlende Lichtpünktchen auftauchen, wissen wir: dort versteckt sich ein Alligator, denn die Augen reflektieren das Licht extrem. Wir steuern direkt auf diese Lichtpunkte zu und nach einigen missglückten Versuchen gelingt es Efrem, einen Babyalligator rauszufischen. Wir dürfen ihn halten, ganz fest mit den Fingern um den Hals, damit er sich tot stellt, denn auch schon die kleinen 5-6 Monate alten Tiere haben eine ganz schöne Zappelkraft. Im Taschenlampenlicht betrachte ich die beeindruckenden kleinen Zähne, wir streichen über die bereits überraschend harten Schuppen, gucken uns die angewachsene Zunge an. Diese Alligatoren können bis zu 35 Jahre alt und 4,5 – 5 m groß werden, hoffentlich holen wir uns nicht so einen zum Streicheln ins Boot.... So bei Nacht über die stille Lagune zu gleiten, im Mondschein, spätestens jetzt habe ich mich vollkommen in diesen wunderschön idyllischen Ort verliebt.

Efrem mit dem kleinsten der Alligatorenbaby


...später haben wir auch größere Krokos herausgefischt.

Die Augen leuchten wie kleine Reflektoren am Ufer und der
gezackte Schwanz erinnert an einen kleine Dinosaurier.

Aufgeweckt werden wir von der Dschungelgeräuschkulisse und dem Wind in den hohen Bäumen, nur den Jaguar haben wir nachts irgendwie überhört. Es gibt ein Geburtstagsfrühstück für Marie mit frischem eisigen Orangensaft, selbstgemachter heißer Schokolade aus den Kakaobohnen von hier, zwei brennenden Kerzen in einem kleinen Brötchen und Paiuje, ein weiteres traditionelles Gericht aus dem Department Beni, bestehend aus Kochbananen, diesmal nicht herzhaft frittiert sondern süßlich mit Zimt zu einem weichen Brei gekocht mit Milchcreme oben drauf.
Hausäffchen Martina will schon unseren Proviantkorb vom Boot stibitzen, doch wir können sie rechtzeitig zurückhalten. Mit einer Art Kahn mit mehreren Sitzbänken, Benzinmotor und Dach mit Leiter zum Hinaufklettern geht es los auf eine Tagestour zum Fluss Ibaré, der in den größeren Mamore mündet (welcher nach vielen vielen Kilometern mehr Brasilien erreicht und schließlich in den Amazonas fließt). Es geht raus aus der Lagune bei Chuchini, durch viel Entengrütze und Lianen bis zum schmalen ruhigen Ibaré, wo wir auf beiden Uferseite viele verschiedene Wasservögel beobachten können, sich sonnende Wasserschildkröten und sogar herumturnende schwarzweiße Äffchen in einem hohen Baum. Efrem erklärt wieder ganz viele verschiedene Pflanzen und Tiere; zum Beispiel den Mapajo, einen 350 Jahre riesigen alten Baum, oder die großen haarigen Capybara (Wasserschweine), die wirklich aussehen wie übergroße Wassermeerschweinchen und am Ufer herumschnüffeln. Es ist ein richtiges Paradies hier, ich liebe die Ruhe und die wilde Natur um uns herum. Nur zwei-/dreimal begegnet uns ein schmales Holzboot aus einem halben Baumstamm, in dem zwei oder drei Männer zu ihrem Arbeitsplatz fahren, kleine Gärten oder Miniplantagen neben dem Fluss, wo sie entweder Holz schlagen oder verschiedene Früchte und Gemüse anbauen. Und wo auch kleine, palmwedelgedeckte Hütten stehen.
Den Rio Mamoré kann man schon von Weitem sehen, da der breite Fluss ganz braun-schlammig aussieht von aufgewirbeltem Sand und sich die verschiedenen Wasser auch nicht gleich mischen. 



Treppe zum kleinen schwimmenden Bootssteg von Chuchini





Links das ruhigere klare Wasser de Ibaré , rechts der breite schlammige Mamoré 
Genau hier, wo sich die Wasser treffen, fischten lustvoll die Delphine im Wasser
(leider meist zu schnell wieder abgetaucht, um sie mit der Camera festzuhalten)

Dort am Zusammenfluss schwimmen relativ viele Fische relativ weit oben, weshalb an dieser Stelle besonders viele der Amazonas-Süßwasserdelfine kommen, Bufeos genannt. Abhängig nach Alter variiert ihre Hautfarbe: als Jungtiere sind sie grau-blau gefärbt, doch wenn sie ausgewachsen sind färben sie sich blassrosa – Efrem erklärt, sie wechseln die Farbe zu rosa wenn sie sich paaren wollen, was eine ziemlich süße Idee ist.
Alle paar Sekunden tauchen mehrere der Delfine auf zum Luftholen, man sieht ihre knochigen Rücken und die spitzen Schnauzen sehr gut, sie prusten sogar richtig in die Luft.
Dann kreuzen wir über den Mamoré und legen an dem letzten Stückchen Sandstrand an, das es trotz Regenzeit noch gibt, ganz mit Schilf und Flussbambusgras bewachsen. Dort werfen wir uns in den Schlamm, wie die kleine Kinder machen wir eine Schlammschlacht und schliddern auf dem Bauch ins Wasser. Der eigentliche Zweck (bis auf wahnsinnig viel Spaß beim Herummatschen): der Schlamm hat viele verschiedene Mineralien und ist sehr gut für die Haut, weshalb wir uns am Ende alle gegenseitig einrubbeln und uns zum Trocknen in die Sonne legen.



Nach einem ausgiebigen halbwegs säubernden Bad im Fluss gibt es ein leckeres Picknick auf dem Boot mit Bananenchips, frischen Tomaten gekochten Möhren, Eiern und Kartoffel, frittierten Auberginen, Käsewürfeln und sogar einem kühlen Bierchen zum Anstoßen auf Maries Geburtstag. Dann hängen wir zwei Hängematten ins Boot – eine der coolsten Konstruktionen die ich je gesehen habe – Siesta auf dem Fluss. Auf der Rückfahrt sehen wir wieder viele viele Vögel, Schildkröten, Capybara usw.
Zurück in Chuchini schwimme ich noch ein bisschen in der Lagune herum, bevor wir ein leckeres Abendessen verspeise – es gibt Empanadas, das sind gefüllte, frittierte Teigtaschen gefüllt mit Tomaten, Käse , Zwiebeln und scharfer Soße.
Noch bis in die Nacht spielen wir Blackstories, wo die Leute aus Deutschland und Österreich die Karten auf Englisch und auf Spanisch übersetzen müssen und wir wild in drei Sprachen durcheinanderraten. Dann zeigt uns Efrem noch ein bolivianisches Militärwürfelspiel, bei dem wir aber alle irgendwann fast einschlafen und uns schließlich durch die Mosquitoschwärme zurück zu unseren Betten kämpfen.


Leider wurde unser wunderbarer Besuch in Chuchini aufgrund eines Unfalls unterbrochen und wir konnten nicht mehr Zeit als diese zwei Tage im Dschungel verbringen. Trotzdem habe ich unsere Zeit dort sehr genossen und mich sehr wohl gefühlt inmitten dieses tropischen Waldes, es war einfach traumhaft. Trotzdem muss leider dieser Blog für die nächsten Wochen ruhen, ich melde mich natürlich wieder, sobald es etwas Neues gibt. Bis bald!