Die gesamte letzte Woche haben wir damit verbracht, jeden Tag durch die Straßen zu laufen, von der Bank zum Copyshop, zu Interpol, zum Fotographen, wieder zum Copyshop, zur Polizei, nochmal zu Interpol..... Noch dazu kommt, dass oftmals ein Büro einfach einen Tag Bearbeitungszeit brauchte. Auch, dass wir entweder ein Stündchen warten mussten, bis jemand Zeit hatte, unsere Fingerabdrücke zu nehmen, oder, dass schlicht eine Behörde nur vormittags arbeitet und wir deshalb auf den morgigen Tag vertröstet werden - 'Bolivian Time': an dieses etwas andere Zeitverständnis müssen wir, für unserer minutengenaue Pünktlichkeit bekannten Mitteleuropäer, erstmal gewöhnen.
Es war ein nervenaufreibender Beantragungsprozess, aber das tagelange Pendeln zwischen den Behörden hatte einen Vorteil: wir haben gefühlt die komplette Innenstadt inklusive der beiden großen Mercados zu Fuß abgegrast, haben von Oscar viele Insidertipps zu schönen Orten und Restaurants bekommen (quasi eine Stadtführung 'Intensiv-Extrem') und können uns im Centrum schon halbwegs orientieren. Zum Glück sind jetzt endlich die wichtigsten Unterlagen für das bolivianische Jahresvisum abgegeben und jetzt heißt es 'Warten'.
Ein Monster-Palmenblatt, komplett verholzt,
ein wahrer Totschläger...
Wenn wir am Abend nicht mehr fürs Visum unterwegs waren, dann gab es und gibt es immer noch mehr als genug Möglichkeiten, den Tag sinnvoll zu nutzen, denn zufälligerweise findet gerade wenn wir in Bolivien ankommen das Internationale Festival der Kulturen in Sucre statt. Dieses Festival dauert den gesamten September und jeden Tag gibt es verschiedene Konzerte, Theaterstücke, Filmvorführungen, Straßenkunst, Tänze, Workshops, Ausstellungen und Street-Art zu sehen, verschiedenste kulturelle Angebote gibt es über den ganzen Tag und den Abend verteilt und außerdem ist quasi jede Nacht eine scheinbar endlos lange Parade von abwechselnd Tanzgruppe und Brassbands auf den Straßen unterwegs, die dermaßen ohrenbetäubend laute Musik machen und trillerpfeifend und schreiend herumspringen, dass es die Leute (und natürlich auch uns) zum Zuschauen heranzieht wie ein loderndes Feuer die Mücken heranlockt. Diese wahnsinnig energetischen Choreographien sind wirklich super-mitreißend und extrem beeindruckend anzusehen, und die meisten Tanzgruppen haben bunte Kostüme an oder farbenfrohe Bänder um die Hüften gebunden.
Da die allermeisten Kulturvorstellungen während des Festivals kostenfrei sind, gibt es vor allem bei beliebten Vorführungen natürlich großen Andrang, doch wir haben es bis jetzt schon zweimal geschafft, ins Theater zu gehen, was sich wirklich gelohnt hat! 'Hamlet de los Andes' war eine Art lateinamerikanischer Adaption des Shakespear'schem Hamlet, aber da ich sowieso ziemlich verliebt in dieses Theaterstück bin, konnte ich den anderen Freiwilligen vorher ganz kurz die Handlung erklären, weshalb wir trotz des Shakespeare-Spanisch wenigsten ein bisschen des Stückes verstanden haben. Ich fand es großartig, gleich am Anfang in Bolivien ins Theater gehen zu dürfen, und dann auch noch zu einem Stück wie 'Hamlet'! Sehr skuril gemacht, moderner als erwartet und mit einem gewissen "traditionellen" Touch, da in einer Szene plötzlich zwei Männer in weiten, bunten Cholita-Kleidern eine Art abstraktes Ballett tanzten... Allein das war schon das lange Anstehen in der Schlange wert.
Zum zweiten Mal im Theater waren wir vorgestern, im Theatro 3 de Febrero, zu einem unglaublich beeinruckenden Flamengo-Tanztheater 'Bernarda Albas Haus'. Glücklicherweise kannte ich auch dieses Theaterstück von zuhause, aber auch ohne den Plot vorher zu kennen, konnte man total gut folgen, da der größte Teil der Zeit mit superausdruckstarkem Flamengo gefüllt war und der Tanz auch ohne (spanische) Worte das meiste der Handlung verdeutlichte.
Plakate für das Sucre Festival International de Cultura
Unsere Volunteer-Gruppe aus Sucre zusammen mit einem tanzenden "Dämon"
einer Quechua-Tanzgruppe
In der Gastfamilie Mendieta fühle ich mich immer wohler und ich glaube, langsam kommen wir richtig an und fangen an, uns nach und nach ein bisschen wie zuhause zu fühlen. Ich habe jetzt eine geräumige, etwas staubige Holzkommode bekommen, habe die wenigen Möbelstücke im Zimmer ein bisschen umgeräumt, Fotos an die Wand gepinnt, meinem Kram überall verteilt und langsam richte ich mich ein, langsam fühlt es sich in dem kleinen Raum etwas heimeliger an.
Trotzdem sind wir ja quasi gerade frisch angekommen und noch ist alles ganz neu und jeder Tag bringt viele neue Dinge mit sich, sodass wir eigentlich nicht erwarten können, dass die alles von Anfang an so läuft wie wir es uns wünschen.
Morgen werde ich gemeinsam mit Jelena direkt nach dem Spanischkurs zum ersten Mal in unser Projekt gehen und endlich mit der Arbeit beginnen. Schon heute haben wir dem Projekt "Sayari Warmi - Levantate Mujer" einen Besuch abgestattet und durften mit den beiden leitenden Frauen der Organisation die verschiedenen Häuser des Sayari Warmi anschauen. Vor allem in dem Children Centre, das etwas außerhalb der Stadt in einem Randbezirk und damit etwas ländlicher liegt, fühle ich mich extrem wohl, da wir von dort aus einen atemberaubenden Blick auf die umliegenden Berge haben und die Luft im Gegensatz zur Innenstadt wunderbar sauber und auspuffgasfrei ist. Außerdem laufen ein paar kleine Schweine und einige Hühner auf der Straße herum und es gibt genügend Platz draußen um mit den Kindern morgens an die frische Luft und sogar in ein angrenzendes Wäldchen zu gehen.
Wir sind schon gespannt wie Flitzebögen, wie uns die Kinder (in einem Areal des Projektes von 2 bis 6 Jahre alt, in den anderen Teil von 7 bis ca. 13 Jahre alt) empfangen werden, wie wir uns verständigen können und wie wir uns am besten einbringen können. Offenbar gibt es eine Art festen Tagesablauf, aber vor allem am Nachmittag ist Zeit für kreative Aktivitäten, wo wir uns später gern auch mit eigenen Ideen einbringen dürfen.
Zum Abschluss noch kurz etwas zu meinem ersten Sonntagabend in Sucre - ohne Tatortgucken auf dem Sofa: Josh und ich haben es endlich geschafft und unsere Familienfotos von zuhause gezeigt, was unsere Gasteltern und unseren Gastgeschwistern sehr gefallen hat. Dann konnten wir (ganz stolz) unsere Gastgeschenke übergeben: englische Schokolade, ein selbstgeschriebener Brief von Joshs Mutter auf Spanisch, ein original Dresdner Christstollen und ein kleines erzgebirg'sches Holzteelicht für die Weihnachtszeit. Unsere Gastfamilie hat sich sehr sehr darüber gefreut und wir mussten versprechen, unseren Eltern ein ganz dickes Dankeschön zu sagen und sie unbedingt zu den Mendietas einzuladen.
Abgerundet haben wir den Abend dann noch mit einem gemeinsamen Brettspiel, was sich irgendwie total heimelig angefühlt hat, da wir zum ersten Mal so richtig entspannt Zeit mit unseren Gastschwestern Evangelina und Angela sowie mit Gastpapa Oswaldo verbringen konnten.
Jetzt muss ich noch ein paar unregelmäßige spanische Verben für den Sprachkurs wiederholen, damit die Spanischstunden sobald wie möglich Früchte tragen und unser Gestammel ein wenig flüssiger wird. :)


