Vergangenen Samstag war der 'dia
internacional del turismo' (internationaler Tourismus-Tag) und
deshalb wurde von einer Reiseagentur in Sucre ein Ausflug organisiert
zum Icla-Tal in der Provincia Zudañez, wo die gleichamige Ortschaft Icla liegt und wo man
verschiedene Aktivitäten wie Wandern, Klettern, Wildwasserrafting
etc. machen kann. Wegen des „Feiertages“ des Tourismus war dieser
Ausflug, bis auf das Busticket, kostenlos und deshalb haben wir
sofort zugeschlagen und uns angemeldet.
Nebenbei: scheinbar werden hier in
Bolivien ständig alle möglichen verschiedenen nationalen und
internationalen Tage zu Ehren von allem Ehrdenklichen (vom Tag des
Arztes über den Gründungstag des Departments Chuquisaca, vom Tag
der offenen Museen bis zum Frauentag) wahrgenommen, was bedeutet,
dass das Datum nicht einfach nur farbig im Kalender markiert ist,
sondern, dass es meistens eine Aktivität oder eine Festlichkeit
gibt, die mit diesem Feiertag in Zusammenhang steht. Und in den
allermeisten Fällen bedeutet das auch, dass einfach überall getanzt
wird oder es auf den Straßen Musik gibt, was mir sehr gefällt.
Jedenfalls an diesem internationalen
Tag des Tourismus mussten wir morgens im Dunkeln um 5.30 Uhr mit
Wanderschuhen, Schwimmsachen und schweren Augenlidern los, um den Bus
zu bekommen, der zu einer solch unchristlich frühen Morgenstunde die
Stadt verlassen würde, denn Icla liegt eine ca. dreistündige
Busfahrt entfernt von Sucre. Leider gewitterte es an diesem Morgen
furchtbar, inklusive monsunartiger Regengüsse, weshalb wir uns
wasserdicht einpackten und frösteln zur Bushaltestelle
losstiefelten, hoffend, dass der Regen aufhören würde.
Ganz gemäß der „Hora Boliviana“
(ein Ausdruck, der das etwas andere Zeitgefühl hier zum Ausdruck
bringt, was bedeutet, dass eigentlich nie irgendeine Veranstaltung in
unserem europäischen Pünktlichkeitsempfinden stattfindet) fuhr der
Bus dann aber doch nicht so furchtbar zeitig ab, sondern alles
verschob sich gut zwei Stunden nach hinten. Dafür lichtete sich aber
die dicke Wolkendecke und unsere Hoffnung auf einen warmen sonnigen
Tag flammte wieder auf.
Die Fahrt war ziemlich abenteuerlich,
denn als wir die letzte richtige Stadt Tarabuco hinter uns gelassen
hatten, führte nur noch eine anderthalb Autos breite staubige und
huckelige Sandpiste in mäanderähnlichen Serpentinen mit 18 Grad
Kurven an den Felshängen entlang und wir schlängelten uns eng an
den Bergen scheinbar in die Wildnis hinein. Ab und zu gab es eine
handvoll Häuser oder uns kam ein ebenso klappriger Minibus entgegen,
wie der, in dem wir durchgeschüttelt wurden. Irgendwann am Vormittag
erreichten wir dann die kleine Ortschaft Icla, die sogar einen
kleinen Marktplatz und eine Markthalle hatte. Dort kletterten wir aus
dem Bus und wurden von ein paar Guides empfangen, die für die
Tourismusagentur des Icla-Parques arbeiten.
Normalerweise mag ich solche
organisierten Touren nicht besonders, aber diese Aktion stellte sich
als wirklich abenteuerlich heraus und außerdem waren wir 5
Freiwilligen aus England, Österreich und Deutschland scheinbar die
einzigen „Nicht-Bolivianer“ - hauptsächlich Menschen aus dem
eigenen Land wollten sich diesen Canyon in Icla anschauen.
Wir stiefelten los, raus aus dem Kreis
der Häuser und mitten hinein in ein weitgehend ausgetrocknetes
Flussbett. Ich dachte erst, der Guide hätte nur gescherzt, als er
uns gesagt hatte, dass wir bitte alle Wertsachen im Bus lassen
sollten, weil wir bis zur Brust ins Wasser müssten, aber weit
gefehlt – wir kletterten durch das Flussbett und nach und nach kam
mehr Wasser dazu. Wir wateten hindurch, sprangen von Stein zu Stein,
doch an einigen Stellen war es schlichtweg nicht möglich trocken zu
bleiben. Doch als meine Wanderschuhe und meine Shorts einmal
vollkommen durchnässt waren, machte mir das Wasser auch nichts mehr
aus.
Es gab kleinere und größere
Stufen/Miniwasserfälle des Rio Icla, an denen wir teilweise in ein
Becken mit eineinhalb Meter tiefen Wasser springen mussten, teilweise
auf dem Po eine Art natürliche Wasserrutsche hinuntersausten.
Teilweise war das eine ganz schöne Überwindung! Aber die Guides aus
Icla griffen den Ängstlicheren immer unter die Arme und sogar ein
kleines Mädchen von vielleicht 10 Jahren, das nach ihrer Mutter
rief, traute sich, durch eine besonderns tiefe, kälte Stelle zu
schwimmen. Wir kletterten die Felsen entlang und ich freute mich wie
ein kleines Kind an Weihnachten, andere Wege über die Steine zu
finden, die manchmal nur eine Armlänge breiten Steingassen
entlangzukraxeln, es war wie ein riesiger Abenteuerspielplatz!
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| Der Canyon, den wir entlanggewandert, durchwatet und -geschwommen sind - allerdings nicht oben, wo die wasserscheuen Menschen im Bild langlaufen, sondern ein paar Meter tiefer, unten im Wasser! |
Auch die Gruppe, mit der wir unterwegs
waren, hatte total Spaß und auch erwachsenen Leute ließen sich
jauchzend von den Steinvorsprüngen ins Wasser platschen, wir hatten
wirklich Spaß.
Leider waren meine globigen
Wanderschuhe so mit Wasser vollgesogen, dass es sich anfühlte, wie
mit Betonschuhen zu laufen und zu waten, aber als die Sonne sich
endlich durch die vielen Wolken gekämpft hatte, war es wirklich warm
und das Laufen viel gleich leichter.
Nach knapp zwei Stunden Fußmarsch und
Gekletter wurde der Flusslauf hinter eine besonders engen Biegung
wieder breiter und wir kletterten über trockene Felsen zurück eine
Böschung hinauf, hinter der wir wieder die Ortschaft erreichten.
Nach einer ausgedehnten Mittagspause,
in der wir uns noch mit Lollis und Keksen für die Rückfahrt
versorgten, fuhren wir ein kleines Stückchen außerhalb von Icla zu
einem anderen Fluss, der aber richtig mit Wasser gefüllt war. Dieser
Fluss lag mitten in einer Ebene, die von kilometerhohen Felswänden
und Berghängen umgeben war und um den Fluss herum gab es relativ
viele saftig grüne Bäume und einen unglaublichen Blick auf die
Natur herum im warmen Licht der Nachtmittagssonne.
Wir schleppten große schwarze
aufblasbare Reifen zum Fluss (dieselben, die man von den
Wasserrutschen im Hallenbad kennt) und dann konnten wir uns auf den
Reifen im Fluss treiben lassen, die kleinen Ministromschnellen ließen
meinen Reifen hüpfen und ich kreiselte flussabwärts mit nur
begrenzter Kontrolle über die Richtung – das Ganze nennt sich
Tubing. Da der Fluss aber nicht besondern aggressive und aufwühlende
Stromschnelle aufwies, war das eher ein entspanntes
Vor-sich-hin-treiben, wobei man die Umgebung genießen konnte.
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| Das bin ich, in einem Reifen auf dem Flüsschen kreiselnd |
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| Zusammen mit Stephanie, Oscar, Bernadette, Jelena und Josh (v.l.n.r.) - unsere aktive Freiwilligengruppe durchnässt und ein bisschen bibbernd an einem Nebenfluss des Flusssystems Rio de la Plata |
Als die Sonne weg war, wurde es auch
schnell kalt, und dadurch, dass unsere Schuhe immer noch vor Wasser
trieften, waren wir froh, als wir uns im Bus unsere (halbwegs)
trockenen Wechselklamotten überziehen konnten und dann die Rückreise
antraten.
Anmerkung zur Busfahrt: wenn man einen
schwachen Magen hat und schon in Deutschland längere
Überlandbusfahrten nur mit einer Familienpackung Reisetabletten
übersteht, für den wären diese Busfahrten durchs bolivianische
Land vermutlich die Hölle. Es holpert und vibriert die ganze Zeit,
man wird hin- und hergeschüttelt, halb auf den Schoß seines
Nebenmannes geworfen und von Dämpfung haben diese Busse auch noch
nie etwas gehört. Für all die Schlaglöcher und ruckartigen
Bremsungen entschädigt aber fast immer die Landschaft, durch die man
fährt. Atemberaubende Gebirgszüge, oftmals senkrecht abfallende
Hänge direkt neben der „Straße“, Schafherden oder wilde Kühe,
die den Bus anmuhen oder quer über die Straße rennen. Nur nach den
hier so verbreiteten Alpakas habe ich bis jetzt vergebens Ausschau
gehalten...
Als Josh und ich abends ziemlich
durchgefroren und müde zuhause ankamen, zog es uns direkt unter die
heiße Dusche und danach zwängte uns unsere Gastmutter noch einen
heißen Zitronentee auf, weil sie uns vor der nächsten Erkältung
bewahren wollte.
Insgesamt war es leider eine ziemlich
lange Busfahrt, dafür, dass wir gar nicht so viel Zeit in Icla
verbracht haben, aber für diese Canyon-Schwimm-und-Kletter-Wanderung
in dieser verlassenen Felslandschaft hat sich die abenteuerliche
Fahrt wirklich gelohnt.














