Mittwoch, 18. Januar 2017

Chile – Vom Wellenreiten ins Neue Jahr, meinen ersten Geysiren und vom Mountainbiken in der Atacamawüste

Gleich nach Weihnachten sind wir aufgebrochen zur bisher längsten Reise, die wir hier gemeinsam gemacht haben – über Neujahr ging es für 10 Tage nach Chile! Wir waren alle superaufgeregt und voller Vorfreude, vor allem, weil es zum ersten Mal zum Pazifik ging. Über Oruro sind wir nach Iquique gefahren, einmal hindurch durch die Anden und dann bis zum großen Wasser (das Einzige, was man landschaftlich in Bolivien vermissen kann – Meer). Bis zur chilenischen Grenze ging es durch weite und recht karge Steppenlandschaften mit grasen Lamas, in der Ferne eingekesselt von riesigen Gebirgsketten mit Schnee auf den Kuppen – der Hinweis, dass wir ganz schön weit oben im Gebirge sind. In der Grenzstation Colchane auf 3800 Metern ü.d.M. hieß es eineinhalb Stunden an der Pass- & Zollkontrolle anstehen und es gab einen schicken Chile-Stempel im Reisepass. Nur, warum ich mein Stückchen Gurke und den Apfel weder mitnehmen, noch direkt vor den Augen der Zollbeamten aufessen durfte, blieb mir schleierhaft. (Vor allem, da es bei der Rückkehr nach Bolivien niemanden interessierte, was in unseren Rucksäcken war und Quinoa und Erdnüsse scheinbar kein Problem darstellten)
Nach der Grenzüberquerung ging es weiter auf der Ruta del Desierto („Wüstenstrecke“) und genau so sah es auch aus: Sand- und graue Steinwüste, ein bisschen wie im Tagebaugebiet. In weniger als drei Stunden fuhren wir also von 3800 m über Null auf Meeresspiegelhöhe hinunter. Als wir in der Abendsonne hinter einem der letzten sandigen Berge hervorbogen, sind alle von unserer Gruppe nur voller Aufregung und lautstark aufgesprungen, um besser sehen zu können, worauf wir alle gewartet hatten: den Pazifik.

Der abendliche Ausblick von der Hostelterrasse

Wir kommen abends im Hostel an, eine sehr hübsche Backpackerunterkunft, modern mit funktionierendem Wifi, das Personal hat super Englisch gesprochen (was für uns echt ungewohnt war, da in Bolivien so gut wie niemand Englisch spricht). Zum ersten Mal, seit ich in Südamerika bin, habe ich mich wie ein richtiger Backpackertourist gefühlt...
Iquique ist eine typische Touristenstadt am Meer, Hochhäuserbauten und Hotelblocks nah am Strand, vielen teuren Restaurants, einer Promenade, Strandschirmverleihen, aber mit sehr gepflegten Straßen und so gut wie gar keinen streunenden Hunden. Insgesamt fühlt sich Iquique superwestlich an, natürlich sind wir aus Sucre einfach keine breiten Avenues oder riesige Hochhäuser gewohnt, aber dieser riesige Supermarkt in doppelter Kauflandgröße, das megagroße Shoppingcenter und die Tatsache, dass man Obst und Gemüse exorbitant teuer im Supermarkt kauft und nicht auf einem großen, unübersichtlichen Mercado bei seiner Stammverkäuferin den Preis herunterhandelt, und, dass scheinbar alles zu Nestle gehört, das war schon ein kleiner Schock. Selbst an einem kleinen Laden an der Straßenecke gibt es ernsthaft für jedes Produkt Preisschilder - Ich hatte total vergessen, wie große Städte funktionieren.
Leider waren auch die lästigen Pfiffe und „Gringita-Sprüche“ auf der Straße viel schlimmer als in Sucre, aber dafür gab es richtigen geregelten Straßenverkehr und allen Ernstes funktionierende Zebrastreifen! Jedes Mal, wenn ein Auto angehalten hat, um mich über die Straße gehen zu lassen, habe ich mich wie ein kleiner VIP gefühlt (in Sucre wird man jeden Tag mehrmal beinahe über den Haufen gefahren und muss sich schnell auf einen Fußweg retten, da würde niemand auch nur daran denken, anzuhalten).

Überall Warnschilder und ein zehnschrittiger
Notfallverhaltensplan im Hostel - doch von den Tsunamis sind wir zum Glück verschont geblieben
Den ersten Morgen am Meer nutze ich für ein kleines Läufchen am Strand, als die Sonne noch nicht so knallt. Den Vormittag liegen wir am Strand herum (keine gute Idee, denn selbst mit einem halben Kilo Sonnencreme verbrutzelt dich die Sonne komplett...) Nachmittags machen wir spontan einen Surfkurs kurzes Jogging & WarmUp am Strand, in den Neoprenanzügen sehen wir aus wie Außerirdische. Die Trockenübungen mit dem Surfbrett an Land machen mich vermeidlich Glauben, dass Surfen doch ganz einfach wäre – falsch gedacht. Im Wasser ist es etwas frustrierend, wir können alle kaum auf dem Brett aufstehen, nur ab und zu klappt es mal für ein paar Sekunden. Trotzdem macht es superviel Spaß, auch wenn mich jedes Mal, wenn ich ins Wasser klatsche, die Wellen vollkommen mitreißen, diese Strömung ist der Wahnsinn.

Noch frisch und munter vor dem Surfen


An diesem etwas weiter entfernten Strand waren deutlich weniger Leute - genug Platz
für einen schönen langen Strandspaziergang

Die folgenden Nacht wird eine Qual: abends merke ich einen dermaßen krassen Sonnenbrand, quasi überall auf meinem Körper (außer im Gesicht, zur Abwechslung mal), wie ein leuchtend roter Hummer, den man in kochendes Wasser geworfen hat. Am schlimmsten sind Beine und Kniekehlen, da sowohl laufen als auch sitzen höllisch weh tut und es eigentlich keine Seite gibt, auf der ich liegen kann...
Morgens ist es fast noch schlimmer, ich muss ganz schön die Zähne zusammenbeißen beim in der Stadt herumschlendern und für Sylvester einkaufen. Wir kochen gemeinsam in der Hostelküche und setzen uns nach dem Abendessen auf die Dachterrasse, eine Art Hochsitz, wo vom höchsten Stockwerk nur eine schmale Holzstiege hinaufführt. Dort oben gucken wir (mit Blick auf den Pazifik) mit dem Tablet von Josh „Dinner for One“, was überraschenderweise die drei Freiwilligen aus der UK nicht kennen. Danach schnappen wir uns den Anstoßsekt für Mitternacht und laufen zur Promenade, wo schon unglaublich viele Menschen warten. Es gibt eine große Bühne, einen abgesperrten Strand, einen Countdown um Mitternacht und ein wunderhübsches Feuerwerk direkt über dem Wasser. Nachdem wir uns alle umarmt haben, bilden wir einen Kreis, fassen uns an den Händen und singen aus voller Kehle „Auld Lane Syne“, eine alte Tradition in der UK. Wir tanzen in der warmen Neujahrsnacht und singen später, als ganz viele Leute schon gegangen sind noch ein paar Mal das Lied, auf Englisch und auf Deutsch, was so im Kreis zusammen fast ein bisschen was spirituelles hat. Die Leute herum klatschen begeistern und plötzlich kommt ernsthaft das Kamerateam eines chilenischen Fernsehsenders und möchte ein Interview.
Zurück im Hostel sind wir schon beinahe beim in Bett Gehen, da hat plötzlich jemand die grandiose Idee: „Ab ins Wasser, lasst uns schwimmen gehen“. Der Strand ist mittlerweile wieder freigegeben und kaum jemand ist nah am Wasser – also rennen wir um vier Uhr morgens am 1. Januar im Stockfinsteren in die kalten Wellen hinein und singen nochmal aus vollem Hals „Auld Lane Syne“. Definitiv das Verrückteste, was ich bis jetzt in einer Silvesternacht getan habe.





Am 2. Januar fahren wir über Nacht nach San Pedro de Atacama, in einem richtigen Luxusbus (für bolivianische Verhältnisse) mit Ledersitze und Fahrer in weißem Hemd und Weste. Nachts um eins gibt es plötzlich einen Stopp, eine vollkommen unverständliche Gepäckkontrolle mitten im Nirgendwo, weg von jeglicher Stadt, alle müssen raus aus dem Bus und jedes Gepäckstück wird auf einem flughafenähnlichen Gepäckrollband durchleuchtet. Niemand möchte uns verraten, was das genau war, scheinbar aber wurde nach Drogen gesucht. Mit einem Zwischenstopp morgens um 4 bis um 8 in Calama kommen wir gegen um 11 am nächsten Morgen in San Pedro de Atacama an. Nur Wüste, so weit das Auge reicht Sand, zackige Felsformationen, stacheliges Wüstengras, doch kurz vor dem Oasendörfchen San Pedro tauchen kleine Büsche auf, stacheliges Gestrüpp und sogar ein paar Bäume. Es gibt enge Gassen mit festgestampftem, staubigem Boden und Häuser aus Lehmziegeln, ab und zu weißgetüncht. Wir stapfen zu unserer AirBnB-Unterkunft: eine Art großer Garten mit Freilufttöpferwerkstatt, mehreren kleinen Häusern mit jeweils einem Raum zum Schlafen, sehr gut funktionierenden Duschkabinen, Wäscheleine, Grill und erstaunlicherweise mit funktionierendem Wlan – hier „en el medio de nada“. Superruhig mit hohen Bäumen und die Besitzer sind superliebe junge Leute mit einem kleine Sohn. Ich verliebe mich sofort in diesen Ort, so angenehm wie es dort ist.
An diesem Nachmittag entscheiden wir uns gleich, einen Halbtagsausflug ins Valle de la Luna (das Tal des Mondes) zu machen. Leider muss man hier in San Pedro beinahe alles über Reiseagenturen buchen, da die allermeisten Orte zum Besuchen recht weit außerhalb ist und man nur mit einem Auto hinkommt. Zwar könnte man auch selbst hinfahren, müsste aber trotzdem den Nationalparkeintritt bezahlen und hätte keinen Tourguide. Wir fahren also am frühen Nachmittag in dieses Tal des Mondes, das deshalb so genannt wird, da das Tal eine einzige Mondlandschaft ist, Wüste, Sand, zackige Felsen, riesige Dünen und der Boden teilweise sogar mit einer weißen Schicht überzogen, die von Weitem nach Schnee aussieht, sich in Wirklichkeit aber als Salz herausstellt (ich habe ein Steinchen extra einer Kostprobe unterzogen). Auch die salzverkrusteten Felsformationen sehen aus wie mit abstrakten Eisblumen bewachsen. Uns wurde erklärt, dass es im Valle de la Luna quasi keinerlei Leben gäbe, nur ein paar vereinzelte Bakterienarten – den hier in der Atacamawüste sind wir am trockensten Ort des gesamten Planeten.


Das Schild verbietet den Zutritt,
ein bisschen herumklettern musste ich aber trotzdem...

Vom Regen (ja, aller Jubeljahre gibt es doch mal Niederschlag) ausgewaschenes Salz

Wir fahren mit dem Auto herum, steigen immer wieder an bestimmten Stellen aus, um uns zum Beispiel die Steinformation „Die drei Marias“ oder eine alte Salzabbaustelle anzuschauen, und krabbeln sogar durch eine Art niedrige Höhle mit salzüberzogenen Wänden. Wir klettern eine sonnenverbrannten, sandig-rutschigen Weg hinauf bis auf eine riesige Düne, die oben wie versteinert ist, sodass man ein bisschen trittfesten Untergrund zum Herumkraxeln hat. (Natürlich gibt es keinerlei Absperrung.) Man kann hier auch Sandboarden, allerdings nur in den Dünen des benachbarten Valle de la Muerte (Tal des Todes). Von „unserer“ Düne hat man einen wunderschönen Überblick über das gesamte Tal, über die vollkommene Kargheit, alles sieht so leblos aus, so wie man sich die Mondoberfläche vorstellt.

Doch mal ein kleines Stückchen Seil, lose in den Sand gesteckt



Hier die salzverkrustete "Mondoberfläche"

Als die Schatten länger werden, machen wir uns an den Abstieg und fahren mit dem Auto raus aus dem Tal auf eine andere Bergkuppe hinauf, um von einer Art Plateau aus den Sonnenuntergang über der Wüste anzugucken. Dort treffen wir auf ziemlich viele Leute, die teilweise mit Sektgläschen in der Hand darauf warten, dass die Sonne hinter den Bergen abtaucht. Wir müssen auch nicht lange warten, ich setze mich ganz nah an die Felskante, der starke Wind weht uns die Haare und ein paar Sandkörnchen ins Gesicht, und dann versinkt die Sonne auf einmal unglaublich schnell hinter dem Horizont, es dauert nur Sekunden, bis sie die Berge in der Ferne verschluckt haben. Ganz schnell wird es wüstenklima-typisch frischlich und wir fahren zurück nach San Pedro.




Am nächsten Tag wollen wir das Geysirfeld „El Tatio“ anschauen, welches die höchsten Geysire der Welt auf ca. 4300 m ü.d.M. beherbergt. Dafür müssen wir um 4 Uhr morgens aufstehen, denn bis zu den Geysiren sind es zwei Stunden Autofahrt und wir wollen den Sonnenaufgang dort erleben. Natürlich kann ich während der Fahrt nicht nochmal einschlafen, weshalb ich in der Dunkelheit versuche, die schemenhaften Berge zu erahnen. Langsam dämmert es und beleuchtet die sich mäandrig-schlängelnde Dirtroad durch durchs staubige wüste Nirgendwo.
Als wir am Geysirfeld ankommen und ich mit meinem kurzen Sportshorts nach Draußen klettere, wird mir klar, wieso uns gestern gesagt wurde, wir sollten besser lange Kleidung mitnehmen – es sind 2 Grad Minus, mein Atem bleibt in der klirrend frostigen Luft schweben. Ich dachte ja, wir bräuchten lange Klamotten, um uns gegen die Sonne zu schützen, so wie gestern im Tal des Mondes, aber das es Minusgrade geben wird hier oben, damit habe ich natürlich nicht gerechnet (hätte man sich aber denken können, bei der Höhe). Wir bibbern alle und versuchen, uns so gut es geht einzuwickeln in alles, was wir mithaben, einschließlich Handtücher. Und ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, Sandalen anzuziehen... Der atemberaubende Anblick dieses Geysirfeldes entschädigt aber für jegliches Zähneklappern: in der Morgenkälte mit dem noch spärlichen Sonnenlicht sieht man besonders schön die Dunstwolken, die überall über die Weite verteilt aus den heißen Geysirlöchern, den Minikratern, aufsteigen. Rundherum sind die Berghänge recht kahl, nur mit einigen steppengrasartigen Büscheln bewachsen. In der Ferne können wir sogar den „Ojos del Salado“ sehen, den höchsten aktiven Vulkan der Welt auf 6893 Metern ü.d.M. 





Es gibt einen (diesmal gekennzeichnet und halbwegs abgesperrten) Weg, dem wir folgen müssen, um die verschieden großen Geysire zu bewundern. Es sind keine meterhohen Fontänen, denn dafür ist es nicht kalt genug. Im chilenischen Winter aber bei ca. -15 Grad morgens können die Geysire bis zu 20 Meter hoch spritzen. Heute sind es „nur“ kleine und große Erdlöcher, wo das Wasser kocht und ab und zu ohne Vorwarnung bis ca. einem halben Meter hochspritzt. Schon das ist aber ziemlich eindrucksvoll, zumal über das gesamte Geysirfeld die Wasserdampfschwaden schweben und die Morgensonne langsam aber sicher hinter den Bergen hervorklettert. Diesen Wasserdampf sollte man lieber nicht direkt einatmen, da er schädliche Gase enthält und in großen Mengen giftig sein kann – was mir natürlich erst gesagt wird, nachdem ich ein paar Mal ordentlich tief inhaliert habe in der Hoffnung, der Dampf sei gut für die Atemwege...

So sieht ein Geysir aus, der grad zum nächsten Wasserspucken Luft holt


Hier blubbert statt Wasser kochendheißer Schlamm


Als uns die ersten wärmenden Strahlen treffen (welch Erlösung nach der schon schmerzenden Gänsehaut auf meinen Beinen), kehren wir zu Auto zurück, packen einen Klapptisch, Thermoskannen und Picknickkorb aus und frühstücken mit Kuchen, Kaffee, Keksen, Saft und gekochten Eiern im ersten Sonnenschein des Tages.
Sobald die Sonne das Geysirfeld berührt, verkleinern sich die blubbernden und spritzenden Geysire, da es schnell zu warm wird, am morgens um 10 Uhr sind sie ganz verschwunden.



Sogar Lachmöwen fühlen sich hier in der Nähe der Geysire wohl

Wir fahren ein kleines Stückchen weiter bis zu einer Thermalquelle, die als natürlich beheizter Minibadesee umfunktioniert wurde. Bibbernd laufen wir in Badesachen zum Schwimmbecken und lassen uns hineingleiten. Seltsamerweise ist das Wasser auf der einen Seite zur lauwarm, aber auf der anderen Seite, von wo die beiden Minigeysire unterirdisch das Becken speisen, kommt in unregelmäßigen Abständen ein Schwall so kochendes Wasser geschwappt, dass man sich beinahe im Minutentakt wie ein kleiner Hummer fühlt, der lebendig überbrüht wird. Ich kann richtig spüren, dass es eben kein künstlich beheizter Pool ist, und der Sand unter meinen Füßen wird auch manchmal so heiß, dass mir fast die Fußsohlen anschmoren, wenn ich mich nicht schnell in den kühleren Bereich rette.
Wieder trockengerubbelt und aufgewärmt machen wir uns auf den Rückweg, bleiben oft stehen um die sich schnell verändernde, nun viel grünere Landschaft anzugucken und uns in die Nähe von ein paar grasenden Lamas zu wagen. Offenbar gibt es aber verschiedene Arten von Lamas, denn zum Beispiel die Guanacos, die größer und fell-/fleischreicher sind, sowie die Vicuñas, kleiner und schlanker, sind Wildarten und unterscheiden sich damit von den domestizierten Lamas & Alpakas, die hier in der Herde meist eine Ohr- oder Halsmarke besitzen. Es ist also kein Klischee – wenn man durch diese Hochebene fährt, kann man aller Nase lang grasende Lamas entdecken (meine Theorie ist, dass sie nur so weit den Abstand halten, wie sie spucken können).
Ein weiteres tierisches Highlight abgesehen von den Lamas: als wir um eine Kurve biegen, liegt dort plötzlich ein kleines flaches Gewässer vor uns, in dem eine ganze Gruppe Flamingos herumstakst! Leider dürfen wir aus Naturschutzgebietsgründen nicht viel näher heran, aber dass auf mehr als 4000 Metern Höhe diese dürren, zierlichen Tiere leben können, ist wirklich eindrucksvoll.


Ganz friedlich grasen die Lamas neben der Straße,
trotzdem muss ich nicht unbedingt auf Tuchfühlung mit ihnen gehen...

Ganz aus der Ferne, aber ich gebe mein Wort - es sind wirklich Flamigos dort im Wasser!
So fahren wir zurück nach San Pedro, in der Umgebung tauchen ganz viele riesige Kakteen auf, so wie ich sie mir in Texas vorstelle. Wir machen kurz Halt an einem anderen Minidörfchen, dass eine hübsche, grasgedeckte Kirche besitzt und wo für hungrige Touristen frisch gegrillter Lamaschaschlik verkauft wird, vermutlich direkt aus den friedlichen Herden weggefangen, die wir ein paar Minuten vorher beim seelenruhigen Grasen beobachtet haben...
Zurück in der AirBnB-Unterkunft gammeln wir den restlichen Nachmittag in der Wüstenhitze herum, kochen uns abends ein Süppchen und genießen es, in der nächtlichen Kühle draußen in dem Garten zu sitzen. Leider sind hier in San Pedro alle Restaurants exorbitant teuer, da zum einen alle Lebensmittel direkt in die Wüste gebracht werden müssen, zum allen natürlich wegen dem üblichen Touristen-/Gringoaufschlag. Deshalb ist es superpraktisch, sich selbst bekochen zu können, und sei es nur eine aufgepeppte Tütensuppe, die gleich das Campingfeeling wieder aufflammen lässt.

In den nächsten beiden Tagen machen wir unter Anderem noch einen geführten „Stadt“rundgang durch San Pedro mit, wobei uns sehr viele interessante Dinge über die Gründung des Dorfes erzählt werden und über die Atacameños, die ursprünglichen indigenen Einwohner. Die alte Kirche San Pedros zum Beispiel wurde aus Kaktusholz gebaut, was zwar ein bisschen löchrig aussieht, aber wahnsinnig stabil und unglaublich halt ist, da Kakteen im Schnitt nur ein bis zwei Zentimeter pro Jahr wachsen. Auch hatten die Einwohner dieses Landstreifens früher weder Hammer noch Nägel um das Holz aneinander zu nageln, weshalb kurzerhand die sehr robuste und reißfeste Sehne aus dem Hals eines Lamas zum Bau verwendet wurde. 
Auch wurde uns erzählt, dass der höchste Berg, den man direkt von San Pedro aus sehen kann, „Licancabur“ genannt wird (~“Berg des Volkes“), denn die Atacameños glaube, dieser Berg beschütze das Dorf und die Menschen.

Auch die Kirchenpforte ist mit den Lamasehnen befestigt; durch jahrelanges Trocknen
sind diese ehemals weichen Sehnen wie verholzt und extrem hart geworden

Leider leider ist es während unserer letzten beiden Nächte hier immer bewölkt, angeblich wegen des „Bolivianischen Winters“, was bedeutet, dass wir unserer so sehr ersehnte Astronomietour in der Wüste nicht machen können. Das ist superschade und ich bin sehr enttäuscht, denn gerade hier in der Atacamawüste, wo es beinahe das ganze Jahr einen wolkenlosen Himmel gibt, bietet sich das Sterne- & Planetenbeobachten total an und es gibt sogar extra eine besondere Astronomiestation mitten in der Wüste, mit den besten Teleskopen.

Dafür leihe ich mir am letzten Nachmittag ein Fahrrad aus, megadicke Querfeldeinreifen und es gibt sogar einen Helm und eine Luftpumpe dazu. Ich fahre zur „Garganta del Diablo“, einer mäandrig-verkurvte Felsschlucht mit sandigem Boden und teilweise so schmalen Stellen, dass ich das Mountainbike ab und zu ein kleines Stückchen tragen muss. Tatsächlich begegnet mir knapp zwei Stunden kein einziger Mensch in dieser Schlucht, ich genieße die Ruhe sehr an diesem frühen Nachmittag.



Blick zurück auf den sich schlängelnden Weg

Auf der Rücktour - ein bisschen im Zickzack um herumstreunende Kühe und eine kleine Schafherde - treffe ich wieder auf die ersten Radler und Wanderer und folge dann auf Gut Glück einem Schild, dass nur „Tunnel“ sagt. Nur diesen kilometerlangen, sehr steilen Aufstieg hätte ich nicht erwartet – der Weg, der sich eigentlich gar nicht Weg nennen sollte, ist buchstäblich zugeschüttet mit großen Felsbrocken, Geröll und tiefem Sand, was den Aufstieg ziemlich beschwerlich macht (vor allem mit meiner nicht existierenden Mountainbikeerfahrung). Endlich oben angekommen führt wirklich ein ca. 200 Meter langer tiefschwarzer Tunnel mitten durch den Fels hindurch und auf der anderen Seite komme ich hinaus auf eine Art Hochplateau, von wo aus ich das letzte Stückchen bis zum Felskamm zu Fuß gehe. Von dort aus hat man einen wunderschönen Blick uns Tal unten, auf den Weg, den ich mit dem Rad hinausgekommen bin und auf die grüne Oase San Pedro. Als der Wind auffrischt und mir eine kleine wirbelnde Windhose den Sand in de Augen treibt, mache ich mich an den Abstieg, der runterzu noch viel beschwerlicher ist als hinaufzuradeln da ich die ganze Zeit superkonzentriert auf den Bremsen stehe, um nicht hinzufallen.



Der Blick von oben auf bereits grüne Tal, was zur Oase San Pedro führt...

...und die Aussicht zur anderen Seite - karge Felsen & Steinwüste.

Die letzte Nacht dürfen wir zum Glück noch in einem der Zimmer bleiben, an Schlaf ist sowieso nicht zu denken, denn der Bus zurück nach Bolivien geht um 3 Uhr morgens. Supermüde kommen wir frühmorgens an der bolivianischen Grenze an, einem alten Eisenbahnfriedhof, wo wir zwar einen unnötig langen Visacheck über uns ergehen lassen müssen, es aber dafür weder Zoll- noch Drogenkontrolle gibt.

Abends um 10 kommen wir endlich nach mehr als 18 Stunden Fahrt in drei verschiedenen Bussen ziemlich fertig in Sucre an und wollen nur noch nachhause, duschen und Zähneputzen. Bei mir meldet sich ein bisschen der Katzenjammer – es war so schön, ich hätte locker noch ein paar Tage länger unterwegs sein können, zumal wir soviele verschiedene Dinge gesehen und erlebt haben. Ein bisschen wehmütig schaue ich die mitgebrachten Muscheln und den Wüstensand in meinen Schuhen an... aber es wird ja bald eine neue interessante Reise kommen, und für den Moment ist es auch ganz schön, wieder in Sucre anzukommen.

Montag, 9. Januar 2017

Weihnachtsnachtrag - Feliz Navidad atrasada!

Etwas verspätet aber dafür noch im „ordentlichen“ deutschen Januar-Schneesturmwinter kommt jetzt hier mein bolivianischer Weihnachtsbericht. Da wir direkt nach Weihnachten über Silvester nach Chile gereist sind und erst am letzten Wochenende wieder nach Sucre zurückkamen, war eher leider keine Zeit.

Meine Advents- und Vorweihnachtszeit hier auf der Südhalbkugel war sehr sommerlich und damit wettertechnisch gesehen das genaue Gegenteil von den Vorweihnachtswochen in Deutschland. Wir hatten wunderschönes sonniges Sommerwetter, weshalb es für mich ziemlich schwierig war, in Weihnachtsstimmung zu kommen, wenn man „Last Christmas“ vor sich hin summt und dabei einen halben Meter dick die Sonnencreme auftragen muss. Außerdem ist man ja von zuhause gewöhnt, dass es schon Ende Oktober Spekulatius und Adventskalender zu kaufen gibt und dass wir uns immer beschweren, wenn die Geschäfte trotz schönstem Herbstwetter schon viel zu zeitig die Weihnachtsdekoration rausholen. Hier in Sucre ist das eher umgekehrt – zwar gibt es in vielen Schaufenster kleine Weihnachtsmänner und Tannenbäume, aber das hatte sich erst Mitte Dezember richtig entfaltet, reichlich spät also. Darüberhinaus war die meiste Deko zum Haareraufen kitschig, blau-lila-blinkend oder schlichtweg vollkommen übertrieben künstlich. Was hat bitte eine in Neonfarben strobolichtartig-flimmernde Schlauchlichterkette mit einem besinnlichen Weihnachtsfest zu tun? Was ich sehr witzig fand, war die Tatsache, dass beinahe jede Weihnachtdekoration mit Schnee, Kälte und dick eingemummelten Weihnachtsmännern zu tun hatte, was für uns natürlich vollkommen normal, aber hier in Bolivien eigentlich total unpassend ist, da Weihnachten ja im Hochsommer gefeiert wird.
Natürlich gab es auch ein paar hübsche Weihnachtsbeleuchtungen wie zum Beispiel die (nicht blinkenden!) Lichterketten, mit denen die Bäume auf dem zentralen Plaza umwickelt waren, oder auch der Lichterkettenbogen im Parque Bolivar, unter dem man durchlaufen konnte. Nachts wenn ich in der Stadt herumgelaufen bin, „Happy Xmas, war is over“ von John Lennon vor mich hingesungen habe, zuhause das Adventskalendertürchen aufgemacht und eine Räucherkerze angezündet habe, dann kam schon so ein bisschen die Weihnachtsstimmung, aber die ruhige Besinnlichkeit, die man von zuhause kennt, ließ leider auf sich warten.

Die unfestliche Seite der Vorweihnachtszeit hier in Sucre war leider die Tatsache, das ganz viele Familie mit ihren Kindern aus den ländlichen Gebieten in die Stadt gekommen sind, scheinbar in der Hoffnung, dass sich die Leute in der Stadt vor Weihnachten etwas mehr an Nächstenliebe, Güte und Großherzigkeit erinnern und diese Menschen aus den Pueblos mit Essen oder Geld bedenken. Beinahe an jeder Straßenecke lagen und saßen deshalb ganze Großfamilien, die die vorbeilaufenenden Menschen um Almosen, um ein paar Münzen baten. Auch habe ich ein paar Mal straßenlange Schlangen von Leuten gesehen, die sich scheinbar für Spenden oder vielleicht sogar für kostenlos verteilte Canastone angestellt hatten.
Kurz zur Erklärung: Ein Canaston ist eine Art großer Geschenkekorb (oft einfach eine große Schüssel oder eine Plastik-Babybadewanne), den viele Familien zu Weihnachten erhalten, zum Beispiel von ihrer Arbeit, von Organisation und Einrichtungen, für die sie gearbeitet haben o.ä. Dieser Canaston kann gefüllt sein mit den verschiedensten Dingen, die ein Haushalt gebrauchen kann, zum Beispiel mit Paneton, Wein, Schokolade, Thunfisch, Rosca navidena, Nudeln, Mayonäse, Butter, Saft, Kekse und sogar ein ganzes Huhn kann darin sein. Der genaue Inhalt aber bleibt bis zum Empfang des Canastones geheim und ist immer eine Überraschung.


Paneton im Supermarkt

Am vierten Adventssonntag sind wir in das kleine Santa Clara Cafe gegangen, wo wir bei Paneton (eine Art fluffiger hoher Stollen), Vanillekipferl und Zimtplätzchen ein bisschen Adventsstimmung für uns herbeigezaubert und über die „richtigen“ Weihnachtsmarkt-Striezel gefachsimpelt haben. Außerdem haben wir unter uns Freiwilligen gewichtelt, was ziemlich lustig war und mich für drei Stunden in einen Buchladen verschlagen hat (nicht ganz uneigennützig), auf der Suche nach einem Geschenk für mein Wichtel.
Insgesamt wird hier recht viel Wirbel um Weihnachten gemacht, aber letztendlich war das eigentliche Fest recht unspektakulär. Beeindruckend war am Tag vor Heiligabend aber die riesige Tanzparade auf der größten Avenida der Stadt, eine Art Umzug mit hunderten verschiedenen Tanzgruppen kostümiert wie Schnee- und Weihnachtsmänner, in Geschenkeverpackungs- und Weihnachtswichteloutfits, als Weihnachtskuchen, Paneton, Engel und Zuckerkringel. Alle haben stundenlang zur selben Musik tanzend ihre Runden gedreht, typisch ist hier zu Weihnachten der Chuntunqui-Tanz zu lauter, quirliger, sich scheinbar endlos im Kreis drehender Musik, die man schon vor den Weihnachtsfeiertagen an jeder Straßenecke hören kann und mir irgendwann etwas auf die Nerven ging. Dieser riesige, furchtbar laute, bunte Weihnachtsumzug war eine Wucht, keine Frage, und wirklich beeindruckend anzusehen, Respekt an die Tänzer. Anders als bei uns zuhause ist diese Weihnachtsstimmung aber eher wenig besinnlich, dafür eben wie ein großes Volksfest mit Bühne, Tombola und verkleideten Weihnachtsmännern, die Bonbons in die Menge werfen, ein bisschen wie beim Carneval.
Am 24. Dezember kamen abends drei andere Freiwillige zu unserer Gastfamilie, denn wir hatten die Mädels aus dem Apartement zu Weihnachten zu uns eingeladen, da sie selbst keine Familie hier haben und Heiligabend so allein vielleicht ein wenig trostlos gewesen wäre – zusammen ist es sowieso lustiger, und nach diesem Motto standen wir zu fünft am Heiligabend also viele Stunden lang in der Küche, um das Weihnachtsabendessen für die ganze Familie zu zaubern: es gab eine mit Avocado-Knoblauch-Käsecreme gefüllte Kürbisroulade mit Backkartoffelecken und als Nachtisch eine Rosca Navidena (Weihnachtsfrüchtebrot). Traditionell ist man um Mitternacht zu Abend und stößt mit Sekt auf den beginnenden Weihnachtstag (den 25. Dezember) an. Nach dem Essen haben wir den Tisch zu Seite geräumt, bolivianische Weihnachtsmusik angemacht und meine beiden Gastschwestern haben uns versucht, Chuntunqui beizubringen, denn jeder tanzt hier zur Weihnachtszeit diese hüpfenden und springenden Tanz. So haben wir noch bis morgens nach um 3 alle zusammen getanzt und sind dann aber ganz schön ausgebrannt ins Bett gefallen. Wir „Kinder“ haben alle bei Josh im Zimmer geschlafen, wie früher bei Übernachtungskindergeburtstagen mit Matratzen auf dem Fußboden und sind schon beim Vorspann von einem der typischsten aller Weihnachtsfilme, dem „Grinch“, weggeschnarcht.

Die fleißigen Weihnachtswichtel beim Kochen

Wir Freiwilligen zusammen mit meinen Gasteltern Vicenta & Oswaldo

Am Morgen des fünfundzwanzigsten Dezembers gab es dann ein Weihnachtsfrühstück mit heißem Kakao, Rosca, Paneton, meine selbstgebackenen Plätzchen und dem guten Dresdner Stollen, den ich im August als Gastgeschenk für die Familie mitgebracht hatte. Bei diesem wunderbar-typischen Weihnachtsgeschmack auf der Zunge hat sich bei mir sofort das kulinarische Gedächtnis gemeldet und ich musste ein bisschen wehmütig an zuhause denken, denn dieses Stückchen Stollen hat mich gedanklich total in unser weihnachtlich mit Kerzen beleuchtetes Wohnzimmer katapultiert, wo meine ganze Familie zusammensaß und meinem Vater beim Klavierspiel zugehört hat.

Normalerweise werden am Weihnachtsmorgen von den Kinder die Geschenke ausgepackt, aber in unserer Familie gab es nicht wirklich eine Beschehrung, nur Josh und ich haben einen Monatskalender für 2017 mit Fotos von unserer Gastfamilie mit uns zusammen gebastelt, welchen wir unseren Gasteltern geschenkt haben, worüber sich alle sehr gefreut haben. Gastmama Vicenta hatte Josh als Weihnachtsgeschenk ein Tshirt genäht und für mich ein hübsches sommerliches Spaghettiträgerkleid mit Blümchenmuster gemacht, was ich natürlich am Weihnachtstag gleich getragen habe dank dem wunderschönen warmen Sonnenschein draußen.
Leider gab uns die aktuelle Postamtsituation einen kleinen Dämpfer: aufgrund von Streiks der bolivianischen Post hatte fast keiner von uns Freiwilligen sein Weihnachtspäckchen von zuhause erhalten, auch nach mehr als 4 Wochen war nichts Neues angekommen.

Unsere Familie mit Gästen beim Weihnachtsfrühstück

Vor dem Mittagessen haben wir einen kleinen Spaziergang gemacht, in knallender Mittagssonne „Leise rieselt der Schnee“ angestimmt und sind danach erneut beim „Grinch“-Gucken weggenickt. Mittags gab es das typischste aller bolivianischer Weihnachtsessen: Pikana, also ein mit Karotten, Zwiebeln und Erbsen gekochtes Hühnchen, dazu Kartoffeln und einen Maiskolben („Choclo“). Da wir Freiwillige alle Vegetarier sind, gab es für uns Pikana vegetariana – also Choclo, Kartoffeln und Salat.
Nach diesem übermäßigen Essen der letzten 15 Stunden war ich den Tag über zu nicht mehr viel fähig – eine vollgestopfte Faulheit, die wahrscheinlich überall auf der Welt gleich ist über die Weihnachtstage.
Das Fest in unserer Gastfamilie war eine sehr neue, interessante Erfahrung, so anders als zuhause in Deutschland, und doch wirklich schön im Familienkreis, ich habe mich sehr willkommen und herzlichst aufgenommen gefühlt, auch wenn wir natürlich besonders zu dieser Zeit unsere Familien zuhause ziemlich vermisst haben.

Das Weihnachtsfest in den Dörfern auf dem Land ist hier in Bolivien nochmal eine besonders traditionelle Festlichkeit, weshalb ich am 26. Dezember mit zwei Mädels den Bus ins vier Stunden entfernte Dorf Serrano genommen habe, wo die Familie einer Freundin ein Haus hat, in dem wir spontan für eine Nacht unterkommen durften. Als wir abends in diesem kleinen Dörfchen ankamen, war unglaublich viel los in den Straßen, an jeder Ecke gab es laute Musik, Bandas mit Trommeln und Panflöten, ständig kam eine Gruppe von Leuten hüpfend, klatschend und laut rufend durch die Straßen getanzt, man konnte sich einfach anschließen. Viele Haustüren der Leute standen offen und die Menschen von der Straße sind hereingekommen und haben vor einem mit Blinkelichtern geschmückten Altar getanzt. Auf dem nahen Sportplatz gab es auf einer Bühne sogar ein richtiges Konzert mit Eintrittskarten. Insgesamt eine Art riesiges Volksfest; dass der eigentliche Grund Weihnachten war, hat man dabei kaum gespürt. Dosenbier, Singani und natürlich das vergorene Maisgetränk Chicha floss in Strömen und der Alkoholpegel der meisten Leute war schon recht bedenklich, weshalb einige Männer gegenüber uns „Gringitas“ recht aufdringlich waren, aber wir wusste uns schon zu wehren bzw. haben den Gastbruder einer Freiwilligen als unseren Freund ausgeben (sozusagen als „menschliches Schutzschild“). Trotzdem hatten wir viel Spaß, kamen mit vielen Menschen ins Gespräch, haben die ganze Nacht getanzt und uns als „Reporter einer Zeitschrift“ ausgebend an der Security vorbei auf den Konzertplatz geschmuggelt.

Auch am nächsten Tag trafen wir noch ein paar Mal auf die letzten Kindertanzgruppen, die in die Häuser vor den Weihnachtsaltaren um Süßigkeiten und Schokolade tanzten. Wir sind durch das Dorf geschlendert, auf einen nahen Hügel geklettert mit Blick auf die umliegenden Berge und durften den Garten von Sophias Gastfamilie besuchen – eine kleine, grüne, ruhige Oase mit Apfel-, Birnen-, Pfirsich- und Feigenbäumen, Roter Beete, einem kleinen Maisfeld umgeben von einer Lehmziegelmauer und zwei herumtollenden Babyhündchen. Die Einladung der Gastmutter, wonach wir doch gern in der Osterzeit wiederkommen sollen, nehmen wir gern an, denn auch da soll es einige interessante traditionelle Bräuche hier in Serrano geben.


Nach diesem durchtanzten, trubeligen und sonnigen Weihnachtsfest ging es erstmal über Sylvester für knapp zwei Wochen raus aus Sucre, rüber nach Chile. Aber davon mehr im nächsten Blogeintrag.

Samstag, 24. Dezember 2016

Eine kleine Impressionen-Collage - Im Zickzack durch den Straßenverkehr, kein Bier vor der Wahl und Reis mit Kartoffeln 24/7

In den knapp vier Monaten, die wir jetzt schon hier in Sucre wohnen, bekommt man doch langsam einen genaueren Eindruck vom täglichen Leben der Menschen hier, beziehungsweise hat sich auch für mich ein gewisser Alltag und damit eine Art „Zuhause-Gefühl“ aufgebaut. Mein abendlicher Heimweg vom Zumbakurs, zum Beispiel, führt mich jedes Mal am Parque Bolivar vorbei, wo jeden Abend viele Jogger im Straßenlaternenlicht ihre Runden drehen und oft eine Blaskapellen-Tanzgruppe ihre Lieder probt, außerdem die Breakdancer, die sich ebenfalls wenn es dunkel wird mit ihrem Gettoblaster am zentralen Plaza treffen, der freudestrahlende ältere Schuster, der seine kleine Werkstatt auf halbem Weg von unserem Haus ins Centrum hat und mich, mit seinem Stuhl praktisch beinahe auf dem Fußweg sitzend, jedes Mal überschwänglich, mit tausenden Lachfältchen und zwinkernden Augen (zurück-)grüßt, wenn ich vorbeiflitze. 
Viele Dinge, wie zum Beispiel
  • putzmuntere, schreiende Kinder, die morgens halb sechs auf der Straße Fußball spielen
  • die scheinbare Abwesenheit jeglicher Straßenverkehrsregeln wie Rechts vor Links, stattdessen wird einfach vor jeder Ecke gehupt
  • drei Tage und Nächte lange Hochzeiten, die in einem Saal in Hörweite gefeiert werden, weshalb dann nachts unser Haus einer Disko gleicht
  • Armbändchen und Krimskrams verkaufende ältere Leute, die sich auf dich stürzen, nur weil du ein „Gringo“ bist, einschließlich den „Schuhputzer-Jungs“, die ernsthaft Joshs ausgelatschte Plastik-Adiletten putzen wollen
  • der nicht existierende Busfahrplan (es gibt nur verschiedene Linien, die einfach ab und zu kommen, wenn du Pech hast, dauert es eben eine Weile)
  • Restaurantrechnungen grundsätzlich zusammengerechnet zu bezahlen und jedes Mal austüfteln zu müssen, wer welche Summe dazulegen muss und wer wie viel Wechselgeld bekommt
...all diese Dinge sind für mich schon längst Normalität, aber jetzt möchte ich mal die Gelegenheit ergreifen und euch ein paar Sachen aus dem Alltag näher erläutern, die bei uns Zuhause in Deutschland so ganz ablaufen oder sogar gar nicht existieren, damit ihr euch ein bisschen besser vorstellen könnt, wie es mir hier so jeden Tag ergeht.

Eine der meisterwähntesten und klischeebehaftetsten Dinge, die erwähnt werden, wenn man über Lateinamerika spricht: das Zeitgefühl bzw. der südamerikanischer Lebensrhythmus (oftmals fälschlicherweise und ganz platt Unpünktlichkeit genannt. Tatsächlich schlägt hier bei uns alles im Takt der sogenannten „Hora Boliviana“. Diese kann viele Dinge bedeuten, vor allem aber ist mir aufgefallen, dass es scheinbar keine Zeit gibt, zu der es ungewöhnlich ist, am Straßenrand sein Auto zu waschen oder Motorräder zu reparieren. Auch nach elf Uhr abends sehe ich oft Männer vor der Autowerkstatt in unserer Straße werkeln, im Straßenlaternenlicht wird noch fix ein Auto lackiert. Auch unsere Gastmutter Vicenta arbeitet oft zu vollkommen verrückten Zeiten – abends wird ihr klar, dass sie ja für morgen noch eine neue Bluse braucht, weshalb sie um halb vier Uhr morgens aufsteht, um diese zu schneidern.
Was sich außerdem noch sehr von der weltbekannten „Deutschen Pünktlichkeit“ unterscheidet, sind öffentliche Veranstaltungen. Mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit kann man wenigstens eine halbe Stunde später zum Theater gehen, als die Vorstellung eigentlich anfangen sollte. Im Schnitt, jedenfalls die paar Male, die ich im Theater war, fing das Stück reichlich eine Stunde (vielleicht auch 75 Minuten) später an, und selbst danach kamen noch Leute hereingeschlüpft.
Am Anfang kann so etwas ganz schön nerven, wenn man selbst pünktlich kommt, aber wenn man es mitbekommen hat, dann kann man realistisch kalkulieren, wann es sinnvoll ist zu erscheinen, und ärgert sich nicht unnötig über Verspätungen. Offenbar ist die angegebene Uhrzeit meist nur eine Empfehlung – wenn dann genug Leute da sind, wird angefangen. Selbst in der Universität bei der Examenübergebungszeremonie meiner Gastschwester ging es eine halbe Stunde später los. Eins der wenigen Male, als wir zu spät kamen, war in der Kirche zur Trauung eines verwandten Paares von Oscar – wer hätte denn ahnen können, dass eine Hochzeit pünktlich beginnt, also wirklich?

Ein weiterer Punkt, den ich allerdings etwas kritischer sehe, ist Sicherheit. Beinahe jeden Tag laufe ich an einer Metallwerkstatt vorbei, wo jemand ohne Schutzbrille oder Schutzkleidung Drähte verlötet oder sogar funkensprühend etwas zusammenschweißt. Man muss dann vom Fußweg herunter ausweichen, um keine Funken abzubekommen. Desweiteren sind Moped- oder Motorradhelme scheinbar rares Gut. In den allermeisten Fällen sitzen zwei bis drei Erwachsene auf einem kleinen Moped und haben noch ein bis zwei Kinder zwischen oder hinter sich geklemmt. Ab und zu hat der Fahrer einen Helm auf, meistens nicht. Da es nicht so ist, dass nie Unfälle im Straßenverkehr passieren, sehe ich diese Helm- und generell auch Sicherheitsgurtlosigkeit ziemlich skeptisch, zumal sich auch die hintensitzenden Kinder irgendwie festklammern müssen.

Zum Thema Draußen Arbeiten: ich habe das Gefühl, es wird ständig etwas auf der Straße gebaut, Bordsteine ausgebessert, oder zumindest die Innenstadt gekehrt und von Müll befreit. Diese Tätigkeiten führen auch Frauen aus und wenn man diese Bauarbeiterinnen näher betrachtet, dann stellt man fest, dass einige Frauen keinen Arbeitseinteiler tragen wie ihre männlichen Kollegen, sondern eine Variation der traditionellen Kleidung der Cholitas, also der indigenen Frauen, die normalerweise Strumphosen, braune Sandalen, weite reichlich knielange Röcke, schulterbetonte Knopfblusen und einen breitkrempigen Hut tragen. Diese Kleidung bleibt ihnen, soweit gewünscht, scheinbar erhalten, wenn sie Zement mischen, Schubkarren voller Steine schieben oder die Straße kehren. Sie tragen diese traditionellen Röcke, nur in den typischen Bauarbeiter-Neonfarben, sowie ein blusenähnliches Oberteil mit dem Sucre-Logo auf dem Rücken und einen dazupassenden Hut. Stilgerecht, funktionell und traditionell.

Ein kleines Detail, was ich ziemlich interessant finde: jegliche Art von Namenslisten, sei es in der Schule, der Universität, bei uns im Projekt oder bei Sportveranstaltungen, alles wird nicht nach Nachnamen, sondern nach Vornamen sortiert. Vielleicht aufgrund dessen, dass alle Menschen in Bolivien in der Regel zwei Nachnamen besitzen – den der Mutter und den des Vaters. Dadurch, dass es aber Namen wie Maribel, Maria-Luz, Rosmery, Lizbeth, Wladimir, Glisver etc. ziemlich häufig gibt, kann diese Sortierung trotzdem ziemlich verwirrend sein.

Apropros Sportveranstaltungen: letzte Woche fand ein Volkslauf im Zentrum von Sucre statt und für mich bot sich endlich wieder die Möglichkeit, bei einer großen Laufveranstaltung mitzumachen. Einzige Distanz: 5 km, durch die Innenstadt Sucres, was nichts anderes bedeutet, als bergauf-bergab-bergab-bergauf. So schlimm wie gedacht waren die Höhenunterschiede dann zum Glück nicht, aber definitiv etwas anderes, als durch Dresden zu laufen. Schon auf dem Plakat hieß es, dass sich alle Läufer eine Stunde vor eigentlichem Start um 8 versammeln sollten (wahrscheinlich in weiser Voraussicht der typisch bolivianischen Verzögerung). Auf dem zentralen Plaza wurde eine große Bühne aufgebaut und als Erwärmung Zumba getanzt. Das Witzige war, dass ernsthaft 10 Minuten nach 8 die beiden Moderatoren ihre Show noch nicht beendet hatten, nein, man hätte sich sogar noch anmelden können (10 Minuten nach eigentlichem Startbeginn). Dann war nicht ganz klar, wo eigentlich der Start stattfinden sollte, alle Läufer waren etwas verwirrt und zu allem Überfluss kam wirklich noch ein kleiner Lastwagen angefahren, aus dem zwei riesige Plastikdinosaurier kletterten (natürlich Kostüme mit Menschen darin), welche durch die kreischende Menge spazierten – alles anlässlich des Jubiläums des Sucre-Dinoparkes - es war ein großer Spaß.
Auf der Laufstrecke war so gut wie nichts abgesperrt, ab und zu stand mal ein Polizist an einer Ecke, aber viele Kreuzungen haben wir einfach im normalen Ampelverkehr passiert, weshalb manchmal Läufer schlicht und einfach auf die Grünphase warten mussten, denn die Autos fuhren normal. Wenn ich mir denke, welch ein Aufwand bei deutschen Stadtläufen betrieben wird, wo dir mindestens einen Tag vorher Schilder Bescheid sagen, wo wieviel der Straße wie viele Stunden vor und nach dem Lauf gesperrt sein werden...

Eine weitere, ziemlich interessante Idee bezüglich der Politik ist, dass an Tagen einer Wahl oder eines Volksentscheides (scheinbar meistens sonntags) der Straßenverkehr komplett lahmgelegt ist. Autos, Busse, Taxis, Motorräder, sämtliche Verkehrsmittel sind verboten, ausgenommen Fahrräder sowie natürlich Krankenwagen, was bedeutet, dass es an diesen Sonntagen wunderbar ruhig ist, frei von Straßenlärm, alle Leute sind zu Fuß auf den autofreien Straßen unterwegs und man sieht mehr Fahrräder auf einem Fleck als monatelang in ganz Sucre nicht.
Außerdem gibt es vom Vorabend einer Wahl an bis zum nächsten Abend ein Alkoholverkaufsverbot für sämtliche Bars, Kneipen, Restaurants, Supermärkte und Kioske, weshalb die allermeisten Bars an diesem Abend sowieso geschlossen haben, wahrscheinlich als eine Art Prävention, denn die Regierung weiß über das Alkoholproblem vieler Menschen hier Bescheid. Im Supermarkt ist deshalb die Alkoholabteilung mit Tüchern und Pappkartons verhängt. In den kleinen Tiendas (Kioske) ist das manchmal nicht ganz so streng – uns wurde mit Augenzwinkern ein Fläschchen Wein verkauft mit der Empfehlung, wir sollen es doch bitte im Beutel verstecken, auf der Straße werden Kontrollen durchgeführt. Wahrscheinlich hat es die nette Senora ach nur gut mit uns gemeint, da wir „Gringos“ sowieso nicht wählen gehen.
Jegliche Art von Wahlen und Abstimmung ist für jeden Bürger über 18 Jahren obligatorisch. Wer nicht wählen geht, für den hat das scharfe Konsequenzen, zum Beispiel wird der Bankaccount für drei Monate gesperrt und es ist nicht möglich, Geld abzuheben. Ob das noch Wahlpflicht oder schon Wahlzwang ist, darüber lässt sich streiten.

Dann gibt es diese spezifischen Geräusche von der Straße, die verdammt wichtig für die Versorgung der Menschen sind, die hier leben, und damit natürlich auch für uns. Jeden Montag und Donnerstag morgens zu Beispiel ertönt ein ohrenbetäubendes Hupen durch das gesamte Barrio und wenn dieses Hupen lauter und lauter wird, dann wissen wir: das Müllauto ist nahe, wir müssen ganz schnell aus der Haustür rennen, auf die Müllabfuhr warten und die Säcke hinaufwerfen, denn meistens hält das Auto gar nicht an und wer nicht schnell genug ist, hat Pech gehabt und muss mit seinem Müll bis zum nächsten Mal warten.
Ein weiteres Geräusch, was wir mittlerweile gut kennen, ist das metallische Klingeln der Glocke des Gasautos. Wenn man diese Glocke hört, die ich in der Form nur von Leichtathletikwettkämpfen kenne, wenn auf der Tartanbahn die letzte Runde eingeläutet wird, dann muss man schnell nachschauen, ob man noch eine volle Gasflasche im Haus hat, oder die leere hinausschleppen muss, um dem Gasauto winkend zu verstehen zu geben, dass es bitte zum Tausch heranfahren möge.
Das dritte, sehr charakteristische Geräusch ist das Hupen der Eiswagen. Es gibt sowohl im Centrum, als auch in unserem Barrio jeden Tag ein paar Leute, die einen kleinen Wagen ähnlich einer Schubkarre vor sich herschieben und so ihre Kühlbox mit Eiscreme transportieren. An diesen Wagen ist meist eine dieser altmodischen Fahrrad-Gummihupen montiert und so wissen alle Kinder in der Umgebung: Der Eismann (bzw. die Eisfrau) ist da.

Sehr interessant ist auch die Tragetuch-Methode, nach der die vielen vielen Mamas hier ihre Babys und Kleinkinder mit sich herumtragen. Dazu wird ein gewebtes Tuch, meist in wunderschönen bunten Farben, auf dem Boden ausgebreitet, das Kind draufgelegt, einmal herumgerollt, das Tuch an zwei Ecken gepackt und sich das Kind mit Schwung in einer einzigen flüssigen Bewegung regelrecht über die Schulter geworfen. Dort auf dem Rücken hockt das Kind dann, fest an den Rücken der Mutter gewickelt, und je nach Witterung und Sonneneinstrahlung wird manchmal noch das Tuch über den Kopf des Babys gezogen – deshalb sieht man in der Stadt oft Frauen mit merkwürdig geformten Bündeln auf dem Rücken und sich nicht ganz sicher sein kann, ob dieses Bündel ein Kind enthält oder nur die Einkäufe vom Mercado (denn auch zum Transport von Lebensmitteln, Kleidung, Krimskrams zum Verkauf ist dieses große bunte Tuch sehr gut geeignet).
Im Allgemeinen sind Babys und Kleinkinder recht hart im Nehmen, liegen schlafend unter und neben den kleinen Straßenkiosken auf den Fußwegen, schon ganz kleine Babys müssen im Tragetuch ihr Köpfchen selbst aufrecht halten und sobald die Kinder laufen können, rennen sie beinahe vollkommen selbstständig durch die Gegend.

Eine Sache, die ich persönlich manchmal ganz schön übertrieben finde, ist die Allgegenwärtigkeit von Religion im Alltag und bei ganz normalen weltlichen Dingen, wo Religion meiner Meinung nach nicht primär dazugehört. Als wir zum Beispiel in der Universität, genauer in der Fakultät für Sprachen, zur Abschlusszeugnisverleihung meiner Gastschwester eingeladen waren, gab es in dem geschmückten Raum einen Altar und obwohl es eine herkömmliche Uni ist, keine speziell katholische Einrichtung, wurde zuerst eine Art kirchliche Zeremonie abgehalten und von einer Profesora lautstark und sehr emotional Gott angerufen, bevor die Studienzertifikate überreicht wurden. Desweiteren finden sich in den Schulbüchern und Arbeitsheften der Kinder unseres Projektes sehr oft Bezüge zu Gott, kirchliche Abschreibearbeiten oder religiös behaftete Fabeln. Wäre dieses Material von einer kirchlichen Schule, könnte ich das verstehen, aber da unsere Kinder alle allgemeine staatliche Schulen besuchen, war die enge Beziehung zur Religion doch sehr überraschend. Selbst in der wissenschaftlichen Abhandlung über gesunde Ernährung, die wir zuhause haben, finden sich viele Stellen wie: „Die Pflanzen roh zu essen, die Gott so herrlich schuf, ist deshalb besonders gesund, weil..“ oder „Gott hat uns mit der Intelligenz ausgestattet, selbst zu entscheiden, was unserem Körper gut tut und was nicht“.

Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung zur doch recht dominanten Männerrolle im Familienleben. Natürlich kann ich nur von den Dingen sprechen, die wir direkt in unserer Familie erleben, aber aufgrund von Erzählungen anderer Freiwilliger und Leuten aus Sucre scheint es bei uns nicht grundlegend anders abzulaufen als in anderen Familien. Unser Gastvater Oswaldo hilft jedenfalls kaum im Haushalt, selbst wenn die komplette Familie kurbelt, um das Haus sauber zu halten, zu kochen etc. etc. Es ist eher gegenteilig, dass unsere wirklich sehr emanzipierte Gastmutter Vicenta (die sowieso immer herumflitzt, kocht, arbeitet, putzt) ihn jeden Tag vom Bus abholt, seine Tasche trägt, ihm sein Essen auf den Teller serviert und ihm einen extra Krug Saft macht. Auch gibt es immer etwas im Haus, was ausschließlich für ihn reserviert ist, zum Beispiel die Papaya, die wir Kinder nicht anrühren dürfen, da sie nur für SEINEN Saft gedacht ist, oder auch die zweieinhalb Liter Honig, die Eva, Josh und ich extra von Vicentas Schwester aus Monteagudo mitgebracht haben, ist für niemand anderen gedacht als für ihn. Außerdem entscheidet er, was am Wochenende zum Mittagessen gemacht wird, und wo genau im Garten welche Pflanzen gepflanzt werden. Besonders für unseren Gastbruder Carlos zählt das Wort des männlichen Familienoberhauptes doppelt und dreifach, was er sagt, ist stets die Wahrheit.
Situationen wie diese sind etwas ungewohnt für Josh und mich, aber selbstverständlich haben wir kein Recht, dies zu verurteilen oder gar uns einzumischen. Die Rolle und Wichtigkeit des männlichen Familienoberhauptes ist nun mal eine andere in einer anderen Kultur, und das gilt es zu akzeptieren, auch wenn es gerade in unsere Familie oft nicht gerecht wirkt. Auf die Frage hin, ob er denn nicht gern koche, hat Oswaldo übrigens geantwortet: „Nein, ich bezahle nur die Sachen für Vicentas Küche.“

Zum Schluss noch ein kleines, aber sehr markantes kulinarisches Detail: Beinahe jedes Gericht in Bolivien beinhalten Kartoffel, Reis und Nudeln, stets mindestens zwei dieser Komponenten, meistens aber alle drei. So gibt es zum Beispiel eine Suppe mit Nudeln und Kartoffelspalten und auf dem zweiten Teller als Beilage Reis mit Mote (großem gekochten Mais) und ganzen Kartoffeln. Das reicht soweit, dass man uns schon gefragt hat, als wir nur gebratenes Pfannengemüse in einer Tupperdose mithatten: „Das sieht ja ganz lecker aus.... aber wo sind die Kartoffeln!?“ Demzufolge machen wir viele Witze über diese unverzichtbaren Ingredientes, die ein „richtiges“ Essen haben muss. Nächstes Jahr nach unserer Rückankunft in Deutschland habe ich sicher erstmal für einen Weile genug von Papas, Arroz y Fideo immer und überall.


Hiermit habt ihr hoffentlich einen kleinen Einblick bekommen in meinen Alltag und auch ein paar kleine, aber recht interessante Details kennengelernt, die mir bis jetzt ins Auge (oder ins Ohr) gefallen sind.

Mittwoch, 23. November 2016

¿Hay agua o no hay? - Das ist hier die Frage

Hay agua? Gibt es Wasser? In den letzten Wochen ist das die elementare Frage, die ich mir jeden Tag, beinahe jedes Mal stelle, wenn ich nach Hause komme, zum Projekt gehe oder in einem Restaurant ein Käffchen trinken möchte. Und wenn ich dann den Wasserhahn aufdrehe und einfach kein Tropfen herauskommen will, dann gibt das der Stimmung immer einen ziemlich ernüchternden Dämpfer.
Jetzt Ende November, Anfang Dezember sollte sich die Trockenzeit so langsam dem Ende neigen, doch seit Wochen gab es keinen richtigen Regen, höchstens mal einen kleinen Schauer. Wir haben hier ja gerade Frühling, das bedeutet, dass die lange Dürre zuende geht und im Dezember und Januar die Regenzeit richtig Einzug hält. Wir warten alle sehnsüchtig darauf, dass sich dicke Regenwolken anbahnen, doch bis jetzt ist es unverändert staubtrocken, was ein echtes Problem ist, denn es ist einfach nicht genug Wasser für alle Leute vorhanden. Scheinbar war die Situation während der winterlichen Trockenzeit früher nicht ganz so schlimm, doch mit dem Klimawandel, der natürlich auch hier zu spüren ist, und mit dem stetigen Bevölkerungswachstum ist die Wasserknappheit natürlich extrem.
Hier in Sucre ist die Situation besonders kompliziert: wir bekommen unser Wasser aus dem Nachbardepartment Potosi, das Sucre selbst nur sehr geringe Wasserreserven hat, die bei weitem nicht für die ganze Stadt ausreichen. Laut unserem Gastvater war schonmal ein Projekt im Gespräch, wonach ein großes Wasserreservoir realisiert werden kann, womit auf lange Zeit alle Wasserprobleme für die Stadt gelöst wären. Der Haken dabei: dieses Projekt würde ca. 10 Millionen US-Dollar kosten. Momentan ist das der Stadt Sucre entschieden zu teuer, obwohl es eine einmalige, unglaublich wichtige Investition wäre.
So aber sind wir hier von Potosi und deren Wasserreserven abhängig, was ziemlich heikel ist, denn es gibt einen Staudamm nach Sucre, der von Potosi aus natürlich geöffnet und geschlossen werden kann, nach Belieben sozusagen. In der Theorie (und leider auch in der Praxis) heißt das: Potosi könnte die komplette Wasserversorgung für Sucre lahmlegen. Und genau das ist letzte Woche passiert. Beinahe sechs Tage lang war die komplette Stadt ohne Leitungswasser, lag im wahrsten Sinn des Wortes „auf dem Trockenen“. Dafür wurden alle Dörfer und Felder in Potosi mit diesem (für sie sehr sehr reichlichen) Wasser versorgt, die Bauern haben ihre Pflanzen bewässert, während in Sucre langsam das Trinkwasser knapp wurde. Obwohl so etwas natürlich furchtbar ungerecht ist, greift niemand ein, denn eine staatliche Kontrolle dieser Wasserversorgung gibt es nicht. Vertreter der Stadt Sucre mussten nach Potosi fahren, um mit den Menschen, welche die Kontrolle über diese Leitungen besitzen, zuverhandeln, damit Sucre wieder Wasser bekommt.
Trotz allem gibt es weiterhin eine ziemliche Knappheit dieses „flüssigen Goldes“, sodass in vielen Teilen der Stadt das Wasser rationiert wird, auch bei uns im Barrio. Unsere Familie hat aber Glück bzw. hat vorgesorgt, denn auf unserem Dach gibt es zwei riesige Tanks, die insgesamt 1550 Liter fassen und sich füllen, sobald es Leitungswasser gibt. Im Moment ist einer der Tanks noch zur Hälfte voll, das heißt, wir können immerhin Händewaschen, Zähne putzen und im Hochgeschwindigkeitstempo duschen, doch ziemlich zeitnah wird auch dieser Tank leer werden. Zum Kochen und Abwaschen haben wir seit dem letzten Wasserengpass nun vier riesige Töpfe (jeder einzelne fasst sicher 30 Liter) gefüllt mit Leitungswasser im Haus, als Notfallversorgung. So abgesichert ist es keine Katastrophe, wenn das Wasser mal wieder weg ist.
Viele viele andere Familien haben aber keine Tanks auf dem Dach, weshalb die Menschen beinahe jeden Tag vor ihren Häusern stehen und alle möglichen Gefäße von Regentonnen, Töpfen, Plastikbadewannen, Eimern, Schüssel etc. am Straßenrand aufgereiht haben. Sie warten auf das große Tankauto, das ab und zu durch die Straßen fährt und die Familien mit dem nötigsten Trinkwasser versorgt. Wenn dieser Tanker kommt, dann passiert es nicht selten, dass die Menschen ihre Tonnen und Eimer quer über die Straße verteilen, wahrscheinlich, damit dieses Auto bloß nicht weiterfährt, ohne den allerletzten Topf gefüllt zu haben.
Auch im Radio laufen ständig Nachrichten und Updates zum Thema Wassermangel, Neuigkeiten vom Wetterbericht und wann das große Tankauto vorbeikommen wird. Wenn es doch mal regnet, dann ist das entweder nur ein bisschen Geniesel oder....

...ein heftiger, gewittriger Wolkenbruch für ein paar Minuten,
der so überraschend und schnell beginnt wie er wieder aufhört.

Bevor ich nach Bolivien kam, hätte ich nie gedacht, wie glücklich wir uns in Deutschland eigentlich schätzen können, beständig und immer Zugang zu Leitungswasser zu haben, welches von der Qualität auch noch excellent und direkt trinkbar ist. Hier in Sucre lerne ich momentan, wie wenig selbstverständlich es doch ist, ständig einen funktionierenden Wasserhahn zu haben, und wie sehr man seinen eigenen Wasserverbrauch reduzieren kann. Unsere Familie hier lebt sowieso immer sehr wassersparend, aber gerade in dieser lange Trockenphase ist es besonders wichtig. Zum Beispiel wird das Schmutzwasser der Waschmaschine (ja, wir haben eine eigene Waschmaschine, was ein ziemlicher Luxus ist) wird immer zum Toilettespülen verwendet, das Wasser vom Duschen fangen wir ebenfalls auf, Zähne geputzt wird nur mit einem Becher ohne Wasserhahn, usw. Als wir ein paar Tage gar kein Leitungswasser hatten, habe ich auch eine sehr minimalistische Erfahrung gemacht – zum Duschen und Haarewaschen mit Karaffe und Badewanne (ohne funktionierende Dusche natürlich) benötige ich nur ein bisschen mehr als drei Liter Wasser, und es hat super funktioniert. Darauf kann man schonmal stolz sein.

Eigentlich ist es eine wirklich gute Erfahrung, zu bemerken, wie wichtig und elementar Wasser ist, und vor allem der sichere Zugang dazu. Schon jetzt weiß ich es so viel mehr zu schätzen, wenn ich meine Hände unter fließendem Wasser waschen kann, ohne befürchten zu müssen, dass es im nächsten Moment versiegt.


Natürlich klingt das alles total dramatisch, aber letztendlich ist es nichts Neues oder vollkommen Absurdes für die Menschen in Sucre, wenn das Wasser abgestellt wird. Unser Gastbruder Carlos wollte mir gar nicht glauben, dass in Deutschland die Städte immer Wasser haben und eine Situation, in der aufgrund von Trockenheit das Wasser rationiert und abgestellt wird, einfach nicht existiert. Trotz allem, verdursten werden wir hier auf jeden Fall nicht, dafür wird schon gesorgt, und auch ohne Leitungswasser kann man eine Weile gut klarkommen. Zwar ist es sehr unannehmlich, aber ich bin doch irgendwie froh darüber, hier zu sein und zu merken, dass eine 24/7 perfekt funktionierende Wasserversorgung eben alles andere als selbstverständlich ist.

Extracamp im Torotoro Nationalpark

Morgens früh um 6 Uhr treffen wir uns am Busterminal in Cochabamba mit allen anderen Freiwilligen vom ICYE, die gerade auch in Bolivien arbeiten, das heißt, wir sehen unsere ganze Gruppe wieder, die Ende August zusammen hergereist ist. Von dieser Gruppe sind wir über vier Städte verstreut: acht Freiwillige wohnen in La Paz, vier in Santa Cruz, einer in Cochabamba und wir sechs in Sucre, weshalb es umso schöner ist, sich nach fast drei Monaten, die wir in unseren Städten verbracht haben, alle wiederzusehen. Dementsprechend viel gibt es auch zu erzählen – vor allem mein Gastbruder Josh freut sich sehr, endlich wieder „richtiges“ Englisch mit den anderen britischen Freiwilligen zu sprechen, hihi – dementsprechend schnell vergeht auch die vierstündige, sehr holprige Fahrt von Cochabamba nach Torotoro, ein kleines Dorf im Nirgendwo. Dieses Nirgendwo ist in dem Fall der gleichnamige Nationalpark Torotoro. Vorbei an Papayaplantagen wird es spürbar wärmer und auch vegetationsreicher, in Serpentinen eine geröllige Straße die Berge hinauf und hinunter, bis wir in Torotoro ankommen, was sich als kleine verschlafene Ansammlung von Häusern herausstellt mit einer Hand voll Hostels, Kneipen, einem winzigen grünen Plaza in der Mitte und zwei oder drei Reiseagenturen, die Touren in die Umgebung anbieten.
Nach dem Mittagessen im Hostel (wesentlich komfortabler als erwartet) stapfen wir mit ein paar Guides los in Richtung Canyon. Steppenähnliche Landschaft mit dürrem, stacheligen Gras und trockenen Büschen. Ein Steinplattenweg führt in Treppenstufen die steile Böschung des Canyons hinab, natürlich ohne jegliches Geländer, direkt neben meinen Füßen geht es bestimmt 30 Meter in die Tiefe. Beeindruckend hohe, dreifarbige Felswände, die dieses Flussbett einrahmen.


Als wir unten angekommen sind, klettern wir zwischen monströsen Findlingen das felsige Flussbett hinab, das Flüsschen (sehr klein und schmal aufgrund der wochenlangen Trockenheit) plätschert vor sich hin, ziemlich schlammig trüb.
Endlich erreichen wir die Cascadas, eine von ganz vielen saftig-grünen Pflanzen bewachsene Felswand, aus der von oben viele kleine Wasserfälle entspringen und als eine Art „natürliche Dusche“ auf die Felsen unterhalb plätschern. Es ist so ein wunderschöner Ort, fast paradiesisch durch das laute Rauschen des Wassers, die Blumen und Schlingpflanzen.
Vor den eigentlichen Cascadas gibt es eine Art kleinen See gefüllt mit dem aufgewühltem sandigen Wasser, in das wir wie kleine Kinder juchzend von den Felsen hineinspringen. Hinterher dusche ich mir unter den Wasserfällen den Sand von der Haut und aus den Haaren, sowas wollte ich immer schonmal machen. Sogar eine Art Vorhang aus Wasser gibt es vor einem Felsvorsprung, man kann sich darunterstellen und ist durch eine löchrige fädige Wasserwand von draußen getrennt, wie im Film.



Leider müssen wir den ganzen Weg zurückstapfen, die vielen vielen Meter den Canyon hinauf. Dabei wir uns aber wieder ein bisschen wärmer, das Wasser der Cascadas war verdammt kalt.
Oben angekommen wird es langsam dunkel und den schottrigen Trampelpfad über die Ebene zurück ins Dorf kann man kaum noch erkennen. Ich stapfe dicht hinter zwei Guides her und plötzlich ist der Rest der Gruppe hinter uns verschwunden (sie werden mit einem Bus zurückgefahren, den ich natürlich irgendwie verpasst habe). In der Dämmerung sieht man vereinzelt sieht man auf den Berghängen Lichter blinken von einsamen Häusern, doch bevor die Nacht vollkommen schwarz hereinbricht, schieben sich die Wolken zur Seite und ein riesiger Beinahe-Vollmond beleuchtet unseren Weg, wirft richtig scharfe Schatten. Gemeinsam mit den beiden Guides und einem kleinen Hund als Begleiter trotte ich die letzte halbe Stunde nach Torotoro zurück, und diese halbe Stunde ist der entspannteste Moment der letzten paar Tage, fast ganz allein im Mondlicht begleitet vom Grillenzirpen.

Am nächsten Tag fahren wir vormittags mit dem Minibus ein Stückchen raus in die Berge, zu einem Ort, der sich Umajalanta nennt – auf Aymara bedeutet das „Donde corre el agua“ (Wo das Wasser fließt). Es handelt sich um eine riesige (!!!) verwinkelte Höhle mit einem unterirdischen Flüsschen. Mit Helm und Headlamp ausgestattet klettern wir mit einer kleinen Gruppe von sechs Leuten und einem Guide in den viel meterhohen Eingang, ein riesiges Loch im Berg voller unglaublicher Findlinge. Ein Stückchen weiter drinnen ist es stockfinster. Wenn jetzt die Batterien der Stirnlampen streiken, wären wir ganz schön aufgeschmissen.... Zum Glück geht aber alles gut. Feuchte kalte Felswände, Tropfsteine überall, teilweise ist der „Weg“ (scheinbar nur für den Guide identifizierbar) so schmal, dass wir auf dem Bauch durch eine enge Felsspalte robben müssen, wo ich selbst beinahe steckenbleibe. Dann wieder stehen wir plötzlich in einer riesighohen Höhle, fast wie beim „Herrn der Ringe“. Ein Tropfstein, der aus einem Stalagmit und einem Stalaktit zusammengewachsen ist, hat exakt die Form einer Trauerweide – auf Spanisch 'sauce lloron'. Außerdem sehen wir ein kleines Häufchen Fledermausexkremente, was laut dem Guide zur Petroliumherstellung genutzt wird und dementsprechend wertvoll ist.
Nicht wirklich ungefährlich, dieses Herumgekletter direkt neben scharfkantigen, metertiefen Felsspalten, ab und zu sind die Steine sehr feucht und rutschig, wir müssen aufpassen nicht abzurutschen und an einigen Stellen gibt es sogar Seile mit Knoten zum Abseilen! Es macht superviel Spaß, in der Dunkelheit herumzuklettern und ab und zu muss der Guide mich ermahnen, doch bitte an der von ihm gezeigten Stelle zu warten und nicht auf eigene Faust ein bisschen weiterzuklettern.
Als wir nach zwei Stunden wieder hinauskrabbeln aus dem dunklen Loch, bin ich froh, die Sonne wiederzusehen, aber dieses Herumgekletter war wirklich superabenteuerlich. Ohne TÜV-geprüfte Sicherung, Geländer und Risikobelehrung mit Unterschrift - dafür doppelt so aufregend – so eine Aktion wäre in Deutschland undenkbar.

Leider habe ich vom Inneren der Höhle keine Fotos, dafür hier die Beweistafel aus Umajalanta.

Ein paar Eselchen, die sich aber nicht in die eigentliche Höhle getraut haben,
sondern lieber auf unsere Rückkehr warten

Am Nachmittag machen wir mit ein paar Freiwilligen einen ausgedehnten Spaziergang, den Hang hinauf, wo eine Herde ziegen grast. Plötzlich sind die anderen weg, offenbar habe ich sie bergauf abgehängt, und bin allein zwischen Steinen, Geröll, trockenen Büschen, einer Art Trockenmauer aus Feldsteinen und einer ausgemerkelten Kuh, die mich wütend anmuht. Ich klettere weiter den Hang hinauf, dort gibt es seltsame schneeweiße Steinformationen, zwischen denen es 1,5 Meter hinunter auf den Sandboden geht. Ich hüpfe von Stein zu Stein, beobachte die Sonne, die hinter der gegenüberliegenden Bergkette verschwindet, und versuche dann, einen Weg zurück hinunter zur Landstraße zu finden.
Abends vergehen die Stunden beim Kartenspielen, mit Rotwein, viel Gelache und einer Menge günstig erstandenen Mangos, den gerade ist Mango-Saison.

Als wir am nächsten Tag nach Cochabamba zurückfahren wollen, bietet sich uns ein böses Bild: der Bus steht hochgebockt mit offenen Luken da und der Busfahrer sowie ein Mechaniker im Blaumann liegen auf dem Rücken darunter. Keine Überraschung, das der Bus kaputt ist und erstmal an Ort und Stelle repariert wird.

Die Rückfahrt wird sehr lang, knapp 5 Stunden in der Nachmittagshitze nach Cochabamba und dann noch eine Nacht bis Sucre. Die drei Tage dieses Camp sind wie im Flug vergangen und es fühlt sich seltsam án, die anderen erst Ende Januar/Anfang Februar wiederzusehen. Nach all den unangenehmen Kälteerfahrungen,von denen die Freiwilligen aus La Paz erzählt haben, bin ich aber sehr froh, in Sucre zu wohnen, wo uns am Montag ein sehr angenehm mildes sommerliches Wetter empfängt.

Mittwoch, 9. November 2016

Monteagudo – „Todos Santos“ bei tropischer Hitze

Der 2. November ist in Bolivien ein wichtiger Feiertag zu Ehren der Verstorbenen und nennt sich 'Todos Santos'. Für diesen Tag werden überall ganz viele verschiedene Brote, Kuchen, Empanadas, Kekse uvm. Gebacken, verkauft und mit der Familie geteilt. Da es ein Feiertag für alle Arbeitenden ist, fahren die meisten Leute zu ihren Familie, viele aufs Land, um sie zu besuchen und im Familienkreis Todos Santos zu feiern.
Dazu gibt es in Familien, wo kürzlich ein Angehöriger verstorben ist, dem Verstorbenen zu Ehren eine Feier und alle teilen 'Chicha' miteinander, ein traditionelles Getränk aus Maismehl, Wasser und Zucker, das (laut unserer „Gasttante“) zuerst aufgekocht wird, dann drei Nächte lang ziehen muss und dementsprechend ein bisschen sprudelig schmeckt. Die Chicha wird gekühlt serviert, ist sehr erfrischend und lecker, hat aber einen ganz eigenen, weichen Geschmack, ein bisschen nach Getreide und Mais. Für mich war es zu Anfang nur ein bisschen seltsam, plötzlich quasi etwas mit Kohlensäure zu trinken, weil wir hier eigentlich nur Leitungswasser trinken und Wasser mit Sprudel kaum existiert.
Zu 'Todos Santos' errichten einige Familien im Haus einen altarähnlichen Tisch mit Fotografien des Verstorbenen, seinen Lieblingsspeisen und Getränken, vielen Blumen und Kerzen. Am Vorabend von 'Todos Santos', also am 1. November, haben bereits alle Leute frei und treffen sich in ihren Familien zum gemeinsamen Abendessen. Der Gedanke ist, dass an diesem Abend die Seelen der Verstorbenen zurückkehren und man sie deswegen gemeinsam mit der Familie in Empfang nimmt. Am nächsten Tag, am 2. November, verschwinden deren Seelen wieder ins Jenseits, und werden deshalb wieder mit der gesamten Familie und einem großem Fest mit vielen Speisen und Getränken verabschiedet, denn man glaubt, dass ihre Seelen für diese Reise besonders viel Kraft und Energie benötigen.
Über und über bunte Blumen, meist aus Plastik und Papier, sowie Kerzenlichter und Fotos der Verstorbenen gibt es auch auf dem Friedhof auf den Gräbern und zusätzlich werden die Grabstätten noch mit persönlichen Gegenständen sowie mit Gläsern mit Chicha dekoriert.


Der kleine Friedhof nahe des Barrios 16 de Febrero, Monteagudo
Ein etwas anderes Grab.
Da auch wir an Todos Santos frei haben, fahren Josh und ich zusammen mit unsere Gastschwester Eva für ein paar Tage ihre Tante (die Schwester unserer Gastmutter) in Monteagudo besuchen. Monteagudo ist ein sehr überschaubares Kleinstädtchen nahe des Departmentes Santa Cruz, liegt nur auf ca. 1000 m über dem Meeresspiegel und hat dementsprechend schon beinahe tropisches Amazonaswetter (bis auf das Tageszeitenklima). Vor dem Besuch wurde uns erzählt, wie wunderschön grün es in Monteagudo sei, wie viele Bäume es gäbe, Vögel, Schmetterlinge und ganz viele Mosquitos. Von der Flora jedenfalls wurden wir nicht enttäuscht: schon morgens halb drei im Nachtbus sehe ich am Fenster dunkle Schatten von riesighohen Bäumen vorbeiziehen und sogar die spitzen, zackigen Siolletten von Kakteen. Die Vorfreude steigt.
Da wir morgens um kurz vor fünf beim Haus von Tante Marcia ankommen, sehen wir noch rein gar nichts von dem sehnsüchtig erwarteten Wald, aber eins spührt man deutlich – es ist verdammt kalt, höchstens zehn Grad über Null. In Erwartung von tropischer Hitze haben wir natürlich nur kurze Klamotten eingepackt, Josh hat nicht mal eine lange Hose, und ich trage Tshirt über Tshirt, zwei paar Socken und meinen einzigen Fleecepullover. Was für eine verrückte Ankunft.
Tante Marcia wohnt nicht in der Stadt Monteagudo, sondern in einem kleinen Barrio (eine Art Dörfchen) ca. eineinhalb Stunden Fußmarsch (20 Minuten Taxi) entfernt, wo es auf jeden Fall mehr Kühe und Schweine gibt als Häuser und quasi mitten in der Pampa liegt. Ihr Haus ist winzig klein, es gibt nur zwei Räume zum Schlafen für uns fünf Erwachsene und ein kleines 5-jähriges Mädchen, ein Durchgangs- bzw. Verbindungsraum als Küche und Zimmer zum Essen sowie ein kleines Minibad. Insgesamt ist unser Wohnzimmer in Sucre beinahe größer als ihr gesamtes Haus, doch es ist ja alles da, was man braucht und Marcia sowie ihre 18-jährige Tochter sind superliebenswert und empfangen uns in aller Herrgottsfrühe ganz herzlich mit warmem Cafe.
Als es nach und nach hell wird kommt zum Glück die Sonne raus und mit ihr die Wärme (die sich später am Tag noch zu einer beinahe unerträglich Hitze ausdehnen wird). Wir können zum ersten Mal die Umgebung angucken: eine kleine Sandstraße zwischen den nackten Ziegelhäusern mit Blechdächern, ein betonierter Bolzplatz, ein paar durch die Gegend gackernde Hühner und rundherum soweit das Auge reicht Grün. Ein wunderschöner saftiger Wald erstreckt sich über die Hügel, richtige dunkelgrüne Höhe Bäume, man kann das Wasser förmlich sehen, was den Wald so wachsen lässt. Vögel fangen an zu zwitschern und den gesamten Tag über bis in die Nacht hinein hört man die Zikaden ganz laut zirpen. Diese Art von gesundem saftigen Wald vermisse ich in Sucre ein bisschen, denn bei uns ist aufgrund der Trockenheit noch alles ziemlich karg und sandig, und auch der Hügel hinter unserem Haus mit dem Wäldchen aus Eukalyptusbäumen macht einen sehr ausgedörrten Eindruck. Aber hier im Barrio 16 de Febrero nahe Monteagudo kann man schon fast ein bisschen vom Amazonas erahnen. Auch im Garten von Marcia gibt ein Orangen-, ein Zitronenbäumchen und einen ganz hohen Papayabaum, leider noch mit grünen Früchten. 




Ein Papaya-Baum

Bei der Nachbarin gibt es eine große bodendeckende Spinatpflanze, dort gehen wir morgens Spinat pflücken für eine Tortilla aus Ei und Spinat. Selbst im kleinsten Dörfchen auf dem Land wird der komplette Vormittag zuhause verbracht um das Mittagessen vorzubereiten (Suppe mit Reis und Hühnerfüßen, die ich ganz sorgfältig herausfische). Mittags stapfe ich los auf eine kleine Erkundungstour, den Sandweg in den Wald hinein, der irgendwann an einem Gartenzaun endet, dahinter grunzen mich empört ein paar Schweine an. Viel länger als eine Stunde hält man es sowieso nicht in der Sonne aus, bei humiden fast 40 Grad. Ich kehre zurück zur Hängematte im Schatten und die kleine Melanie plappert mich in einem Fort zu, füttert ihren kleinen Babyhund mit Käsekrackern und kugelt sich über den staubigen Betonboden.
Am Nachmittag fahren wir ein Stückchen raus aus dem Barrio zu einem Flusslauf um uns im Wasser abzukühlen. Mit Eva, ihrer Cousine Alondra, Marcia und Josh spielen wir Volleyball im flachen, sonnenwarmen Wasser, die kleine Cousine Melanie sitzt beleidigt daneben. Am meisten Spaß macht aber, die kleinen Stromschnellen des Flusses hinunterzuschliddern, an einigen Stellen nehme ich soviel Fahrt auf, dass ich ins Wasser platsche und ein bisschen brutal gegen die Steine knalle. Gleich nochmal, was für ein Spaß!
Abends wird es dann wieder erstaunlich frisch, aber der Pulli bleibt trotzdem erstmal im Rucksack.

Am nächsten Morgen stehe ich freiwillig um 6 Uhr auf, um die um diese Zeit noch angenehm frische Morgenluft und die ungewohnt flache Umgebung für ein kleines Wach-werd-Läufchen zu nutzen. Alle Leute, die schon auf den Beinen sind, ob zu Fuß, zu Moped, mit Kuh, Ziege oder Schwein als Begleiter, alle starren mich an. Die meisten grüßen zwar freundlich zurück, aber dieses Starren ist doch etwas unangenehm... vermutlich sind Josh und ich in der Umgebung die einzigen 'Gringos' seit Ewigkeiten, da sticht man natürlich heraus.
So geht es uns auch ein bisschen später in Monteagudo, denn wir laufen am Vormittag die eineinhalb Stunden zu Fuß in die Stadt, in bereits knallender Sonne. Die Stadt besteht aus nicht viel mehr als einer Handvoll schmalen Straßen, einem kleinen grünen Platz mit Denkmal und Kirche und einer sehr überschaubaren Markthalle. Ich kaufe Mangos! Zum ersten Mal in Bolivien, hach wie wunderbar. Diese Sorte ist ganz klein, ziemlich faserig, hat dafür aber trotzdem ein sehr intensives Aroma.
Auf dem Rückweg halten wir Ausschau nach einem kleinen Geburtstagsgeschenk für unsere „Gastcousine“ Alondra, die morgen ihren 18. Geburtstag feiert, und leider blieb vor Abfahrt keine Zeit mehr, eine der berühmten Sucre-Schokoladen zu besorgen. Resultat: beinahe den gesamten Rückweg schleppen wir eine verdammt schwere Wassermelone mit uns mit, die ich später bemalen möchte, nur um im Endeffekt festzustellen, dass man doch auch viel näher beim Barrio Wassermelonen kaufen kann. Dieses Geschenk kommt dann wirklich von Herzen
Am Nachmittag können wir Marcia auf ihrer Arbeit besuchen, im Hospital Dermatologia (einer Mischung aus Tagesklinik und Krankenhaus), wo sie als Krankenschwester in der Impfstation für Kinder arbeitet. Der überschaubare Gebäudekomplex liegt noch mehr im Nirgendwo als das eigentliche Barrio, nur durch eine staubige Sandstraße zu erreichen, weshalb es dort aber wunderschön ruhig und sehr grün ist, mit vielen Palmen und Orangenbäumen im Gelände. Das Hospital war ursprünglich eine Klinik für Lebrakranke, heute aber kommen die Leute mit verschiedensten Krankheiten zu den katholischen Schwestern, die mit ihren weißen Schürzen und Hauben geschäftig über die Wiese eilen und ab und zu auch mal ihr Smartphone zücken, um eine Whatsappnachricht zu lesen.
Es gibt einen kleinen Bus im Hospital, extra um die Schwestern nach Monteagudo in die Kirche zu fahren, und dieser Bus nimmt uns netterweise mit ins Zentrum. Während der Fahrt unterhalte ich mich mit einer Frau, die auch aus Deutschland kommt, hier im Hospital für ein paar Wochen als Freiwillige arbeitet und sogar bei den Schwestern auf dem Gelände schlafen darf. Das ist sicher auch ein besonderer Job, so inmitten des Waldes, der Kuhweiden und Mais- & Kartoffelfelder in diesem friedlichen Ort zu arbeiten. Obwohl man sich sicher von Zeit zu Zeit ein bisschen abgeschnitten fühlt.
Als sich abends um zehn die Hitze endlich ein bisschen zurückzieht und es draußen angenehmer ist, gehen wir mit Tante Marcia und den Mädels Wally spielen (Volleyball in einer Halle mit Gebrauch von Wänden).

Am nächsten Tag machen Josh und ich uns morgens auf dem Weg zum nahen Friedhof, um uns die mit Blumen geschmückten Gräber anzuschauen, die wegen dem Feiertag Todos Santos herausgeputzt werden. Auch auf dem Friedhof werden wir ein bisschen so gemustert als kämen wir von einem anderen Planeten. Wahrscheinlich verirren sich eher selten „Gringos“ hierher.
Auf dem Weh bleiben wir an einem Maulbeerbaum hängen. Maulbeere wird hier 'Mora' genannt und ich hätte nie gedacht, dass die winzigen supersüßen dunkelila Früchte an richtigen meterhohen Bäumen hängen. Wir strecken uns nach den kleinen brombeerähnlichen Mora und hinterher haben wir ganz blauegefärbte Finger und Lippen.



Zum Fluss hinunterlaufen, ein schattiges Plätzchen suchen, ein bisschen lesen und in den Spanisch-Aufzeichnungen blättern, die Füße ins Wasser baumeln lassen, bevor es am Nachmittag an die Geburtstagspartyvorbereitungen für Alondra geht.
Für die anderen Gäste gibt es eine gebackene Hackfleischrolle mit Käse (der üppige und selbstverständliche Fleischkonsum hier ist wirklich beeindruckend, wir werden mehrmals eindringlichst gefragt, ob wir wirklich nicht kosten wollen: „Es ist auch ganz mageres Fleisch, ganz lecker“), aber für Josh und mich ist das ja ziemlich uninteressant. Dafür dürfen wir den selbstgemachten Quinoto-Schnaps kosten (gemacht aus einer Kumquat-Art).

Diese heraufziehende Wolkenfront ließ über Nacht die Temperaturen absacken
- von drückender Hitze in fröstelnd-bewölktes Wetter, was für ein verrückter Ort.

Der nächste Morgen ist dermaßen kalt (die Temperaturen sind um mehr als 20 Grad gefallen in der letzten Nacht), dass wir uns fast bis mittags im Bett verkrümeln. Später spielen wir Basketball mit ein paar Jungs aus dem Barrio und wollen danach noch zu einem Fußballspiel der Schule von Alondra, doch als wir dort ankommen, ist kaum jemand da. Grund dafür: „No hay pelota – Es gibt keinen Ball.“ Josh und ich bekommen einen mittelgroßen Lachanfall. Es ist einfach so witzig, wie unorganisiert manche Dinge ablaufen. Von irgendwoher wird dann doch noch ein Ball aufgetrieben und wir spielen mit der „Gastcousine“, Eva und einigen von Alondras Schulfreunden ein bisschen Fußball, bis die Sonne tief steht und es Zeit wird, die Rucksäcke zu schultern und zum Busterminal zu laufen.
Tschüss Wald, tschüss Vögel, exotische Blumen und tschüss saftiges Grün. Ich nehme mir fest vor, definitiv nochmal in Richtung Osten zu reisen, in Richtung des Regenwaldes, denn das kleine Bisschen „Prä-Amazonasluft“, das wir hier schnuppern durften, hat die Lust auf mehr geweckt.

Donnerstag, 3. November 2016

Trip nach Cochabamba - Eine etwas andere Nachtbuserfahrung

In letzter Zeit berichte ich nur noch von verschieden Ausflügen und Wandertrips, sodass es den Anschein hat, wir würden hier nur Urlaub machen. Dem ist nicht so! Natürlich gibt es wochentags einem Alltag mit Projekt und Gastfamilienfrühstück, Badputzen und abendlichem Zumbakurs. Aber die letzten Wochenende kam einfach geballt eine Reisemöglichkeit nach der anderen - und das muss man ja wohl ausnutzen.

Ein bepflanzter Kreisverkehr in Cochabamba - auch hübsche Plätze inmitten des lauten Verkehrs
Am vorletzten Wochenende hat unsere kleine Freiwilligengruppe beschlossen, einen anderen Freiwilligen in Cochabamba zu besuchen, eine Stadt weiter westlich, ca. 1000 Höhenmeter flacher und deutlich größer als unser kleines Sucre.
Mit dem Nachtbus sind wir am Freitagabend losgefahren - oder besser gesagt mit zwei Bussen, denn das war bis jetzt die abenteuerlichste Busfahrt, die ich je erlebt habe. Noch vorher haben wir uns total gefreut, die Tickets zu supergünstigen Preisen bekommen zu haben, ein echtes Schnäppchen. Das die Buscompany ziemlich unbekannt war, hat uns nicht gestört, obwohl viele Leute immer davor warnen, unsichere Anbieter zu nehmen. Wir haben noch Witze darüber gemacht, im Straßengraben zu übernachten..... und so ähnlich ist es beinahe tatsächlich gekommen.
Nach ca. 2 Stunden Fahrt hielt der Bus plötzlich an, Licht an, alle raus, "Maschina kaputt". Zum Glück waren wir nicht im allerletzten Bus für diese Nacht, es kamen noch ein paar nach uns, in die wir hätten umsteigen können. Das Problem war nur: alle diese Busse waren voll, es gab keine Sitzplätze.
Uns blieben zwei Optionen: ernsthaft die Nacht im Straßengraben zu verbringen oder in das Gepäckfach eines Busses zu klettern, ein Stockwerk tiefer unter die Sitzreihen, dorthin wo sonst die großen Koffer gestapelt werden. Da das die einzige Möglichkeit war, noch irgendwie in Cochabamba anzukommen, haben wir uns zu sechst in das Gepäckfach gequetscht und versucht, es uns ein wenig bequem zu machen. Wir hatten Glück, denn in diesem Gepäckfach gab es sogar eine Decke, eine kleine Wäscheleine mit einem Handtuch, ein paar Wechselschuhe und einen Handspiegel - offenbar schlief dort der Busfahrer in seiner Pause.
Kurz nach dem Einsteigen überkamen uns aber doch ganz schöne Zweifel, da es keine Lüftung gab, sprich, wir keinen Sauerstoff hatten und ziemlich nach Benzin roch. Lösung: wir öffneten die Gepäckklappe nach außen einen Spalt und klemmten die Wechselschuhe des Busfahrers in die Klappe. So kam genug Luft rein und Josh, der ganz außen lag, wurde in der Nacht sogar ein bisschen nassgeregnet.
Übereinandergestapelt, ähnlich wie sonst die Koffer, lagen wir so da, 6 Stunden lang, und erstaunlicherweise war es wirklich eine extrem lustige Fahrt. Für mich war es sogar bequemer als die Sitze, auf denen die Leute über uns hin- und hergeschuckelt wurden.




Heil in Cochabamba angekommen verbringen wir den Vormittag damit, durch die Stadt zu laufen, bis ein Cafe zum Frühstücken öffnet, und dann zu Fuß das Hostel zu suchen. Dafür haben wir über zwei Stunden gebraucht, weil wir überall angehalten haben, einen großen grünen Plaza angeschaut haben, in einer Buchhandlung hängengeblieben sind oder einfach herumgeschaut haben. Diese Art, eine Stadt zu erkunden, gefällt mir aber sehr gut.
Was ziemlich schockierend war: sehr viel breitere, lautere Straßen als in Sucre und unglaublich schlimmer Verkehr.

Am Nachmittag sind wir zu den ruinenhaften Überresten der alten Inkastadt Inkaraquay gefahren (leider waren dafür zwei verschiedene Busse und ein Taxi nötig, ziemlich  nervig), aber oben auf dieser Bergkuppe konnte man in den Felsen und Ruinen herumklettern und hatte einen wunderschönen Blick auf das riesige Ebene, in der Cochabamba liegt.

Der Weg, der direkt zu den Inkaruinen führt, im Hintergrund der Blick über Cochabamba

Am Sonntag verlassen wir morgens das Hostel und kommen nur ein paar Meter weit bis zum Haus von Simon, den wir hier besuchen. Seine Gastmutter überrascht uns mit einem wunderbaren Frühstück aus Papaya, Tee, Keksen und heißer Schokolade! Gestärkt machen wir uns dann zu Fuß auf den Weg zur großen Christusstatue 'Cristo de la Concordia'. Dort angekommen kann man entweder mit dem Teleferico (eine Art Seilbahn) den Berg hinauffahren, oder die 265 Höhenmeter über einer Steintreppe erklimmen. Wir entscheiden uns, hochzulaufen, was wirklich nicht ohne ist, selbst mit relativ guter Kondition. Die Statue an sich ist mit 40,44 m sogar zwei Meter höher als der Christus in Rio de Janeiro!


Von dem Plateau der Statue aus sieht die Stadt, die einem von dort oben quasi zu Füßen liegt, wirklich umwerfend aus. Soweit das Auge reicht - Cochabamba. Es ist schon eine riesige Stadt im Vergleich zu Sucre.
Da wir uns von der Statue aus wieder zu Fuß auf den Weg durch die Stadt machen, bleibt am Nachmittag nur noch Zeit für ein excellentes Käffchen in Simons Lieblingscafe "Vanilla", wo wir ein bisschen entspannen können. Stundenlang durch die Stadt zu laufen gefällt mir wirklich sehr gut, einfach um verschieden Ecken kennenzulernen, Umwege durch ruhigere Gassen zu gehn und einfach etwas langsamer die Stadt angucken zu können, in einem Bus oder einem Taxi geht das immer viel zu schnell.

Wir beim verdienten Päuschen nach dem Aufstieg zum Cristo de la Condordia

Blick über Cochabamba - Häuser bis zum Horizont

Ich beim Abstieg, die vielen vielen Stufen hinunter.
Es soll wohl Leute geben, die als Morgensport hier hinaufjoggen...

Die Rückfahrt von Cochabamba gestaltet sich dann weniger abenteuerlich, diesmal gibt es keine Buspanne. Im Nachhinein war die Hinfahrt wirklich eine witzige Aktion, aber so schnell muss das nicht unbedingt wieder sein.
Aber: Im Nachhinein haben wir von der Buscompany Suarez aufgrund der Panne sogar das Geld für die Hinfahrt zurückbekommen, zwar nach mehrmaligem Fragen und Erklären, aber es hat funktioniert. Vielleicht würde ich deshalb, falls es nochmal so ein günstiges Angebot gibt, diese Anbieter nochmal nehmen... Obwohl es definitv bequemere Reisemöglichkeiten gibt als die Nacht im Gepäckfach zuverbringen.